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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Krimiautoren A-Z - 24/10/08

Martin Cruz Smith

Martin Cuz Smith wurde als William Martin Smith 1942 in Reading/Philadelphia in eine Musikerfamilie geboren. Seine Mutter war Indianerin, und diesem Zweig seiner Familie entstammtauch sein Schriftstellername Cruz. Er wählte ihn, als ihm klar wurde, dass ein „William Smith“ wenig Chancen auf Weltruhm haben würde. Den bracht ihm der Politthriller „Gorki Park“ 1981 ein, der erste von sechs Romanen mit dem unnachgiebig rechtschaffenen Ermittler Arkadi Renko. Cruz Smith erlenrte sein Handwerk als Journalist und Autor von Western, auch Comics, die er unter Pseudonym (Jack Logan, Nick Carter, Simon Quinn) verfasste. Neben den Renko-Romanen schrieb er eine Reihe von stand alones.
Cruz Smith wurde 1981 mit dem Gold Dagger der British Crime Writers Association ausgezeichnet.

Tobias Gohlis trifft Martin Cruz Smith am 11.03.2005 im Hamburger Hafen:

Martin Cruz Smith getroffen. Im Panoramafenster des Hotels Hafen Hamburg spiegelten sich unsere Gesichter, dahinter schoben sich, in der Dunkelheit schemenhaft erkennbar, Schiffe elbauf- und abwärts. Martin Cruz Smith heißt eigentlich William Smith, aber dieser Name schien ihm doch zu wenig attraktiv für einen Autor. Das kam raus, als ihn seine Frau während unseres Essens mehrmals mit „Bill“ ansprach. Er kam gerade aus Moskau. Dort hatte er für sein neues Buch recherchiert, jetzt war er auf Lesereise in Hamburg. Seine Frau, die bereits im milden Hamburger Winter fröstelte: „In Moskau sind es 17° Minus, da fahre ich freiwillig nicht hin.“
Cruz Smith war zum ersten Mal vor mehr als 30 Jahren in Russland. Er hatte den Auftrag, einen Krimi mit einem amerikanischen Cop als Helden zu schreiben, der den Russen auf den rechten Weg helfen würde. Er hatte eine fünftägige Pauschalreise gebucht. Nach Besichtigung der Hauptsehenswürdigkeiten fuhr er kreuz und quer mit Straßenbahn und Bus durch Moskau. Dabei beobachtete er, wie ein Milizionär einen Betrunkenen in einen Park trieb. Nach einer Weile kam der Polizist wieder heraus, diesmal von einer Gruppe Betrunkener verfolgt. „In dem Augenblick wusste ich, dass ich mit einem amerikanischen Cop nicht weit kommen könnte. Alles war anders in Moskau.“ Fünf Tage Beobachtung und viel Hintergrundlektüre reichten Cruz Smith, um „Gorkipark“ zu schreiben, den Roman, der ihn auf einen Schlag weltberühmt machte. Seine Romane um Arkadi Renko sind mit das beste, was überhaupt über die zerfallende Sowjetunion, den Alltag unter der Perestroika, unter Jelzin und Putin geschrieben wurde.
Für sein jüngstes Buch „Treue Genossen“, das soeben auf Deutsch erschienen ist, hat er in der Sperrzone um Tschernobyl recherchiert. Einziger Schutz: ein Dosimeter. Seine Erlebnisse hat er zu einem Reisebericht in die verstrahlte Hölle verdichtet. Bill und seine Frau lieben Kunst, ich empfahl ihnen Caspar David Friedrich, dessen Eismeerbilder sie noch nicht kannten.
Am folgenden Tag wurden in München, wohin das Ehepaar Smith weiterflog, 17° Kälte gemessen.

Rezension zu "Treue Genossen":

….Mit seinem Weltbestseller „Gorki Park“ (1981) hat Martin Cruz Smith unser westliches Bild von Russland nachhaltig geprägt. Gorbatschows, Jelzins, Putins Reich – das ist jenseits aller diplomatischen Rücksichtnahme eine Sequenz von zunehmender Rechtlosigkeit und entfesselter Gewalt. In seinem neuesten Roman „Treue Genossen“ sind wir ganz im Heute angekommen. Selten war ein Thriller so aktuell.
Ein „Neu-Russe“, einer jener Multimilliardäre, die per Anruf im Kreml ein Gesetz ändern können, stürzt aus dem Fenster. So schnell kann man in Moskau fallen, denkt man – und an den ehemaligen Yukos-Chef Michael Chodorkowski, den Putin vom Sockel gestoßen hat. Doch der
Pawel Iwanow des Romans hatte es mit einer anderen Art von Energie als der Ölmilliardär im Gerichtskäfig zu tun: in seinem Kleiderschrank findet Chefinspektor Renko ein Häufchen Salz, in das radioaktive Cäsiumkristalle gemischt sind. Renko, den auch sein neurussischer vorgesetzter Staatsanwalt von dem Verdacht eines Mordkomplotts nicht abbringen kann, ermittelt dort, wo das Cäsium herkommt: in der Todeszone um Tschernobyl, in den Wäldern um die (viel zu spät) evakuierte und aufgegebene Provinzstadt Pripjat.
Seit Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ findet die russische Wirklichkeit einen Spiegel in Gulags, Gefängnissen und Todeszonen. So sieht die Hölle aus: aufgegebene Dörfer, in denen „Selbstsiedler“ lieber an der Strahlenkrankheit sterben als ihre Unabhängigkeit aufgeben, tickende Dosimeter, leuchtende Wölfe, Seen voll mit an Leichen überfressenen Fischen. Hier sucht Renko nach dem Ausgangspunkt des Moskauer Todessturzes, und stößt tief vor in eine verbrecherische Geschichte aus Antisemitismus, staatlicher Gleichgültigkeit gegenüber Millionen Menschen und Blutrache. Der Ost- West- Konflikt, der gerade beinahe die Ukraine zerrissen hat, verläuft mitten durch die Todeszone von Tschernobyl. Cruz Smith, Spezialist für Gesellschaftssysteme in Auflösung, hat mit „Treue Genossen“ ein verstörendes Meisterwerk geschaffen, einen analytischen Schocker wie seinerzeit „Gorki-Park“.
Tobias Gohlis, Buchjournal, Juni 2005

siehe auch Bestenliste Mai 2005 (Rang 8) und Juni 2005 (Rang 5)
Eine weitere Rezension von Tobias Gohlis zu Treue Genossen

Rezension zu: Stalins Geist

Dass seine Kollegen von ihren Diensttelefonen aus einen Service für Auftragsmorde betreiben könnten, wundert den Moskauer Ermittler Arkadi Renko auch nicht mehr. Gangstertum ist im Kriminalroman "Stalins Geist" kein verfemter Teil der sozialen Realität, sondern die Norm für all jene, die sich durchsetzen, die es zu etwas bringen, die sich für andere Gangster unangreifbar machen wollen. Es gibt auch keine Trennlinie zwischen Gangstertum und Politik, sondern es herrscht Ineinanderfließen.
Wenn in "Stalins Geist" vermeintliche Sichtungen des toten Tyrannen in der Metro die alten Veteranen und jungen Ultrapatrioten in Aufregung versetzen, dann halten die Staatsanwälte ihre Finger in den Wind aus den Massengräbern und überlegen, mit wem sie sich gut stellen müssen. Die Romane des Amerikaners Martin Cruz Smith sind bedrückender und kunstvoller als alle russischen Krimis, die es in Übersetzung zu uns schaffen. Es ist ein wenig, als würde da jenes Unheil imaginiert, das wir in Putins Zügen zu erkennen fürchten.
Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung
(…) Keine Legende hingegen scheint zu sein, dass in der Moskauer U-Bahn Stalin persönlich umgeht. Oder doch sein Geist? Eine Reinkarnation? Ein Menetekel im Putin-Russland? Arkadi Renko muss ran, inzwischen Ermittler bei der Staatsanwaltschaft. Und er tappt hinein in ein Delirium aus russischer Realpolitik, Tschetschenienkrieg und viel, viel Gewalt. Grandios, der neue Roman von Martin Cruz Smith: Rätselhaft, opak, grimmig-komisch und glasklar die politischen und sozialen Bewegungen der Zeit beobachtend, denn es ist keineswegs nur ein russisches Problem, was sich in Russland abspielt. Großer Roman!
Thomas Wörtche/Plärrer

Siehe auch Bestenliste Januar 08 (Rang 1), Bestenliste Februar 08 (Rang 1)


Interessante Links:

Infoseite von Cruz Smith’ deutschem Verlag D/ E
Homepage des Autors in seinem deutschen Verlag D
Homepage des Autors ENG
Biographie und Werke bei Krimi-Couch
Wikipedia ENG
Wikipedia D

Erstellt: 18-10-05
Letzte Änderung: 24-10-08