Willkommen, liebe KrimifreundInnen, jetzt rollt die Krimiwelle.
Sechs neue Titel in der Krimi-Bestenliste April 2008 …hatten wir schon lange nicht mehr. Übrigens auch keine Liste mit so vielen, nämlich neun anglophonen Autoren. Aber selbst der deutschsprachige
Linus Reichlin (Platz 3) nimmt erzählerisch die Kurve über Arizona, um nach Mexiko zu gelangen.
Der Topographie nach:
Yorkshire…ist seit eh und je das Kerngebiet jener britischen Autoren, die Krimi als groß angelegten Gesellschaftsroman schreiben: John Harvey, Reginald Hill, Peter Robinson, Val McDermid und jetzt, mit dem Red-Riding-Quartet, David Peace. Von 1963 bis 1965 entführten, folterten, vergewaltigten und mordeten die „Moormörder“ Myra Hindley und Ian Brady fünf Kinder und Jugendliche, zwischen 1975 und 1981 fielen dem „Yorkshire Ripper“ Peter Sutcliffe mindestens 13 Prostituierte zum Opfer. Das sind die kriminalgeschichtlichen, - die politischen Eckdaten von
David Peaces Tetralogie über das rote Riding sind: die Industriekrise der 70er und 80er Jahre, der Machtantritt Thatchers 1979 und das 25jährige Thronjubiläum der Queen 1977. Mit dem vierten abschließenden Band „
1983“ (original: 2002)
(Platz 4) greift Peace noch einmal zurück an den Anfang. 1969 verschwindet die 8jährige Jeanette Garland, behindert mit Downsyndrom, auf dem Heimweg von der Schule, 1983 wird Hazel Atkinson, 10, vermisst. Immer als Ermittler dabei „Ich“, das ist DI Maurice Jobson, „Die Eule“. Damals hat er Michael Myshkin, einen polnischen Spätentwickler unter Folter zu einem Geständnis gezwungen, jetzt hängt dessen damaliger Kumpel Jimmy Ashford nach einem erzwungenen Geständnis in seiner Zelle. Anwalt John Pigott, dessen Vater als Polizist an den ersten Ermittlungen beteiligt war, nimmt jetzt die Spur auf. Red Riding verwandelt sich durch Peaces an Milton, Aleister Crowley und der Bibel trainiertem Rap-Staccato in einen unauflösbaren wirren Alptraum aus Verbrechen, Gier, Wahn, Korruption, Schuld und Leid. Erst dieser vierte Band gibt die gesamte, in dem Würfel
„1974“, „1977“, „1980“, „1983“ gespeicherte schwarze Energie frei.
Queensland,Flächenstaat im Nordwesten Australiens, war zwischen 1968 und 1987 unter der Regierung des „Hillbilly-Diktators“ Joh Bjelke-Petersen ein Paradies für Puritaner und Korruption.
Andrew McGahan widmet jener Zeit ein melancholisches Adieu in „
last drinks“ (original: 2000). Aus der Sicht des abstinenten Alkoholikers und Journalisten George Verney, der damals ein vom Trunk überwältigtes Unschuldslamm war, brach die
Fitzgerald Inquiry 1985 über einer kleinen Truppe von glückseligen Bullen, Politikern, Säufern und Sexbesessenen herein wie die Sintflut. Jetzt, zehn Jahre später, als einer seiner ehemaligen Kumpel im abgelegenen Umspannwerk in den Bergwäldern bei Highwood gefoltert und gegrillt aufgefunden wird, kommen das alte Elend und das alte Glück wieder hoch. Auf Platz 6 ein Buch, das Australien im Nebel zeigt, aber nicht in einem kalten wie
Peter Temple in „Shooting Star“,
(Platz 2), sondern in einem warmen aus Whiskey und Wodka mit der dazu gehörenden wehleidigen Breite.
Indiana…ist ein Terrain für lustvolles Erzählen, das unterschiedlicher nicht ausfallen könnte.
In
Lee Childs wie immer bravourös windungs- und temporeich inszeniertem Thriller „
Sniper“ (original: „One Shot“, 2005)
(Platz 7) mit dem Ex-Militärpolizisten Jack Reacher haben wir alltäglichen Mittelwesten: eine namenlose Mittelstadt zwischen den Bauruinen des Schöner-Werdens und des Konsums, wie eingeschlossen von dem Viadukt eines Highways. Doch nicht von dort, der besten Schussposition aus, sondern aus dem Neubau des innerstädtischen Parkhauses werden fünf Passanten von einem Scharfschützen niedergemäht. Als Jack Reacher in Florida im Fernsehn den Namen des alsbald gefassten Killers erfährt, unterbricht er Sonnenbad und Liebesspiele, um diesen Mann aus seiner Vergangenheit der gerechten Strafe Reachers zuzuführen. Doch aus der Nähe entpuppt sich der Blitzsieg der kleinstädtischen Justizmaschine über den Massenmörder als Fehlschuss, und erst Reachers bemerkenswerter physischer und intellektueller Einsatz überführt die üblen Kerle im Hintergrund.
Bannockburn College, der Schauplatz von
Michael Collins’ „Der Bestseller-Mord“ (original: „Dead of a Writer“ 2006)
(Platz 9) gehört zu ebenfalls zu Indiana. Aber nicht zur bodenständigen Mittelwest-Gesellschaft, sondern zu jener Sphäre des ambitionierten akademischen Exzellentismuswahns, dem unsere Bildungspolitiker so gerne nachschwänzeln würden, wenn sie nur könnten. Bannockburn ist, so kann man begründet vermuten, eine satirische Version der katholischen Elite-Universität Notre Dame, an der der gebürtige Ire Michael Collins [A-Z, bitte aktualisieren mit Kurzrezensionen etc.], 100-Kilometer-Läufer, mit einem Sportstipendium 1979 seinen M.A. in creative writing gemacht hat. Die Spuren dieser kreativen Exaltationsexerzitien durchziehen diesen etwas überdimensio- und ambitionierten Roman als handfeste köstliche Satire auf die bösartigen Selektionsmechanismen dieser Campuswelt. publish or perish – niemanden quält dieses gnadenlose Gesetz der Auslese mehr als Robert E. Pendleton, einstmals gefeierter Avantgardist, inzwischen seit beinahe 20 Jahren verdorrter Prof auf dem Lehrstuhl Kreatives Schreiben. Die Ankunft seines Erzrivalen, des Erfolgsautors Horowitz, zu einer Lesung, bei der dieser die Hälfte seines Jahresgehalts als Honorar einstreichen wird, ist Pendleton endgültig Anlass zum Suizid. Der scheitert, und Pendleton partizipiert an der folgenden, weiter 400 Seiten umspannenden Handlung als „Gemüse“ im Rollstuhl. Darin geht es um einen von ihm veröffentlichten, aber gleich wieder im Keller versteckten Roman, der den Mord an einer Schülerin so exakt beschreibt, dass die Polizei auf den Plan tritt und Pendleton verdächtigt, diesen, bisher ungeklärten Mord begangen zu haben. Dass sich hier ein weites Feld für Literaturbetriebssatire, Writers-block-Neurosen, Erörterungen über Fiktion und Wirklichkeit, Krimi und Verbrechen etc. etc. etc. auftut, versteht sich von selbst. Immerhin gelingt es Collins, dem Langstrecken-Querfeldeinläufer, unbeschadet ins Ziel zu kommen: Auf den letzten Seiten sind zwar die letzten Fragen nicht gelöst, aber der wahre Mörder identifiziert.
New York - City und Staat…sind das Gelände für
Lawrence Blocks unerbittlichen Roman „
Verluste“ (original: „Everybody Dies“ 1998). Matt Scudder, der Privatermittler, der nur einer Regel folgt, nämlich in den folgenden 24 Stunden keinen Alkohol anzurühren, ist mit dem alten Gangster Mick Ballou befreundet. Als diesem zwei Mitarbeiter abgeschlachtet werden, hilft Scudder beim Beerdigen. Ein großer, ruhiger Roman ist das über das Alter, über das Leben und die Unvermeidlichkeit des Todes. Thomas Wörtche 1994: „Block und macht aus ‚Moral’ keinen staatstragenden Grundbegriff, sondern löst sie auf in eine Vielfalt von Handlungsoptionen, für die nur das jeweilige Individuum verantwortlich ist - mit allen Konsequenzen allerdings, auch mit dem Risiko des eigenen Todes.“ Gut, dass Block wieder gelesen werden kann! Ein Hoch auf
Funny Crimes!
(Platz 8)Edinburgh…ist Rankins und Rebus’ Stadt, und das wird wohl, da Stuart MacBride nicht einmal seinen fiesen Reporter Colin Miller aus Aberdeen fortlässt, wohl noch eine Weile so bleiben.
Allan Guthrie jedenfalls, kann bei aller Bemühung, seinen eigenen Noir-Stil zu finden, dem etablierteren Kollegen noch nicht recht das Wasser reichen.
Fans meinen, sein Edinburgh sei „mieser, dunkler und schmutziger“ als das Rankins. „
Abschied ohne Küsse“ (original: „Kiss Her Goodbye“ 2005)
(Platz 10), die Geschichte Joe Hopes, dessen Tochter nach einer Vergewaltigung Selbstmord begeht und dessen Frau mit seinem Baseball-Schläger verdroschen in seinem Kofferraum verblutet ist, kommt mir jedenfalls schlichter vor. Obwohl die Konstellation Geldeintreiber mit Lehrerstudium etwas hat. Aber lesen Sie selbst!