
Sonate Nr. 1, erster Satz (Real Player; 2'19")Bei den Klassikern waren die ersten Takte einer Sonate von besonderer Bedeutung: Thema und Harmonie, die in der Exposition dominieren, sind das Material, das sozusagen den Zement des Werks ausmacht. Wenn zwei Jahrhunderte später Alfred Schnittke bei seiner ersten Sonate nicht von dieser Regel abweicht, dann tut er das nicht, weil er das erfolgreiche Konzept dieser Musikform eins zu eins zu übernehmen will. Denn es hat wenig Sinn, sie auf ihre rein formale Dimension reduzieren zu wollen. Es sind andere Aspekte, die das Wesen einer Sonate ausmachen: Ausdruck und Suggestivkraft.
Es beginnt mit ein paar Klaviertönen in Folge. Die Melodie könnte tonal sein, wenn sie nicht sofort ausbrechen würde. Eine einzige Note bewirkte diese abrupte Flucht. Doch nun scheint das Klavier seinen Weg zu suchen. Es bewegt sich um Kreise, der Klang wird zorniger. Dann öffnet sich etwas, ein Raum, der Ruhe ausstrahlt, gefüllt mit großzügigen Basstönen und mysteriösen Akkorden.
In der Musik hat das Ende der Tonalität neue poetische Formen entstehen lassen. Die Grenzen haben sich verwischt. Die Kathedralen, die gestern noch standen, liegen in Trümmern, ein unendlich tiefer Abgrund tut sich auf. An die Stelle der alten Welt mit ihren ästhetischen Regeln scheint eine große Leere getreten zu sein. In der Musik von Schnittke gibt es sehr wohl tonale Reminiszensen. Doch sie treten schemenhaft auf, erinnern an ein Phantom, von dem nur noch Schatten bleiben.
Igor Tchetuev verfügt über eine sehr beeindruckende Farbpalette und sichere Technik. Doch was am meisten auffällt, sind seine einzigartige Präsenz und die große Ausdruckskraft seines Spiels. Beste Voraussetzungen also für die Interpretation der Schnittke-Sonaten.
Mathias Heizmann









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