Nicht nur, dass ich Computer, CD-Rom und Textverarbeitung ignoriere, ich halte es selbst mit der Schreibmaschine und dem Taschenbuch so. (…) Ich stehe inzwischen ganz professionell in einer Reihe mit überkommenen doch geschätzten Elementen der Folklore wie dem Poilâne-Brot und den authentischen Landrauchschinken, die man dem ausländischen Besucher so gern zeigt, erklärte Julien Gracq nicht ohne Ironie der Zeitung Le Monde im Jahr 2000.
Julien Gracq scheint mit seinen 95 Jahren einer versunkenen Welt anzugehören. Geboren wurde er in St Florent-le-Vieil an der Loire, wo er noch heute völlig zurückgezogen lebt. Gracq ist in Frankreich vergessen und im Ausland wenig bekannt. Der ehemalige Geschichts- und Geographielehrer, der mit richtigem Namen Louis Poirier heißt und es 1951 gewagt hatte, den Prix Goncourt für seinen Roman Das Ufer der Syrten abzulehnen, hat immer schon ein Doppelleben geführt. Und er ist mit Sicherheit einer der am stärksten „ausgeschlachteten“ Romanciers, Lyriker und Essayisten der französischen Literatur.
Pierre Michon, dessen brillante Leben der kleinen Toten die deutschen Leser erst kürzlich entdecken konnten, sagt es ganz offen: «Unter der besten Prosa unserer Generationen gibt es keine, die sich nicht zum einen oder anderen Zeitpunkt der Seinen erinnert. Hier und da taucht ein Satz Gracqs auf, eine typisch Gracq’sche Wendung, ein unverwechselbar verwendetes Adjektiv, in den vielfältigsten Texten, die seiner Hand nicht entstammen, manchmal, weil wir es so wollen, manchmal aber auch, ohne dass wir es merken, einfach weil Gracq in uns ist.» Und wie bei jedem großen literarischen Werk kommt Julien Gracqs Einfluss nicht allein aus dem Stil. Aus Julien Gracqs Schreiben sprechen die Bedingungen, unter denen es erfolgt: am Fenster, am liebsten auf dem Land, der Blick weit, die Landschaft vor ihm bis in die Ferne offen. Sein Werk ist wie «Ein Balkon im Wald», um den Titel eines seiner Romane aufzugreifen. Es öffnet den Blick und eröffnet der Phantasie einen Raum.
Lettrines II – Witterungen - in Frankreich 1974 erschienen, enthält Texte aus den Schreibheften, in denen Julien Gracq in aller Freiheit seine Bemerkungen zu Gelesenem, seine Überlegungen und Erinnerungen niederschreibt. Der Band ist Teil dieses freien Schweifens, auch wenn hier der Versuch unternommen wird, den Geist von Orten und Räumen wiederzugeben, die der Schriftsteller be- und durchschritten hat. Nach dem Muster der Reisenotizen Goethes oder Stendhals schlägt das Buch eine Frankreichkarte à la Gracq auf. Unter der Feder nehmen die schattigen Gänge des Jeu de Paume Gestalt an, die kaum geteerten Wege in den Bergen des Cantal oder auch der steile Weg bei Caen, der unter der deutschen Besatzung Sperrgebiet war. Doch selbst das Reisen hat bei Gracq ein Doppelleben. Seine Landschaften sind deshalb so präsent, weil er sie gleich doppelt durchschritten hat. «Ich habe gestern das Bild meines Ichs von Mauriac wieder aufgeschlagen, und das Bild der Straße durch die Landes setzte sich wieder in mir fest», notiert Julien Gracq. Der Schriftsteller François Bon hat diese Metamorphose der realen in eine geschriebene Landschaft sehr richtig erkannt: «Wie verwandeln sich doch die Worte Île de Ré, wenn man sie in den Lettrines liest.» Julien Gracq dürfte das nicht abstreiten, er der mit vierzehn erstmals das Wort amour in Rot und Schwarz entdeckt. «Da sind wohl ein paar jugendlich-tiefsinnige Falten eingegraben worden», meint der Schriftsteller ironisch. Jede große Literatur, und die Julien Gracqs gehört mit Sicherheit dazu, drückt der Zeit ihren Stempel auf.
Rezension von Christine Lecerf
Gespräch mit Gracqs Übersetzer Dieter Hornig
Dieter Hornig, Sie wurden in Österreich geboren und leben seit vielen Jahren in Frankreich, wo Sie deutsche Literatur und Sprache unterrichten, mit einem besondern Schwerpunkt auf der österreichischen Literatur. Außerdem sind Sie Übersetzer, und zwar, was ja selten ist, in beide Richtungen. Doch während Sie den Franzosen vor allem sehr zeitgenössische Autoren näher bringen – ich nenne nur die Theaterstücke von Elfriede Jelinek oder Werner Schwab – scheinen Sie bei den französischen Schriftstellern eher solche älteren Semesters vorzuziehen, ich denke da an Henri Michaux und Julien Gracq. Ist das eine bewusste Entscheidung?
Der erste Lyrikband, den ich mir kaufte, nachdem ich Rimbaud in einer zweisprachigen Ausgabe aus der Stadtbücherei verschlungen hatte, war ein Buch von Ernst Jandl. Konrad Bayer, Oswald Wiener und H.C. Artmann waren in meiner Jugend die Kultautoren meines engsten Freundeskreises. Wir kannten ganze Passagen auswendig. Von Anfang an fühlte ich mich dieser «Wiener Gruppe» verbunden, und Schwab und Jelinek kommen direkt von dort her. Die zeitgenössische französische Literatur, die ich seit den 70er Jahren lese (zugegebenermaßen recht wenig), enttäuscht mich immer wieder: selbstverliebt, adrett, nicht maßlos genug, nicht spielerisch, nicht engagiert, nicht wütend …. All das habe ich bei Michaux gefunden, der für mich in die gleiche Kategorie gehört wie Kafka. Michaux ist die Moderne. Gracq ist eine andere Geschichte, er ist der letzte Klassiker.
Julien Gracq war immer schon von der Landschaft fasziniert. Als Kind klebte er am Waggonfenster, wenn er mit dem Zug verreiste. Als Schriftsteller versuchte er dann, diese synthetischen Eindrücke einer durchschrittenen Landschaft wiederzugeben. Diese von Anfang an vorhandene Neigung wurde durch seine solide Ausbildung als Geograph allerdings noch verstärkt. Straßenkarten und geologische Karten zählen noch heute zur Lieblingslektüre Julien Gracqs. Muss man denn selbst Karten und geographische Abhandlungen lesen, wenn man Julien Gracq übersetzt?
Gracq kann Landschaften beschreiben wie kein anderer. Und nicht nur Landschaften, sondern auch den ständigen Kampf zwischen der Hand des Menschen, die die Landschaft gestaltet, und der Natur, die ihre Rechte einfordert. Seine solide Grundlage als Geograph hilft ihm, er verfügt souverän über die unabdingbaren sprachlichen Mittel dazu. Ich habe tatsächlich bisweilen Abhandlungen über Geographie gelesen, doch meist arbeite ich mit Wörterbüchern und Enzyklopädien. Und ich habe vor allem die anderen großen Landschaftsmaler der französischen Literatur gelesen, insbesondere Chateaubriand.
«Lettrines», den Titel der Sammlung, die gerade in Druck ist, haben Sie mit «Witterungen» übersetzt. In einem Interview sagte Julien Gracq, dass jedes Wort gleichzeitig über ein Klangbild und ein Schriftbild verfügt: «Auch das Wort ist ein Bild». Wie kann denn der Übersetzer diese typographische Kraft des Wortes vermitteln, die ja in jeder Sprache anders ist?
Ich habe Julien Gracq meine Schwierigkeiten bei der Übersetzung des Titels «Lettrines» mitgeteilt. Er hat mir dann sehr schnell und äußerst freundlich geantwortet und «Witterungen» vorgeschlagen. Ich glaube, er hat sich mit Bernhild Boie abgesprochen, der Herausgeberin der Edition de la Pléiade.
Den Romanen Julien Gracqs wird oft vorgehalten, sie seien von den Menschen verlassen. Dabei spielen doch Sinnlichkeit und Liebe dort eine bedeutende Rolle, allerdings in einer Welt, die sich deutlich absetzt von den Regeln der aktuellen französischen Literatur. Bereits 1975 beklagte Gracq eine Inflation erotischer Bücher, und er erinnert an die goldene Regel: in der Literatur zählt nur der erste Schritt. Ist diese Schwelle überschritten, «gibt es nichts mehr, was die Feder nutzen kann». Ist es nicht gerade diese Zurückhaltung, dieses Bewusstseins der Schwelle, die Julien Gracq zu einem unzeitgemäßen Schriftsteller macht, der Stendhal näher steht als den eigenen Zeitgenossen?
Ich sehe Julien Gracq in einer seltsam achronischen Situation. In der Tat steht er Stendhal nahe, aber auch Edgar Allan Poe. Gracq lebt die Sprache nicht als Panzer, als Gefängnis, als «Code» wie alle modernen Schriftsteller seit Rimbaud und Mallarmé. Er fühlt sich wohl mit diesem Instrument, er spielt darauf wie keiner sonst, mit außerordentlicher Virtuosität und einem scharfen Bewusstsein der vielfältigen Ressourcen, die ihm dieses Instrument bietet.
Das Interview führte Christine Lecerf
Paris, Mai 2005
Witterungen IIJulien Gracq, Dieter Hornig
Literaturverlag Droschl, 2005
ISBN: 3854206836








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