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Kino auf ARTE - 07/01/13

Poll

Fernsehfilm, Deutschland, Österreich, Estland, 2010, SWR, 125 Min.
Regie: Chris Kraus, Drehbuch: Chris Kraus, Kamera: Daniela Knapp, Kostüme: Gioia Raspé, Redaktion: Stefanie Groß, Bettina Ricklefs, Georg Steinert, Jörn Klamroth, Heinrich Mis, Musik: Annette Focks, Schnitt: Uta Schmidt, Produktion: Kordes & Kordes Film, DOR FILM, AMRION Production, SWR, BR, ARTE, ARD DEGETO, ORF-Film/Fernseh-Abkommen, Produzent: Alexandra Kordes, Meike Kordes, Ausstattung: Petra Barchi, Ton: Heinz K. Ebner
Mit: Paula Beer (Oda von Siering), Edgar Selge (Ebbo von Siering), Tambet Tuisk (Schnaps), Jeanette Hain (Milla von Siering), Richy Müller (Mechmershausen), Enno Trebs (Paul von Siering)

Ohne es zu ahnen, erlebt die junge, künstlerisch hochbegabte Oda von Siering das Ende einer Epoche: Im Sommer 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, steht das deutsch geprägte, zum russischen Kaiserreich gehörende Baltikum kurz vor dem Zerfall. Dieser bedroht Odas Leben, ihre aristokratische Familie und alle Gewissheiten - und zwingt sie dennoch zu ihrem Glück. Die Begegnung mit einem estnischen Anarchisten und Schriftsteller wird Odas Schicksal bestimmen.


Juni 1914: Die 14-jährige Oda von Siering kehrt zu ihrer Familie an die baltische Ostseeküste zurück, eine entlegene Provinz des Zarenreiches, in der Deutsche, Russen und Esten einander misstrauisch beäugen.
Oda begleitet die sterblichen Überreste ihrer Mutter, mit der sie bis zu deren Tod in Berlin lebte. Auf Poll, dem Gut der deutschbaltischen Adelsfamilie, trifft das temperamentvolle Mädchen auf eine Gesellschaft, die inmitten eines ausgehöhlten Idylls ihrem Zusammenbruch entgegengeht. Ihr Vater Ebbo, ein verschrobener Arzt und Hirnforscher, widmet sich fanatisch seinen von der akademischen Lehre missachteten Studien; ihre somnambule Tante Milla ist in eine Affäre mit dem schroffen Verwalter Mechmershausen verstrickt; Cousin Paul, junger Kadett der russischen Armee, macht der herablassenden Verwandten ungeschickt den Hof.
Als Oda in einem verlassenen Nebengebäude einen von zaristischen Truppen schwer verwundeten estnischen Anarchisten findet, entscheidet sie sich kurzerhand, ihm zu helfen. Obwohl die Entdeckung des namenlosen Verletzten, der sich nur "Schnaps" nennt, dramatische Konsequenzen für ihre Angehörigen und sie selbst haben könnte, verbirgt sie ihn mitten auf dem Gut Poll, um ihn heimlich gesundzupflegen. Wann immer sie es einrichten kann, flieht sie aus der erdrückenden Enge des Familienlebens zum geflohenen Sträfling und verbotenen Autor, der all ihr kindliches Sehnen nach einem Leben voll Romantik und Gefahr befeuert. Doch "Schnaps" plant, das Gut Poll so schnell wie möglich wieder zu verlassen.
Allerdings rechnet er nicht mit der Glut und Wucht der Gefühle einer leidenschaftlichen Halbwüchsigen, die mit ihrer ganzen Welt brechen möchte, bevor die Welt sie bricht. In der Hitze des estnischen Sommers spitzen sich die Konflikte auf dem Gut Poll unausweichlich zu, bis es um nichts weniger geht als um Leben und Tod ...

Mit imposanten Bildern schlägt der Regisseur Chris Kraus ein fast vergessenes Kapitel der europäischen Geschichte auf, vor dessen Hintergrund die Liebe einer einst bekannten, heute weitgehend vergessenen Schriftstellerin Oda Schaefer (1900 - 1988) aufleuchtet. Sie war für ihre Naturlyrik und Werke wie "Die Windharfe" berühmt. "Poll" basiert lose auf ihren Memoiren, in denen Oda Schaefer ihren Kindheitsbesuch in der russischen Ostseeprovinz Estland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schildert.
Nach langer Entwicklungszeit und drei Jahren Produktionsvorbereitung, wurde "Poll" im Sommer 2009 in einem fast unberührten Gebiet der südestnischen Ostseeküste fernab aller modernen Infrastruktur realisiert. Der Hauptdrehort, das im Stile von Palladio entworfene Herrenhaus, wurde in sechsmonatiger Bauzeit auf Stelzen ins Meer gesetzt. Insgesamt mussten über tausend Komparsen, Hunderte von Kostümen, 150 Teammitglieder aus halb Europa und eine ganze Flotte an Baumaterialien an den Drehort gebracht werden, was durch 24 nationale und internationale Fernsehredaktionen und Filmförderer möglich gemacht wurde. "Poll" ist eine der ehrgeizigsten und aufwendigsten europäischen Filmproduktionen des Jahres und wurde mehrfach prämiert, unter anderem mit vier Lolas beim Deutschen Filmpreis 2011, drei Auszeichnungen beim Bayerischen Filmpreis 2010 und mit dem Spezialpreis der Jury des Internationalen Film Festivals Rom 2010.
Regisseur und Autor Chris Kraus, 1963 in Göttingen geboren, studierte nach Arbeiten als Journalist und Illustrator von 1991 bis 1998 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Chris Kraus arbeitete zunächst als Autor und dramaturgischer Berater, unter anderem für Detlev Buck, Rosa von Praunheim, Volker Schlöndorff und Pepe Danquart. Sein Regiedebüt "Scherbentanz" (2002) wurde unter anderem mit zwei Bayerischen Filmpreisen (Regienachwuchspreis und Preis für die beste Darstellerin (Margit Carstensen)), dem Deutschen Drehbuchpreis, dem Deutschen Kamerapreis und dem New Talent Award für die beste Regie ausgezeichnet. Sein zweiter Film "Vier Minuten" (2006) war einer der erfolgreichsten deutschen Filme der letzten Jahre und wurde auch in Frankreich gezeigt. Er gewann über 50 nationale und internationale Preise, unter anderem den Hauptpreis beim Shanghai International Film Festival sowie den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Es folgten "Bella Block - Reise nach China" (Deutscher Kamerapreis - Bester Schnitt) und die Inszenierung der Oper "Fidelio" (Musikalische Leitung: Claudio Abbado) in Reggio Emilia, die mit dem "Premio Abbati" ausgezeichnet wurde.

Poll
Freitag 18. Januar 2013 um 02.35 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, Österreich, Estland, 2010, 125mn)
SWR

Erstellt: Mon Jan 07 12:58:49 CET 2013
Letzte Änderung: Mon Jan 07 12:58:49 CET 2013