Zunächst beginnt Littell ganz untheologisch: Mit dem Attentat einer palästinensischen Kampfgruppe auf einen israelischen General und seine amerikanische Geliebte. Darauf folgt das Vergeltungsattentat des Mossad, auch ein paar Tote. An dem ersten Attentat ist ein fast blinder Doktor beteiligt. Er erledigt seine Opfer mit einem aufgesetzten Schuss hinter die Ohren. Sein Kampfname ist Abu Bakr, wie der erste Kalif, der auf Mohammed folgte.
Nach diesem Vorspiel sind einige Jahre ins Land gegangen, in der vorgestellten Zukunft herrscht eitel Licht, und ein Friedensabkommen zwischen Palästinensern und Israel steht kurz vor der Unterzeichnung. Die amerikanische Präsidentin (Wahlprognose!) hat den nahöstlichen Streithähnen den Waffen- und Geldhahn zugedreht, um sie an den Verhanhandlungstisch zu zwingen. Wie die Unterzeichnung des Friedensvertrages trotz dieser äußerst vernünftigen Maßnahmen zu Fall gebracht werden könnte, und warum er vermutlich nie zustande kommen wird, ist Gegenstand des neuen Romans von Robert Littell. In „Kalte Legende“ hat er in der Figur des Agenten Martin Odum eine moderne Variante des ewigen Juden mit einer Satire auf den modernen Geheimdienstwahn verknüpft. Nun geht es im Heiligen Land beider verfeindeter Religionen um Territorium. Wer kriegt das Wasser und das Land zum Vaterland? Das ist die politische Sichtweise des Konflikts, die aus der olympischen Ferne des Weißen Hauses ein Berater der Präsidentin in seinen Memoranden zu Protokoll gibt. In der staubigen Nähe Jerusalems (Littell widmet der Stadt einige wunderbare Passagen, Liebeserklärungen an eine der schönsten Städte der Welt) fällt der Konflikt rabiater aus.
Der fundamentalistische Terrorist Abu Bakr, jener fast blinde Doktor mit der Kopfschusstechnik, hat Rabbi Isaak Apfulbaum („Schreiben Sie meinen Namen nicht mit e, sondern mit u“) entführt, einen ebenso fundamentalistischen Hassprediger. Er ist aus Brooklyn nach Israel gezogen, um vom orthodox-militanten Kibbuz „Beit Avram“ aus das höchste Gebot Gottes zu verkünden, das da lautet, Judäa und Samaria (also das Israel König Davids) solle wieder zu Gottes Land gemacht werden. Dazu sind dem Rabbi fast alle Mittel recht.
Entführer und Entführten eint der Wunsch, den Friedensprozess durch Ultimaten und Hinrichtungen zu Fall zu bringen. Umgekehrt gehen israelische und palästinensische Geheimorganisationen obszön weit zusammen, um den Schlupfwinkel Abu Bakrs ausfindig zu machen und die angekündigte Hinrichtung des Rabbi und seines Assistenten zu verhindern. Die mit allen üblen Geheimdienstricks vorangetriebene Suche nach dem Versteck der Entführer ist das Thrillermotiv, das den äußersten Spannungsrahmen des Romans bildet. Doch richtig raffiniert wird er durch die ebenso surrealen wie höchst plausiblen Entwicklungen im Innern des Verstecks. Denn aus der anfänglichen Übereinstimmung in einem Teilziel, Unterminierung des Friedensprozesses, entwickeln die beiden blinden Fundamentalisten in ihren immer wahnwitzigeren theologischen Disputen so viele Gemeinsamkeiten, dass sie sich schlussendlich als Brüder erkennen: als Isaak und Ishmael, die Söhne Abrahams. Natürlich kann das nicht gut enden.Littell beherrscht souverän beide Ebenen der Spannungserzeugung: die der Konstruktion eines raffinierten Plots und die des intellektuellen Kampfes der Weltanschauungen. Das Buch des langjährigen Nahostkorrespondenten sollte auf dem Nachttisch von Präsidentinnen und Präsidenten liegen, obwohl man bezweifeln kann, dass sie es verstehen.
Eine Rezension von Tobias Gohlis
Am nächsten Donnerstag, den 21.2.2008, bespricht Jörg Plath den Roman "Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)" von Henry Parland








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