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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Krimiautoren A-Z - 24/07/08

Andrea Maria Schenkel

Der 1962 in Regensburg geborenen Autorin gelang 2006 mit ihrem Kriminalroman „Tannöd“ eines der fulminantesten Debüts der deutschen Literaturszene. Die Mutter von drei Kindern lebt als Hausfrau in einem kleinen Ort bei Regensburg. „Tannöd“ stand 2006 von Februar bis Mai vier Monate in Folge auf der KrimiWelt-Bestenliste, wurde 2007 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und wurde von der KrimiWelt-Jury zu einem der zehn besten Krimis des Jahres 2006 gewählt. Sie stürmte außerdem alle Bestsellerlisten. Von Tannöd wurden (Stand 1/ 2008) mehr als 550.000 Exemplare verkauft, das Hörbuch mit Monica Bleibtreu wurde zum besten Hörbuch des Jahres gewählt und am 21.4.2007 bekam das Buch den Friedrich-Glauser-Preis für das beste Krimi-Debüt. Im September 2007 erhält Andrea Maria Schenkel den Corine-Preis in der Kategorie Weltbild-Leserpreis.
2008 wurde „Kalteis“, wie im Jahr zuvor „Tannöd“, mit dem ersten Platz in der Kategorie National des Deutschen Krimipreises ausgezeichnet. Kalteis wurde ebenfalls Bestseller: 230.000 Exemplare waren bis Januar 2008 verkauft.

Rezensionen zu Tannöd:

Nomen est Omen: Tannöd, der Ort, der Andrea Maria Schenkels Debütroman den Namen gibt, ist, von ein paar Tannen und einem Gehöft abgesehen, wirklich unendlich öde. Ein vergessener Ort im Niemandsland, weitab vom nächsten Dorf und auch von den nächsten Nachbarn; ein Ort, wie er typisch ist für viele Gegenden Bayerns: Verlassen scheinende, bigotte Winkel, in denen die Zeit stehen geblieben scheint – und in denen mit harten Bandagen gelebt wird.

Zum Beispiel die Familie Danner, die einen Einödhof in der Nähe eines kleinen Dorfes in einer namenlosen Gegend des fränkischen Bayerns bewohnt – bzw. bewohnt hat: Die Danners sind nämlich sämtlich in der tiefschwarzen Nacht von einem Wahnsinnigen erschlagen worden, mit der Axt. Nachbarn haben die Leichen gefunden, nachdem von den Danners samt Kindern und Magd einige Tage lang nirgendwo etwas zu sehen gewesen war. Dann also der grausige Fund; von dem Tag an wird der Tannöd-Hof nur noch Mordhof heißen.

Andrea Maria Schenkel am 17. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseAndrea Maria Schenkel hat diese Geschichte, die sich in den zwanziger Jahren tatsächlich ereignete, in ihrem Debütroman „Tannöd“ in die Nachkriegs-Fünfziger verlegt; vermutlich aus dramaturgischen Gründen, weil die gerade vergangenen Kriegswirren zusätzlich Motivations- und Verdachtsmaterial für die unfassliche Tat liefern, die das Land um den Hof herum erschüttert. Wo und wie die Wellen dieser Erschütterung verlaufen, dem spürt der Roman nach, indem er verschiedene Dorfbewohner über die Danners Auskunft geben lässt. Der Leser wird so zum Ermittler, er ist es, dem Bericht erstattet wird. Neben dem Mord im Tannöd untersucht er zugleich aber die Mentalität der Zeit, die sich in den Zeugenstimmen direkt oder indirekt äußert; und zwischen beidem, der Tat und ihren Kontexten, gibt es natürlich viele Zusammenhänge...
„Tannöd“ changiert zwischen Erzählung und Bericht, zwischen Chronik und Alptraum, zwischen Kriminalstück und Gesellschaftsportrait. Letztlich erzählt dieser kleine, wohl konstruierte, sprachlich perfekt reduzierte Kriminalroman, wie Weltabgewandtheit, Bigotterie und blinder Paternalismus Charaktere verformen, Lebenswege bestimmen – und wie sie letztlich diejenigen, die ihnen ausgesetzt sind, zwangsläufig ins Unglück führen. Das hat man in der einen oder anderen Form zwar durchaus schon öfter gelesen; „Tannöd“ steht in bester Tradition kritischer alpenländischer Heimatliteratur. Trotzdem birgt dieses Buch eine ganz besondere Aktualität: Es belegt die Alpträume, die falsch verstandener fundamentalchristlicher Glauben, wie man ihn überall in Bayern findet, verursachen kann. Und damit setzt Anna Maria Schenkel einen Akzent – gegen blinden Glauben, für klares Denken.
Ulrich Noller/Funkhaus Europa/ Febraur 2006


Vielleicht wirkte in dem ganzen Gewese um den "Regionalkrimi" in den vergangenen Jahren auch so etwas wie eine List der Vernunft. Die könnte zum Beispiel darin bestehen, die deutsche Provinz zum ernsthaften Thema von Kriminalliteratur zu machen. So wie zum Beispiel die Franzosen immer auch ihre Provinzen zum völlig selbstverständlichen Schauplatz kriminalliterarischen Erzählens gemacht haben. Man denke zum Beispiel an (obschon Belgier) Simenon, man denke an Pierre Magnan, an Jean-Patrick Manchette und ganz besonders an Didier Daeninckx, bei dem - wie bei Simenon auch - Provinz häufig mit Geschichte gekoppelt ist. Und damit gebunden an die politischen Zeitläufte. So könnte selbst aus einem Bauernhof irgendwo in der Oberpfalz ein natürlicher Schauplatz von Kriminalliteratur werden - ohne Tourismuseffekt, ohne Lokalfolklore, ohne alle Untugenden des Marketing-Konzepts "Regionalkrimi". Genau das funktioniert in „Tannöd“, dem Erstling von Andrea Maria Schenkel. Und zwar prächtig.

Auf einem düsteren Einödhof wird die ganze Bauersfamilie Danner ermordet: Vater, Mutter, Tochter, die Enkelkinder und die Magd. Eine eigenbrötlerische Familie waren sie; wohlhabend zwar, aber engstirnig, geizig, verschlossen, ohne Lebensfreude, immer auf den eigenen Vorteil schauend. Desgleichen das Umfeld. Wenige Jahre "nach dem Zusammenbruch", also dem Ende des Zweiten Weltkriegs, mitten in der restaurativen Phase der Bundesrepublik Deutschland, deren Wirtschaftswunder an der agrarischen und kargen Oberpfalz noch vorbeiging. Die ländliche Gemeinschaft hat einerseits eine hohe soziale Kontrolle, andererseits eine schwach entwickelte kommunikative Kultur. Die Leute sind misstrauisch, wortkarg und klatschsüchtig gleichzeitig. Man munkelt und raunt, man vermutet und verdächtigt. Ein rigider, rückständiger Katholizismus engt das Denken und den Horizont ein. Der Nationalsozialismus, konkreter: Die auf den Höfen eingesetzten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sorgen für die Leichen im Keller. Die Landschaft ist nicht heiter und offen, sondern finster und verschlossen, neblig, nass und kalt.

Die Mordtat auf dem Danner-Hof erscheint in diesem Ambiente fast logisch, unausweichlich. Dennoch vermeidet Schenkel einen solchen Kurzschluss. Nicht "die Provinz" an sich ist mörderisch, zum Mord kommt es unter Menschen. Und die porträtiert die Autorin auf nur 125 Seiten ganz meisterhaft. Sie inszeniert einen nicht näher spezifizierten, knapp agierenden Erzähler und fächert ansonsten die Erzählinstanzen auf: Die Pfarrersköchin, der Pfarrer, der Postbote, der Landwirtschaftsmaschinenmechaniker, der Strolch, die Kramladeninhaberin, der Nachbar und alle anderen dramatis personae berichten den Ausschnitt der Geschichte, den sie kennen. Über die Opfer und den Täter jedoch mutmaßen sie nur. Vom Teufel bis zum ortsfremden, vagabundierenden Räuber werden alle Möglichkeiten durchgenommen. Keine stimmt. Nur uns Lesern erschließt sich aus dem Mosaik die ganze Tragödie der Familie, die dann doch nicht so läuft, wie das Klischee es will. Dass der alte Danner ein Haustyrann ist, der vor Inzest nicht zurückschreckt, liegt im Rahmen des Erwartbaren. Dass sein Opfer schon längst die Machtverhältnisse umgedreht hat, hingegen nicht. Dass unter dem dumpfesten Provinzlertum einfach auch Menschenfreundlichkeit und Toleranz herrschen kann, im nächsten Moment aber wieder durch blanke Not geborene Engherzigkeit, das trägt zum differenzierteren Bild der erzählten Welt bei, die bei hellerem Licht auch eine friedliche Dorfidylle sein könnte.

Angesichts des knappen Umfangs dieser Dorfgeschichte mit Mord ist das alles schon eine sehr bemerkenswerte erzählerische Leistung. Zudem vermauert Schenkel auch sprachlich den Zugang zu Figuren und Milieu nicht. Sie lässt ihre Personen kein abgebildetes Oberpfälzisch sprechen (das wäre in der Tat wenig kommunikativ), sondern deutet den manchmal arg restringierten Code ihrer Figuren nur durch eine Art milden Kunst-Dialekt an, der lediglich den Soziolekt aufruft und bewusst macht, dass dumpfe Bluttaten auch in Kommunikationsdefiziten wurzeln können. »Tannöd« ist ein sehr individuelles, eigenständiges Buch. Es beweist einmal mehr, dass die allmählich wieder aufkeimende deutsche Krimi-Landschaft eher von Solitären als von Trends geprägt wird. Und das ist gut so.
Thomas Wörtche/ Freitag Februar 2006


Rezension von Tobias Gohlis
Buchtipp bei ARTE 9.3.2006


Rezension zu Kalteis:
Johann Eichhorn wäre als einer der berüchtigsten Verbrecher in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen, hätten die unendlich größeren Verbrechen der Zeit seine Gewalttaten nicht überdeckt. Seit 1931 wurde Eichhorn als „Schrecken des Münchener Westens“ gesucht. Fünf Frauen hatte er ermordet, hatte sich an den Leichen vergangen und sie zerstückelt. Der Schlosser hatte ein beinahe perfektes Doppelleben geführt. Tagsüber NSDAP-Mitglied, Ehemann und Vereinsbruder, nachts Vergewaltiger und Mörder. Hingerichtet wenige Wochen nach Weltkriegsbeginn.
Der Serienkiller und Frauenmörder, der ein Nazi war, das wäre fetter Stoff für Epen und Kolportagen. Andrea Maria Schenkel hat jedoch aus den Dokumenten des historischen Falls Eichhorn einen schmalen, konzentrierten Roman gemacht. In "Kalteis", so der lapidare Titel, ist jede naheliegende sensationslüsterne Verschwulstung von Nazismus und Machismo vermieden. Es geht, jetzt zum zweiten Mal, um den Schrecken des Todes. Das ist Andrea Maria Schenkels Thema.
Das Entsetzen vor dem Hereinbrechen des Todes, vor der urplötzlichen Gewalt, bildete schon den heißen Kern von Schenkels Debütromans "Tannöd". Nach der Lektüre ihrer Bücher empfindet man etwas ganz Seltenes, Schlichtes: Mitleid mit den Opfern und auch mit dem Täter, letztlich Mitleid mit uns selbst.
Empathie ist ein rares Gut, und nur wenige verstehen sie so zu wecken wie Andrea Maria Schenkel. In "Kalteis"gelingt ihr das erneut, und noch eindringlicher. Nicht der Täter Josef Kalteis und seine ebenso unergründlichen wie trivialen Motive – kaum versiegende Quelle aller Serienkiller-Thriller – stehen im Zentrum, sondern die Tat. Der Mann ist hingerichtet, und Schenkel zitiert gerade so viel aus Vernehmungsprotokollen und Gerichtsakten, dass man ihn nicht völlig aus den Augen verliert.
Wie in "Tannöd"rekonstruiert sie in Zeugenaussagen und Protokollnotizen, in knappen plastischen Skizzen ein Stück vom Leben - und das Sterben der fünf Opfer. Anstatt jede Mordtat für sich zu erzählen, teilt sie die einzelnen Elemente der Tat – das lustvolle Aufspüren dunkelhaariger Frauen bei Radpartien ins Umland, das Ansprechen, die Vergewaltigung, die Tötung, die Zerstückelung, das Verbergen der Leichenteile – so auf, dass erst am Ende, als die letzte junge Frau umgebracht wird, eine vollständige Ermordung mit allen obszönen, verstörenden Details erzählt ist. Bei jedem Schritt, jedem Opfer stellt sich dem Leser schärfer, banger die Frage: „Wie weit wird er denn noch gehen?“ Im Kontrast zu dieser Unausweichlichkeit des Tatfortschritts verblüht das kurze Leben der sechzehnjährigen Kathie. Naiv und hoffnungsfroh ist sie vom Land nach München gezogen, um dort eine Anstellung zu finden. Da sie bei Bekannten nur vorübergehend unterkommen kann und bald mittellos ist, muss sie sich Männern andienen, um ein Bett für die Nacht und etwas zu Essen zu bekommen. Auch die proletarische Bohème, die sich um das Lokal „Soller“ abspielt, bietet nur vorübergehend Schutz und Trost. Gerade eine Woche große Stadt erlebt sie, bis sie den Mann trifft, dem sie „unter den Händen bleiben“ wird."Kalteis" trifft ins Herz. Nicht nur durch die genaue Schilderung des Milieus, die Schenkel den Erzählungen ihrer Großmütter und Tanten verdankt. Deren Sehnsüchte sind in den Wunschträumen Kathies aufbewahrt.  Kalteis ist ein Kriminalroman besonderer Art. Der literarische, gefilmte, so und so oft wiederholte Mord, den wir im Krimi voll Lustangst genießen, um uns die Wirklichkeit des Sterbens vom Leibe zu halten, wird von Andrea Maria Schenkel schmucklos ins Erleben zurückgeholt. Und erschüttert deshalb umso mehr.
Tobias Gohlis/Die Zeit

Die wichtigsten Links:


Website der Editon Nautilus zu ihrer Autorin
Rezension von Michael Schweizer bei Perlentaucher
Rezension von Dieter Paul Rudolph
AM Schenkel bei ARTE, Leipziger Buchmesse 2006
AM Schenkel und Friedrich Ani bei ARTE Leipziger Buchmesse März 2007 mit Videostream

Zum Fall, der „Tannöd“ zugrundeliegt:
Robert Steiners Seite über den Fall Hinterkaifeck
Wikipedia zu Hinterkaifeck


Erklärung des Nautilus-Verlegers zu den Plagiatsvorwürfen gegen Andrea Maria Schenkel

Ab dem 8. 9. 2007 strahlt der ZDF-Infokanal ein 15-Minuten-Porträt der Autorin von Tobias Gohlis und Martin Schöne in der Reihe „Crime Time“ unter dem Titel „Gesichter der Toten“ aus.

Erstellt: 02-04-07
Letzte Änderung: 24-07-08