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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Buch- und KrimiWelt

18/01/11

Krimiblog

Deutscher Krimipreis 2011 - Die Preisträger stehen fest! Besonders klar ist die Entscheidung bei den deutschsprachigen Autoren ausgefallen, und zwar für das Sperrige, Verquere, Unzeitgemäße.

Weitere Artikel zum Thema

Tag und Nacht auf crime mit Tobias Gohlis

Krimiexperte Tobias Gohlis kommentiert das Neueste aus der Krimiszene in seinem Krimiblog. Er ist Initiator der KrimiWelt-Bestenliste. Seit 2001 schreibt der Literaturkritiker die Krimikolumne der Zeit.


zum Krimiblog


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Und hier die "ersten Versuche" im Krimitagebuch von Tobias Gohlis - am 15.1.2007 ging es los:

Der Vorsitzende der KrimiWelt- Jury Tobias Gohlis veröffentlicht an dieser Stelle sein Krimitagebuch: Skizzen von Begegnungen mit Autoren, Berichte aus der Szene, Kommentare, Leseerfahrungen und Aufgeschnapptes. Manchmal auch Notierenswertes aus dem Innenleben der Jury.

Fünf Rubriken dienen der Übersicht im "richtigen" Krimiblog:

Ins diary kommt alles, was nicht in die anderen Fächer passt. Im clinch werden die Nahkämpfe mit anderen Kollegen geführt.

Unter dates sind Begegnungen mit Krimiautoren abgelegt. Da kann ich Ihnen allerhand Interessantes versprechen.

In jüngster Zeit komme ich ziemlich weit rum. Um Bücher geht es natürlich auch, sauber getrennt in fiction und nonfiction.
Ihnen wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen. Ich bin gespannt auf Ihre Reaktionen.
15.01.07 - Literarisierung? Kriminalisierung! Zum Deutschen Krimipreis 2007

Seit 23 Jahren schon spannen die Krimifreunde Anfang des Jahres auf den Deutschen Krimipreis. Dieser Preis, vergeben von einer Jury aus Kritikern, Wissenschaftlern und Buchhändlern, hat dem geliebten Genre eine erste Anerkennungs- Bresche in den hochnäsigen Literaturbetrieb geschlagen. Wer hier – ob als deutschsprachiger Autor in der Rubrik „national“ oder als Ausländer in der Rubrik „international“ – einen der ersten drei Plätze erreichte, bekam zwar kein Geld, erfuhr aber hohe Wertschätzung. Kurz, der Deutsche Krimipreis hat Maßstäbe gesetzt – und tut das auch in diesem Jahr.
In diesem Jahr besonders.
Denn mit Andrea Maria Schenkel (Tannöd), Paulus Hochgatterer (Die Süße des Lebens), Pete Dexter (Train) und Leonardo Padura (Adiós Hemingway) wurden vier Autoren ausgezeichnet, die jeder für sich neue Töne ins Genre und die Literatur insgesamt gebracht haben.
Vermutlich werden etliche Kommentare zu dieser Auswahl simplifizierend von „Literarisierung“ tönen. Denn augenscheinlich haben Schenkels „Tannöd“ mit dem landläufigen Regionalkrimi oder Dexters „Train“ mit einem „Tatort“ so viel zu tun wie Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ mit den Agatha-Christies seiner Zeit.
Doch der Augenschein trügt. Wer die Titel kennt, die seit anderthalb Jahren auf der KrimiWelt-Bestenliste stehen (und selbstverständlich waren alle sechs Preisträger oft mehrere Monate lang dabei), weiß längst, dass die besten unter den zeitgenössischen Kriminalromanen mit Raffinesse die literarischen Verfahren, mit denen die unter Kunstanspruch stehende Belletristik experimentiert, in ihren kriminalen Stoffen und Erzählstrukturen verwendet. Genauer: härtet, auswuchtet und auf Lebens- wie Literaturtauglichkeit testet. Während die avantgardistische Literatur der Moderne sich in Formexperimentierei und immer hermetischerer Seelenspiegelei zu verrennen droht (e), hat sich der Krimi der Realität dieser Moderne angenommen: Identitäts- und Normverlust, Zweifel am Augenschein, Gewalt in allen ihren Formen und Ursachen.
So erfolgreich geschieht das – und wie der Deutsche Krimipreis 2007 zeigt – mit so breiter Zustimmung, dass das Genre immer neue Adepten anzieht, nicht nur die Hobbyschreiber, sondern auch die Feingeister.
Der Krimi als Härtetest schöner Geister, darauf scheint es hinauszulaufen, wenn man einen Blick auf die Frühjahrsproduktion wirft. Statt einer Literarisierung der Kriminalromane ist Kriminalisierung der fiktionalen Literatur angesagt. Ob unter Pseudonym wie Booker-Prize-Träger John Banville (als „Benjamin Black“) oder jener „bekannte deutsche Autor“, der als „Titus Keller“ ein bisschen Polizei spielt, oder ob mit Klarnamen wie Julian Barnes, Dieter Kühn und William Boyd – sie alle nutzen crime fiction als Frischzellenkur für ihre fiction. Mal sehen, wie es ihnen gelingt.
Natürlich braucht auch das Genre frisches Blut. Doch davon gibt es reichlich. Dieser Deutsche Krimipreis ist ein Signal. Ein Signal für die Lebens- und Wandlungsfähigkeit des Genres, für die Experimentierfreudigkeit seiner Autoren. Gratulation!


22.09.06 - Forget the legal system! DW Buffa hat so seine Erfahrungen gemacht

Bevor er zehn Jahre als Strafverteidiger tätig war, studierte er politische Philosophie. Grundsätzliches bei Leo Strauss, „Realism“ DW Buffa- 22.9. Hamburg © Tobias Gohlisbei Hans J Morgenthau und Praxis u. a. als Berater des späteren demokratischen Senators von Michigan Philip A. Hart. D. (für Dudley) W. Buffa schreibt seit 1997 Gerichtsthriller, die zunächst bei Henry Holt, dann bei Rowohlt und dann im marebuchverlag veröffentlicht wurden. Dort veröffentlichte er 2005 „Evangeline“ und dieser Tage „Black Rose“ – Krimis, die auf Schiffen beginnen und im Gerichtssaal als courtroom drama enden. Deshalb war ich bass erstaunt, als er mir bei einem Besuch in Hamburg erzählte, er habe mit Schiffen nichts am Hut. Ich war fest davon ausgegangen, dass er als Segler von segelnden Verlegern (Michael Naumann und Niko Hansen) an Land gezogen worden war. Buffa betreibt das Krimischreiben als Fortsetzung seiner Forschungen über politische Philosophie mit anderen Mitteln.
In seinem jüngsten Roman „Black Rose“ schreibt er, der Staatsanwalt Franklin habe wie die meisten seiner Generation „einen Großteil seines Wissens über Taktiken und Auftritt vor Gericht aus Spielfilmen und Fernsehserien.“ Ex-Anwalt Buffa bestätigt: „Exakt so ist es. Ein Gerichtsverfahren heute ist ein Drama, ein Theaterstück. Der bessere Improvisationskünstler, der bessere Schauspieler gewinnt. Es geht nicht um den ‚vernünftige Zweifel’, den die Geschworenen bei einer Verurteilung auszuschließen haben, sondern um Meinungen und Vorurteile, die mobilisiert werden.“ Buffa zeigt einen brillanten Anwalt: Andrew Morrison ist beseelt davon, zu gewinnen. Die Angeklagte, von deren Schönheit er besessen ist, hat ihm im Bett gestanden, dass sie ihren Mann getötet hat. Doch er will, wider besseres Wissen, den Freispruch wegen erwiesener Unschuld.
Die Idee zur Figur Danielle kam aus Australien: Buffas Verleger wollte mehr Sex. Den gibt es im Buch nur angedeutet (Buffa mag keine Obszönitäten), aber eine passable Obsession, die den hilf- und hosenlosen Anwalt auf die Verschwörungs-Spur einer Gruppe von Superreichen und Ex-Politikern führt. Wer an die Carlyle-Group um Bush senior denkt, eine private Weltmacht, denkt genau richtig. „Nur konnte denen noch keine kriminelle Aktivität nachgewiesen werden,“ betont Buffa im Gespräch. Wie Buffa die Dinge sieht, spricht sein Bösewicht Nelson St. James aus: „Vielleicht sind die Reichen einfach nur Verbrecher, die man nicht erwischt hat.“ Als ich das zitiere, grinst er fröhlich.
Buffa zieht mit Bravour und raffinierten Plots gegen eine der Heiligsten Kühe der USA zu Feld: das Geschworenengericht. Über Ungerechtigkeiten empört er sich mit Leidenschaft, selbst wenn ihm ein 20-Stunden-Flug von San Francisco nach Hamburg in den Knochen steckt. Er erinnert sich an den Fall eines Millionenbetrügers, der für ein paar Jahre ins Gefängnis kam. „Wenn ein Junge für den Diebstahl eines Päckchens Zigaretten nach dem gleichen Strafmaß verurteilt würde, müsste er für zweieinhalb Sekunden ins Gefängnis. Stattdessen kriegt er sechs Monate ohne Bewährung. Forget the legal system!“


21.07.06 - Tango in der Luft

Der kleine Stegemannverlag aus Radebeul (ja, da wo auch Karl May es trieb) spielt verrückt.
© Stegemeannverlag"Lest den Krimi 'Tango Negro!'" werden die Frankfurter, die Kölner und die Ruhrpöttler in den kommenden Tagen am Himmel lesen.
Insgesamt 20 Stunden Flugwerbung investieren die findigen Sachsen in ihren finnischen Autor Reijo Mäki. „Krimi à la Kaurismäki“ lobte Ulrich Noller seinen grotesk komischen Roman „Tango Negro“ mit Privatdetektiv Jussi Vares. Im Clinch mit einem Kleiderschrank, eine Furie und einem Drogensüchtigen fahndet der Mann aus Turku nach dem Mörder des finnischen Tangokönigs Harry Koivikko.
Irre Finnen! Verrückte Sachsen!


01.05.06 - Gratuliere, Astrid Paprotta!

Endlich haben Sie ihn gewonnen, den Glauserpreis für den besten deutschen Kriminalroman für „Die Höhle der Löwin“.
2000 waren sie schon einmal nominiert für „Mimikry“, Ihren Kriminal-Erstling. Dann bekamen Sie 2005 den Deutschen Krimipreis für „Die ungeschminkte Wahrheit“.
Krimiautorin Astrid Paprotta und Tobias GohlisWenn man die Zusammensetzungen der jeweiligen Jurys betrachtet, haben Sie nun die Zustimmung von allen Beteiligten: In der Jury des Deutschen Krimipreises sitzen Kritiker und Buchhändler. Wer in der Jury der KrimiWelt-Bestenliste sitzt, ist bekannt. Hier stand „Die Höhle der Löwin“ im Oktober auf Platz 2, im November auf Platz 1 und im Dezember auf Platz 5, weil allmählich der Jury die Stimmen ausgingen. Und jetzt haben Sie also auch die Zustimmung einer Jury aus Kollegen gefunden.
In ihrer Begründung heißt es: „Die Höhle der Löwin“ ist ein Polizeiroman mit subtil geschilderten Beziehungen zwischen den handelnden Personen. Astrid Paprotta überlässt nichts dem Zufall, sie steuert die Entwicklung ihrer Figuren mit viel Geschick, mit großer Spannung, mit überraschenden Wendungen und in überzeugender Sprachgestaltung. Noch mit der letzten Wendung ihres Kriminalromans beschwört sie einen Schrecken herauf, der den Leser schutzlos und verstört zurücklässt. „Die Höhle der Löwin“ ist ein atmosphärisch dichtes Meisterwerk, dessen düsterer Sog den Leser bis weit über das Ende der Lektüre hinaus nicht mehr loslässt.“
Herzlichen Glückwunsch!


24.01.06 - Verbrochene Welt 2

Ein Bild der Krimiwelt vermitteln zwei Landkarten des Norderstedter Lektors und Verlagsberaters Jan Scherping. Vor einem halben Jahr hatte er mit einer Europakarte der Detektive, Kommissare und Ermittler die Herzen der Fans entzückt. Heute kam die zweite Karte ins Haus: Sie zeigt die Schlacht- und Ermittlungsfelder außerhalb Europas. Dort stemmen sich 202, auf den anderen Kontinenten weitere 180 Ermittler gegen das Verbrechen. Schade nur, dass die akribisch recherchierten Karten im Format A1, die man sich gerne aufhängen würde, so albern gezeichnet sind, dass man sie sich nicht anschauen mag, wenn man älter als fünf ist.


23.01.06 - Verbrochene Welt 1

Thomas Wörtche (KrimiWelt) und Jochen Vogt (Uni Essen) © Tobias GohlisFür 36 Stunden wehte am 21. und 22. Januar in der Evangelischen Akademie Iserlohn ein Hauch jenes rebellischen Lüftchens, das auch ein gewisses Gallierdorf im Norden Frankreichs weltberühmt gemacht hat. Der törichten Geringschätzung durch Hochfeuilleton und Hochliteraturwissenschaft zum Trotz trafen sich unter der Leitung des Kulturwissenschaftlers Prof. Jochen „Krimi-“Vogt Fans, Literaturwissenschaftler und –kritiker zum Austausch.
Thema dieses nach Jahresfrist zweiten Meetings am Rande des Sauerlands war der Kriminalroman als weltweites Phänomen, als ursprünglich angelsächsisches, inzwischen aber global verstandenes und verwendetes Schlüsselgenre zur Beschreibung unserer Welt.
Eröffnet wurde die Grand Tour durch die „Verbrochene Welt“ mit einem Überblick über „Global Crime“ und seine Ausprägungen in Asien, Afrika, Lateinamerika – es folgten Berichte zum Stand der kriminalliterarischen Dinge in USA/Großbritannien, Frankreich, Österreich, Russland, Italien und der Türkei. Im beredten Austausch zwischen Wissenschaftlern, Kritikern und Verlegern Jochen Schmidt (KrimiWelt) und Rutger Booß (Grafit-Verlag) © Tobias Gohlisschälten sich neben reichen Einsichten im Detail vor allem die Gewissheit heraus, es nicht mit einem minder bedeutsamen Randphänomen zu tun zu haben. Sondern mit einer Literatur, „deren beste Beispiele es jederzeit mit jeder Art von Hochliteratur aufnehmen können“, so der langjährige Krimirezensent der FAZ und elder critic der KrimiWelt-Jury Jochen Schmidt.
Die Tagung soll fortgesetzt werden – und Iserlohn Tatort bleiben.


16.12.05 - Translate this!

Als Befehl (auf den wieder kein Schwein hört) gerichtet an die Verlage. An die Leser, die so viel Englisch verstehen, gerichtet: Read this!
Ekkehard Knörer, einer der beiden Krimikolumnisten des Perlentauchermagazins und beschlagener Fan des Kriminalromans hat nun bei den Alligatorpapieren eine neue Kolumne aufgemacht, von der eins schon nach der Nummer Eins feststeht: Sie ist die Lektüre allemal wert. Es macht einfach Spaß, Knörer als Mr. Allwissend urteilend zu lesen, dem im Krimi kaum noch etwas neu vorkommt: „Aber seit den Achtzigern, spätestens, ist denn doch reichlich wenig Neues passiert, sieht man mal von genrekreuzenden und -überschreitenden Respektlosigkeiten wie Jonathan Lethems ‚Gun with Occasional Music’ und ‚Motherless Brooklyn’ ab.
Dies Mal schreibt er über David Housewright („setzt souverän die Serie die Tradition Raymond Chandlers oder, vielleicht eher noch, John D. MacDonalds fort“), über John Shannon, „der das P.I-Genre, fast könnte man sagen: gekidnapt hat“, über S.J. Rozan, die geradezu verkannt ist, über den Hawaiianer Lono Waiwaiole („so blutig, wie es sich der Aficionado nur wünschen kann“) und Allan Guthrie („von beeindruckender Stilsicherheit“). Nichts Neues – aber viel Gutes, und das auch noch aus Amerika!
Auf denn: Read this!
Und ein Tipp an schlaue Verleger: Sichert Euch diesen Knörer als Berater, Lektor, Herausgeber!


14.12.05 - Handwerk, Kunsthandwerk oder Kunst?

Das mußte ja Krawall geben.
Matthias Altenburg, der als Jan Seghers gerade seinen zweiten Kriminalroman veröffentlicht hat, erklärte im Gespräch mit der „Literarischen Welt“, "er betrachte den Kriminalroman als „journalistisches Genre“."
Horst Eckert, ebenfalls Krimiautor und bis Frühjahr 2005 Sprecher der Autorenvereinigung Syndikat, hat nun zurückgeschlagen. Wie es einem Standesvertreter entspricht, hat er gleich in Seghers Distinktion die Herabsetzung gewittert: „Mir dreht sich schier der Magen um, wenn ausgerechnet Seghers die alte Kamelle wiederkäut, ein Krimi sei prinzipiell nur Handwerk - also kein Vergleich mit ‚guter’ Literatur. Damit setzt er nicht nur das beliebteste belletristische Genre herab, sondern beleidigt seine Leser.“
Früher traf man sich nach Austausch solcher Bemerkungen mit Sekundanten vor dem Tore – heute schießt jeder von seiner Website.
Wie oft beim Gattungskrieg geht es um persönlichen Stellungsgewinn – und dabei verbirgt sich derjenige mit der schwächeren Position im Schatten der größeren Armee. Ob gutes Handwerk oder gute Literatur: nur die Besten kommen unter die ersten Zehn der KrimiWelt-Bestenliste.
Ein Genre ist ein Genre ist eine Schublade.


05.12.05 - Eine Kristallkrähe hackt…

der anderen kein Auge aus. Sie fliegt aus dem Fenster und landet im Blumenstrauß, den der todkranke Bruder der einen Ärztin gerade der anderen Ärztin zum Antrittbesuch heraufbringen will.
Es war die Titelliste der SZ-Bibliothek. Ohne sie wüsste ich immer noch nicht, dass Joan Aiken auch Kriminalromane geschrieben hat – und was für welche! Ihre Heldin Aulis schwebt durch die Geschichte der „Kristallkrähe“ wie Mia Farrow durch „Rosemarys Baby“. Zwischen Laszivität und Hysterie, Paranoia und Versorgungskomplex treffen sie kurze schwere Schübe an Realitätswahrnehmung, die ausreichen, ihr Lebensschiffchen auf ein Viadukt hoch über der See an der englischen Südküste zu steuern, von dem andere leicht herunterfallen. Der Totschläger und die Mörderin, umschlungen.
Ein kleiner, feiner englischer Landhaus- und Rätselroman mit all den herrlichen Vorausdeutungen, Versteckspielchen und Täuschungsmanövern, die dazu gehören. Ständig Gewitter, ständig schwüle/ kühle/ feuchte Luft vom Meer. Das Zusammensein einiger weniger britischer Mittelklassemenschen mit ihren eingefleischten Berührungsängsten reicht zur kritischen Masse aus: Blitze, ein streunender Leopard, dazwischen die sich somnambul diversen Männerkörpern hingebende Aulis, meistens „Dienstag“ oder „Twopence“ oder einfach „Mädchen“ genannt.
Der Diogenesverlag (Danke!) schickte mir ein Exemplar der deutschen Erstausgabe von 1974, die immer noch unverdrossen lieferbar ist. Man glaubt es nicht, wie leseresistent so manche Deutsche sind. Ich zum Beispiel.
Allein die Mörderin! Nicht eines der etlichen Opfer hat sie eigenhändig getötet, sie ist das wandelnde Böse, praktisch immer in abwaschbaren Regenmantel und Handschuhe gekleidet. Ihr Spitzname ist „Aspik“. Das passt zur Kristallkrähe wie die Faust aufs …


15.11.05 - Håkan Nesser hinterließ bleibenden Eindruck

Ich habe das Phänomen Mankell satt. Nicht nur, weil Henning Mankells Bücher immer penetranter nach verdünnter Altersbesserwisserei riechen. Sondern weil der Schatten, den sein Publikumserfolg wirft, interessantere Autoren verdeckt.
So ist es mir mit Håkan Nesser gegangen. Als Nesser 1993 (zwei Jahre später als der damals aber noch unbekannte Mankell) seinen ersten Krimi „Das grobmaschige Netz“ veröffentlichte, glaubte er, in der damals fast völlig verdunkelten schwedischen Krimilandschaft ein kleines Licht angezündet zu haben. „Sie können es ganz leicht wieder auspusten“, schrieb er seinem Verleger. Zum Glück behielt der die Luft bei sich.
Håkan Nesser hat von da an ein durchaus eigenwilliges Projekt entwickelt: Zehn Romane (wie alle Krimiautoren liebt er Dekaloge) um Kommissar Van Veeteren, die in einer nicht lokalisierbaren nördlichen Landschaft spielen, die von dem niederländisch klingenden Maardam bis an den Polarkreis reicht.
Nesser, so erzählte er mir, gehört zu der Sorte von Kriminalautoren, die ernst nehmen, wovon die Rede ist, Leben und Tod also.
„Ich gehe von den klassischen Fragen aus: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? In gewisser Weise schreibe ich mein allererstes Buch, den unübersetzten Roman ‚Koreografen’ weiter fort. Die Struktur des Krimis hilft mir dabei, meine Geschichten zu erzählen.“
Wie etwa die Lebensgeschichte des jungen mathematischen Genies Viktor Vinblad, die unter einem Fluch zu stehen scheint. Als er neun Jahre alt war, brachte seine Vater die Mutter um; als „Mörderkind“ wurde er in der engstirnigen Provinzstadt K. in Nordschweden gerade mal geduldet. Als er nach der Ermordung der jungen Sara wenige Jahre später von der Bildfläche verschwand, war klar, wer der Täter sein musste.
Nesser ist auf Lesereise in Hamburg vorbeigekommen. Mir haben vor allem der Sinn für groteske Situationen und der hintergründige Humor gefallen, mit denen „Die Schatten und der Regen“ geschrieben ist. Ein Kriminalroman ohne Ermittler – ein Mord, der wie ein Stein, der ein einen stillen Teich fällt, das Leben einer kleinen Stadt verändert.
Nesser ist, wie viele nachdenkliche und zur Melancholie neigende Menschen, ein reizender Gesprächspartner. Er möchte alles über Qiu Xiaolong wissen, den ich vor kurzem traf, und berichtet begeistert von dem Abend zuvor, als die Norwegerin Anne Holt versprach, seinen neuen Serienhelden Barbarotti in ihre Romanwelt zu entleihen.
Gunnar Barbarotti ist ein Gottsucher. Mit seiner Hilfe hat er sich aus der Depression herausgearbeitet, die ihn nach dem Tod seiner Frau befallen hat. Ist Nesser auch ein Gottsucher? „Nein, ich glaube aber an einen größeren Zusammenhang, in dem wir uns bewegen. Das ist wichtig in einer Zeit, in der nur das Geld wichtig zu sein scheint.“


14.11.05 - Daggers sind britische Dolche

Zum 50-jährigen Bestehen hat die älteste aller Kriminalautorenvereinigungn, die britische Crime Writers Association (CWA) ihre jährlichn Dolche vergeben, darunter den Dolch der Dolche an John Le Carré. Alles weitere bei Ludger Menke.


14.11.05 - Wahrheiten, die nicht untergehen - Die „Chroniques“ von Manchette sind endlich da

Angekündigt waren sie schon für das Frühjahr, zum 60. Geburtstag des Autors. Jetzt sind sie da, die „Chroniques“. Zwischen 1976 und 1994, dem letzten Jahr vor seinem frühen Tod im Alter von 52 Jahren, verfasste Jean-Patrick Manchette etliche hundert Bemerkungen, Kritiken, Glossen zum Film und zum Polar, wie der Kriminalroman auf Französisch genannt wird. Vieles in diesem Buch, das wohl nur die hartgesottenen Krimileser ansprechen wird, ist Zeitgeschichte, zeitgebunden im mehrfachen Sinn. Keiner wusste das besser als Manchette selbst: „Wenn der Roman noir etwas mit der Wahrheit zu tun hat (und wenn nicht, taugt er nichts) geht er unter wie sie.“
Perlen wie diese findet man zu Hauf, Manchette war nicht nur als Autor, sondern auch als Kämpfer ein großer.
Lest ihn, gönnt euch jeden Abend einen „Handkantenschlag“ – das bedeutet „Manchette“ nämlich auch.


08.11.05 - Kinky unbekannt

Ist es nur die übliche Ignoranz, mit der das selbsternannte Hochfeuilleton niederen Sujets wie dem Krimi begegnet, ist es nur eine Schludrigkeit, von der hin und wieder sogar der Qualitätsjournalismus befallen wird? Jedenfalls gibt Jordan Mejias in der Faz vom 8. November über die Bewerbung Kinky Friedmans als Gouverneur von Texas unter anderem zum besten, vom Countryrocker und Autor sei zuletzt im Jahr 2001 der Kriminalroman „Ohrensausen“ erschienen. Weit gefehlt. Allein 2005 hat die Berliner Edition Tiamat zwei Romane des verrücktesten aller Krimiautoren herausgebracht: „Der glückliche Flieger“ und „Ballettratten in der Vandam Street“. Die Ballettratten zierten sogar die KrimiWelt-Bestenliste vom Juni.


07.11.05 - Zwei Chinesen in Deutschland

Qiu Xialong tourt auf Lesereise durch Deutschland und Österreich, um „Schwarz auf Rot“ vorzustellen. Ich treffe ihn und seine Frau Wang Lijun im Hamburger Literatenhotel Wedina.
Nicht immer kann ein Kritiker einen Autor fragen, ob er sich geirrt hat.
Stimmt meine Behauptung, mit seinen Romanen um den Shanghaier Kriminalisten Chen Cao beginne der moderne chinesische Kriminalroman? „Ja, du hast Recht.“
Tatsächlich war „Tod einer roten Heldin“ (2000 in den USA erschienen, deutsch 2003) der erste Krimi eines Chinesen über chinesische Verhältnisse. Bis dahin waren hier nur die Tibet-Krimis des Briten Eliot Pattison, die in Peking angesiedelten Romane Christopher Wests und Robert van Guliks historische Serie um den Richter Di bekannt.
„In China gibt es keine Tradition des Kriminalromans. Das hat mit dem gänzlich verschiedenen Rechtssystem zu tun. Unter dem Kaiser wie unter der Kommunistischen Partei lautete die entscheidende Frage der Beamten: Was nützt dem Staat und der Gemeinschaft? Ein Recht, das Freiheit und Eigentum des einzelnen Individuums schützt, kennen wir nicht. Wir kennen keine unabhängigen Richter, keine Jury, keine unabhängigen Beamten.“ Die einzige Tradition, an die ein Polizist wie Chen Cao anknüpfen kann, entspricht dem konfuzianischen Ideal einer „guten Regierung“ und eines „redlichen Beamten“.
Noch ist Qiu als Verfasser von Kriminalromanen allein auf weiter Flur. Seine chinesischen Kollegen schreiben „eher Horror-Stories und Gruselgeschichten“. Inzwischen wurden seine Romane auch ins Chinesische übersetzt (Seit seiner Übersiedlung in die USA nach dem Tien An Men Massaker schreibt Qiu auf Englisch.) Um sie in der VR China veröffentlichen zu können, musste Qiu einer von der Zensurbehörde angeordneten großen Camouflage zustimmen. Seine partei- und bürokratiekritischen Romane dürfen nicht in Shanghai spielen, sondern in „H-Stadt“. Alle Straßennamen und Ortsbezeichnungen mussten abgeändert werden. „Trotzdem weiß jeder Leser Bescheid,“ freut er sich. Denn in China ist er einer der wenigen, die an die Verbrechen erinnern, die während der Kulturrevolution begangen wurden. Er staunt: „Die jüngeren Leute haben keine Ahnung, was damals geschehen ist.“
Eine Schlüsselszene, die in jedem seiner Romane vorkommt, hat er selbst erlebt. Sein Vater, ein kleiner Geschäftsmann, wurde Anfang der siebziger Jahre mehrfach zu öffentlicher „Selbstkritik“ gezwungen, sogar nach einer Augenoperation. Mit verbundenen Augen musste er sich auf einen Stuhl stellen, einen Papierhut auf dem Kopf, und sich im Krankenhaus von den Rotgardisten als Kapitalist beschimpfen lassen. Qiu, damals noch nicht mal zwanzig, musste den hilflosen Vater führen und stützen.


15.08.05 - Brighton stirbt nicht: Besuch bei Peter James und DSI Grace

Peter James, Produzent etlicher angloamerikanischer Filme (u.a. Verfilmungen von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ und Tennesse Williams’ „Brücke von San Luis Rey“) war hierzulande bisher nur als Verfasser von blutiger Horror-Fantasy bekannt. Im Frühjahr hat Peter James mit „Dead Simple“ seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht, der Ende August auch auf deutsch erscheint.

„Stirb ewig“ ist wörtlich zu verstehen: Immobilienmakler Michael Harrison wird beim Junggesellenabend vor seiner Hochzeit von seinen Kumpels abgefüllt und ausgestattet mit Handy, Walkie-Talkie und einem Fläschchen Whisky in einem Luxussarg einen Meter tief vergraben. Luft bekommt er über einen Gummischlauch. Aus Scherz wird böser Ernst, als die Kumpel noch in der selben Nacht bei einem Autounfall umkommen. Nur einer kennt noch Michaels Aufenthaltsort: sein Kompagnon Mark Warren. Doch der will an die gemeinsam auf den Caymans gebunkerten Millionen und an Braut Ashley ran, Michael soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Der liegt derweil mit Panikattacken in seinem seidengefütterten Sarg und empfängt hin und wieder Funksignale von Davey, dem zurückgebliebenen Sohn eines Abschleppunternehmers. Michaels Anstrengungen, den ängstlichen Toren per Sprechfunk zu einer Rettungsaktion zu bewegen, gehören zu den Höhepunkten des wendungs- und spannungsreichen Thrillers, den Peter James als ersten einer geplanten Serie um Detective Superintendent (kurz: DSI) Roy Grace und die britische Doppelstadt Brighton-Hove konzipiert hat.

Der Alarmmelder am Eingang zum Sussex House, Sitz des Criminal Investigation Department, steht auf „High“ – vor wenigen Tagen sind Bomben islamistischer Terroristen in der Londoner U-Bahn hochgegangen. Detective Chief Superintendent (DCSI) David Gaylor begrüßt Peter James und die deutschen Journalisten, die gekommen sind, um sich die Schauplätze des Thrillers anzusehen. Gaylor ist Peter James’ Fachberater in Polizeidingen, mit aller Geduld der Welt führt er uns durch die Büros der Kriminalpolizei von Sussex. Im „Major Incident Room“ (der „SOKO-Zentrale“) hängen Ermittlungsfotos und Skizzen zu diversen aktuellen Fällen an den Wänden, in der Asservatenkammer werden blutige Kleider in einem speziellen Kühlschrank keimfrei aufbewahrt, der Aktenraum quillt über von Kartons mit Protokollen.
Im Hauptquartier der Polizei von Sussex zeigt Gaylor uns sein winziges Chefbüro mit seiner Sammlung von Polizeimarken aus aller Welt. Er ist das Vorbild für Roy Grace: ein schlanker Mann Mitte fünfzig mit freundlichem Lächeln und kalten Augen.
Brighton war in den 50ern und 60ern ein beliebter Gangstertreff. Von der morbiden Atmosphäre jener Jahre ist heute, in einer Zeit des Aufschwungs, wenig zu erahnen. Peter James will sie in seiner Serie wieder zum Leben erwecken.


14.08.05 - Dommage!

Mauvais genres macht dicht. Seit Ende Juni 2005 wird die schönste, umfassendste, anregendste französische Website zum französischen und internationalen Kriminalroman nicht mehr fortgeschrieben. Webmaster und spiritus rector Bernard Strainchamps musste aufgeben, wie er mit leisem Bedauern notiert. „Auch ich habe meine Grenzen.“ Wer will, und genug Französisch versteht, kann sich von ihm eine DVD brennen lassen, auf der alle 8.000 bis 10.000 Beiträge aufbewahrt sind, die in den sechs Jahren auf der Site für „Schmuddelliteratur“ veröffentlicht wurden.


31.07.05 - Unglaublich: Jeff Lindsay macht weiter

Wer hätte das gedacht? Kaum ist Jeff Lindsays fulminante Serienkiller-Parodie „Des Todes dunkler Bruder“ auf Platz 6 der KrimiWelt für August gelandet, da meldet sich die sehr ehrenwerte Helen Stasio, seit Jahren Krimikolumnistin der New York Times, mit einem erstaunten Zwischenruf zu Wort. Wie wir hat sie nicht glauben mögen, dass Lindsays wahnsinnige Story zweier rivalisierender Serienkiller mit dem englischen Titel „Deadly Dreaming Dexter“ eine Fortsetzung finden würde. Doch Lindsay hat es gepackt und Stasio scheint entzückt über „Dearly Devoted Dexter“: „No less macabre (indeed, rather more gruesome) than its morbidly funny predecessor, the story provides the unorthodox hero with enough subhuman forms of life to sharpen his skills without compromising his identity as ’a well-designed artificial human.’“
Dexter gewinnt sogar Stasios Respekt – als Lebenskünstler: (..)Consider the wry satiric voice, the bizarre logic of the premise, the sheer artistry that has gone into Lindsay's delicately balanced portrait of Dexter as a cheerful lunatic. 'While I did not actually have a conscience,' he says in justification of his wicked ways, 'I did have a very clear set of rules that worked somewhat the same way.' Which is actually more than some people can say for themselves.“
Na dann mal voran mit dem „morbid fun“!


18.07.05 - John Sandford on Tour/Der aus dem kalten Minnesota kam

 John Sandford 18-7-05 in HH © Tobias GohlisDass sich im Zuge der nach dem 11. September in den USA verstärkten Heimatschutzmaßnahmen auch der Job von Lucas Davenport ändern wurde, war klar. Nur wie? Seit sechs Monaten ist er „Chef des Amtes für regionale Ermittlungen“ in der „Abteilung Öffentliche Sicherheit“ beim Stab des Gourverneurs von Minnesota. Da wird ein russischer Seemann, auf Agentenfüßen unterwegs im kriminalliterarisch praktisch nur von John Sandford beleuchteten Nord-Mittelwesten der USA, vom jüngsten Mitglied einer kommunistischen Untergrundzelle erschossen. Nach 60 bis 80 Jahren mehr oder minder friedlicher Amerikanisierung im Untergrund werden die Roten jetzt wieder aktiv.
Drei Tage im Sommer, vom 18.- 20. Juli 2005, war John Sandford in Deutschland unterwegs, um seinen jüngsten Ausflug ins  Margarete von Schwarzkopf in Moderationspause © Tobias GohlisPolitthrillergewerbe vorzustellen. „Kalter Schlaf“ (engl: „Hidden Prey“) ist wie alle Sandfords: eine breit erzählte Geschichte ohne große Geheimnisse mit einem Helden, den der Autor als Produkt „literarischer Ingenieurskunst“ vorstellte. Lucas Davenport ist groß, zäh, blauäugig und gefällt den Frauen. Ähnlich raffiniert konstruiert Sandford seine Geschichten als „Bogen“, dessen Anfang und Ende er genau plant, wie er im Gespräch mit KrimiWelt-Jurorin Margarete von Schwarzkopf erklärte. Im ersten Kapitel kommt das Verbrechen, im zweiten wird Lucas Davenport vorgestellt, im vorab noch ungeplanten Durcheinander der Mittelstrecke muss Sandford ein wenig strampeln, am Ende kommt die Lösung.
Auf die Frage, warum er vom Journalismus zur Schriftstellerei gewechselt ist, verriet er mir: „Wegen des Geldes.“ Aus dem  Peter Prager liest nämlichen Grund schlägt er sich nicht mit der langwierigen Film- und Fernseharbeit herum: Pro Jahr verkauft er 500.000 Bücher und verdient daran rund einen Dollar/Stück. Für einen Fernsehfilm bekäme er bei gleicher Arbeitszeit ein Achtel und hätte noch den Ärger dazu.
Als Entdeckung des Abends in einem Eimsbütteler Loft entpuppte sich der Schauspieler Peter Prager, bekannt von Polizeiruf 110 und als der Prof. Gerlach der Krankenhausserie St.Angela. Erstmals in seiner langen Karriere las er öffentlich aus einem Buch. Er verlieh der deutlich überalterten Kommunistenzelle aus Duluth/ Minnesota einen bröckeligen Charme, der mir beim stillen Lesen nicht aufgefallen war.


05.07.05 - Jason Starr on Tour/PIN

Jason Starr in Hamburg am 4.7.05 © Tobias GohlisAuf seiner Homepage hat er sie angekündigt: „German Tour for Twisted City“, erste Station Hamburg. „Twisted City“ ist die Geschichte eines windigen Wallstreet-Journalisten, dem mit dem Portemonnaie beide Bezugspunkte seines Lebens abhanden kommen: mit den Papieren die Identitätszeichen eines bürgerlichen Lebens und mit dem Polaroid seiner verstorbenen Schwester das letzte Unterpfand einer unzertrennlichen Liebe.
Die streng auf Quadrate bauende Architektur der Hamburger Galerie für zeitgenössische Kunst, in dessen Café wir sitzen, paßt zu Starrs Konzept: „Ich entwerfe einen Rahmen, ein Set, in dem sich meine Figuren entwickeln. Einen Roman zu schreiben, ist so ähnlich wie die Konstruktion eines psychologischen Testfeldes. Ich beginne in alltäglichen Situationen und sehe, was aus meinen Figuren wird. Dabei habe ich von Buch zu Buch immer mehr darauf geachtet, ausschließlich aus ihrer Perspektive zu erzählen. Sie nehmen nicht wahr, was der Leser nach und nach mitkriegt: Ihre Sicht der Dinge stimmt immer weniger mit den Dingen überein.“
David glaubt sich auf dem aufsteigenden Ast, dabei ist der schon abgesägt: Seine Freundin ist er endlich los, jetzt muss er nur noch damit klarkommen, dass er eine Erpresserin und einen Erpresser am Hals hat, die bezeugen, dass er einen Typ erschlagen hat.
Chris Aldrich von Mystery News charakterisiert Starrs literarische Position: „Jason Starr has been compared to noir luminaries like Jim Thompson, James M. Cain and Charles Willeford, but make no mistake – he’s carving out his own niche in the world of crime fiction.“ Ich frage ihn, welchen Namen er seiner Nische geben würde. Er grinst, weil er wie alle Schriftsteller Schubladen als Marketingtricks ablehnt. Er schlägt drei Adjektive vor: PSYCHOLOGICAL IRONIC NOIR. Die melden wir beim Akronymfinder unter PIN an.

Als Starr nach der Lesung in der Buchhandlung Cohen & Dobernigg gefragt wurde, wie die Geschichte des gestohlen Portemonnaies ausgeht, anwortete er: „Twisted“. Zur Zeit genießt er die Annehmlichkeiten eines Gastschreiberbüros im Literarischen Colloquim Berlin, kann aber nicht schreiben, weil er das täglich von 9 bis 12 in einem Café in der Upper East Side Manhattans tut – und zwar nur dort. Nachmittags hütet er seine vierjährige Tochter.
Starr: „Mir stehen Ian McEwan und Patrick Süßkind (gesprochen: „Saßkaind“) näher als Donna Leon und Minette Walters – ohne dass ich letztere bewerten will.“


27.06.05 - 70 % Prozent Übereinstimmung in Österreich/Spaghettisierung

Bekomme soeben das sommerliche Krimi-Spezial der Zeitschrift Buchkultur mit ihrer Bestenliste der Saison. Mit drei Ausnahmen (Alicia Giménez-Bartlett: Samariter ohne Herz/ Minette Walters: Der Außenseiter/ Jason Starr: Twisted City) stimmt die mehrheitlich aus Buchhändlern bestehende Jury mit den Empfehlungen der KrimiWelt-Jury überein. Erfreuliche entente cordiale.

Erfreulich bitter auch der Beitrag Thomas Wörtches über den Krimi-Markt, verfasst aus der hohen Warte dessen, der seit „fast einem Vierteljahrhundert“ in verschiedenen Rollen und Verkleidungen dabei war. Mit angemessener Melancholie rekapituliert er, wie das Marktgesetz funktioniert: Aus rasiermesserscharfen Krimis werden Trends, und die sind immer kompatibel. Dramatisch: „Autoren wie Henning Mankell oder Donna Leon traten auf, die einerseits das Bedürfnis des Publikums nach ganz schlichten Krimis befriedigten und das Genre in seinen ästhetischen und erkenntnistheoretischen Potenzialen um Jahrzehnte zurückbombten.“
Schon sieht Wörtche die Dämmerung nahen, die seine eigenen Ideen von einer Internationale des rabiaten Kriminalromans verschlingen wird: in Gestalt von „Romanklone(n) über nette türkische Polizisten, bei denen Menschen, die die Türkei tatsächlich kennen, schreckensblass werden. (…) Auf Etablierung folgt Destruktion, Spaghettisierung, möglicherweise völlige Auflösung…“
Abgeklärte Angst – das ist ein prima Gewürz. Damit werden Helden gestärkt.


21.05.05 bis 03.06.05 - Manchette

Vor zehn Jahren, am 3.6.1995, ist Jean-Patrick Manchette gestorben. In seinen zehn Romanen hat er wie kaum ein anderer die Grenzen des Kriminalromans ausgelotet.
Die französischen Kulturinstitute in Deutschland erinnern an ihn mit Filmvorführungen und Veranstaltungen. Tobias Gohlis spricht über Manchette, © Alexandra Roppel/Mediakontakt LaumerIch bin nach Frankfurt eingeladen und soll über Manchette spechen. Bei der Arbeit an meinem Vortrag wird mir noch einmal der Verlust deutlich, den Manchettes früher Tod für die Literatur bedeutet. Im Frankfurter Filmmusuem haben sich rund hundert Leser eingefunden. Manchettes Freund Serge Quadruppani erinnert an seine letzten Jahre: Eingeschlossen in seiner Wohnung, immer lief der Anrufbeantworter.
Serge Quadruppani u. Übersetzerin, © Alexandra Roppel/Mediakontakt LaumerIm Anschluß an die Vorträge wird Chabrols Verfilmung von „Nada“ gezeigt, als wurmstichige, geflickte Kopie im französischen Original englisch untertitelt. Es wirkt wie ein Abschlußfilm von der Filmhochschule. Serge und ich kommen überein: Obwohl jeder Satz im Film aus Manchettes Buch stammt, sind seine Werke nicht verfilmbar. Seine distanzierte Härte, sein Sprödigkeit, sein Witz und seine Wut sind nur in seiner Sprache erfahrbar.
Leider sind Manchettes „Chroniques“ – Essays, Bemerkungen, Rezensionen zum Kriminalroman – noch nicht erschienen. Der Distel Literaturverlag, der auch die Neuübersetzung Manchettes übernommen hat, hat die deutsche Fassung jetzt für den Herbst angekündigt. Die Zeitschrift „Europolar“ will demnächst Manchette zum Thema machen.


15.05.05 - Journalisten über Journalisten

Es ist ein Beweis für die Lebenskraft des Krimis, dass beinahe jedermann sich traut, einen zu schreiben. Die Redewendung „Darüber müßte man mal einen Krimi schreiben“, die jedem aufgebrachten Bürger hin und wieder auf die Lippen kommt, wird besonders von Pfarrern, Wirtschaftsmenschen, Polizisten und Journalisten so ernst genommen, dass sie es tatsächlich tun.
Fast immer ist allerdings das, was bei derlei Empörungs-, Offenbarungs- oder Rechtfertigungsliteratur herauskommt, kein Beweis für literarisches Bewußtsein der Verfasser, sondern vom geraden Gegenteil.
Geradezu töricht ist die Vorstellung, Krimis würden schon dadurch gut, dass in ihnen etwas aufgedeckt wird, das bisher nicht gesagt, verschwiegen oder – höchstes Glück! – gar unterdrückt wurde. Zum Beispiel DIE WAHRHEIT. Journalisten, die eigentlich wissen müssten, wie Wahrheit gemacht wird, und deshalb hin und wieder von der Berufskrankheit des Selbstekels befallen werden, laufen besonders gerne in die Krimifalle.
Jüngstes Opfer dieser Form der Selbsttäuschung ist Hans-Hermann Sprado, dessen Erstling „Risse im Ruhm“ derzeit wie sauer Bier angepriesen wird. Bevor der Leser das Buch aufschlägt, ist er bereits vom Klappentext erschlagen. Beeindruckend die Liste von Chef-Posten (Chefreporter bei Bild, Chefredakteur des P.M.-Magazins und von MARIE CLAIRE usw.), die Sprado als Spitzenjournalisten ausweisen; einschüchternd die Zahl der Lobeshymnen weiterer Chefredakteure und Ex-Chefredakteure von STERN, Spiegel, Tempo usw. die Sprados Erstling freundschaftlich alle denkbaren Qualitäten bescheinigen. Sogar der seines fallbeilartigen literarischen Urteils wegen hoch geschätzte Kollege Denis Scheck hat bei der Lektüre „den Drive von Pulp Fiction“, Beispiele exakter Recherche nach dem Vorbild Michael Crichtons entdeckt und verspricht „einen Schnellkurs im Journalismus“.
Auch auf die Gefahr hin, von all diesen Kennern nie wieder ein Stück Brot zu erhalten: Sprados Versuch, hinter die Triebkulissen des Scheckbuchjournalismus zu blicken, unterscheidet sich literarisch und sprachlich keinen Deut von dem, was beim Scheckbuchjournalismus auch sonst so herauskommt. Obszön wird die Story durch den sensationsheischenden Einfall, den Geiselgangstern, die ein Kaufhaus und die Bevölkerung Hamburgs bedrohen, Zyklon B in die Hand zu geben.
Für die Verwendung des Auschwitz-Gases gibt es keine literarisch plausible Motivation. Zum Schluß stellt sich die Entführungs- und Erpressungsaktion, die etlichen Menschen das Leben gekostet hat, als die Tat eines spielsüchtigen Fotografen heraus, der dem Erfolgsreporter, an dessen Seite er seit Jahren Wahnsinnsstories recherchiert hat, Geld, Einfluß und Frau neidet. Eine Geschmacklosigkeit, die die Bezeichnung Kolportage nicht verdient. Der Rest sei Schweigen. Denn das ganze Schauderstück kann unmöglich als Beispiel dafür gelten, wie führende deutsche Journalistenköpfe und ihre Freundschaften funktionieren.

Dass man’s anders machen kann, und zwar auf den Punkt genau, zeigt die britische Journalistin Anna Blundy in ihrem ersten Thriller um die Kriegsberichterstatterin Faith Zanetti „Verdammt heiß“. Hier ist der Sarkasmus gezielt: „Während des Balkankriegs prügelten sich die Journalisten geradezu darum, von dort Bericht erstatten zu dürfen, denn man konnte die ganze Zeit in Split am Strand liegen. Bei ihrer Rückkehr waren sie alle sonnengebräunt, ausgeruht und bester Dinge.“ In Jerusalem, dem neuen Einsatzort von Faith Zanetti, ist es nicht besser: Saufen, Ficken all inclusive auf Spesen. Sollen sich doch die Arabs und die Isrealis prügeln, Hauptsache, es springen ein paar Zeilen heraus. Bis es dann ernst wird und Faith’ Kollegin am Türbalken hängt. Hart, schnell, frech und klug beobachtet – Anna Blundy kanns. Auch sie ist eine Krimidebütantin aus dem Journalismus. Beim Vergleich tun sich Welten auf: deutsche Spießerwelt und britische Thrillerkultur.


10. - 12.05.05 - Die Modesty-Kontroverse

Bei der Abstimmung zum Mai hatte ein Jury-Mitglied der KrimiWelt für Peter O’Donnells „Modesty Blaise – Die Klaue des Drachen“ votiert, sich aber nicht durchsetzen können. Daraufhin schlug Thomas Wörtche, der selber dieses Buch in seiner Metro-Reihe wieder verfügbar gemacht hat, vor, Relaunches (Bücher, die nach einiger Zeit in neuer Verpackung erscheinen) generell vom Wettbwerb auszuschließen. Schließlich werden nach den Regeln der Jury nur Originalausgaben und Deutsche Erstausgaben vorgeschlagen.
Diese Überlegung löste einen bisher nicht erlebten Mailsturm aus. Die Wogen schlugen deshalb so hoch, weil Modesty ein besonders hinreißender Fall von Relaunch ist. Schließlich setzte sich die besonders vehement von Andrea Fischer vertretene Meinung durch, wir wollten ja schließlich tolle Krimis empfehlen, denen wir möglichst viele Leser wünschen, und könnten schon aus diesem Grund nicht gegen unser Herz entscheiden. Für Modesty durfte also votiert werden. Bis zur nächsten Regeldiskussion.


10.05.05 - Europolar: Krimi mal vier

Auf die Idee muss man erst mal kommen: Seit ein paar Tagen ist Europolar im Netz, eine Internetzeitschrift zum europäischen Kriminalroman, zunächst in fünf Sprachen: Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch.
Die Idee entstand auf einem Treffen deutscher, französischer und polnischer Krimiautoren im deutsch-französischen Kultur- und Begegnungszentrum in Genshagen bei Berlin im November 2004. Nach Konstituierung einer internationalen Dach-Redaktion und nationaler Redaktionen dauerte es gerade mal zwei Monate, bis aus der Idee vérité wurde.
Der Start ist vielversprechend: Rezensionen und aktuelle Terminkalender erlauben den Einblick in das, was in den einzelnen europäischen Ländern kriminell los ist; Autoren können ihre laufende Arbeit ausführlich präsentieren; Links (darunter zur KrimiWelt auf arte) verweisen auf ein noch unausgeschöpftes Potenzial von Netzverbindungen.
Die Selbstverwaltung ist „rätedemokratisch“, wie mir Alexander Ruoff, Mitglied der deutschen Redaktion erklärt. Nationale Redaktionen schlagen vor und suchen aus, welcher Autor und welches Thema aus ihrer Sicht vorgestellt werden soll. Wenn es keine Einwände gibt, wird übersetzt, übersetzt, übersetzt, übersetzt, übersetzt und publiziert; gibt es Einwände, wird diskutiert. Vive la démocratie des conseils!
Das politischere Verständnis von Autorschaft, das die französischen Schriftsteller umtreibt, schlägt sich deutlich in der Rubrik Diskussion nieder, wo jeder, der will, seine (in der Mehrzahl ablehnende) Meinung zur Europäischen Verfassung präsentiert.
Die nächste Ausgabe wird zwischen Juni und August erscheinen, geplant ist unter anderem ein Dossier zu Jean-Patrick Manchette, der den französischen und darüberhinaus den europäischen Kriminalroman revolutioniert hat.
Thema der Zeitschrift ist nicht das ganze Spektrum der Kriminalliterateratur, sondern eher der politisch engagierte Roman Noir. Wie sich das konkret darstellt – ob als Konzentration und Gewinn oder als Einengung, wird sich zeigen.
Erstmal: Bonne Chance! Viel Glück! Good luck! Buona fortuna! Buena suerte!


01.05.05 - Brav, brav: Die Glauserpreise

Das Syndikat, die Vereinigung der deutschen Krimiautoren, schreckt vor keiner Peinlichkeit zurück. Als handele es sich wirklich um die Verleihung der „Oscars für den deutschen Krimi“, als den ein durchgeknallter PR-Mensch die Glauserpreise bezeichnet hat, mußten alle nominierten Autoren am 30. April ins Hochsauerland einrücken, um die bis dato geheim gehaltene (peinlich! nur vorab an dpa durchgesickerte) Entscheidung der Jury über sich ergehen lassen.

Die Jury, die vorab schon Ingrid Noll mit dem „Ehrenglauser“ für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet hatte, erwies auch bei den Preisen für den besten Roman und das beste Debüt Gespür für den guten deutschen Durchschnitt, indem sie zwei Alpenländler favorisierte. Jans Jörg Schneiders fünfter Roman um den Baseler Kommissär Hunkeler lebt von der Kauzigkeit seines Hauptdarstellers, der in seiner Verquertheit Fred Vargas’ Kommissar Adamsberg ähnelt, und der Empörung des Lesers. Die entzündet sich an den lächerlichen Sittlichkeitsvorschriften der Baseler Polizei: Hunkeler wird suspendiert, weil er nachts auf einem öffentlichen Platz gepinkelt hat. Empörend ist auch der Umgang des Schweizer Staates mit seinen „Fahrenden“. Die mit bürokratischer Unbarmherzigkeit durchgezogene Trennung aller Roma- und Sinti-Familien von ihren Kindern während der 50er und 60er Jahre – eine rassistische Gewalttat sondergleichen – ist letztlich der finstere Urgrund einer Reihe von Serienmorden.
Ähnlich solide, (aber unter Fans: in einer etwas überkonstruierten Welt) agiert der Lemming, ein „Krimineser“ voll auf Abstieg, in Stefan Slupetzkys Debütkrimi „Der Fall des Lemming“. Hier richtet sich die Empörung gegen den Krotznig, der dank Sadimsus und Intrigen vom Kriminalgruppeninspektor zum Bezirksinspektor aufsteigt, ein Widerling, wie man ihn selten findet.
Mein Resümee: Zwei skurrile Protagonisten, stilistisch gut in Szene gesetzt, aber noch immer nicht die Hämmer. Klarer Sieg der Alpenländler.


26.04.05 - Adjektiv-Ikea

Der Briefträger bringt Neuheiten vom Buchmarkt. Ein fetter Aufkleber in Rot prangt auf Camilla Läckbergs Roman „Die Eisprinzessin schläft“: „Schwedens neuer Krimistar“. Der Krimistar ist 30, hat Marketing studiert, ein Kind. „Eisprinzessin“ ist der erste Roman des Stars, der zweite ist für einen schwedischen Krimipreis nominiert. Na, und?
Stars verglühen schneller als Kometen, siehe Gracia. Schwedische glühen länger, wg. Kühle des Nordens.
Im Pressetext des Verlages heißt es: „Neben den eiskalten Zutaten eines fesselnden Kriminalromans bedient sich Camilla Läckberg auch der Leichtigkeit einer Romanze und der psychologischen Fallstricke eines Thrillers.“ Schwedischer Supermarkt. Adjektiv-Ikea.
Noch doller die Website der Literatur-Agentur der jungen Mutter. Der Fall „spielt im mondänen Fjällbacka, dessen winterliche Idylle durch einen eisigen Todesfall gestört wird.“ Mondän, winterliche Idylle, eisiger Todesfall. So müllt man Autoren zu.Demnächst wird mich die Presseabteilung anrufen: „Haben Sie schon Die Eisprinzessin gelesen?“


25.04.05 - No politics

Am Sonntag im Museum für hamburgische Geschichte eine Lesung mit den beiden Autoren Ulrich Ritzel und Christian von Ditfurth moderiert. Trotz gegensätzlicher Temperamente (Ritzel lebt in Ulm und am Bodensee, ist nachdenklich, introvertiert, grüblerisch; von Ditfurth lebt bei Lübeck, ist impulsiv, extrovertiert, riskiert schnell eine Lippe) passen die Autoren zusammen.
Ritzel erzählt in „Der Hund des Propheten“ eine Provinzposse mit Hintergrund. Kurz vor Umwandlung der DM in Euro versuchen inzwischen bei der amerikanischen National Security Agency weiterbeschäftigte Stasi-Agenten die bei einem Rüstungsdeal verschwundenen Millionen aufzutreiben. Ihre Aktionen werden begünstigt vom schwäbischen Potentatentum. Kirchenherren begegnen Mielkes eingeschleusten Perspektivagenten mit lammfrommer Barmherzigkeit wie zuvor den verirrten Deutschen Christen der Hitlerzeit; Presse- und Polizeichefs eilen gehorsam und wirklichkeitsblind den Wünschen der Mächtigen voraus. Auch v. Ditfurths „Mit Blindheit geschlagen“ ist eine Stasi-Geschichte. Auch hier geht es darum, die Früchte längst vergessener Geheimdienstaktivitäten einzuheimsen und im Westparadies arrivierte Täter zu schützen.
Themen waren also Politik und Geschichte, doch davon wollten die beiden Autoren partout nicht reden. Als deutsche Michel getarnt lasen sie Passagen, die die politische Dimension ihrer Plots kaum erkennen ließen, ganz auf Unterhaltsamkeit bedacht. Und auch in der Diskussion leugneten sie, wie seinerzeit Petrus, eine gute Botschaft zu haben. Aufklärung nur als Nebenprodukt einer gut erzählten Geschichte, mehr wollen sie nicht. Kein Streit.
Die Kritik am gesinnungsstarken und literarisch oft schwachen „Sozialkrimi“ der sechziger Jahre hat offenkundig eine fatale Flächenwirkung gehabt. Auch die wenigen Autoren, die noch die Finger in öffentliche Wunden legen, verschanzen sich hinter einer Unterhaltungsästhetik des bloßen Erzählens. Bloß nicht anecken.
Als wäre das nicht der Spaß am Krimi.


12.04.05 - Gift für Francos Vorkoster

Gift für Francos Vorkoster. In München beim Krimifestival Juan Bas kennengelernt. Bas ist rundlich und redet so schnell spanisch, dass es für zwei reicht, wie es sich für einen Meister der Tapa-Kochkunst gehört. Eigentlich wollte er im Instituto Cervantes dem Publikum lieber Tortillas backen als aus seinem Roman „Skorpione im eigenen Saft“ zu lesen. Doch ließ er sich überzeugen und trug mit seiner Übersetzerin Susanna Mende die entscheidende Szene vor, aus der sich alle Morde ergeben: wie Franco nicht von seinem Vorkoster vergiftet wurde. Brillant, satirisch, metaphysisch: Der Tod kennt keine Gabel.


04.04.05 - Der Po fließt durch Hamburg

In Hamburg gibt es ein Literaturhaus für das Edle – und Barkassen-Ehlers für das Wahre. Auf der Anita Ehlers geht es durch Hafen, Fleete und Speicherstadt, mal auf den Spuren des Widerstands gegen die Nazis, mal mit Valerio, Veit oder Val auf den Spuren der großen Verbrecher. (Ich erinnere mich noch an eine Nebelfahrt im November 2004, als Val McDermid und Regula Venske aus „Echo einer Winternacht“ lasen. Drinnen kletterten vier Studenten in den verschneiten schottischen Highlands herum, draußen leuchteten die Positionslichter der Containerschiffe aus der winterlichen Dunkelheit.)
Heute sind Valerio und Veit an Bord. Veit Heinichen, Autor der in Triest spielenden Romane um Kommissar Proteo Laurenti,
hat seinen Kollegen Valerio Varesi nach Deutschland weiterempfohlen. Varesi lebt in Parma und arbeitet bei Le Republicca. Eines Tages stieß er auf die Geschichte eines Partisanen aus einem der Dörfer am Po, der nach dem Krieg nach Südamerika ausgewandert und als alter Mann zurückgekehrt war, um an seinen ehemaligen Feinden Rache zu üben. Dieses Schicksal hat Varesi in seinem ersten Roman mit Comissario Soneri mitreißend verwandelt. Herbsthochwasser am Po, Nebel und Regen trüben die Sicht, ein Lastkahn treibt stromabwärts, misstrauisch beäugt von den alten Kommunisten des circolo nautico, ein Mann stürzt aus dem Fenster eines Krankenhauses, ein anderer gleichen Namens hätte den treibenden Lastkahn lenken müssen. Die Atmosphäre schlägt um: der Nebel vom Po liegt über der Elbe, es sind nicht mehr die Wellen vorbeigleitender Frachter, sondern das Hochwasser, das die Anita Ehlers rollen lässt.

Auch Veit Heinichens jüngster Roman „Der Tod wirft lange Schatten“ greift weit zurück in die Geschichte der nationalsozialistischen Besatzung auf dem Balkan. Heinichen hat einen ungelösten Fall aufgegriffen: Die Umstände, unter denen der exzentrische Waffensammler, Agent und Antifaschist Diego de Henriquez 1974 in seinem Privatmuseum ums Leben kam, wurden nie vollständig aufgeklärt – bis Proteo darauf stieß.




18.03.05 - Der Start der KrimiWelt

v.l.n.r.: Lore Kleinert, Tobias Gohlis, Thomas Wörtche, Ulrich Noller, Michaela Grom
Ausgerechnet zur Präsentation der KrimiWelt-Bestenliste bei der Leipziger Messe bricht die Sonne durch – ein gutes Zeichen? Schlagartig steigt die Temperatur von 30 auf 40 Grad am Messestand von ARTE. High Noon. Mo-deratorin Lore Kleinert, Autor Oliver Bottini und ich fächeln mit frisch gedruckten Krimibestenlisten, nur Lena Blaudez, afrikaerfahren, erzählt kühl von Bürgerkrieg und Entwicklungshilfe in Benin, wo ihr erster (und gleich auf Platz drei gelandeter) Roman „Spiegelreflex“ spielt.
Am Stand von ARTE ist es proppenvoll: Verlagsleute, viel Publikum, auch einige Kritikerkollegen und immerhin fünf der siebzehn Juroren sind da., darunter unsere Außenagentin in Kairo, Michaela Grom. Großes Interesse, breite Zustimmung.
Der Sonderdruck der „Literarischen Welt“ mit der ersten Bestenliste ist noch vor Ende der Präsentation vergriffen, am nächsten Tag war dann auch keines der blau-weiß-roten Faltblätter mit der KrimiWelt mehr zu haben. Danach gab es die KrimiWelt nur noch im Internet – bei ARTE, auf vielen anderen Krimiseiten im Web und besonders hervorgehoben bei den Alligatorpapieren. Gute Zeichen.


17.03.2005
Fahre nach Leipzig zur Buchmesse. Morgen wird dort die KrimiWelt-Bestenliste vorgestellt. Erschöpft, zufrieden und glücklich nach anderthalb Jahren Vorbereitung. Jetzt hat das Kind Eltern und einen Namen. Mal sehen, wie es wächst.


11.03.2005

Martin Cruz Smith getroffen. Im Panoramafenster des Hotels Hafen Hamburg spiegelten sich unsere Gesichter, dahinter schoben sich, in der Dunkelheit schemenhaft erkennbar, Schiffe elbauf- und abwärts. Martin Cruz Smith heißt eigentlich William Smith, aber dieser Name schien ihm doch zu wenig attraktiv für einen Autor. Das kam raus, als ihn seine Frau während unseres Essens mehrmals mit „Bill“ ansprach. Er kam gerade aus Moskau. Dort hatte er für sein neues Buch recherchiert, jetzt war er auf Lesereise in Hamburg. Seine Frau, die bereits im milden Hamburger Winter fröstelte: „In Moskau sind es 17° Minus, da fahre ich freiwillig nicht hin.“
Cruz Smith war zum ersten Mal vor mehr als 30 Jahren in Rußland. Er hatte den Auftrag, einen Krimi mit einem amerikanischen Cop als Helden zu schreiben, der den Russen auf den rechten Weg helfen würde. Er hatte eine fünftägige Pauschalreise gebucht. Nach Besichtigung der Hauptsehenswürdigkeiten fuhr er kreuz und quer mit Straßenbahn und Bus durch Moskau. Dabei beobachtete er, wie ein Milizionär einen Betrunkenen in einen Park trieb. Nach einer Weile kam der Polizist wieder heraus, diesmal von einer Gruppe Betrunkener verfolgt. „In dem Augenblick wußte ich, dass ich mit einem amerikanischen Cop nicht weit kommen könnte. Alles war anders in Moskau.“ Fünf Tage Beobachtung und viel Hintergrundlektüre reichten Cruz Smith, um „Gorkipark“ zu schreiben, den Roman, der ihn auf einen Schlag weltberühmt machte. Seine Romane um Arkadi Renko sind mit das beste, was überhaupt über die zerfallende Sowjetunion, den Alltag unter der Perestroika, unter Jelzin und Putin geschrieben wurde.
Für sein jüngstes Buch „Treue Genossen“, das soeben auf Deutsch erschienen ist, hat er in der Sperrzone um Tschernobyl recherchiert. Einziger Schutz: ein Dosimeter. Seine Erlebnisse hat er zu einem Reisebericht in die verstrahlte Hölle verdichtet. Bill und seine Frau lieben Kunst, ich empfahl ihnen Caspar David Friedrich, dessen Eismeerbilder sie noch nicht kannten.
Am folgenden Tag wurden in München, wohin das Ehepaar Smith weiterflog, 17° Kälte gemessen.


08.03.2005
Lese Thomas de Quinceys „Der Mord als eine Schöne Kunst betrachtet“.
Ein Krimikritiker avant la lettre: Als 1827 sein erster Essay zur ästhetischen Betrachtung des Mordes erschien, war außer E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scudery“ kein Text erschienen, der auch nur als Vorläufer zur heutigen Kriminalliteratur gelten könnte. Nie wieder hat jemand der Lust auf Verbrechen so jugendlich und emphatisch Ausdruck verliehen: nachdem die moralische Empörung abgeklungen und der Täter gefasst ist, beginnt der ästhetische Genuss. „Kain war ein Genie“. Er schrieb mit der Unschuld eines Kirchenvaters – naiv war de Quincey ganz und gar nicht. Auch in Augustinus’ Höhle haben sich eine Menge Dämonen versammelt.
Der Berliner Autorenhaus-Verlag hat de Quinceys Essays als Basistext für die Autoren-Ausbildung herausgebracht. Was man bei ihm lernen könnte: Wie man aus einem einzigen guten Gedanken jede Menge intellektuellen Witz schlagen kann.


05.03.2005

Die Jury hat zum ersten Mal abgestimmt. Ein Gefühl wie Weihnachten. Mails müssten als Geschenke verpackt sein. Dann könnte man Papier aufreißen, Schnüre und Schleifen in die Ecke schmeißen und zum Schluss vor Glück bescheuert grinsend in einem Haufen Müll auf dem Boden sitzen.

Erstellt: 26-08-05
Letzte Änderung: 18-01-11