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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

22/07/05

Tag und Nacht auf crime

Krimitagebuch von Tobias Gohlis

Der Vorsitzende der KrimiWelt- Jury Tobias Gohlis veröffentlicht an dieser Stelle sein Krimitagebuch: Skizzen von Begegnungen mit Autoren, Berichte aus der Szene, Kommentare, Leseerfahrungen und Aufgeschnapptes. Manchmal auch Notierenswertes aus dem Innenleben der Jury.


18.07.05 - John Sandford on Tour/Der aus dem kalten Minnesota kam

 John Sandford 18-7-05 in HH © Tobias GohlisDass sich im Zuge der nach dem 11. September in den USA verstärkten Heimatschutzmaßnahmen auch der Job von Lucas Davenport ändern wurde, war klar. Nur wie? Seit sechs Monaten ist er „Chef des Amtes für regionale Ermittlungen“ in der „Abteilung Öffentliche Sicherheit“ beim Stab des Gourverneurs von Minnesota. Da wird ein russischer Seemann, auf Agentenfüßen unterwegs im kriminalliterarisch praktisch nur von John Sandford beleuchteten Nord-Mittelwesten der USA, vom jüngsten Mitglied einer kommunistischen Untergrundzelle erschossen. Nach 60 bis 80 Jahren mehr oder minder friedlicher Amerikanisierung im Untergrund werden die Roten jetzt wieder aktiv.
Drei Tage im Sommer, vom 18.- 20. Juli 2005, war John Sandford in Deutschland unterwegs, um seinen jüngsten Ausflug ins  Margarete von Schwarzkopf in Moderationspause © Tobias GohlisPolitthrillergewerbe vorzustellen. „Kalter Schlaf“ (engl: „Hidden Prey“) ist wie alle Sandfords: eine breit erzählte Geschichte ohne große Geheimnisse mit einem Helden, den der Autor als Produkt „literarischer Ingenieurskunst“ vorstellte. Lucas Davenport ist groß, zäh, blauäugig und gefällt den Frauen. Ähnlich raffiniert konstruiert Sandford seine Geschichten als „Bogen“, dessen Anfang und Ende er genau plant, wie er im Gespräch mit KrimiWelt-Jurorin Margarete von Schwarzkopf erklärte. Im ersten Kapitel kommt das Verbrechen, im zweiten wird Lucas Davenport vorgestellt, im vorab noch ungeplanten Durcheinander der Mittelstrecke muss Sandford ein wenig strampeln, am Ende kommt die Lösung.
Auf die Frage, warum er vom Journalismus zur Schriftstellerei gewechselt ist, verriet er mir: „Wegen des Geldes.“ Aus dem  Peter Prager liest nämlichen Grund schlägt er sich nicht mit der langwierigen Film- und Fernseharbeit herum: Pro Jahr verkauft er 500.000 Bücher und verdient daran rund einen Dollar/Stück. Für einen Fernsehfilm bekäme er bei gleicher Arbeitszeit ein Achtel und hätte noch den Ärger dazu.
Als Entdeckung des Abends in einem Eimsbütteler Loft entpuppte sich der Schauspieler Peter Prager, bekannt von Polizeiruf 110 und als der Prof. Gerlach der Krankenhausserie St.Angela. Erstmals in seiner langen Karriere las er öffentlich aus einem Buch. Er verlieh der deutlich überalterten Kommunistenzelle aus Duluth/ Minnesota einen bröckeligen Charme, der mir beim stillen Lesen nicht aufgefallen war.


05.07.05 - Jason Starr on Tour/PIN

Jason Starr in Hamburg am 4.7.05 © Tobias GohlisAuf seiner Homepage hat er sie angekündigt: „German Tour for Twisted City“, erste Station Hamburg. „Twisted City“ ist die Geschichte eines windigen Wallstreet-Journalisten, dem mit dem Portemonnaie beide Bezugspunkte seines Lebens abhanden kommen: mit den Papieren die Identitätszeichen eines bürgerlichen Lebens und mit dem Polaroid seiner verstorbenen Schwester das letzte Unterpfand einer unzertrennlichen Liebe.
Die streng auf Quadrate bauende Architektur der Hamburger Galerie für zeitgenössische Kunst, in dessen Café wir sitzen, paßt zu Starrs Konzept: „Ich entwerfe einen Rahmen, ein Set, in dem sich meine Figuren entwickeln. Einen Roman zu schreiben, ist so ähnlich wie die Konstruktion eines psychologischen Testfeldes. Ich beginne in alltäglichen Situationen und sehe, was aus meinen Figuren wird. Dabei habe ich von Buch zu Buch immer mehr darauf geachtet, ausschließlich aus ihrer Perspektive zu erzählen. Sie nehmen nicht wahr, was der Leser nach und nach mitkriegt: Ihre Sicht der Dinge stimmt immer weniger mit den Dingen überein.“
David glaubt sich auf dem aufsteigenden Ast, dabei ist der schon abgesägt: Seine Freundin ist er endlich los, jetzt muss er nur noch damit klarkommen, dass er eine Erpresserin und einen Erpresser am Hals hat, die bezeugen, dass er einen Typ erschlagen hat.
Chris Aldrich von Mystery News charakterisiert Starrs literarische Position: „Jason Starr has been compared to noir luminaries like Jim Thompson, James M. Cain and Charles Willeford, but make no mistake – he’s carving out his own niche in the world of crime fiction.“ Ich frage ihn, welchen Namen er seiner Nische geben würde. Er grinst, weil er wie alle Schriftsteller Schubladen als Marketingtricks ablehnt. Er schlägt drei Adjektive vor: PSYCHOLOGICAL IRONIC NOIR. Die melden wir beim Akronymfinder unter PIN an.

Als Starr nach der Lesung in der Buchhandlung Cohen & Dobernigg gefragt wurde, wie die Geschichte des gestohlen Portemonnaies ausgeht, anwortete er: „Twisted“. Zur Zeit genießt er die Annehmlichkeiten eines Gastschreiberbüros im Literarischen Colloquim Berlin, kann aber nicht schreiben, weil er das täglich von 9 bis 12 in einem Café in der Upper East Side Manhattans tut – und zwar nur dort. Nachmittags hütet er seine vierjährige Tochter.
Starr: „Mir stehen Ian McEwan und Patrick Süßkind (gesprochen: „Saßkaind“) näher als Donna Leon und Minette Walters – ohne dass ich letztere bewerten will.“


27.06.05 - 70 % Prozent Übereinstimmung in Österreich/Spaghettisierung

Bekomme soeben das sommerliche Krimi-Spezial der Zeitschrift Buchkultur mit ihrer Bestenliste der Saison. Mit drei Ausnahmen (Alicia Giménez-Bartlett: Samariter ohne Herz/ Minette Walters: Der Außenseiter/ Jason Starr: Twisted City) stimmt die mehrheitlich aus Buchhändlern bestehende Jury mit den Empfehlungen der KrimiWelt-Jury überein. Erfreuliche entente cordiale.

Erfreulich bitter auch der Beitrag Thomas Wörtches über den Krimi-Markt, verfasst aus der hohen Warte dessen, der seit „fast einem Vierteljahrhundert“ in verschiedenen Rollen und Verkleidungen dabei war. Mit angemessener Melancholie rekapituliert er, wie das Marktgesetz funktioniert: Aus rasiermesserscharfen Krimis werden Trends, und die sind immer kompatibel. Dramatisch: „Autoren wie Henning Mankell oder Donna Leon traten auf, die einerseits das Bedürfnis des Publikums nach ganz schlichten Krimis befriedigten und das Genre in seinen ästhetischen und erkenntnistheoretischen Potenzialen um Jahrzehnte zurückbombten.“
Schon sieht Wörtche die Dämmerung nahen, die seine eigenen Ideen von einer Internationale des rabiaten Kriminalromans verschlingen wird: in Gestalt von „Romanklone(n) über nette türkische Polizisten, bei denen Menschen, die die Türkei tatsächlich kennen, schreckensblass werden. (…) Auf Etablierung folgt Destruktion, Spaghettisierung, möglicherweise völlige Auflösung…“
Abgeklärte Angst – das ist ein prima Gewürz. Damit werden Helden gestärkt.


21.05.05 bis 03.06.05 - Manchette

Vor zehn Jahren, am 3.6.1995, ist Jean-Patrick Manchette gestorben. In seinen zehn Romanen hat er wie kaum ein anderer die Grenzen des Kriminalromans ausgelotet.
Die französischen Kulturinstitute in Deutschland erinnern an ihn mit Filmvorführungen und Veranstaltungen. Tobias Gohlis spricht über Manchette, © Alexandra Roppel/Mediakontakt LaumerIch bin nach Frankfurt eingeladen und soll über Manchette spechen. Bei der Arbeit an meinem Vortrag wird mir noch einmal der Verlust deutlich, den Manchettes früher Tod für die Literatur bedeutet. Im Frankfurter Filmmusuem haben sich rund hundert Leser eingefunden. Manchettes Freund Serge Quadruppani erinnert an seine letzten Jahre: Eingeschlossen in seiner Wohnung, immer lief der Anrufbeantworter.
Serge Quadruppani u. Übersetzerin, © Alexandra Roppel/Mediakontakt LaumerIm Anschluß an die Vorträge wird Chabrols Verfilmung von „Nada“ gezeigt, als wurmstichige, geflickte Kopie im französischen Original englisch untertitelt. Es wirkt wie ein Abschlußfilm von der Filmhochschule. Serge und ich kommen überein: Obwohl jeder Satz im Film aus Manchettes Buch stammt, sind seine Werke nicht verfilmbar. Seine distanzierte Härte, sein Sprödigkeit, sein Witz und seine Wut sind nur in seiner Sprache erfahrbar.
Leider sind Manchettes „Chroniques“ – Essays, Bemerkungen, Rezensionen zum Kriminalroman – noch nicht erschienen. Der Distel Literaturverlag, der auch die Neuübersetzung Manchettes übernommen hat, hat die deutsche Fassung jetzt für den Herbst angekündigt. Die Zeitschrift „Europolar“ will demnächst Manchette zum Thema machen.


15.05.05 - Journalisten über Journalisten

Es ist ein Beweis für die Lebenskraft des Krimis, dass beinahe jedermann sich traut, einen zu schreiben. Die Redewendung „Darüber müßte man mal einen Krimi schreiben“, die jedem aufgebrachten Bürger hin und wieder auf die Lippen kommt, wird besonders von Pfarrern, Wirtschaftsmenschen, Polizisten und Journalisten so ernst genommen, dass sie es tatsächlich tun.
Fast immer ist allerdings das, was bei derlei Empörungs-, Offenbarungs- oder Rechtfertigungsliteratur herauskommt, kein Beweis für literarisches Bewußtsein der Verfasser, sondern vom geraden Gegenteil.
Geradezu töricht ist die Vorstellung, Krimis würden schon dadurch gut, dass in ihnen etwas aufgedeckt wird, das bisher nicht gesagt, verschwiegen oder – höchstes Glück! – gar unterdrückt wurde. Zum Beispiel DIE WAHRHEIT. Journalisten, die eigentlich wissen müssten, wie Wahrheit gemacht wird, und deshalb hin und wieder von der Berufskrankheit des Selbstekels befallen werden, laufen besonders gerne in die Krimifalle.
Jüngstes Opfer dieser Form der Selbsttäuschung ist Hans-Hermann Sprado, dessen Erstling „Risse im Ruhm“ derzeit wie sauer Bier angepriesen wird. Bevor der Leser das Buch aufschlägt, ist er bereits vom Klappentext erschlagen. Beeindruckend die Liste von Chef-Posten (Chefreporter bei Bild, Chefredakteur des P.M.-Magazins und von MARIE CLAIRE usw.), die Sprado als Spitzenjournalisten ausweisen; einschüchternd die Zahl der Lobeshymnen weiterer Chefredakteure und Ex-Chefredakteure von STERN, Spiegel, Tempo usw. die Sprados Erstling freundschaftlich alle denkbaren Qualitäten bescheinigen. Sogar der seines fallbeilartigen literarischen Urteils wegen hoch geschätzte Kollege Denis Scheck hat bei der Lektüre „den Drive von Pulp Fiction“, Beispiele exakter Recherche nach dem Vorbild Michael Crichtons entdeckt und verspricht „einen Schnellkurs im Journalismus“.
Auch auf die Gefahr hin, von all diesen Kennern nie wieder ein Stück Brot zu erhalten: Sprados Versuch, hinter die Triebkulissen des Scheckbuchjournalismus zu blicken, unterscheidet sich literarisch und sprachlich keinen Deut von dem, was beim Scheckbuchjournalismus auch sonst so herauskommt. Obszön wird die Story durch den sensationsheischenden Einfall, den Geiselgangstern, die ein Kaufhaus und die Bevölkerung Hamburgs bedrohen, Zyklon B in die Hand zu geben.
Für die Verwendung des Auschwitz-Gases gibt es keine literarisch plausible Motivation. Zum Schluß stellt sich die Entführungs- und Erpressungsaktion, die etlichen Menschen das Leben gekostet hat, als die Tat eines spielsüchtigen Fotografen heraus, der dem Erfolgsreporter, an dessen Seite er seit Jahren Wahnsinnsstories recherchiert hat, Geld, Einfluß und Frau neidet. Eine Geschmacklosigkeit, die die Bezeichnung Kolportage nicht verdient. Der Rest sei Schweigen. Denn das ganze Schauderstück kann unmöglich als Beispiel dafür gelten, wie führende deutsche Journalistenköpfe und ihre Freundschaften funktionieren.

Dass man’s anders machen kann, und zwar auf den Punkt genau, zeigt die britische Journalistin Anna Blundy in ihrem ersten Thriller um die Kriegsberichterstatterin Faith Zanetti „Verdammt heiß“. Hier ist der Sarkasmus gezielt: „Während des Balkankriegs prügelten sich die Journalisten geradezu darum, von dort Bericht erstatten zu dürfen, denn man konnte die ganze Zeit in Split am Strand liegen. Bei ihrer Rückkehr waren sie alle sonnengebräunt, ausgeruht und bester Dinge.“ In Jerusalem, dem neuen Einsatzort von Faith Zanetti, ist es nicht besser: Saufen, Ficken all inclusive auf Spesen. Sollen sich doch die Arabs und die Isrealis prügeln, Hauptsache, es springen ein paar Zeilen heraus. Bis es dann ernst wird und Faith’ Kollegin am Türbalken hängt. Hart, schnell, frech und klug beobachtet – Anna Blundy kanns. Auch sie ist eine Krimidebütantin aus dem Journalismus. Beim Vergleich tun sich Welten auf: deutsche Spießerwelt und britische Thrillerkultur.


10. - 12.05.05 - Die Modesty-Kontroverse

Bei der Abstimmung zum Mai hatte ein Jury-Mitglied der KrimiWelt für Peter O’Donnells „Modesty Blaise – Die Klaue des Drachen“ votiert, sich aber nicht durchsetzen können. Daraufhin schlug Thomas Wörtche, der selber dieses Buch in seiner Metro-Reihe wieder verfügbar gemacht hat, vor, Relaunches (Bücher, die nach einiger Zeit in neuer Verpackung erscheinen) generell vom Wettbwerb auszuschließen. Schließlich werden nach den Regeln der Jury nur Originalausgaben und Deutsche Erstausgaben vorgeschlagen.
Diese Überlegung löste einen bisher nicht erlebten Mailsturm aus. Die Wogen schlugen deshalb so hoch, weil Modesty ein besonders hinreißender Fall von Relaunch ist. Schließlich setzte sich die besonders vehement von Andrea Fischer vertretene Meinung durch, wir wollten ja schließlich tolle Krimis empfehlen, denen wir möglichst viele Leser wünschen, und könnten schon aus diesem Grund nicht gegen unser Herz entscheiden. Für Modesty durfte also votiert werden. Bis zur nächsten Regeldiskussion.


10.05.05 - Europolar: Krimi mal vier

Auf die Idee muss man erst mal kommen: Seit ein paar Tagen ist Europolar im Netz, eine Internetzeitschrift zum europäischen Kriminalroman, zunächst in fünf Sprachen: Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch.
Die Idee entstand auf einem Treffen deutscher, französischer und polnischer Krimiautoren im deutsch-französischen Kultur- und Begegnungszentrum in Genshagen bei Berlin im November 2004. Nach Konstituierung einer internationalen Dach-Redaktion und nationaler Redaktionen dauerte es gerade mal zwei Monate, bis aus der Idee vérité wurde.
Der Start ist vielversprechend: Rezensionen und aktuelle Terminkalender erlauben den Einblick in das, was in den einzelnen europäischen Ländern kriminell los ist; Autoren können ihre laufende Arbeit ausführlich präsentieren; Links (darunter zur KrimiWelt auf arte) verweisen auf ein noch unausgeschöpftes Potenzial von Netzverbindungen.
Die Selbstverwaltung ist „rätedemokratisch“, wie mir Alexander Ruoff, Mitglied der deutschen Redaktion erklärt. Nationale Redaktionen schlagen vor und suchen aus, welcher Autor und welches Thema aus ihrer Sicht vorgestellt werden soll. Wenn es keine Einwände gibt, wird übersetzt, übersetzt, übersetzt, übersetzt, übersetzt und publiziert; gibt es Einwände, wird diskutiert. Vive la démocratie des conseils!
Das politischere Verständnis von Autorschaft, das die französischen Schriftsteller umtreibt, schlägt sich deutlich in der Rubrik Diskussion nieder, wo jeder, der will, seine (in der Mehrzahl ablehnende) Meinung zur Europäischen Verfassung präsentiert.
Die nächste Ausgabe wird zwischen Juni und August erscheinen, geplant ist unter anderem ein Dossier zu Jean-Patrick Manchette, der den französischen und darüberhinaus den europäischen Kriminalroman revolutioniert hat.
Thema der Zeitschrift ist nicht das ganze Spektrum der Kriminalliterateratur, sondern eher der politisch engagierte Roman Noir. Wie sich das konkret darstellt – ob als Konzentration und Gewinn oder als Einengung, wird sich zeigen.
Erstmal: Bonne Chance! Viel Glück! Good luck! Buona fortuna! Buena suerte!


01.05.05 - Brav, brav: Die Glauserpreise

Das Syndikat, die Vereinigung der deutschen Krimiautoren, schreckt vor keiner Peinlichkeit zurück. Als handele es sich wirklich um die Verleihung der „Oscars für den deutschen Krimi“, als den ein durchgeknallter PR-Mensch die Glauserpreise bezeichnet hat, mußten alle nominierten Autoren am 30. April ins Hochsauerland einrücken, um die bis dato geheim gehaltene (peinlich! nur vorab an dpa durchgesickerte) Entscheidung der Jury über sich ergehen lassen.

Die Jury, die vorab schon Ingrid Noll mit dem „Ehrenglauser“ für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet hatte, erwies auch bei den Preisen für den besten Roman und das beste Debüt Gespür für den guten deutschen Durchschnitt, indem sie zwei Alpenländler favorisierte. Jans Jörg Schneiders fünfter Roman um den Baseler Kommissär Hunkeler lebt von der Kauzigkeit seines Hauptdarstellers, der in seiner Verquertheit Fred Vargas’ Kommissar Adamsberg ähnelt, und der Empörung des Lesers. Die entzündet sich an den lächerlichen Sittlichkeitsvorschriften der Baseler Polizei: Hunkeler wird suspendiert, weil er nachts auf einem öffentlichen Platz gepinkelt hat. Empörend ist auch der Umgang des Schweizer Staates mit seinen „Fahrenden“. Die mit bürokratischer Unbarmherzigkeit durchgezogene Trennung aller Roma- und Sinti-Familien von ihren Kindern während der 50er und 60er Jahre – eine rassistische Gewalttat sondergleichen – ist letztlich der finstere Urgrund einer Reihe von Serienmorden.
Ähnlich solide, (aber unter Fans: in einer etwas überkonstruierten Welt) agiert der Lemming, ein „Krimineser“ voll auf Abstieg, in Stefan Slupetzkys Debütkrimi „Der Fall des Lemming“. Hier richtet sich die Empörung gegen den Krotznig, der dank Sadimsus und Intrigen vom Kriminalgruppeninspektor zum Bezirksinspektor aufsteigt, ein Widerling, wie man ihn selten findet.
Mein Resümee: Zwei skurrile Protagonisten, stilistisch gut in Szene gesetzt, aber noch immer nicht die Hämmer. Klarer Sieg der Alpenländler.


26.04.05 - Adjektiv-Ikea

Der Briefträger bringt Neuheiten vom Buchmarkt. Ein fetter Aufkleber in Rot prangt auf Camilla Läckbergs Roman „Die Eisprinzessin schläft“: „Schwedens neuer Krimistar“. Der Krimistar ist 30, hat Marketing studiert, ein Kind. „Eisprinzessin“ ist der erste Roman des Stars, der zweite ist für einen schwedischen Krimipreis nominiert. Na, und?
Stars verglühen schneller als Kometen, siehe Gracia. Schwedische glühen länger, wg. Kühle des Nordens.
Im Pressetext des Verlages heißt es: „Neben den eiskalten Zutaten eines fesselnden Kriminalromans bedient sich Camilla Läckberg auch der Leichtigkeit einer Romanze und der psychologischen Fallstricke eines Thrillers.“ Schwedischer Supermarkt. Adjektiv-Ikea.
Noch doller die Website der Literatur-Agentur der jungen Mutter. Der Fall „spielt im mondänen Fjällbacka, dessen winterliche Idylle durch einen eisigen Todesfall gestört wird.“ Mondän, winterliche Idylle, eisiger Todesfall. So müllt man Autoren zu.Demnächst wird mich die Presseabteilung anrufen: „Haben Sie schon Die Eisprinzessin gelesen?“


25.04.05 - No politics

Am Sonntag im Museum für hamburgische Geschichte eine Lesung mit den beiden Autoren Ulrich Ritzel und Christian von Ditfurth moderiert. Trotz gegensätzlicher Temperamente (Ritzel lebt in Ulm und am Bodensee, ist nachdenklich, introvertiert, grüblerisch; von Ditfurth lebt bei Lübeck, ist impulsiv, extrovertiert, riskiert schnell eine Lippe) passen die Autoren zusammen.
Ritzel erzählt in „Der Hund des Propheten“ eine Provinzposse mit Hintergrund. Kurz vor Umwandlung der DM in Euro versuchen inzwischen bei der amerikanischen National Security Agency weiterbeschäftigte Stasi-Agenten die bei einem Rüstungsdeal verschwundenen Millionen aufzutreiben. Ihre Aktionen werden begünstigt vom schwäbischen Potentatentum. Kirchenherren begegnen Mielkes eingeschleusten Perspektivagenten mit lammfrommer Barmherzigkeit wie zuvor den verirrten Deutschen Christen der Hitlerzeit; Presse- und Polizeichefs eilen gehorsam und wirklichkeitsblind den Wünschen der Mächtigen voraus. Auch v. Ditfurths „Mit Blindheit geschlagen“ ist eine Stasi-Geschichte. Auch hier geht es darum, die Früchte längst vergessener Geheimdienstaktivitäten einzuheimsen und im Westparadies arrivierte Täter zu schützen.
Themen waren also Politik und Geschichte, doch davon wollten die beiden Autoren partout nicht reden. Als deutsche Michel getarnt lasen sie Passagen, die die politische Dimension ihrer Plots kaum erkennen ließen, ganz auf Unterhaltsamkeit bedacht. Und auch in der Diskussion leugneten sie, wie seinerzeit Petrus, eine gute Botschaft zu haben. Aufklärung nur als Nebenprodukt einer gut erzählten Geschichte, mehr wollen sie nicht. Kein Streit.
Die Kritik am gesinnungsstarken und literarisch oft schwachen „Sozialkrimi“ der sechziger Jahre hat offenkundig eine fatale Flächenwirkung gehabt. Auch die wenigen Autoren, die noch die Finger in öffentliche Wunden legen, verschanzen sich hinter einer Unterhaltungsästhetik des bloßen Erzählens. Bloß nicht anecken.
Als wäre das nicht der Spaß am Krimi.


12.04.05 - Gift für Francos Vorkoster

Gift für Francos Vorkoster. In München beim Krimifestival Juan Bas kennengelernt. Bas ist rundlich und redet so schnell spanisch, dass es für zwei reicht, wie es sich für einen Meister der Tapa-Kochkunst gehört. Eigentlich wollte er im Instituto Cervantes dem Publikum lieber Tortillas backen als aus seinem Roman „Skorpione im eigenen Saft“ zu lesen. Doch ließ er sich überzeugen und trug mit seiner Übersetzerin Susanna Mende die entscheidende Szene vor, aus der sich alle Morde ergeben: wie Franco nicht von seinem Vorkoster vergiftet wurde. Brillant, satirisch, metaphysisch: Der Tod kennt keine Gabel.


04.04.05 - Der Po fließt durch Hamburg

In Hamburg gibt es ein Literaturhaus für das Edle – und Barkassen-Ehlers für das Wahre. Auf der Anita Ehlers geht es durch Hafen, Fleete und Speicherstadt, mal auf den Spuren des Widerstands gegen die Nazis, mal mit Valerio, Veit oder Val auf den Spuren der großen Verbrecher. (Ich erinnere mich noch an eine Nebelfahrt im November 2004, als Val McDermid und Regula Venske aus „Echo einer Winternacht“ lasen. Drinnen kletterten vier Studenten in den verschneiten schottischen Highlands herum, draußen leuchteten die Positionslichter der Containerschiffe aus der winterlichen Dunkelheit.)
Heute sind Valerio und Veit an Bord. Veit Heinichen, Autor der in Triest spielenden Romane um Kommissar Proteo Laurenti,
hat seinen Kollegen Valerio Varesi nach Deutschland weiterempfohlen. Varesi lebt in Parma und arbeitet bei Le Republicca. Eines Tages stieß er auf die Geschichte eines Partisanen aus einem der Dörfer am Po, der nach dem Krieg nach Südamerika ausgewandert und als alter Mann zurückgekehrt war, um an seinen ehemaligen Feinden Rache zu üben. Dieses Schicksal hat Varesi in seinem ersten Roman mit Comissario Soneri mitreißend verwandelt. Herbsthochwasser am Po, Nebel und Regen trüben die Sicht, ein Lastkahn treibt stromabwärts, misstrauisch beäugt von den alten Kommunisten des circolo nautico, ein Mann stürzt aus dem Fenster eines Krankenhauses, ein anderer gleichen Namens hätte den treibenden Lastkahn lenken müssen. Die Atmosphäre schlägt um: der Nebel vom Po liegt über der Elbe, es sind nicht mehr die Wellen vorbeigleitender Frachter, sondern das Hochwasser, das die Anita Ehlers rollen lässt.

Auch Veit Heinichens jüngster Roman „Der Tod wirft lange Schatten“ greift weit zurück in die Geschichte der nationalsozialistischen Besatzung auf dem Balkan. Heinichen hat einen ungelösten Fall aufgegriffen: Die Umstände, unter denen der exzentrische Waffensammler, Agent und Antifaschist Diego de Henriquez 1974 in seinem Privatmuseum ums Leben kam, wurden nie vollständig aufgeklärt – bis Proteo darauf stieß.




18.03.05 - Der Start der KrimiWelt

v.l.n.r.: Lore Kleinert, Tobias Gohlis, Thomas Wörtche, Ulrich Noller, Michaela Grom
Ausgerechnet zur Präsentation der KrimiWelt-Bestenliste bei der Leipziger Messe bricht die Sonne durch – ein gutes Zeichen? Schlagartig steigt die Temperatur von 30 auf 40 Grad am Messestand von ARTE. High Noon. Mo-deratorin Lore Kleinert, Autor Oliver Bottini und ich fächeln mit frisch gedruckten Krimibestenlisten, nur Lena Blaudez, afrikaerfahren, erzählt kühl von Bürgerkrieg und Entwicklungshilfe in Benin, wo ihr erster (und gleich auf Platz drei gelandeter) Roman „Spiegelreflex“ spielt.
Am Stand von ARTE ist es proppenvoll: Verlagsleute, viel Publikum, auch einige Kritikerkollegen und immerhin fünf der siebzehn Juroren sind da., darunter unsere Außenagentin in Kairo, Michaela Grom. Großes Interesse, breite Zustimmung.
Der Sonderdruck der „Literarischen Welt“ mit der ersten Bestenliste ist noch vor Ende der Präsentation vergriffen, am nächsten Tag war dann auch keines der blau-weiß-roten Faltblätter mit der KrimiWelt mehr zu haben. Danach gab es die KrimiWelt nur noch im Internet – bei ARTE, auf vielen anderen Krimiseiten im Web und besonders hervorgehoben bei den Alligatorpapieren. Gute Zeichen.


17.03.2005
Fahre nach Leipzig zur Buchmesse. Morgen wird dort die KrimiWelt-Bestenliste vorgestellt. Erschöpft, zufrieden und glücklich nach anderthalb Jahren Vorbereitung. Jetzt hat das Kind Eltern und einen Namen. Mal sehen, wie es wächst.


11.03.2005

Martin Cruz Smith getroffen. Im Panoramafenster des Hotels Hafen Hamburg spiegelten sich unsere Gesichter, dahinter schoben sich, in der Dunkelheit schemenhaft erkennbar, Schiffe elbauf- und abwärts. Martin Cruz Smith heißt eigentlich William Smith, aber dieser Name schien ihm doch zu wenig attraktiv für einen Autor. Das kam raus, als ihn seine Frau während unseres Essens mehrmals mit „Bill“ ansprach. Er kam gerade aus Moskau. Dort hatte er für sein neues Buch recherchiert, jetzt war er auf Lesereise in Hamburg. Seine Frau, die bereits im milden Hamburger Winter fröstelte: „In Moskau sind es 17° Minus, da fahre ich freiwillig nicht hin.“
Cruz Smith war zum ersten Mal vor mehr als 30 Jahren in Rußland. Er hatte den Auftrag, einen Krimi mit einem amerikanischen Cop als Helden zu schreiben, der den Russen auf den rechten Weg helfen würde. Er hatte eine fünftägige Pauschalreise gebucht. Nach Besichtigung der Hauptsehenswürdigkeiten fuhr er kreuz und quer mit Straßenbahn und Bus durch Moskau. Dabei beobachtete er, wie ein Milizionär einen Betrunkenen in einen Park trieb. Nach einer Weile kam der Polizist wieder heraus, diesmal von einer Gruppe Betrunkener verfolgt. „In dem Augenblick wußte ich, dass ich mit einem amerikanischen Cop nicht weit kommen könnte. Alles war anders in Moskau.“ Fünf Tage Beobachtung und viel Hintergrundlektüre reichten Cruz Smith, um „Gorkipark“ zu schreiben, den Roman, der ihn auf einen Schlag weltberühmt machte. Seine Romane um Arkadi Renko sind mit das beste, was überhaupt über die zerfallende Sowjetunion, den Alltag unter der Perestroika, unter Jelzin und Putin geschrieben wurde.
Für sein jüngstes Buch „Treue Genossen“, das soeben auf Deutsch erschienen ist, hat er in der Sperrzone um Tschernobyl recherchiert. Einziger Schutz: ein Dosimeter. Seine Erlebnisse hat er zu einem Reisebericht in die verstrahlte Hölle verdichtet. Bill und seine Frau lieben Kunst, ich empfahl ihnen Caspar David Friedrich, dessen Eismeerbilder sie noch nicht kannten.
Am folgenden Tag wurden in München, wohin das Ehepaar Smith weiterflog, 17° Kälte gemessen.


08.03.2005
Lese Thomas de Quinceys „Der Mord als eine Schöne Kunst betrachtet“.
Ein Krimikritiker avant la lettre: Als 1827 sein erster Essay zur ästhetischen Betrachtung des Mordes erschien, war außer E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scudery“ kein Text erschienen, der auch nur als Vorläufer zur heutigen Kriminalliteratur gelten könnte. Nie wieder hat jemand der Lust auf Verbrechen so jugendlich und emphatisch Ausdruck verliehen: nachdem die moralische Empörung abgeklungen und der Täter gefasst ist, beginnt der ästhetische Genuss. „Kain war ein Genie“. Er schrieb mit der Unschuld eines Kirchenvaters – naiv war de Quincey ganz und gar nicht. Auch in Augustinus’ Höhle haben sich eine Menge Dämonen versammelt.
Der Berliner Autorenhaus-Verlag hat de Quinceys Essays als Basistext für die Autoren-Ausbildung herausgebracht. Was man bei ihm lernen könnte: Wie man aus einem einzigen guten Gedanken jede Menge intellektuellen Witz schlagen kann.


05.03.2005

Die Jury hat zum ersten Mal abgestimmt. Ein Gefühl wie Weihnachten. Mails müssten als Geschenke verpackt sein. Dann könnte man Papier aufreißen, Schnüre und Schleifen in die Ecke schmeißen und zum Schluss vor Glück bescheuert grinsend in einem Haufen Müll auf dem Boden sitzen.

Erstellt: 24-06-05
Letzte Änderung: 22-07-05