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Glenn Gould

Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod scheint der Pianist Glenn Gould lebendiger als je zuvor. Interview mit Tim Page | Goulds Klavierstuhl | Ein Mythos (...)

Glenn Gould

06/10/08

Interview mit Glenn Goulds Klavierstuhl

Stuhl ist nicht gleich Stuhl! Wo kämen wir da denn hin. Glenn Gould spielte Zeit seines Lebens und bei allen Konzerten auf einem speziell angefertigten Stuhl, dessen unverwechselbares Knarren zum musikalischem Markenzeichen des Pianisten wurde. Interview mit einem unzertrennlichen Freund.

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Wann hat Glenn Gould seine Liebe zum Klavier entdeckt?

Glenn wurde ja in einem sehr musikalischen Haus geboren, seine Mutter Florence war Klavierlehrerin. Als sie schwanger war, spielte sie sehr oft klassische Stücke, denn nichts wünschte sie sich sehnlicher als ein musikalisches Kind. Als er dann auf der Welt war, hat er es geliebt auf dem Schoß seiner Großmutter am Kavier zu sitzen. Aber er ging nie, wie die meisten Kleinkinder es tun würden, mit der ganzen Hand auf die Tasten los. Nein, Glenn schlug ganz behutsam immer nur eine Taste an, hielt sie lange niedergedrückt und hörte ganz entzückt so lange zu, bis der Ton verklungen war. Ab drei Jahren gab ihm seine Mutter regelmäßig Klavierstunden. Glenn hatte das absolute Gehör. Er lernte Noten lesen, bevor er Worte lesen konnte. Und mit fünf schrieb er dann seine ersten Lieder und sagte zu seinem Vater : „Ich werde Konzertpianist“.

Und ab wann ganau haben Sie angefangen zu existieren?

„Der Zweck der Kunst ist nicht die Auflösung einer kurzzeitigen Adrenalinausschüttung, sondern vielmehr die allmähliche, ein Leben dauernde Schaffung eines Zustandes des Staunens und der Heiterkeit.“ (Glenn Gould)
Wann genau kann ich gar nicht mehr sagen, anfangs gehörte ich zum normalen Hausmobiliar. Jedenfalls hat mich Vater Bert eines Tages einfach umgebaut. Ab zehn hatte Glenn nämlich von dem berühmten chilenischen Konzertpianisten und Dirigenten, Alberto Guerrero, Klavierunterricht bekommen. Guerrero hatte sich für Glenn ein kompliziertes System von Fingerübungen ausgedacht und drückte stets die Schultern des Jungen nach unten, wenn dieser spielte. Glenn drückte natürlich dagegen, aber der Lehrer war der Stärkere. Später behauptete Glenn, wegen Guerreros Unterrichtsstil nur über die Tastatur gebeugt spielen zu können. Dafür brauchte er eine niedrige Sitzgelegenheit, um die Tastatur auf Augenhöhe zu haben. So kam es, dass Glenns Vater mich, einen ordinären Holzklappstuhl, hernahm und mir einfach die Füße absägte. Erst war ich verärgert darüber, aber als ich dann im Gegenzug von Glenn überall mit hingenommen wurde, sei es zu Konzerten oder Studioaufnahmen und wir dicke Freunde wurden, merkte ich, dass ich das große Los gezogen hatte : von da an langweilte ich mich nie wieder, immer war etwas los.

Die Tatsache immer nur auf Ihnen zu spielen war für Glenn also sehr wichtig?

Ja, durchaus, er war von mir abhängig. Er kannte alle meine technischen Parameter und beherrschte sie völlig. Durch die acht Zentimeter langen Schrauben, die Vater Bert angebracht hatte, konnte mich Glenn stets auf die gewünschte und angenehme Höhe einstellen. Auch noch als er älter wurde und natürlich gewachsen ist. Durch mich hatte er diese ganz besondere Beziehung zum Klavier: er konnte sehr nah am Klavier sitzen, hatte gleichzeitig die Tasten auf Augenhöhe und konnte über sie gebeugt spielen. Nur auf diese Weise beherrschte er den Klang. Und da er immer nur auf mir sitzend spielte, war dieses Verhältnis beständig und das war ihm sehr wichtig. Glenn konnte es nie verstehen, wie andere Pianisten ihren Stuhl in letzter Minute vor dem Konzert einstellten.

Exklusiv-Interview
Pulitzer-Preisgewinner Tim Page gilt als DER Glenn Gould Experte.
Es gibt eine Menge Anekdoten über Sie ...

Ja, vieles davon ist ausgedacht. Natürlich gab es viele Neider. Wenige hatten wie ich ein so intimes und dauerhaftes Verhältnis mit Glenn. Es stimmt, dass Glenn häufig Rückenschmerzen hatte und ich mit meiner hohen Lehne und dem harten Holz war genau das was er brauchte. Auf einem ordinären Klavierschemel hatte er sich sein Kreuz ruiniert. Die Tatsache, dass er mich überall mit hinnahm, mag auch daran gelegen haben, dass ich eine Art symbolischen Wert für ihn hatte: Da wir uns von klein auf kannten, erinnerte ich ihn stets an seine Kindheit. Mit mir fühlte er sich nie allein und hatte stets ein Mitglied der Familie um sich.

Glenn Gould wurde durch einen Schlaganfall plötzlich und überraschend aus dem Leben gerissen. Ich nehme an, Sie waren darauf nicht vorbereited. Welche letzten Worte hätten sie ihm sagen wollen?

Es war so schrecklich. Ich erinnere mich, als wäre es heute: Nur zwei Tage nach seinem 50. Geburtstag, um genau zu sein am 27.September 1982, erlitt Glenn einen Schlaganfall. Sie stellten ein Blutgerinnsel in seinem Gehirn fest. Nach einigen Tagen verlor er das Bewusstsein. Die Gehirnschäden waren massiv. Eine Woche nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus wurde die Herz-Lungen-Maschine abgeschaltet. Und am 4. Oktober 1982 wurde er für tot erklärt.... Glenn hat mich immer sehr gut behandelt. Dass er mich im Laufe der Jahre immer mehr abnutze, war nicht zu verhindern. Am Ende hatte ich gar keine Sitzfläche mehr und Glenn musste sich auf meinen bloßen Rahmen setzen. Aber er hat mich nie im Stich gelassen und das werde ich ihm immer verdanken. Ich bin glücklich, über die vielen Jahre, die wir zusammen verbracht haben. Durch Glenn habe ich die ganze Welt gesehen und bin heute vielleicht genauso berühmt wie er.


Das Interview führte Sabine Lange

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Quellen :
„Glenn Gould – Ein Leben in Bildern“, Nicolai Verlag 2002, Berlin
„Fragments d’un portrait“ von André Maurice, 1988
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Erstellt: 04-05-06
Letzte Änderung: 06-10-08


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