Mit zehnjähriger Verspätung bringt die nette, kleine Funny Crimes-Edition im netten kleinen Shayol Verlag einen weiteren Roman aus der Matt-Scudder-Serie von Lawrence Block. Nach zehn Jahren Markt-Abstinenz ist ein Autor in unseren schnelldrehenden Zeiten bei Buchhandel und Kritik vergessen. Nur bei ein paar treuen, unverdrossenen Fans nicht. Treue, unverdrossene Leser zu haben, ist für einen Schriftsteller eine wunderbare Erfahrung und, wenn er ein ernsthafter Schriftsteller ist, sozusagen die literarische Existenzbegründung.
Die 15 Romane – auf deutsch liegen sie bei weitem nicht alle vor, schon gar nicht in adäquater Form - um den Privatdetektiv Matt Scudder aus NYC, der einst Cop war, angetrunken versehentlich ein Kind im Dienst erschossen, dann einen Entzug hinter sich gebracht hat und heute mit seiner langen Liebe Elaine verheiratet zusammenlebt, den wir also seit seinem ersten Auftritt in „The Sins of the Fathers“ (dt: „Mord unter vier Augen“) nunmehr über 30 Jahren kennen und verfolgen, sind alles andere als bleischwere Minderheiten-Literatur.
Im Gegenteil: Überall auf der Welt ist Lawrence Block als das bekannt, was er ist: Eine der großen Gestalten der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Neben anderen Serien (die um den Meisterdieb Bernie Rhodenbarr etwa oder die um Evan Tanner – irgendwo zwischen Abenteuerroman und Polit-Thriller angesiedelt -, oder die um Keller, den netten Profi-Killer von nebenan) zeichnen sich die Scudder-Romane durch einen ganz bestimmten Gestus, durch einen Erzählton, durch einen Rhythmus aus. Dies alles korrespondiert präzise mit dem ästhetischen Grundentwurf: nämlich mit der ausschweifenden Rhetorik, die letztlich die blanke Lakonie kommuniziert.
Paradox? Ja! Genauso paradox und verwirrend, wie alle Sujets und Themen, die vermittels dieser irren Rhetorik verhandelt werden. Hier, in „Everybody Dies“, (der deutscher Titel „Verluste“ ist mir viel zu metaphysisch, zu uncool) geht es um Scudders besten Freund, Mick Ballou. Der ist ein irischer Gangster, mit Metzgerschürze, Hackebeilchen und einem abgeschlagenen Kopf in der Sporttasche ausgestattet, ein literarischer Verwandter des legendären Butcher Bill (den wir wiederum u.a. aus Martin Scorseses grandios-gescheiterten „Gangs of New York“ kennen), weil er wie der historische Bill Poole ein benevolenter Virtuose des Verstümmelns ist, voll mit irisch-nationalen Ressentiments und rassistisch bis xenophob, aber dennoch ein netter Kerl. Dieser Kumpel auf jeden Fall gerät in eine Vendetta, und Scudder mit hinein. Die ersten Toten fallen an, darunter auch ein alter Bekannter aus dem Scudder-Universum. Jetzt setzt die in langen Dialogen inszenierte Rhetorik der Problemfelder ein, mit allen noblen, Hohen Dingen: Schuld und Sühne, Gerechtigkeit, Freundschaft und Loyalität, Verrat und Mord.
Alle Modalitäten der zwischenmenschlichen Beziehungen werden an- und ausdiskutiert, betont herrschaftsfrei, fast als Karikatur der politischen Korrektheit - schön, dass man mal darüber gesprochen hat. Dabei ist allen Beteiligten und auch dem pp Lesepublikum eines völlig klar: Scudder und Ballou müssen töten und ausrotten gehen, und mindestens einen Verräter gibt es auch. Also töten Scudder und Ballou inmitten der Wortschwälle, zielstrebig, entschlossen, effektiv, grausam, beiläufig. Ganz und gar lakonisch.
Natürlich ist der Roman keineswegs auf eine solche billige Pointe hingeschrieben. Er und alle Scudder-Romane machen nämlich etwas sehr viel wirkungsvolleres – sie rücken die Bezugsparameter der Wirklichkeit, die wir alle kennen, einfach um ein paar Millimeter beiseite. Das wunderbar genau geschilderte New York City, das Matt Scudder in der guten, alten Flaneur-Tradition zu Fuß ergeht (wer will, darf jetzt Franz Hessel! schreien oder Walter Benjamin!), mit seinen konkreten „Realitäten“ aus Medien, Sport, Politik und anderen rekonstruierbaren Gegebenheiten, ist bei Block auch ein Ort erheblich differenter moralischer Positionen. Die werden nicht diskutiert. Die sind da. Nach ihnen wird gelebt und gehandelt. Sie sind allerdings keinesfalls mit offiziellen Werten und Positionen in Deckung zu bringen. Auch Prämissen werden bei Block nicht diskutiert, sie sind ihrerseits keineswegs an die offiziellen Wertungen und Einschätzungen gebunden: Ein Zuhälter kann (muss aber nicht) ein guter Mensch sein, desgleichen ein Dealer, ein Mörder und Räuber. Gerechtigkeit ist nicht gesellschaftlich herstellbar, ist noch nicht einmal ein absoluter Wert. Auf freundlich parlierende Weise schaffen Blocks Figuren die Universalie „Du sollst nicht töten“ zwar nicht ab, aber definieren sie jeweils neu, beinahe kasuistisch und reagieren dabei im kleinen, zwischenmenschlichen Bereich auf ein Jahrhundert, dessen Leitsysteme (Ideologien) diese Universalie viel radikaler abgeschafft haben und täglich abschaffen, ohne sie auch nur ansatzweise zu diskutieren.
Nun, am Ende des Romans, der ein paar nette, schaurige Gewaltsausbrüche enthält, ist die Welt wieder bereinigt (nicht: gereinigt) – mit Blut gewaschen, könnte man sagen. Und darin, so wie in dem Umgang mit den Hohen Werten der offiziellen Zivilisation steckt eine stille Ironie, ein komischer Grimm oder eine grimmige Komik – auf jeden Fall ein bei aller Komplexion sehr unterhaltsamer und extrem vergnüglicher Roman.
Hoffen wir, dass Lawrence Block mit diesem Buch bei uns aus der Ecke des hermetischen Fantums herauskommt. Vom Zuschnitt seiner Romane lässt er sowieso die notorischen Feuilleton-Lurche, die Austers & Co. unserer Tage hinter sich. Wir müssen uns nur allmählich daran gewöhnen, dass dergleichen in Kriminalromanen stattfindet.
Thomas Wörtche/ Titel-Magazin







per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

