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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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21/06/06

Zurufe der Jury

Rezensionen zu Krimis der April-Bestenliste


Andrea Maria Schenkel: Tannöd

Nomen est Omen: Tannöd, der Ort, der Andrea Maria Schenkels Debütroman den Namen gibt, ist, von ein paar Tannen und einem Gehöft abgesehen, wirklich unendlich öde. Ein vergessener Ort im Niemandsland, weitab vom nächsten Dorf und auch von den nächsten Nachbarn; ein Ort, wie er typisch ist für viele Gegenden Bayerns: Verlassen scheinende, bigotte Winkel, in denen die Zeit stehen geblieben scheint – und in denen mit harten Bandagen gelebt wird.
Zum Beispiel die Familie Danner, die einen Einödhof in der Nähe eines kleinen Dorfes in einer namenlosen Gegend des fränkischen Bayerns bewohnt – bzw. bewohnt hat: Die Danners sind nämlich sämtlich in der tiefschwarzen Nacht von einem Wahnsinnigen erschlagen worden, mit der Axt. Nachbarn haben die Leichen gefunden, nachdem von den Danners samt Kindern und Magd einige Tage lang nirgendwo etwas zu sehen gewesen war. Dann also der grausige Fund; von dem Tag an wird der Tannöd-Hof nur noch Mordhof heißen.
Andrea Maria Schenkel hat diese Geschichte, die sich in den zwanziger Jahren tatsächlich ereignete, in ihrem Debütroman „Tannöd“ in die Nachkriegs-Fünfziger verlegt; vermutlich aus dramaturgischen Gründen, weil die gerade vergangenen Kriegswirren zusätzlich Motivations- und Verdachtsmaterial für die unfassliche Tat liefern, die das Land um den Hof herum erschüttert. Wo und wie die Wellen dieser Erschütterung verlaufen, dem spürt der Roman nach, indem er verschiedene Dorfbewohner über die Danners Auskunft geben lässt. Der Leser wird so zum Ermittler, er ist es, dem Bericht erstattet wird. Neben dem Mord im Tannöd untersucht er zugleich aber die Mentalität der Zeit, die sich in den Zeugenstimmen direkt oder indirekt äußert; und zwischen beidem, der Tat und ihren Kontexten, gibt es natürlich viele Zusammenhänge...
„Tannöd“ changiert zwischen Erzählung und Bericht, zwischen Chronik und Alptraum, zwischen Kriminalstück und Gesellschaftsportrait. Letztlich erzählt dieser kleine, wohl konstruierte, sprachlich perfekt reduzierte Kriminalroman, wie Weltabgewandtheit, Bigotterie und blinder Paternalismus Charaktere verformen, Lebenswege bestimmen – und wie sie letztlich diejenigen, die ihnen ausgesetzt sind, zwangsläufig ins Unglück führen. Das hat man in der einen oder anderen Form zwar durchaus schon öfter gelesen; „Tannöd“ steht in bester Tradition kritischer alpenländischer Heimatliteratur. Trotzdem birgt dieses Buch eine ganz besondere Aktualität: Es belegt die Alpträume, die falsch verstandener fundamentalchristlicher Glauben, wie man ihn überall in Bayern findet, verursachen kann. Und damit setzt Anna Maria Schenkel einen Akzent – gegen blinden Glauben, für klares Denken.
Ulrich Noller/Funkhaus Europa

David Peace: 1977

Er hat den Deutschen Krimipreis gewonnen, er hat wochenlang die Krimibestenliste angeführt, er verführte die Kritiker reihenweise zu Lobeshymnen: David Peace, geboren 1967 in Yorkshire, England, ist hierzulande im Moment der angesagteste Kriminalschriftsteller.
Grund für all den Hype ist der Roman „1974“, erster Teil des so genannten „Red Riding Quartetts“, in dem Peace die englische Geschichte der siebziger und achtziger Jahre aufarbeitet; ein düsterer, brutaler, illusionsloser, hyperrealistischer Kriminalroman, der auf literarisch ambitionierte Weise zeigt, wie korrupt und kaputt die englische Gesellschaft war oder ist. Der Roman ist inspiriert von den Ereignissen um den Yorkshire-Ripper, einem in den siebziger Jahren aktiven Serienmörder; ein prägendes Kindheitserlebnis für David Peace.
Der Yorkshire-Ripper – oder einer seiner vielen Schatten – verkörpert auch in „1977“, dem eben erschienenen zweiten Teil der Serie, das Böse. Ein Killer entführt, vergewaltigt und tötet junge Prostituierte, und das auf bestialische Weise; die Polizei ermittelt auf Hochtouren; kommt aber lange, viel zu lange nicht zu greifbaren Ergebnissen. David Peace verfolgt und vermittelt das Geschehen aus zwei Perspektiven: Die Sichtweise des Journalisten Jack Whitehead spiegelt er mit der des Polizisten Robert Fraser; beide sind auf unterschiedliche Weise den Huren von Chapeltown verfallen; klar, dass sie nicht nur besonders daran interessiert sind, dass die Mordserie aufgeklärt wird, sondern auch Garanten dafür, dass die Ermittlungen eher früher als später noch komplizierter werden, als sie es eigentlich sein müssten. Denn beide, Whitehead wie Fraser, sind am Ende viel drastischer in die Geschehnisse verwickelt als es anfangs scheint…
„1977“ ist noch radikaler und kompromissloser als „1974“, sein Vorgänger. Kaum vorstellbar, wie korrupt die Gesetzeshüter sind, wie rassistisch, wie grausam sie ihre Verdächtigen quälen, wie sehr sie ihren Trieben ausgeliefert sind – und sie sind noch nicht einmal die auf der falschen Seite des Gesetzes… Dieser Kriminalroman ist einfach atemberaubend – auch wenn David Peace sich mit zunehmender Annäherung an den Höhepunkt seiner Geschichte zusehends ins Delirium, in die Hölle der Verderbtheit und des Bösen schreibt. Es gibt kein Entrinnen, und die Auflösung, das Geschehene, die Realität ist so unsagbar, dass David Peace um die richtigen Worte wie in einem Überlebenskampf ringen muss, um nicht zu verzweifeln und um zu begreifen. Schreiben, das merkt man, ist für diesen Autor vor allem auch Therapie. Aber das ist zugleich auch das Tröstliche an dieser Vision des Düsteren: Dass aus so viel Hass, Blut und Tränen herausragende Literatur, also letztlich etwas Schönes entstehen kann.
Ulrich Noller/Funkhaus Europa

Wer dieser Tage David Peace auf seiner Lesereise durch Deutschland erlebt hat, konnte sich dem hypnotischen Rap seines Vortrags schwer entziehen. Die grauenhaften forensischen Details, die Peace den realen Fällen entnommen hat, schwimmen gewissermaßen als erkaltende Brocken in der Lava dieses Gefühlsstroms. Seine Helden sind Verlassene und Verzweifelte, ihnen steht keine Moralität bei, weder die ihres Berufes noch die der Religion. Als Reporter und Polizist sind sie nur nicht ganz so korrupt wie die Kollegen, als Menschen einsam und von Gott verlassen. Hiob ist ihr Bruder, an den Hauswänden ihrer Stadt verkünden Graffiti „Hass, Blut und Feuer“, ihr Song ist Psalm 88: „Meine Seele ist übervoll an Leiden, und mein Leben ist nahe dem Tode. Deine Schrecken vernichten mich. Sie umgeben mich täglich wie Fluten.“ Das ist nicht U wie unterhaltend, sondern E wie blutiger Ernst. Peace schreibt mit der Wucht und Unerbittlichkeit eines Beckett, Jack Whiteheads letzter Gedanke vor dem Tod: „keine Zukunft“.
Tobias Gohlis/DIE ZEIT


Carl Hiaasen: Der Reinfall

Tool ist einsachtundachtzig groß und wiegt 130 Kilo. Sein Oberkörper ist so dicht behaart, dass er eigentlich kein Hemd tragen mag. Früher hat er hauptberuflich Wanderarbeiter schikaniert, gegängelt und zusammengeschlagen, heute ist er der Mann fürs Grobe bei einem Agrargroßunternehmer. Weil er eine nicht rausoperierte Kugel in der Falte „zwischen seinen gewaltigen Gesäßbacken“ stecken hat, ist er abhängig von dem Schmerzmittel Fentanyl, für das er keine Rezepte hat. Aber Fentanyl gibt es glücklicherweise auch als Heftpflaster, die vor allem bei sedierten und finalen Krebspatienten benutzt werden. Also dringt Tool bei Tag und Nacht in Pflegeheime und Krebsstationen ein und zieht den moribunden Greisen die Pflaster vom Körper. Ein Feingeist ist er auch - vor seinem Wohnmobil kultiviert er ein allerliebstes Gärtchen, das mit von den Highwayrändern weggeklauten Unfallkreuzen nebst deren Blumenschmuck vollgestellt ist.
Tool ist, man kann es nicht übersehen, eine Figur aus dem Universum von Carl Hiaasen. „Der Reinfall“ heißt der neue Roman, der zum zehnten Mal Hiaasens großes Thema variiert: Die Zerstörung und Ausplünderung von Floridas herrlicher Naturlandschaft, den Everglades. Was 1986 mit „Tourist Season“ (dt.: „Miami Terror“) begann, fügt sich mittlerweile zu einem bemerkenswerten Gesamtwerk, das nicht nur ganz konkret Florida meint, sondern ein ganzes Panorama der Zerstörungskraft von gesamtgesellschaftlichen Neurosen zeigt.
Eine zutiefst gierige, eitle und bratzblöde Gesellschaft legt die Axt an ihre eigenen Wurzeln. Widerstand leisten bei Hiaasen - da ist er ganz Amerikaner - die Außenseiter, die Aussteiger, die Intelligenteren. Zu denen letztendlich auch der monsterhafte Tool gehören wird.
Bis es allerdings paradoxer- und dennoch plausiblerweise soweit kommt, haben wir eine sehr komische, sehr rührende und kunstvoll leicht erzählte Geschichte gelesen. Eine Frau wird während einer Kreuzfahrt von ihrem Gatten einfach über Bord geschmissen, überlebt wundersamerweise, tut sich mit dem Aussteiger Mick Stranahan zusammen, den Hiaasen-Leser aus seinem ultimativen Roman über plastische Chirurgie, „Skin Tight“ (dt: „Unter die Haut«, 1989) kennen und kommt dem erbärmlichen Gatten auf sein erbärmliches Spiel. Der nämlich fälscht als Beamter der Wasserschutzbehörde zugunsten Tools Arbeitgeber und Agro-Tycoon Red Hammernut Abwasserwerte, was Millionen von Dollars spart, die der Tycoon lieber in die Korruption von Politik und Justiz investiert.
Hiaasens Galerie des fortlaufenden Wahnsinns, seine Porträts von Durchgeknallten, Spinnern, Exzentrikern, gewalttätigen Irren, skrupellosen Geschäftemachern und erstaunlich dummen Menschen kombiniert mit dem Umwelt-Thema könnte theoretisch zu einer gewissen Eintönigkeit des Gesamtwerks führen. Aber Hiaasen beherrscht die unendlichen Variationen von Motiv und Ausführung perfekt: Dem wütenden, gemeinen, gewaltstrotzenden, bitterkomischen Furor der ersten Romane gesellen sich nach und nach andere Affekte zu. Hier, in „Der Reinfall«, gestattet er sich Sentiment, mit gelassener Souveränität. (…)
Kriminalliteratur und Gesellschaftskomödie (nicht -groteske) geraten in ein neues, spannendes Verhältnis. Nicht die ganze Welt ist irre böse - diese kluge Einsicht verspricht mehr Erkenntnisgewinn und ästhetischen Genuss als sämtliche „Alles-ist-schlecht-Romane“zusammen.
Nicht, dass dieses Prinzip Hiaasen hindert, die Schurken ihrem gerecht-absurden Ende zu überantworten; nicht dass deswegen ein Irrwitz weniger irrwitzig wäre, aber die Variabilität der Affekte beherrscht er so glänzend wie Lubitsch in „Sein oder Nichtsein“. Und das ist schließlich einer der bösesten Filme, der je gemacht wurde.
Thomas Wörtche/Freitag


Arne Dahl: Rosenrot

Für mich ist Arne Dahl der beste europäische Krimiautor. Beweis: Sein neuer Roman „Rosenrot“, der fünfte seiner auf zehn Titel geplanten Reihe um die Stockholmer „A-Gruppe“. Diese „Spezialeinheit zur Bekämpfung von Gewaltverbrechen mit internationalem Charakter“ verwirklicht die Utopie des intelligenten Teams: Phantasievoll, jede und jeder einzelne ein As, Leute mit Empathie, Bildung und Fingerspitzengefühl. Meist sind die Verbrechen weitreichend und immer brutal, verzwickt sowieso. In diesem Fall auch noch fies. Ein Polizist ermordet einen Asylanten, um ein weitaus brutaleres Verbrechen zu verdecken. Lassen Sie den neuen Mankell („Kennedys Hirn“) stehen, lesen Sie was Gescheites.
Tobias Gohlis/Literarische Welt


Max Bronski: Sister Sox

Erinnern Sie sich noch an die Asyldebatte? In den achtziger und neunziger Jahren ging es darum, wie viele „Fremde“ Deutschland vertragen kann. Heute, historisch gesehen nur einen Wimpernschlag später, sind die Kinder dieser Einwanderer mitten in der Gesellschaft angelangt, und ihr Da-Sein ist so etwas von normal, dass einem die Debatten von damals gespenstisch vorgestrig vorkommen. Die Kinder schwarzafrikanischer Einwanderer trifft man zum Beispiel Heine lesend in der Straßenbahn, über Gewalt an der Schule sprechend bei Johannes B. Kerner, deutsche Texte rappend in den Hitparaden – und Spuren hinterlassend jetzt auch in der Literatur, zum Beispiel in dem großartigen Kriminalroman „Sister Sox“ von Max Bronski.
Sister Sox, das ist das Pseudonym von Pia Sockelmann, einer dunkelhäutigen Schönheit, die das Glück hatte, als HipHop-Sängerin groß rauszukommen. Ein, zwei, drei Platten funktionierte ihre Karriere sehr gut, dann brachen die Verkaufszahlen ein, und Pia kam in richtig schlimme Schwierigkeiten, mit Drogen, mit Pornofilmchen, mit üblen Halbweltlern – und mit einer toten Freundin.
So zumindest ist die Lage, wie sie sich Wilhelm Gossec darstellt. Gossec lebt im Münchener Schlachthofviertel, er verdient sein Geld mit Haushaltsauflösungen und er ist Pias Ziehvater. Eines heißen Sommertages bekommt Gossec eine Nachricht von Pia, sie sei in Schwierigkeiten, sie brauche dringend seine Hilfe. Als Gossec, der zunächst anderes zu tun hatte, endlich handelt, findet er in Pias Badewanne eben deren tote Freundin, während seine Ziehtochter spurlos verschwunden ist – und das ist erst der Anfang eines Strudels an aufregenden Ereignissen, in die der Trödler von da an unweigerlich gerät, und zwar zusammen mit Carmello, Pias Verehrer…
Wie gesagt: Die Kinder der Einwanderer sind angekommen. Pias halbafrikanische, Carmellos durch und durch italienische Herkunft, so etwas muss dieser klasse Krimi nicht mehr als Teil der deutschen Realität beschreiben und bewerben; vielmehr berichtet er aus einer Wirklichkeit, die ohne Menschen wie Pia und Carmello längst nicht mehr denkbar ist; gewissermaßen nach dem Motto: Sie sind Deutschland; und zwar das Deutschland, vor dem uns unsere Eltern und ihre Volksvertreter immer gewarnt haben. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil ihre Geschichte kein politisch korrektes Pamphlet ist, sondern einer der korrektesten deutschen Krimis der letzten Jahre: „Sister Sox“ ist schnell, witzig und raffiniert erzählt; ein hoch aktueller, bundesdeutscher Großstadtnoir mit Bestsellerpotential; der Beweis, dass man auch in Derricks ach so sauberem München einen richtig fetzigen, knalligen, bösen Kriminalroman ansiedeln kann.
Ulrich Noller/Funkhaus Europa

Aus München kommt etwas technisch perfektes. Sister Sox von Max Bronski. Wer immer sich hinter diesem Pseudonym versteckt (oder auch nicht), hat alle seine amerikanischen Hardboiler gut gelesen. Erzähltechnisch hat er sie auch verstanden. Schade nur, dass er sich auch gleich die Münchner Welt nach solchen Mustern biegt. Klar, München leuchtet nicht nur, es stinkt. Aber diese Erkenntnis hätte ich gerne präziser und abseits der Prostitution/Porno/Koks/Russen vs. Italo-Mafia-Module erzählt bekommen. Denn die stammen, wie die „Inspektoren“ der Münchner Kripo aus dem TV-Klischeekästchen eines Realitätsverweigerers. Und das schadet einem Erzähltalent, denn für eine Parodie reicht's nicht, und für noch ein Hardboiler-Pastiche besteht eigentlich kein Anlass. Schade!
Thomas Wörtche/Plärrer


Heinrich Steinfest: Ein dickes Fell

Anfang März ist ein neuer Steinfest in die Buchhandlungen gekommen. „Ein dickes Fell“ heißt er, ist mit 600 Seiten tatsächlich sehr dick geraten und versammelt alles, was die Fans des in Stuttgart lebenden Wieners an ihm schätzen: Eine metaphernreiche Sprache, eine skurrile Geschichte, absurde Todesfälle, ausgiebige Reflexionen. Und endlich auch wieder den Privatdetektiv Cheng – der ermittelt in seinem dritten und angeblich letzten Fall.
Sie sind skurril, aber plausibel, die Romane von Heinrich Steinfest. Darauf legt der Autor Wert.
Was allerdings in seinem neuesten Roman geschieht, das verlangt dem Begriff des Plausiblen doch einiges ab: Denn im Kern dreht sich der Roman um die Original-Rezeptur von 4711, die bis heute geheim gehalten wird. Der ersten aller 4711-Flaschen, sozusagen dem Ur-Destillat, werden wundersame Wirkungen nachgesagt: Erstens könne man mit ihm einen Golem zum Leben erwecken, zweitens ewiges Leben erreichen und drittens die Zerstörung der Welt bewerkstelligen. Und deshalb ist eine Gruppe unterschiedlicher Menschen auf der Jagd nach diesem Ur-Destillat.
Weil Heinrich Steinfest der Überzeugung ist, dass die sichere Realität, in der wir uns bewegen, nichts weiter als Einbildung, Konvention, Übereinkunft ist, ist ein wichtiges Ziel seines Schreibens, das, was wir Wirklichkeit nennen, anders als wir es gewohnt sind, darzustellen. Neuartig. Vielleicht irritierend. Das führt dazu, dass seine Sprache überbordet vor originellen Bildern – da sehen etwa weibliche Lippen aus wie „Schnecken beim Turnen“ und ein Wein besitzt den „Teint einer zerquetschten Prinzessin“.
In seinem neuesten und neunten Kriminalroman „Ein dickes Fell“ schlägt er insgesamt einen etwas versöhnlicheren Ton an, als man es bisher von ihm kennt. Cheng, der einarmige, hinkende, chinesischstämmige Privatdetektiv erfährt, nachdem er im ersten Fall komplett demontiert wurde und im zweiten seine Würde wiedererlangte, nun in seinem dritten Fall so etwas wie eine Menschwerdung. Dazu gehört auch – man höre und staune – eine private Idylle samt dazugehörigem Sex.
Heinrich Steinfest hat schon viele bemerkenswerte Kriminalromane geschrieben, doch „Ein dickes Fell“ ist sein bester: Sarkastisch, doch versöhnlich, anarchisch, doch formbewusst, burlesk, doch ernsthaft - und durch und durch melodisch.
Kathrin Fischer/Hessischer Rundfunk


Ulrich Ritzel: Uferwald

Seit er 1999 „Der Schatten des Schwans“ herausgebracht hat, gilt der Ulmer Autor Ulrich Ritzel als einer der besten deutschen Kriminalautoren. Im Jahr 2001 wurde er für seinen zweiten Krimi „Schwemmholz“ mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Mittlerweile hat der ehemalige Gerichtsreporter fünf Kriminalromane und einen Band Erzählungen geschrieben. „Uferwald“ ist gewohnt vielschichtig und spannend.
Hinter der Oberfläche der Geschichte verbergen sich bei Ulrich Ritzel immer mehrere andere Geschichten. Im aktuellen Roman „Uferwald“ steht das Tagebuch des 24-jährigen Tilman Gosslers im Mittelpunkt des Geschehens. Kriminalkommissar Markus Kuttler findet es bei einer Routineuntersuchung in der Wohnung von Tilmans Mutter, die monatelang tot in ihrer Wohnung gelegen hat.
Tilman, der sieben Jahre vorher bei einem mysteriösen Fahrradunfall ums Leben kam, berichtet in diesem Tagebuch von seiner Clique, seinem Studium, seiner Liebe zu der schönen Solveig.
Ist diese Perspektive Ulrich Ritzel schwer gefallen? Nein, sagt er, denn Tilman habe viel Ähnlichkeit mit dem 24-jährigen, der er selbst einmal war.
Markus Kuttler und seine Kollegin Tamar Wegenast, die man beide schon aus den früheren Romanen Ritzels kennt, beginnen aus purem Interesse zu ermitteln und stellen fest, dass Tilman Gossler offenbar, wenn auch eher zufällig, so doch einem Skandal auf der Spur war, der sich bis in die feine Ulmer Gesellschaft zieht.
Bei Ulrich Ritzel gibt es nicht eine Stimme, die autoritär die Geschichte in eine erzählbare Haltung zwingt, sondern verschiedene Perspektiven fügen sich zu einem Geflecht, das man als die Geschichte hinter der Geschichte bezeichnen kann.
Diese Vielstimmigkeit macht die Vielschichtigkeit seiner Romane aus, die mit einem guten Sinn für Dramaturgie und Tempo in wechselnden Schnitten gleichsam filmisch erzählt werden. Und sie macht eine gewisse demokratische Erzählhaltung aus, da es eben nicht eine Interpretationsinstanz des Geschehens gibt.
Diese ästhetische Grundhaltung passt zu den Geschichten, die Ulrich Ritzel erzählt, Geschichten, in denen die Mächtigen entweder die Interessen der Ohnmächtigen ignorieren oder diese gar instrumentalisieren.
Kathrin Fischer/Hesssischer Rundfunk

Ulrich Ritzel ist ein Phänomen: Vom Späteinsteiger, der erst mit Ende 50 anfing, literarisch zu schreiben, entwickelte der Ulmer Autor sich binnen einiger Jahre zum großen alten Mann der deutschen Kriminalliteratur. Und das mit drei Romanen, die bei einem kleinen Verlag namens Libelle entstanden, den bis dahin außer Eingeweihten keiner kannte. Aber Ritzel und sein Verlag bildeten ein kongeniales Tandem, wurden miteinander bekannt und bekannter; die Zusammenarbeit gipfelte in dem brillanten Kriminalroman „Der Hund des Propheten“ – mit dem sie auch endete. Danach kündigte Ritzel nämlich das Verhältnis mit Libelle auf, wechselte zu Random House, wo jetzt neben der Taschenbuchausgaben der alten gebunden auch sein neuer Kriminalroman „Uferwald“ erschien.
(…)
Wie schon seine Vorgängergeschichten ist auch „Uferwald“ ein herausragender Kriminalroman: Erfahrungssatt, treffsicher montiert, genau beobachtend, sprachlich brillant. Ausführlich verfolgt und beobachtet Ulrich Ritzel die Clique, in der Tilman Gossler vor seinem Tod verkehrte; beschreibt, wie die Freunde früher waren, wie sie sich entwickelt haben, wer sie heute sind; und er beobachtet und seziert dabei stellvertretend die Gesellschaft. Die Bilanz zeigt einen eklatanten Sollstand auf. Ulrich Ritzel – der dafür plädiert, wieder über Werte zu diskutieren – entwickelt sich, auch das zeigt „Uferwald“ immer mehr zum Mahner und zum Moralisten. Die Gesellschaft, wie er sie sieht, beschreibt und interpretiert, ist hohl und kaputt. Ritzel verfolgt keine Utopien, er nennt keine Alternativen, aber ihm und seinen Ermittlern ist klar, dass es welche braucht.
Ulrich Noller/Deutsche Welle


Joe R. Lansdale: Sturmwarnung

Joe R. Lansdale aus Texas bewegt sich wie der berühmte Fisch im Wasser durch alle Spielarten der populären Literaturformen. Seine über zwanzig Romane und weit über zweihundert Kurzgeschichten seit seinem Debüt 1980 sind Genre pur. Horror und Western, Kriminalliteratur, Comic. Weil sie Genre pur sind, sind sie nie »mehr als Genre«, sondern genau deswegen sehr ernstzunehmende Literatur. So wie Dashiell Hammett und wie alles auf dessen Niveau. In den USA ist Lansdale ein hochgeachteter Schriftsteller. Dass von einem Autor seines Kalibers hierzulande nur ein Bruchteil des Werkes übersetzt, gar lieferbar ist, illustriert nur abermals die Enge und die restriktive Ignoranz eines bestimmten Literaturbegriffs irgendwo zwischen Hochfeuilleton und nacktem Kommerz. Sapienti sat. Immerhin hat der winzige Berliner Shayol Verlag jetzt einen kleinen Roman von ihm, mit schönen Illustrationen versehen, veröffentlicht: „Sturmwarnung“. Ein knapper Text von 166 Seiten, der die Qualitäten von Lansdales Erzählkunst fast prototypisch erkennen lässt.
Die Handlung spielt im Jahr 1900, genauer vom 4. bis zum 9. September in Galveston, dem „Juwel von Texas“. Spätestens seit der Diskussion um Hurricane Katrina wissen wir, dass Galveston am 8. September 1900 von einer noch gewaltigeren Sturmflut nachgerade ertränkt worden war. Wie in New Orleans einhundertfünf Jahre später hätte das Desaster von Galveston durch sorgfältigere Prognosen und sinnvolle Schutzmaßnahmen abgemildert werden können. So starben zehntausende von Menschen, die Stadt selbst verschwand beinahe vollständig vom Antlitz der Erde.
In diese sich anbahnende und schließlich losbrechende Naturkatastrophe baut Lansdale eine raffinierte Geschichte. Der schwarze Boxer Li´l Arthur hat zur Erbitterung des weißen Establishments den lokalen, weißen Champion geschlagen. Jetzt lässt man einen Monsterschläger aus Chicago anreisen, der dem „Nigger“ den Garaus machen soll, am besten final. Der heißt John McBride und strotzt vor Gewalt und Testosteron, ein muskelbepacktes Ekelpaket, so scheint es. Während der Hurricane sich aufbaut und auf die Stadt zurast, bereiten sich die beiden Duellanten vor.
Lansdale entwirft fast miniaturhaft Bilder aus dem rassistischen Alltag von Texas, der von brutalem Sexismus und einer allgemeinen Gewaltgeilheit geprägt ist. Das Apfelkuchen-Amerika findet hier nicht statt, die Gnadenlosigkeit von Lansdale erinnert an den kalten Blick von Dashiell Hammett, bei dem Analyse und Wertung ebenso nur scheinbar auseinanderklaffen. Die Beschreibung an sich ist auch bei Lansdale eine Wertung. Sie steckt bei ihm in der Auswahl der beschriebenen Szenen. Die allerdings strotzen hin und wieder von abstossender Gewalt, vor Blut und Sperma. Sie sprechen z.B. aus, was genau passiert, wenn sich ein brutaler Freier an einer schutzlosen Hure vergeht.
Lansdale protokolliert gemeines, ekelhaftes Denken, das die politischen und sozialen Verhältnisse präzise beschreibt. All das, was mindere Belletristik verdrängt oder notfalls opulent stilisiert, verfremdet oder ästhetisiert, kommt hier mit einer gewissen archaischen Rohheit zum Ausdruck, die alles andere als Naivität, sondern Intention ist. Man kann es als „geschmacklos“ abqualifizieren. Man riskiert dann allerdings, einen viertelbildungsbürgerlichen „Geschmack“ zugrunde zu legen, mit dem man auch Rabelais und Grimmelshausen aus der Weltliteratur kicken kann.
Die meisterhafte Komposition von Lansdales Roman nun besteht darin, alle seine Figuren nun einer größeren Gewalt, nämlich dem Hurricane, ausgesetzt, aneinander vorbeiwirbeln zu lassen, sie in neue Beziehungen zu einander zu setzen, die Welt, ganz im Sinne Bachtins, „umzustülpen“.
Und nebenbei baut er noch einen wichtigen Subtext ein. Li`l Arthur Johnson, der zähe schwarze Boxer, wird sich später Jack Johnson (1878-1946) nennen und der erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht werden. Miles Davis hat ihm als Ikone schwarzen Selbstbewusstseins 1970 seine bahnbrechenden Jack-Johnson-Sessions gewidmet. Klar, dass Joe R. Lansdale diesen im Roman sehr absichtsvoll gesetzten Aspekt mit keinem Wort offenlegt.
Thomas Wörtche/Freitag

Erstellt: 24-03-06
Letzte Änderung: 21-06-06


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