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28/03/2006 - Romantik

Boris Berezovsky

Chopin-Godowsky: Etüden


Für seine neue CD hat Boris Berezovsky Chopins Original-Etüden und deren Bearbeitungen durch Leopold Godowsky (entstanden zwischen 1893 und 1914) einander gegenübergestellt. Eine buchstäblich atemberaubende Live-Einspielung!

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op. 10 Nr. 12 + Transkription für die linke Hand
(Real Audio; 1’58")


Um die Vorzüge dieser Aufnahme richtig auskosten zu können, muss man sich von der Virtuosität des Spiels gefangennehmen lassen: nur ein Interpret allerersten Ranges wird sich überhaupt an die Godowsky-Etüden heranwagen. Sie vor Publikum zu spielen, ist eine noch größere Herausforderung. Nur wenige Pianisten sind dieser Herausforderung gewachsen, noch weniger stellen sich ihr tatsächlich. Warum auch, könnte man fragen. Warum sich mit diesen fast unspielbaren Transkriptionen herumschlagen, wenn doch, wie jeder weiß, Chopins Original-Oeuvre tausendmal höher zu bewerten ist?

Diese Art von Kritik macht jedoch wenig Sinn. Sonst könnte man ja auch fragen, wozu das 19. Jahrhundert gut war, das Pianisten in solch üppiger Fülle hervorgebracht hat, wozu die außerordentliche Virtuosität, die wir an Liszt und seinen Schülern bewundern? Wer meint, Godowsky verschmähen zu müssen, weil er angeblich Chopin völlig fehlinterpretiert oder das Klavier für irgendeine abenteuerliche Tastenakrobatik missbraucht, der lässt erkennen, dass er aber auch gar nichts verstanden hat von dem allmächtigen Zauber dieser Musik, der ganze Künstlergenerationen in seinen Bann gezogen hat und auch heute noch unsere Fantasie beflügelt.

Chopin und Godowsky scheinen auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen. Der eine hat eine Welt voller Nostalgie geschaffen und sich dazu einer Spieltechnik bedient, die ohne Zweifel virtuos ist, aber niemals aufdringlich wirkt. Der andere wollte sogar den großen Liszt selbst übertreffen, indem er die Klavierspieltechnik bis an ihre äußersten Grenzen führte. Für Chopin stand vor allem die Introspektion im Vordergrund, Godowsky hingegen, der kurz nach dem Tode Liszts geboren wurde, suchte in erster Linie die permanente technische Herausforderung und nutzte eine Fülle von eindrucksvollen Effekten, um dieses Ziel zu erreichen. Man führe sich nur vor Augen, was es bedeutet, die Révolutionnaire nur mit der linken Hand zu spielen! Erst dann begreift man, was mit dem Wort „Virtuosität“ überhaupt gemeint ist. Wie bei dieser Etüde die dahinperlenden Arpeggi mit der Gesangslinie zusammengeführt werden, grenzt schon an Zauberei – wer diese Art von Magie erleben darf, kann sicher sein, tiefste Rührung zu erfahren.

Eine Plattenaufnahme ist natürlich nur ein schwacher Ersatz für das Live-Erlebnis einer großen musikalischen Soirée. Dennoch sind die Kraft und Geschmeidigkeit, mit der Boris Berezowsky die aberwitzigen Schwierigkeiten bewältigt, einfach verblüffend. Gewiss fehlt uns das Schauspiel der Hand, die über die Tasten eilt, um die unmöglich scheinenden Melodien noch besser hervorzuzaubern. Aber das Wesentliche bleibt: die sublime Interpretation der Original-Etüden, gefolgt von Leopold Godowskys Transkription, die die ursprüngliche Komposition zerrspiegelhaft deformiert und verstärkt.


Mathias Heizmann

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Chopin-Godowsky: Etüden
Op. 10 Nr. 1 + Transkription "Diatonisch"; op. 10 Nr. 2 + Transkription "Ignis Fatuus"; op. 10 Nr. 4 + Transkription für die linke Hand; op. 10 Nr.5 + Transkription in C-Dur "Study on White Keys" & Transkription in a-moll "Tarantella"; op. 10, Nr. 6 + Transkription für die linke Hand; op. 10 Nr. 12 + Transkription für die linke Hand; op. 25 Nr. 1 + zweite Transkription; op. 25 Nr. 5 + zweite Transkription in cis-moll "Mazurka"; Transkription (op. 10 Nr. 5 und op. 25 Nr. 9 kombiniert) in Ges-Dur "Badinage"; Transkription (op. 10 Nr. 11 und op. 25 Nr. 3 kombiniert) in F-Dur, Alt-Wien; Transkription des Walzers op. 64 Nr.1 in Des-Dur "Minutenwalzer"
Boris Berezovsky, Klavier
Label Warner Classics

Erstellt: 27-03-06
Letzte Änderung: 21-08-08


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