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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Buch- und KrimiWelt

31/07/06

Zurufe der Jury

Rezensionen zu Krimis der August-Bestenliste


Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Sternenklar krümmt sich der Nachthimmel an diesem 2. Oktober 1958 über der Finca Vigía nahe der kubanischen Hauptstadt Havanna. Irgendwo bellt ein Hund, zwei Schüsse fallen, eine Schleiereule schreit. Sterben muss ein Mann.
Die Finca gehört zu dieser Zeit Ernest Hemingway, jenem amerikanischen Schriftsteller, der einige Jahre auf Kuba verbrachte und dort sein wohl berühmtestes Werk "Der alte Mann und das Meer" geschrieben hat. Rund 40 Jahre später wird auf dem Grundstück der Finca das Skelett eines Mannes gefunden, der durch zwei Kugeln den Tod fand. Wie sich herausstellt, war der Mann ein amerikanischer Agent - und gestorben ist er in eben jener sternenklaren Oktobernacht.

Es ist ein Spiel mit Realität und Fiktion, das der kubanische Autor Leonardo Padura in seinem schmalen Roman „Adiós Hemingway" in virtuos eleganter Weise vorführt. Dabei sind die Ereignisse der Oktobernacht reine Fiktion, die Schilderungen des seelisch und körperlich instabilen Zustands Hemingways jedoch der Wirklichkeit der Biographie entliehen.

Wie schon in den Kriminalromanen seines Zyklus "Das Havanna-Quartett", der ihm hohes internationale Renommee einbrachte, lässt Padura seinen melancholischen und trinkfreudigen Helden Mario Conde, der mittlerweile aus dem Polizeidienst ausgestiegen ist und sich als Schriftsteller und Antiquar durchzuschlagen versucht, die dunklen Winkel dieses rätselhaften Falles ausleuchten. War es der Dichter höchstselbst, der den Eindringling mit einem seiner Gewehre niederstreckte? Schließlich war Hemingway bekennender Waffennarr. Ein Mord zu Zeiten der kubanischen Revolution. Und Hemingway fühlte sich seit längerem verfolgt vom FBI.

Doch es ist nicht das Wer einer Tat, das Padura, Jahrgang 1955 und in Havanna lebend, interessiert, ihm geht es wie vielen modernen Autoren von Kriminalromanen um das Warum, um die Motive des Täters. In „Adiós Hemingway" bleibt Padura insofern im Spekulativen, weil er Reales und Fiktives zu einem literarischen Cocktail vermengt. So zieht der Roman seine Spannung nicht in erster Linie aus der Rekonstruktion des Tathergangs, sondern aus der wunden Seelenlage Hemingways, dessen letzte Lebensjahre (1961 schoss er sich eine Kugel in den Kopf) geprägt waren von trauriger Rückschau und Verzicht: kein Sex, kein Alkohol, keine Hahnenkämpfe, keine Stierkämpfe und kaum Schreiben mehr.
So erzählt dieser wunderbare Roman weit mehr als eine kriminalistische Geschichte: Er zeichnet den inneren Zusammenbruch eines großen Schriftstellers nach, porträtiert die Freunde und Lakaien, die ihm in rückhaltloser Bewunderung zugetan sind. Für ihn, den sie Papa nennen, würden sie alles machen, ohne zu zögern . . .
Und Mario Conde, dieser so sensible wie manchmal auch ruppige Ermittler, muss gegen Ende sein altes Bild von Ernest Hemingway revidieren. Conde wagt einen Neuanfang - und nimmt Abschied.
Leonardo Paduras Roman ist ein starkes Stück Kriminalliteratur.
Volker Albers/Hamburger Abendblatt


Åsa Larsson: Weisse Nacht

Kiruna – das ist Weite, Leere, Nordlicht, Mittsommerhelle. Kiruna ist die größte Stadt Schwedens. Auf knapp 20.000 Quadratkilometer kommen 23.000 Menschen, das kann man sich nicht vorstellen.
„Sehr verwundbar sind sie dort, hart, und stolz auf ihre Arbeit,“ charakterisiert Åsa Larsson die Nordleute. „Die Männer sind leicht am Wasser gebaut.“ Dort hat im 19. Jahrhundert der Biologe Lars Levi Laestadius, der „Apostel der Samen“ eine Freikirche gegründet, die sich nach ihm nennt. Wenn der Geist über die Gläubigen kommt, reden sie in Zungen, und wenn der Glaube und die Selbstgerechtigkeit überhand nehmen, dann brechen sie auf und bestrafen die Unbußfertigen. Sie töten den Gendarmen und den Kaufmann und misshandeln den Pfarrer.

1852 geschah das, und wenn man die Kriminalromane von Åsa Larsson liest, rückt einem diese Vergangenheit dicht auf die Pelle. Unheimlich dicht. Denn sie spielen im Milieu dieser Verklemmten, Aufbrausenden, Selbstgerechten aus den protestantischen Freikirchen, in denen die Macht der Gottesmänner über ihre Brüder und Schwestern grenzenlos scheint. Selbstverständlich Männer: In „Sonnensturm“ (2003 auf schwedisch, 2004 auf deutsch) sind es drei Pastoren, die die „Kraftquelle“ – so heißt ihre Gemeinde – mit Charisma, moralischer Erpressung und geschickt gewähltem Gotteswort betreiben. Bis ihr Apostel, ihr „Paradiesjünger“, der schöne Viktor Strandgård mit den langen blonden Haaren ohne Hände und Augen in einer Blutlache auf dem Boden der neu errichteten Kirche liegt.

Zu Hilfe gerufen von der unendlich anämischen Schwester des Ermordeten kehrt Steueranwältin Rebecka Martinsson, eine verlorene Tochter, aus der Hauptstadt in das Gebiet der frommen Männer zurück. Mit ihr nehmen wir halb angewidert, halb fasziniert eine Welt aus christlichem Fundamentalismus, Pharisäertum, Heuchelei und echtem Glaubenskampf in Augenschein, von deren Existenz wir nur aus alten Büchern gehört haben.

Åsa Larsson hat die Enge des Sekten- und Freikirchenwesen am eigenen Leibe erfahren. Ihre Großeltern waren strenge Laestradianer. Ihre Eltern konvertierten zum Kommunismus, und sie – „Wie protestiert man gegen kommunistische Eltern?“ - schloss sich als Jugendliche wieder einer Freikirche an. Ihrer intimen Kenntnis des Nordens und der Sektenwelt entspringen eindrücklich gezeichnete Charaktere. Unvergesslich das zarte Schwestergeschöpf, das von patriarchalen Autoritäten zermürbte Weibchen Sanna in Sonnensturm. Ebenso eindringlich die Pastorin Mildred Nilsson, die im gerade erschienenen zweiten Band „Weiße Nacht“ als besserwissende, besser manipulierende, besser intrigierende und Gott nähere Konkurrentin den Hass der alteingesessenen Kirchenmännerwelt auf sich zieht. Als feministisch selbstgerechter Katalysator demoliert sie die ehrbaren Fassaden, hinter denen die Mitglieder der altväterlichen Jäger- und Kirchengemeinde ihre Versagensängste verbergen – bis geschieht, was geschehen muss. Zerschlagen und ausgeblutet hängt die Pastorin an der Empore ihrer Kirche, gegenüber die Statuen des Predigers Laestadius und seines Samenmädchens Maria. Irgendjemandem hat sie einmal zuviel Vorschriften gemacht.

Wieder ermitteln Rebecka Martinsson und die lebenskluge Kriminalbeamtin Anna Maria Mella getrennt und gemeinsam. Immer deutlicher wird, dass diesen schwachen, heuchlerischen, narzisstischen Männern irgendwann nur noch der Mord als Ausweg blieb, wenn sie ihre Welt zusammenhalten wollten. Wer von ihnen es dann tatsächlich war, spielt kaum noch eine Rolle.

Åsa Larssons Bücher sind kleine Wunder: genau, einfühlsam und ohne Häme zeichnet sie die innere Enge, die Lebenssuche ihrer Nordleute in dieser ungeheuren Weite. Doch am besten hat mir die eingewobene Tiergeschichte von der Wölfin Gelbbein gefallen, die, verstoßen von ihrem Rudel aus der finnischen Nordmark nach Norbotten einwandert – eine poetische Miniatur, die doch ihren genauen Platz im Kriminalgeschehen hat.
Tobias Gohlis/Die Zeit


Michael Dibdin: Tod auf der Piazza

Dass es eine erfassbare Wirklichkeit gebe, klar definierte Ketten von Ursache und Wirkung, gar die Möglichkeit, moralische Wertungen an Menschen und ihre Taten zu heften, das hält der Semiotikprofessor Edgardo Ugo für lachhafte Illusion. Die Hütchenspielerdurchtriebenheit, mit der er seinen postmodernen Kult der Ungewissheit in Michael Dibdins hochvergnüglichem Krimi "Tod auf der Piazza" zelebriert, führt bald dazu, dass wir ihm Ungemach wünschen. Und zur Ahnung, dass der Brite Dibdin, der selbst schon im akademischen Betrieb Italiens tätig war, den Professor Umberto Eco, mit dem Ugo sachte Ähnlichkeit aufweist, nicht besonders leiden kann. Doch während es Ugo in Bologna mit handfesten Problemen zu tun bekommt, die sich nicht wegphilosophieren lassen, während Dibdin also die Theorie der allumfassenden Beliebigkeit zerrupft, stolpert Dibdins Ermittler Aurelio Zen durch einen postmodernen Kriminalfall. Da werden Spuren nicht entdeckt oder ganz falsch gelesen, da verketten sich Dinge, die nicht zueinander gehören, während scheinbar klare Entwicklungen im Nichts versanden. Diese gegenläufige Bewegung - der Polizist als Vertreter der Realitätserfassung schlittert durch die Irrealität, ohne es zu merken, der Professor als Advokat der wandelbaren Beliebigkeit prallt schmerzhaft auf die Realität - ergibt eine ätzende Krimiparodie, die ihre Liebe zum Genre nie verleugnet.
Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung


Oliver Bottini: Im Sommer der Mörder

(..) Bottini ist unter den deutschen Krimiautoren der Stilist. Dem Sog seiner klaren, genau beobachteten, stimmungshaltigen Sätze kann man sich nur schwer entziehen. Sie tragen den Leser durch alle Fallen und Hinterhalte.
(..)
Auch dieser Fall spielt im Dreiländereck Deutschland – Schweiz – Frankreich, er liest sich, als habe Bottini inzwischen eine Polizeischule besucht und die internen Abläufe, die Beförderungskämpfe und die bürokratischen Befehlsketten studiert, auch die Arbeit des „GZ“, des „Gemeinsamen Zentrums der deutsch-französischen Polizei- und Zollzusammenarbeit in Kehl“ kennt er genau. Der Roman spiegelt präzise die Auswirkungen der nach dem 11. September 2001 ausgebrochenen „Sicherheits“-Hysterie. Misstrauen regiert, die Rationalität der Ermittlungen wird überlagert von der Irrationalität weltweiter Verdächtigung. Plötzlich gehören eine explodierende Scheune im Schwarzwald und ein traditionell-islamischer Stamm in Pakistan zusammen. Und mitten drin Louise Bonì, zurück aus der Entziehungskur, mitten im Widerspruch, auf der Suche nach den Toten, nach dem Buddhismus-Lehrer aus dem ersten Roman. Jetzt will sie sich beweisen, will aber auch das stille, schlichte Mann-Haus-Kind-Glück. Tag um Tag kämpft sie darum, nicht zu trinken und taucht plötzlich auf im Weltkonflikt, manipuliert von Waffenhändlern und Spionen, nicht wissend, wem sie trauen kann.

Ruhig hält Bottini die Fäden dieser sich immer weiter verwickelnden Geschichte in der Hand, gelassen gibt er seinen Figuren Raum. Neben seiner schönen Sprache sind es zwei Themen, die Bottini als einen ganz besonderen Autor erscheinen lassen: Ganz selbstverständlich bricht er das Tabu, kranke Menschen und Krankheit zu ignorieren. Nicht nur Louises Kampf mit der Sucht ist selbstverständlicher Bestandteil seiner Erzählung, auch die Krebskrankheit ihres Mentors und der ganz undramatische, und deshalb besonders eindringliche, psychische Zusammenbruch eines Kollegen. Und ebenso selbstverständlich untersucht er die realen Alltagsbedingungen, unter denen Demokratie möglich wird - oder unmöglich. Ganz merkwürdig: auch im zweiten Roman findet der Showdown mitten im Wald statt. Es ist ein wildes Land, das Deutschland des Oliver Bottini.
Tobias Gohlis/ARTE

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Zum zweiten Mal hat Oliver Bottini, der in München lebt, einen Kriminalroman in der undramatischen Landschaft nahe Freiburg angesiedelt: inklusive Waffenlager im Heuschober. Doch während der so genannte Regionalkrimi Standard-Handlungen in lokales Kolorit hüllt, nach Strickmuster 08/15, verschmäht Bottini die einfachen Lösungen. „Im Sommer der Mörder“ lässt am Ende sogar ein paar lose Fäden durch den Breisgau flattern. Kaum ein deutscher Autor bewegt sich derzeit so geschickt zwischen Klischee und Komplexität wie Bottini. Er bricht ni cht mit jeder Tradition, ist nicht immun gegen Moden (der Kommissar als Alkoholiker etwa ist gerade en vogue). Aber er wandelt gängige Motive so ab, dass sie wirken wie neu, oder er beschreibt sie, dass das Wiedererkennen Freude macht. Der 1965 geborne Autor ist vor allem eins: ein guter Stilist. Sowohl im Großen, dem übergreifenden Rhythmus, den Motivsträngen des Textes, als auch in den Details, für die er Platz findet, trotz einer angenehm schlanken Sprache. Nüchternheit in behaglicher Landschaft, keine schlechte Mischung.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau


Antonio Dal Masetto: Noch eine Nacht

Vier Männer kommen in ein argentinisches Provinzkaff, besuchen das Dorffest und versuchen, die Bank auszurauben. Das geht schief, und nun werden sie in Antonio Dal Masettos „Noch eine Nacht“ durch die Gassen und Höfe gejagt. Immer mehr Bewohner machen mit, das Dorf scheint ein Organismus zu sein, dessen Wächterzellen herbeiströmen, um Fremdkörper zu bekämpfen. Nur dass die Eindringlinge trotz ihrer Agenda des Bankraubs halbwegs gemeinschaftstauglich wirken, während die Wächter der Normalität boshaft, aggressiv oder kaputt erscheinen. Masettos Geschichte sollte man nicht unbedingt Krimi nennen, denn der Autor schweift vom konkreten Geschehen immer wieder in die Beschreibung von Gefühlen, Befindlichkeiten und Gelähmtheiten ab, will eine Art defätistisches existenzielles Hintergrundrauschen des Lebens fassen. Am gelungensten aber ist sein Roman, wenn er sich dem Konkreten zuwendet, dem Ausbruchsversuch, den Hindernissen, dem Sicht- und Greifbaren. Die morbiden Gefühle wirken geschmäcklerisch in einer Situation, in der die gehetzten Figuren erst einmal die nackte eigene Haut retten wollen.
Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung


Joe R. Lansdale: Wilder Winter

Ein Texas noir, wobei wir nie vergessen wollen, dass auch dem roman noir eine amerikanische Erfindung zugrunde liegt: „Wilder Winter“ von Joe R. Lansdale, der chronologisch erste Roman der Hap-Collins-&Leonard-Pine-Serie (Original: 1990) jetzt erstmals bei Shayol. Wie ein guter französischer néopolar ein durch und durch politisches Buch, in dem Lansdale die selbstverschuldete und selbstgefällige Realitätsuntüchtigkeit der Aktivisten der 60er Jahre wütend kommentiert. Wie immer bei ihm mit einem Schuss Grand Guignol und hervorragenden, witzigen, coolen Dialogen, die der biedersinnigen Verlagslandschaft und der dito pc-Gemeinde die Haare zu Berge stehen lassen. Man kann schon fast sagen: Weil Lansdale ein wirklich Großer ist, darf er bei einem Kleinverlag erscheinen.
Thomas Wörtche/Plärrer


Robert Littell: Die kalte Legende

Das einzig Betrübliche ist der deutsche Titel: „Die kalte Legende“ heißt im Original „Legends“, und genau darum geht es in dem neuen Roman von Robert Littell - um die verschiedenen Legenden, die ein Geheimagent verpasst bekommt und die, je nach Rolle, seine Persönlichkeit so okkupieren, dass ein authentisches Ich völlig verschwindet. Littell ist ein unglaublich gutes Buch gelungen, ein wahres Meisterwerk, obwohl man mit solchen Prädikaten wahrlich vorsichtig umgehen soll. Sein Held besteht aus mindestens drei völlig verschiedenen Personen, eine hat ein furchtbare Gedächtnislücke, und alle drei müssen ihre Fähigkeiten mobilisieren, um die Lücke zu schließen. Und alle drei müssen zusammenarbeiten, damit am Ende nicht die Liquidation durch den Arbeitgeber CIA steht. Littell inszeniert diese Geschichte des fröhlichen Einrichtens in der kreativen Identitätslosigkeit eben nicht als Suche nach dem eigenen, wirklichen Ich, weil er weiß, dass ein solcher Weg in den intellektuellen Kitsch führen kann. Statt dessen zeichnet er ein böse und sarkastisch komisches Panorama der 90er Jahre von Jelzins Russland über Nahost bis zum frühen Bin Laden. Die literarische und intellektuelle Virtuosität Littells ist dabei schlicht bewundernswert. Ein Buch und ein Autor, die die Relationen zwischen dem, was ein großer Roman sein kann, und dem ganzen mediokren Zeug von Wilson, Eisler, Kanon und dem ganzen skandinavischen Polit-Gedödel, an das wir uns schon fast gewöhnt hatten wie an Magerkost, energisch zurechtrücken. Grandios!
Thomas Wörtche/Plärrer

Hier ist die Persönlichkeitsspaltung Zeitzeichen. Martin Odum, so nennt er sich pragmatisch, weil dieser Name seine letzte Legende war, stellt als Privatdetektiv in New York untreuen Ehepartnern nach und züchtet Bienen auf dem Hausdach. Bis die aus Moskau eingewanderte Estelle Kastner mit einer Bitte an ihn herantritt, wie sie nur in vollglobalisierten Jetztzeit denkbar ist. Odum soll einen russischen Gangster und Geldwäscher auftreiben, der ihre Schwester in Israel geheiratet hat, um rasch aus Russland aus- und dorthin einwandern zu können. Dieser Samat Ugor-Shilow hat sich nach Eheschließung und Hauskauf verdünnisiert. Die Hinterbliebene braucht einen von mehreren Rabbinern bezeugten Scheidungsbrief des absenten Gatten, um wieder neu heiraten zu können. Und den soll Odum beschaffen. Zuvor muss ihm das Unmögliche gelingen, einen Menschen mit Geld, der nicht erwischt werden will, zu schnappen.

Odum will den bescheuerten Fall eigentlich nicht annehmen, wird aber von seiner ehemaligen Führungsoffizierin, einem rüschenbeblusten Ekel namens Crystal Quest dermaßen ruppig bedroht, davon Abstand zu nehmen, dass er es aus Trotz dennoch tut. Außerdem hat er noch einen ganz persönlichen Grund: Als operativer Undercover-Agent der CIA hat er in den Jahren seit dem Zusammenbruch des Ostblocks so viele verschiedene Legenden – Fachausdruck für die Deckidentitäten als Spion – übernommen, dass er nicht mehr genau weiß, wer er ist. Sie geraten ihm durcheinander und das bringt ihn in echt verrückte Situationen. Als Lincoln Dittmann kennt er ein Gedicht von Walter Whitman auswendig, das dieser ihm persönlich vor über hundert Jahren beigebracht hat. Als Dante Pippen versteht er plötzlich Russisch. Außerdem reden ihm seine Identitäten auch noch dazwischen, so dass er befürchten muss, ein vierte oder fünfte kalte Legende vergessen zu haben, die ihm den Weg zu sich selbst erschließen könnte. Odum weiß nicht genau, wer er ist.

Also macht er sich mit Estelle auf die Suche nach dem Eheflüchtling, auf eine Reise, die ihn über Prag und London nach Israel und weiter nach Russland und an den Aralsee und wieder nach New York führt – eine danteske und kafkaeske Reise durch die Höllen der Geheimdienste und die Verworrenheit der jüngsten Geschichte, meist nur knapp einen halben Schritt der tödlichen Kugel voraus. Waffenschieber, Reliquienhändler und Wohltäter, die die Landminenopfer preisgünstig mit Prothesen versorgen, kreuzen seinen Weg.

Robert Littell hat sich als Korrespondent von Newsweek im Nahen Osten reichlich mit den rauen Tatsachen der modernen Spionage beschäftigt, bevor er begann, Politthriller zu schreiben. Hierzulande sind von seinen 13 Büchern nur „Tod und Nacht“ (Knaur-Taschenbuch), eine bitter groteske Geheimdienstverschwörungskomödie über die Kennedy-Ermordung, „Die Company“, eine eher dumpf-patriotische Mehrgenerationensaga zur CIA, und neuerdings „Die kalten Legende“ lieferbar. Aber die hat es in sich. In unterkühlt-ironischer Distanz begleitet er sein Chamäleon Odum durch das Netz einer wüsten Doppel-Intrige. Sein Humor ist prächtig. So lässt er uns ganz nebenbei wissen, wie die USA den Anschlag vom 11. September hätten verhindern können. Und wo wohnt der „Oligarch“, der Onkel des gesuchten Geldwäschers und Großhütchenspielers? Natürlich in der Datscha Lawrenti Berijas, der als Massenmörder und Geheimdienstchef Stalins Geschichte gemacht hat. Das einzige, was einen bei der unglaublich raffiniert konstruierten Geschichte dieser Suche nach dem verlorenen Schatten wundert, ist, dass sie gut ausgeht. Das unterscheidet ihn vom großen Meister Le Carré, mit dem er in diesem Werk Eleganz, Raffinesse und den bösen Blick auf die Spionagewelt teilt.
Tobias Gohlis/Arte Buchtipp des Monats Juli


Garry Disher: Schnappschuss

Eine Frau wird auf einer abgelegenen Landstraße vor den Augen ihrer siebenjährigen Tochter erschossen. Als Detective Inspector Hal Challis die Ermittlungen aufnimmt, erweist sich der Umstand, dass ihr Schwiegervater sein Vorgesetzter ist, als zusätzliche Quelle der Verwirrung. Niemand scheint an Aufklärung interessiert zu sein, und der Mörder beseitigt in aller Ruhe Spuren und Zeugen, die ihm gefährlich werden könnten. Und Challis hat Probleme mit seinen eigenen Kollegen, - seiner Partnerin Ellen Destry, deren Ehe in die Brüche geht, und mit dem Nachwuchs der Verbrechensbekämpfung.

Garry Disher lässt es sich auch in seinem neuen Roman nicht nehmen, seine Leser in die Niederungen der Polizeiarbeit mitzunehmen: die bessere Gesellschaft der Peninsula im Süden Melbournes möchte die Aufmerksamkeit z.B. von ihren Sexpartys ablenken, während Drogen und fehlende Chancen junge Leute dazu bringen, sich hemmungslos selbst zu versorgen und dabei sogar beim Detective Inspector einzubrechen.

Was würden seine Eltern wohl über diese Geschichte sagen? Er ertappte sich oft dabei, wie er die Welt mit ihren Augen zu sehen versuchte...Damals hatte es wohl kaum Drogenmissbrauch gegeben, jedenfalls konnte Hal sich das nicht vorstellen, mal abgesehen von Alkohol und Tabak – vielleicht noch etwa Kokain und Heroin bei der Großstadtbohème. Die beiden Weltkriege hatten zudem einen simplen Wertebegriff heranreifen lassen: Australier galten als mutig, praktisch veranlagt, einfallsreich, egalitär, sauber, kameradschaftlich und loyal.

Ein Australienbild, das von der konservativen Regierung und der Presse gern noch immer vertreten wird, und ein Klischee, das keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit hat – Drogen lassen auch im australischen Süden die Verbrechensrate steigen, und die Arbeit der Polizei ist, wie Garry Dishers Roman zeigt, mit ständig wachsender Gewalttätigkeit konfrontiert.

Mit viel Sinn für Spannung verbindet Disher die geschickt aufgebauten Handlungsstränge und führt sie in einem grausigen Countdown zur Aufklärung. Doch was bedeutet schon Aufklärung eines Falles, wenn für keinen einzigen der gesellschaftlichen Konflikte, auf die die Leser gestoßen werden, auch nur ansatzweise eine Lösung zu sehen ist: diese Nähe zum alltäglichen Wahnsinn machen Garry Dishers Kriminalromane so beunruhigend.
Lore Kleinert/Radio Bremen

Jenny Siler: Ticket nach Tanger

Ein kleines Kloster in Frankreich, eine Handvoll Nonnen, ein dunkler, düsterer Abend. Lautlos fast stürmen ein Dutzend schwer bewaffnete Männer das Areal; sie treiben die Nonnen in der Kapelle zusammen – und erschießen sie. Nur eine, Schwester Heloise, kann entkommen; und sie kann einer weiteren, zufällig Überlebenden mitteilen, was die Männer wollten: Sie, „die Amerikanerin“ suchten die Bewaffneten; um sie zu eliminieren, töteten sie alle Bewohnerinnen des Klosters.

So beginnt Jenny Silers vierter Roman „Ticket nach Tanger“, der aus der Perspektive genau jener Amerikanerin erzählt wird, die das Massaker nur zufällig überlebte. Eine junge, gut aussehende Frau, die sich Eve nennt, die ein Jahr zuvor mit einer schweren Schusswunde und völligem Gedächtnisverlust an einer Straße in der Nähe aufgefunden wurde – und die seither im Kloster lebte.
Retrograde Amnesie, also ein vorübergehender Gedächtnisverlust, ist ein beliebtes Motiv in der Kriminalkultur, weil es in einem Bild zwei Arten von Spannungsaufbau ermöglicht: Der Ermittler begibt sich auf die Suche nach sich selbst – und auf die Recherche nach den Umständen, die ihn dazu brachten, sich selbst zu vergessen. Er stellt sich den Schatten der Vergangenheit, und wenn er, im günstigsten Fall, diese Schatten mit dem Licht der Erkenntnis erhellt hat, lockt sogar noch ein Happy End. Ein Motiv, bei dem eigentlich nichts schief gehen kann, und genau das lässt es bei vielen Stoffen nicht funktionieren; dann nämlich, wenn der Gedächtnisverlust als billiger Trick eingesetzt wird, um die Zuschauer und Leser an der Nase herumzuführen und ihnen eine unambitionierte, abgeschmackte Geschichte zu erzählen.

Um so mehr freut man sich, wenn alle Jubeljahre ein Autor doch wieder auf gewitzte und originelle Weise mit dem Motivs des Gedächtnisverlusts arbeitet, und genau das ist bei Jenny Siler der Fall. Ihre Heldin Eve stellt sich den Schatten ihrer Vergangenheit. Sie macht sich anhand des einzigen Indizes in ihrem Besitz, einem abgelaufenen Fährticket nach Tanger, auf die Suche nach ihrer Geschichte. In Tanger sucht sie nach Spuren ihrer Existenz, und dabei gerät sie schnell - ohne es zu wissen - mitten hinein in ein höchst gefährliches, vielfach tödliches Netz, an dem Geheimdienste, Killer, Waffenhändler, Detektive stricken...

Sehr bemerkenswert, wie Jenny Siler ihre Leser mit hinein nimmt in die dunklen Gefilde ihrer Geschichte; wie sie die Spannung eben auf zweierlei Weise fast unerträglich auf die Spitze treibt. Hier die höchst komplexen politisch-geheimdienstlichen Angelegenheiten, die die Erzählerin atemlos durch Marokko und schließlich durch Europa treiben. Dort die eigene, undurchdringbar scheinende Geschichte, die schließlich doch erhellt wird, auf schmerzhafte, höchst dramatische Weise – und, natürlich, letztlich doch im Zusammenspiel mit der anderen Ebene, denn Privates und Politisches sind in dieser Geschichte untrennbar verbunden.

„Ticket nach Tanger“ spiegelt und deutet die Welt der Geheimdienste in Zeiten des Krieges gegen den Terror. Die Autorin analysiert dabei die Rolle der amerikanischen Dienste auf bitterböse Weise. Bei der Auflösung beißt sich die Katze allerdings auf gewisse Weise in den Schwanz. Da geht es dann doch wieder zentral um eine Familiengeschichte, die die politische Ebene des Ganzen als Motor transportiert – und statt an den analytischen Verstand an die großen Gefühle appelliert. Tja, das ist dann doch sehr amerikanisch und eher mäßig originell. Aber sei´s drum, das ist nur ein Wehrmutstropfen. „Ticket nach Tanger“ ist alles in allem intelligente, hervorragend gemachte Unterhaltung.
Ulrich Noller/Funkhaus Europa

Erstellt: 28-07-06
Letzte Änderung: 31-07-06


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