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Backstage - 30/01/12

Narcocorridos

Es klingt wie Polka auf Chrystal Meth. Die Narcocorridos sind die mexikanische Version des Gangsta-Rap

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Es ist noch nicht lange her, da galten Corridos unter Latinos in den USA als vollkommen uncool. Ein Revival der traditionsreichen mexikanischen Balladen – das war genauso undenkbar wie Norddeutsche, die in Lederhosen fröhlich vor sich hinschunkeln. Doch jetzt ist alles anders: Sänger wie El R.M. und Jessie Morales haben die lange als Musik der Großeltern verspotteten Balladen über die mexikanische Grenze in die USA geschmuggelt.  Narcocorridos, also Drogenballaden, heißen die Songs. Und sie lassen so manchen Politiker und Soziologen nachts nicht schlafen: wo kommt man den hin, wenn fröhlich von Exekutionskommandos gesungen wird! 
 
Denn der Gangsta-Rap der Mexikaner klingt fröhlich, ist aber böse. Gefeiert wird der Lebensstil der Drogenbosse: Weggeblasene Köpfe, millionenschwere Deals und jede Menge Drogen. Sänger wie El Komander, El R.M. oder Jessie Morales stricken fleißig mit am Ruhm der Drogenmafia.
Star der Szene ist unbestritten der 25-Jährige Alfredo Rios, alias El Komander, aus Sinaloa. Das amerikanische Time Magazin sagt, er sehe aus, als ob die mexikanischen Kartelle ihn zum Sommerpraktikum bei der Russenmafia geschickt hätten. Und nicht nur El Komander wird eine enge Verbindung zu den Kartellen nachgesagt. Öffentlich spricht darüber keiner. Denn das kann tödlich sein, genauso wie in den Liedern einem der Kartellbosse vielleicht doch ein bisschen zu sehr auf die Füße zu treten oder den falschen Ton anzuschlagen. 13 Musiker wurden allein in den letzten drei Jahren umgebracht. Drogenbosses sollen Karrieren finanzieren, heißt es. Da sind despektierliche Textzeilen natürlich schlecht für die Sänger. Trotzdem machen sie weiter – und tragen beim Auftritt schusssichere Westen. Und zwar nicht wegen der Optik: Schon 16 mal wurden Musikerkollegen von El Komander nach Konzerten in Mexiko beschossen.
 
El Komander:
Wenn so was passiert, sind unsere Familien natürlich die ersten, die uns ganz besorgt anrufen und uns erzählen, was passiert ist. Mich macht es sehr traurig. Ich fühle z.B. für die Familie meines Kumpels Sergio, der in Frieden ruhen möge. Man fängt an nachzudenken. Die Sicherheitsvorkehrungen werden verstärkt. Aber was sollen wir machen. Letztlich muss man einfach auf Gott vertrauen.
 
Und ein bisschen auch auf die US-Behörden. Viele der Corridistas leben auf der nordamerikanischen Seite der Grenze und geben dort ihre Konzerte. Denn auch die Latinos in den USA stehen auf den mexikanische Gangstarap. Gegen Hymnen wie “El Abogado Del Diablo”, der Anwalt des Teufels, wirken manche Songs von Snoop Dog wie Kindergospel.
 
El Komander
Es ist ein Lied über einen Kopfgeldjäger. Vergleichbar mit amerikanischen Rap-Songs, die von Knarren und Drogen handeln. Quasi die mexikanische Version davon. Das ist nicht neu. Schon zu Zeiten von Pancho Villa ging es in Corridos um Waffen und Parties. Der Unterschied ist, dass es heute brutaler zur Sache geht. Das liegt an der teuflischen Situation in Mexiko.
 
Ende 2006 ist der Drogenkrieg in Mexiko offen ausgebrochen. Seitdem sind mehr als 40 000 Menschen getötet worden. Auch deshalb möchte die Regierungspartei die Narcocorridos am liebsten verbieten. Der Vorwurf: Gewaltverherrlichung. Das sehen die Musiker natürlich nicht so – für sie sind ihre Lieder einfach zu Herzen gehende, traditionelle Musik und die Beschäftigung mit dem Tod ein naheliegendes Thema. Apropos zu Herzen gehend: das schaffen die Songs von El R.M. vor allem bei den Girls.
Verglichen mit den anderen Narcocorridos-Sängern ist er der Bilderbuchschwiegersohn. Früher machte er mit schnulzigen Liebessongs auf Romantiker, jetzt fährt er die harte Tour und hat trotzdem kein Problem mit den Damen. Dass die Aufmerksamkeit ihren Preis haben könnte, ist allen Musikern in der Szene klar.
El R.M.
Ich bin schon so lange im Business. Als ich das erste Mal im Kugelfeuer stand, bei einer Schiesserei, war ich 13. Ich hätte eigentlich noch nicht mal in die Clubs reingedurft, in denen ich auf der Bühne stand. Mein Vater hat mir eingetrichtert, vorsichtig zu sein, mich umzusehen und meinen Leuten Bescheid zu geben, wenn ich jemanden sehe, der verdächtig aussieht oder betrunken ist. Das mache ich bis heute so.
           
Genauso wie Jessie Morales. Er ist in South Central geboren, einem berüchtigten Viertel von LA, Heimat des West Coast Rap. Gang oder Musik für die Gangs – das sind hier die Karrierechancen. Jessie wählte letzteres – um seine Eltern aus der Armut zu holen. Er liebt  Old-School-Hip Hop. Trotzdem hat er sein erstes Album  dem Sänger Chalino Sanchez gewidmet. Der wurde in Mexiko  erschossen und genießt seitdem Kultstatus.
Doch egal, was hinter der Latinoromantik steht – sie funktioniert! Innerhalb von zwei Wochen landete Jessie Morales‘ Album ganz oben in den Latin Billboards der USA.
 
Jessie Morales
Mexikaner lieben Waffen. Und wir lieben, damit  zu schießen. Ich weiß, das klingt verrückt. Aber seit es Waffen gibt, tragen wir sie. Wir drücken dadurch unsere Gefühle aus. Du spielst einen Corrido, du ballerst in die Luft. Das gehört irgendwie dazu. Mein Security Guard flippt jetzt wahrscheinlich aus, weil ich das vor laufender Kamera sage. Aber es ist einfach die Wahrheit. Wir lieben Waffen.
 
Solange es nur Freudenschüsse sind, ist ja gut. Trotzdem bleibt die Frage, ob der Gangsta-Rap nicht auch ohne Gangsta auskommt. Den Senoritas wärs vermutlich egal.

Trackslist

“Carteles Unidos” von El R.M. (LA Disco Music)
„Mi Complice“ von Jessie Morales (Blueprint Records)
“Mafia nueva” von El Komander (LA Disco Music)
“Fiesta en Playa” von el Komander (La Disco Music)
„Sangre de Maldito“ von El R.M. (LA Disco Music)
„Mi amigo, mi amor“ von Jessie Morales (Blueprint Records)
„Mi complice Chalino“ von Jessie Morales (Blueprint Records)
„Te He Promitido“ von Jessie Morales (Blueprint Records)
„Movimiento Alterado“ von El R.M. (LA Disco Music)
„El Abogado Del Diablo“ von El Komander (LA Disco Music)
„La Desvelada“ von Jessie Morales  (Blueprint Records)

Tracks
Freitag 3. Februar 2012 um 02.15 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2011, 52mn)
BR

Erstellt: Mon Jan 16 12:00:00 CET 2012
Letzte Änderung: Mon Jan 30 17:12:41 CET 2012