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Der Krimi des Monats - 10/01/08

Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku/ Rache auf Chinesisch

von Tobias Gohlis


Mitten im Kampfgetümmel zwischen japanischen und taiwanesischen Yakuzas: Der Hai von Shinjuku. Arimasa Osawas Roman gibt Einblick in die Welt des japanischen Verbrechens.

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Von einem Bambusvorhang zu sprechen, der uns deutsche Leser von der japanischen Kriminalliteratur trennt, wäre zu klischeehaft und auch unzutreffend. Aber den Durchblick haben wir auch nicht. Nur einige wenige Autoren japanischer Zunge und Mentalität sind ins Deutsche übersetzt: Edogawa Rampo (1894-1965), der Vater des Detektivgenres in Japan, Masako Togawa, eine 1933 geborene Nachtclubbesitzerin und stilbildende Krimiautorin, oder Natsuo Kirino (*1951), die in „Umarmung des Todes“ 2003 faszinierend Arbeitswelt, Sittenkodex und Sexualmoral des modernen Japan trepanierte.

In diesem kammermusikalisch besetzten Orchester kommt dem Cass-Verlag eine besondere Vermittlerrolle zu. Verlegerin und Übersetzerin Katja Busson veröffentlicht hier nach und nach die Titel der in Japan sehr erfolgreichen Serie um Oberkommissar Samejima, der nach seinem Namen und Operationsgebiet „Der Hai von Shinjuku“ genannt wird. Geschrieben wird sie von dem 1956 geborenen Arimasa Osawa. Sie zeichnet sich, so das Urteil des Japankenners Robert Wittkamp, im Vergleich zu anderen durch eine besonders realistische Darstellung der Polizeiarbeit aus.

Mit „Rache auf Chinesisch“ (original 1991: „Shinjuku zame 2 - doku zaru“) liegt jetzt der zweite Band der Serie vor. Samejima, der Held, tritt uns als eigenwilliger Außenseiter in der klassischen angloamerikanischen Rolle des beamteten Detektivs entgegen. Sein Weg dorthin war jedoch spezifisch japanisch. Nach dem Studium hatte sich Samejima für die höhere Beamtenklasse qualifiziert (kyara, nach „career“ genannt), hatte aber das hierarchische System verletzt, indem er einen korrupten Beamten überführte. In Japan gilt dies nicht nur als Vergehen gegen den Korpsgeist, sondern auch als Beschämung der Institution und ihres verantwortlichen Leiters. Die Folge: Samejima wurde ins Shinjuku-Viertel versetzt, wo sich die Widersprüche Tokios ballen. Banken, Kaufhäuser und Rotlichtdistrikte sind hier in einem einzigen Hochhauskomplex verwoben. Die Beschreibung vermittelt jene mit asiatischen Metropolen verbundene Klaustrophobie, die in Gebäuden entsteht, die man nicht verlassen muss, um an Geld, Sex, Unterhaltung oder irgendeine andere Ware zu kommen.

Hier in Shinjuku zieht der einsame Hai seine Bahn, unbeeindruckt von den Benimmregeln der Yakuzas und den Rücksichtnahmegeboten der Polizeihierarchien, auf der Suche nach Dealern für Schnüffeldrogen. Die - technisch genau beschriebene – Verhaftung eines dieser Dealer führt Semijama an den eigentlichen Fall. Er tut sich mit einem heimlich aus Taiwan herübergekommenen, inoffiziell ermittelnden Kollegen zusammen, der wiederum einem aus der Bahn geratenen Superkiller auf der Spur ist. Ein Wettlauf entwickelt sich zwischen dem Killer, der die Ermordung seiner Familie rächen will, und seinen Yakuza-Gegnern, die ihn nicht finden können. Dazwischen die beiden Ermittler, hin- und hergerissen zwischen Sympathie mit dem einsamen Rächer und der Pflicht, einen Gangsterkrieg zu verhindern.


Nach anfänglichem Holpern (unübersichtliche Szenen- und Personenwechsel, Planlosigkeit des Plots) entwickelt sich dann ein ebenso aufschlussreicher wie rasanter Roman, der uns nicht nur enorm genau über die Tücken aufrechter Polizeiarbeit, über die ethnischen und hierarchischen Machtstrukturen der Yakuzabanden (die immerhin die größten Verbrecherorganisationen der Welt bilden) und – ganz unspektakulär – über die Mechanismen des Vergnügungsbetriebs informiert, sondern als komplexe Rache-, Liebes- und Heldengeschichte jede Menge Herz- und Schmerzstoff liefert.

Ein besonderer Salut gilt der Übersetzerin. Sie muss Unglaubliches geleistet haben, was einem dann auffällt, wenn man hier und da noch mehr wissen möchte. Die deutschen Übersetzer aus dem Japanischen sollten sich zusammentun, um eine vereinheitlichte Sprache der Polizeifiktion, wie wir sie vor allem bei den britischen Autoren kennen, zu erarbeiten. Dann könnte man die japanischen Besonderheiten, die diesen Roman ganz unexotisch interessant machen, noch genauer kennen lernen.

Eine Rezension von Tobias Gohlis




Erstellt: 08-01-08
Letzte Änderung: 10-01-08


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