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Ars Electronica 2005 - "Hybrid - Living in Paradox" - 04/10/05

Hybrid Creatures: Kakerlaken als Hightech-Piloten

Für Robotikbastler ist derzeit das Feld der Bio-Robotik ein bevorzugter Betätigungsbereich. Hier geht es entweder um hybride Konstruktionen, in denen meist Insekten mit mechanischen Systemen interagieren, oder um die Rekonstruktion von Verhaltensmustern vermeintlich primitiver Lebenwesen. Auf der Ars Electronica demonstrierte der Kanadier Garnet Hertz seinen Cockroach Controlled Mobile Robot #2.

Hertz' Bioroboter übersetzt die Bewegungen einer knapp acht Zentimeter langen Riesenkakerlake der Gattung Gromphadorhina Portentosa aus Madagaskar über ein mechanisches System in Fortbewegung einer dreirädrigen Maschine, in die das Tier eingespannt ist. Um die Metallkarosse zu fahren, läuft die Kakerlake über einen fixierten Tischtennisball, der als Tracking Ball fungiert. Elektronische Sensoren analysieren die Bewegungsrichtung der Kakerlake und übertragen sie auf die Motoren, sodass der Roboter in die vom Insekt eingeschlagene Richtung rollt und ihm de facto als Prothese dient. Damit der 'Pilot' nicht gegen Wände oder Hindernisse fährt, hat Garnet Hertz ihm ein Lichtwarnsystem gebaut: "Kakerlaken hassen Licht. Wenn man nachts in die Küche kommt und den Schalter anknippst, rennen sie unter den Kühlschrank", weiss der Kanadier. So hat er rund um den Tischtennisball Lichtdioden angebracht, die aufleuchten, wenn die Kakerlake einem Hindernis zu nahe kommt, in der Annahme, das Insekt werde dann solange auf der Tretmühle laufen, bis der Roboter wieder aus der Gefahrenzone verschunden ist, und dies dem 'Piloten' durch das Verlöschen der Lichtdioden signalisiert.

Garnet Hertz' Cockroach Controlled Mobile Robot #2 versteht sich weder als reines Kunst- noch als wissenschaftliches Projekt. Es ist ein transdisziplinäres Hybrid, das Fragen nach dem durch Technologien seit zwei Jahrhunderten veränderten Verhältnis zwischen Mensch und Tier aufwirft: Aus der auf gegenseitigem Nutzen beruhenden Bauernhof-Symbiose ist durch industrielle Massentierhaltung, massiven Versuchstiergebrauch und Transgenese die grenzenlose Instrumentalisierung der Tierwelt geworden. Und gängige Annahmen der Biorobotik selbst begnügen sich mit dem Descart'schen Prinzip des Animal-Machine, welches lediglich primitiv nach dem Reiz-Reaktions-Schema vor sich hin vegetiert und von Intelligenz und Emotion gänzlich ausgeschlossen ist. "Gerade die Kakerlake ist da ein beliebtes Studienobjekt für die Erforschung neuronaler Netze und adaptiven Verhaltens", sagt Hertz.

So ist es durchaus als Ironie zu verstehen, dass in seinen Robotern nun gerade eine Kakerlake das Steuer in der Hand hat: Hier ist auf einmal nicht mehr klar, ob die Konstruktion des Roboters das Insekt beherrscht oder umgekehrt — klar ist nur, dass nicht vorhersehbar ist, wohin die Reise geht.

Anderer Hintergrund: In den USA wird bekannterweise eine ganze Reihe von Robotik-Studien an Insekten mit militärischem Hintergrund von der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) durchgeführt oder gefördert. So meint Hertz zynisch: "Wenn wir Menschen uns eines Tages alle mit von DARPA-Programmen entwickelten bio-mimetischen Robotern umgebracht haben, wird die Erde nur noch von fröhlichen Kakerlaken bewohnt sein. Und diese Insekten brauchen dann schliesslich auch entsprechende Vehikel, um auf all den verlassenen Autobahnen herumzufahren."

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Links
>> Garnet Herzs offizielle Website
>> Fotos der Ars Electronica Ausstellung

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Ars Electronica
Reportage von Jens Hauser
September 2005
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Erstellt: 14-09-05
Letzte Änderung: 04-10-05