Auf solche Erwägungen stößt uns Håkan Nesser in seinem jüngsten Roman „Die Schatten und der Regen“ Doch bevor Nesser in seiner Erzählung auf die zentralen Fragen von Mord und Schuld und Sühne zusteuert, fesselt er die Leser wie es alle guten Erzähler tun, indem er sie so mit den Hauptfiguren vertraut macht, dass sie nicht mehr von ihnen lassen können – und vor allem: ihnen trauen. Da ist zum einen der Ich-Erzähler David Mörtberg. Der Lehrer hat sich für ein Jahr beurlauben lassen. Von Uppsala ist er etwas widerwillig nach K. aufgebrochen, einer kleinen Stadt hoch im schwedischen Norden, in der er seine Kindheit verbracht hat. (…) Anlass von Mörtbergs Reise in die Kindheit ist ein Brief seiner Schwester, in dem sie ihm mitteilt, dass ihr alter Ziehbruder Viktor Vinblad nach Jahrzehnten der Abwesenheit wieder nach K. zurückgekehrt ist. (…)Erst zum Schluss der verschlungenen Erzählung begreifen wir, dass das, was dem alltäglichen Menschenverstand einleuchtend scheint, noch lange nicht die Wahrheit sein muss. Der Weg zur Erkenntnis ist gepflastert mit den Erinnerungen an eine Kindheit im hohen Norden: voller Zauber, voller Rätsel und Grausamkeit. Denn Viktor ist ein Mörderkind. Sein Vater hat die Mutter im Suff erschlagen und anschließend sich selbst umgebracht. Mörtbergs Eltern nehmen das Waisenkind auf, und seitdem sind die Schicksale der drei Kinder miteinander verknüpft.
Dieser Viktor, um den sich alles dreht, war einmal ein Pfundskerl. Er konnte Psalmen rückwärts singen, vergaß nichts und fiel als Fünfzehnjähriger, während er gerade dabei war, das seit 328 Jahren ungelöste Rätsel um Fermats letzten Satz aufzudröseln, aus dem Schulfenster. Nach dem Sturz verstummte er. Mit drei anderen Außenseitern war er später auf einem Bauernhof zusammengezogen. Als die geistig etwas zurückgebliebene Mitbewohnerin Sara nackt und erschlagen im Wald gefunden wurde, verschwand er über Nacht und galt seitdem als der Schuldige. Zwei Morde sind in den letzten fünfzig Jahren in K. geschehen, und in beide war Viktor verwickelt. Jetzt sind mehr als 25 Jahre vergangen, der Mord ist verjährt, und Viktor ist von wer weiß woher zurückgekehrt. Wird der Tod Saras aufgeklärt werden? Wie soll Martin mit seinem Ziehbruder umgehen, wenn dieser jetzt den Mord gesteht?
Håkan Nesser ist ein Autor, der es mit beidem ernst meint, mit dem Krimi und mit dem Roman. Wie sein deutscher Kollege Friedrich Ani betrachtet er den Kriminalroman als eine Angelegenheit auf und um Leben und Tod, als Struktur der erzählerischen Existenz- und Seelenforschung. (…)
von Tobias Gohlis/Die Zeit
Tobias Gohlis ist Vorsitzender der KrimiWelt- Jury und schreibt für uns auch ein Krimitagebuch: Skizzen von Begegnungen mit Autoren, Berichte aus der Szene, Kommentare, Leseerfahrungen und Aufgeschnapptes. Manchmal auch Notierenswertes aus dem Innenleben der Jury.
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