Ein falscher Zungenschlag, und wir hätten eine hämische Denunziation der weltgeschichtlichen Verlierer durch die Gewinner, eine Fehler-, Schwächen- und Gräuelparade, die von den Defekten des eigenen Systems ablenken soll. Denn Colin Cotterills Serie um Dr. Siri spielt im kommunistischen Laos der siebziger Jahre und zeigt Szene um Szene Absurditäten und Ärmlichkeiten der Kommandowirtschaft und Spitzelgesellschaft.Aber Cotterill unterläuft kein falscher Zungenschlag, obwohl er in "Dr. Siri und seine Toten" die Verhältnisse in Laos kurz nach der Machtübernahme der Pathet Lao mit beißendem Spott zeigt. Siri, 72 Jahre alt, war ein Feld-, Wald- und Wiesendoktor, der endlich in Rente möchte. Stattdessen wird er in den Kittel des Chefpathologen des Landes gezwungen. Er versteht nichts von Forensik, hat keine Arbeitsmaterialien, wird von Apparatschiks bedrängt und erkennt bei vertrackten Fällen die politischen Fallstricke, noch bevor er die ersten fachlichen Erkenntnisse gewinnen kann.
Der in London geborene Cotterill, der in verschiedenen Funktionen für die Unesco in Thailand und Laos tätig war, kombiniert in der Siri-Serie Witz, politischen Grimm, krimitypische Freude an der Aufhellung einer vorsätzlich verrätselten Welt und menschliches Mitgefühl. Der Autor will nicht den Kapitalismus preisen, sondern den Mut derjenigen, die im sozialistischen Tollhaus auf humanen Maßstäben beharren.
Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung
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Vierzig Jahre lang hat Dr. Siri im Dschungel von Laos verwundete Rebellen zusammengeflickt. Als die Pathet Lao am 23. November 1975 endlich in der Hauptstadt Vientiane einziehen, schwebt ihm ein ruhiges Rentnerdasein vor. Doch leider haben die revolutionären Truppen sämtliche Akademiker aus dem Land gejagt, und so kommt Dr. Siri die zweifelhafte Ehre zu, mit 72 Jahren das Amt des „ersten und einzigen Leichenbeschauers“ der Volksrepublik zu übernehmen.Mit diesem Dr. Siri hat der britische Schriftsteller Colin Cotterill den vermutlich unfähigsten Rechtsmediziner der Kriminalliteratur geschaffen.
Nicht nur, dass dem in die Jahre gekommenen Feldscher die nötige Qualifikation fehlt. Auch seine Ausrüstung ist eher behelfsmäßig. Die stumpfe Knochensäge ist aus einer Fleischerei ausgemustert, die Bohrer sind ein Erbe der Kolonialzeit, und ein Labor gibt es erst einmal gar nicht. Als die Frau eines hohen Regierungsmitglieds unter seltsamen Umständen ums Leben kommt, kann der „Genosse Doktor“ darum gerade einmal feststellen, dass das Opfer „weder erschossen, erstochen noch erstickt worden“ ist und auch „nicht vom Zug überfahren wurde“. Denn: „In Laos gibt es keine Züge“.
„Dr. Siri und seine Toten“ heißt der erste Band einer Reihe von bisher vier Romanen, die jetzt ins Deutsche übersetzt werden. Hier erfährt man alles, was man immer schon über die Geschichte des winzigen Einparteienstaats Laos wissen wollte. Colin Cotterill, der die meiste Zeit seines Lebens in Südostasien verbracht hat, ist regelrecht verliebt in die kuriosen Details des verbiesterten, sozialistischen Alltags: von den „Hühnerzählern“ der Regierung, die in den ärmlichen Wohnsiedlungen nach Anzeichen von Verschwendungssucht“ suchen, bis hin zu den öffentlichen Lautsprecheranlagen, die die entnervten Einwohner Vientianes morgens mit gellenden Ratschlägen zur Bekämpfung einer nationalen Schneckenplage aus dem Bett werfen.
Die Versorgungslage ist miserabel, am Sonntag treten ganze Straßenzüge zur „freiwilligen“ Gemeinschaftsarbeit an, und die einzige Ablenkung inmitten dieser Tristesse sind zerlesene thailändische Modezeitschriften, die auf dunklen Pfaden über die Grenze aus dem Nachbarland geschmuggelt werden. Das sind die „Errungenschaften“ der Revolution. Aber, schreibt Colin Cotterill, „da die Verhältnisse nicht schlechter waren als zuvor, beklagte sich niemand“. Und dieser Satz enthält mehr Wahrheit, als alles andere, was man in den letzten dreißig Jahren zum Thema Postkolonialismus lesen konnte.
Kolja Mensing/Tagesspiegel Juli 2008







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