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Berlin - 01. > 05. Juli 2008 - 06/08/08

Tuned City

Ein Bericht von Matthias Schneider


"If you don’t use it – you lose it!"

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Videoausschnitt des Vortrags von Dr. Barry Blesser
Video zur Installation von AGF im Alexa Shopping Mall

Führt man sich heutzutage das Erscheinungsbild des urbanen Menschen vor Augen, verbindet man ihn automatisch mit Ohrsteckern für MP3-Player oder Mobiltelefon. Als Bewohner einer Stadt will man mehr denn je Einfluss auf die persönliche Klangwelt und die auditive Wahrnehmung haben. Die Geräusche des Alltags werden bewusst ausgegrenzt, da sie im Allgemeinen als Lärm empfunden werden. Vom 1. bis 5. Juli 2008 fand in Berlin das Festival „Tuned City“ statt, das eine Neubewertung von Klängen anstrebt. In Form von Ausstellungen, Performances und Konferenzen wurde Architektur aus der Perspektive des Akustischen betrachtet, analysiert und neu bewertet. Die künstlerischen Interventionen gaben interessante Impulse für die Einbeziehung von Akustik in die Gestaltung von Architektur und unseren Lebensräumen.

„Akustik nervt“ ist jedoch meist die Reaktion von Architekten, sobald sie auf das Thema angesprochen werden. Und so wird die Akustik bei der Planung einzig berücksichtigt, wenn es sich dabei explizit um Konzerträume handelt. Bereits am Tuned-City-Eröffnungsabend hat der spanische Architekt Antón García-Abril diese Arbeitsweise mit seinem Vortrag „Building For Sound“ ungewollt bestätigt. Denn inhaltlich bezog er seinen Symposiumsbeitrag ausschließlich auf Gebäude, die für Musikveranstaltungen genutzt werden. Damit hatte er das Thema der Veranstaltungsreihe zwar verfehlt. Doch gleichzeitig bestätigte García-Abril das gängige Klischee, dass „Klang“ und „Sound“ nur als ein Bestandteil von Musik rezipiert werden. Dass aber Räume und Gebäude spezifische Klänge haben oder produzieren, und ein raumbildendes, interaktives sowie kommunikatives Potential in sich tragen, wird von Architekten bei der Konzeption von Gebäuden bisher kaum bedacht. Allein durch Fußboden- und Wandmaterial kann man Klangquellen wie Schritte oder Gespräche sehr leicht manipulieren und dem Gebäude einen einzigartigen Soundcharakter verleihen. Während in der Automobilbranche Soundingenieure unter anderem das Schließen von Türen auf das Image des Autos zuschneiden, wird dies in der Architektur nicht praktiziert. Architekten setzen sich vornehmlich mit Akustik auseinander, um sie zu vermeiden. Die Fragestellungen konzentrieren sich primär auf die Realisierung von geräuscharmen Räumen, um den Lärm der Straße fernzuhalten. Gerade die Architektur ist eine kreative Spielwiese, die zum Experimentieren mit generierten als auch natürlichen Sounds einlädt.

Die primären Qualitäten von Sound sind längst noch nicht ausgeschöpft. Beziehungsweise sie sind dabei, in Vergessenheit zu geraten, worauf der Pionier der digitalen Audiorevolution und Wissenschaftler Dr. Barry Blesser in seinem Vortrag hinweist (Videoausschnitt des Vortrags). Denn wir erleben Räume nicht nur durch den Seh- und Tastsinn, sondern ferner durch den Hörsinn. Geräusche dienen uns auch zur Orientierung, insbesondere wenn andere Sinne ausfallen. Bewegt man sich zum Beispiel bei Dunkelheit durch ein unmöbliertes Zimmer, kann man die Leere hören. Blesser vertritt die These, dass es möglich ist, mit den Ohren „sehen zu lernen, denn selbst ohne Übung können wir räumliche Gegebenheiten wie eine offene Tür oder eine niedrige Decke akustisch erfassen“. Als Beispiel erzählte er von einer Blindengruppe, die sogar Fahrradtouren durch die Wälder von Kalifornien unternimmt. Diese reine auditive Orientierung erfordert natürlich ein sehr geübtes Gehör. Vernachlässigt man es, kann diese Erfahrung schnell verlustig gehen, vor dem Blesser mit seinem Leitspruch: „If you don’t use it, you lose it!“ warnt. Es widerspricht der Natur, das Gehör zu unterschätzen. Denn während man die Augen verschließen kann, um nichts mehr zu sehen, ist das Gehör immer aktiv. Man kann es nicht ‚abstellen’. Selbst im Schlafzustand reagieren wir auf Geräusche und werden vor Gefahren gewarnt. Das Sehen ist dem Hören in dieser Hinsicht untergeordnet. Die Ohren lenken den Blick, denn aufgrund der Rundumwahrnehmung sind sie im Vorteil gegenüber dem eingeschränkten Sehwinkel. Den Stellenwert des Hörens für die Orientierung als auch für das soziale Gemeinschaftsgefühl realisiert man meist erst bei Verlust. Ferner sind bei wissenschaftlichen Experimenten in absolut schalldichten Räumen die Probanden fast wahnsinnig geworden. Das Nichthören von Geräuschen verstärkt das Gefühl von Isolation und Separation von der Gemeinschaft. Im Mittelalter wurden in Frankreich Kirchenglocken sogar dazu genutzt, um Stadtgrenzen zu definieren. Nur wer die Glocken hören konnte, war Teil der Stadtgemeinschaft.

Ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft rief die im Anschluss an die Vorträge stattfindende Performance bei dem Publikum hervor. Die amerikanischen Klangkünstler Randy Yau und Scott Arford experimentierten mit den Resonanzeigenschaften des Veranstaltungsortes auf dem Gelände des Pfefferberges. Mit Hilfe von computergenerierten Frequenzen näherten sie sich der Eigenfrequenz des Raumes und setzten diesen mit den darin befindlichen Besuchern in Schwingung. Als ein Teil der Klangperformance Infrasound beschlich die Anwesenden ein eigentümliches Gefühl, das irgendwo zwischen nervösem Magengrummeln und Schleudergang einer Waschmaschine anzusiedeln war. Trotz des aufwühlend klaustrophobischen Effekts, oder vielleicht gerade deshalb, erhielt die vorherige visuelle Wahrnehmung des Raumes eine neue Dimension.

Am darauffolgenden Tag fand die Konferenz in den Kellerräumen zweier Investorenruinen in Berlin Mitte in der Brunnenstraße statt. Bereits bei dem Entwurf für den Weiterbau des Galeriehauses bezieht das Architekturbüro b&k+ Arno Brandlhuber die permanente Installation des Klangkünstlers Mark Bain konzeptionell mit ein. Um das ganze Gebäude in eine Klanginstallation zu verwandeln, wird ein Sensorensystem für seismische Datenmessungen in die Böden und Wände eingebaut. Mechanische und akustische Signale werden Innen wie Außen von den Sensoren aufgefangen. Sowohl meteorologische Ursachen, wie Regen oder Wind, als auch Schrittgeräusche von Galeriebesuchern und sogar thermische Ausdehnungen des Baumaterials werden erfasst, digital bearbeitet und zu einer urbanen Klanglandschaft verwoben. Das akustische Eigenleben der Architektur wird in dem Durchgang zum Hinterhof zu hören und über Kopfhörerbuchsen abrufbar sein, die sich in den Innenräumen und an der Fassade befinden.

Passend zum Thema „Urban Space And Sonic Experience“ wurde am Donnerstag den 3. Juli die Konferenz auf dem Alexanderplatz veranstaltet. Unter einer herausragenden Dachkonstruktion des Fernsehturms wurde mit Hilfe von Sitzkissen auf Treppenstufen und einer überdimensionalen Stadtmatratze der Architektengruppe raumlabor_berlin eine temporäre Konferenzsituation geschaffen. Am Alexanderplatz überlagert sich beispielhaft die Akustik von Verkehrsraum und öffentlichem Raum. Während im Barock Gärten und große Plätze alle Sinne ansprechend inszeniert wurden, auch hinsichtlich der Akustik, wird dies mit dem Beginn der Moderne vernachlässigt.

Mit seinem Vortrag „Phased Space“ begab sich der Architekt und Soundkünstler Raviv Ganchrow auf die Suche nach Wertigkeiten und einem Vokabular für Klänge, um eine Auswahl für eine aktuelle Einbeziehung in die Planung treffen zu können. Ganchrow wies auf die Problematik der Kontrolle von Klängen im öffentlichen Raum hin, da sie als akustische Interaktion stets als Schall reflektiert werden. Es gibt keinen festen Klangpunkt, an dem man, wie zum Beispiel vor einem Lautsprecher sitzend, den besten Sound hat. Das Konglomerat all dieser Geräusche muss man sich als eine sich ständig in Bewegung befindliche Klangwolke vorstellen, oder um es in den Worten von Ganchrow zu sagen, als ein aurales Panorama.

Die Steuerung von akustischen Inszenierungen im öffentlichen Raum sind begrenzt. Man kann auf den Sound dieser Orte zwar Einfluss nehmen, ihn aber nicht völlig kontrollieren. Aus diesem Grunde entstehen an öffentlichen Plätzen aber auch die interessantesten akustischen Phänomene. Als negatives Gegenbeispiel muss man sich nur die akustische Sterilität von Einkaufszentren in Erinnerung rufen. Aufgrund der kommerziellen Ausrichtung suggeriert die architektonische Verquickung von Ladenpassage und Plaza sowie ein ausgeklügeltes Soundsystem die Atmosphäre eines öffentlichen Raumes. Als subversive Aktion angelegt, hatte im Rahmen von Tuned City die Berliner Musikerin agf die Möglichkeit, in der Alexa Shopping Mall einen Gegenentwurf zur Muzak-Berieselung zu präsentieren (Video zur Installation). Über das Lautsprechersystem wurden die Passagen mit ihrer Musik beschallt, die einen harten Kontrast zur üblichen musikalischen Dauerberieselung darstellte. Mit prägnanten elektronischen Sounds und zum Teil konsumkritischen Texten sollten die Käufer aus ihrem Einkaufstrott herausgerissen und zum Innehalten angeregt werden. Interessanterweise änderten die Käufer jedoch ihr Verhalten kaum merklich. Vereinzelt wurde zwar für einen kurzen Moment aufgehorcht, doch die Mehrzahl der Konsumtempelbesucher nahm die Musik überhaupt nicht wahr. Das Resultat belegt, wie sehr die aurale Wahrnehmung an urbanen Orten abgestumpft ist.

Das fehlende Interesse am Sound von architektonischen Räumen ist wahrscheinlich auf zwei Faktoren zurückzuführen. Zum einen besteht kein Bewusstsein für sie als Orte des qualitativen Klangs, da es sich dabei um Geräusche des Alltags handelt. Während man an Konzertorten geflissentlich auf jedes einzelne Geräusch achtet, blendet man diese an urbanen Orten aus. Und zum anderen ist es der allgemeine Verlust, sowohl dem Rauschen der Blätter lauschen zu können als auch der vorbeifahrenden Straßenbahn. Tuned City hat bei den Besuchern und Teilnehmern eine nachhaltige Sensibilisierung der persönlichen auditiven Wahrnehmung von urbaner sowie natürlicher Umgebung bewirkt, ganz im Sinne von Barry Blessers Slogan: „If you don’t use it – you lose it!“ Eine Fortführung dieses interessanten und aufschlussreichen Ausstellungs- und Konferenzprojekts ist äußerst wünschenswert.

Das Festival
Tuned City
vom 01. bis zum 05. Juli 2008
In Berlin
>> Offizielle Website

Erstellt: 24-07-08
Letzte Änderung: 06-08-08