Braucht es nach den vielen Veröffentlichungen zu Yves Klein einen weiteren Katalog zum Erfinder des „International Yves Klein Blue“ (dem landläufigem blauen Farbpulver mit allerdings speziellem und hochgiftigem Binder Rhodopas M60A)? Haben die Retrospektive 1994/95 des Museum Ludwig in Köln und der Sammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf (bis hierhin schon eine bemerkenswerte Kombination) und Sidra Stichs zeitgleiche Monographie uns verheimlicht, dass wir es hier mit einem Vorreiter der Performance-Kunst und jemanden zu tun haben, der die Traditionslinien von Malewitsch und Duchamp vereint? Wußten wir nichts von Kleins romantischer Liaison und schließlicher Ehe mit Rotraud Uecker, der Schwester des Düsseldorfer Künstlers Günther Uecker, und Kleins großem Einfluß auf die (damals in der Tat weltbewegende) rheinische Kunstszene nach Kleins Ausstellung bei Alfred Schmela 1957 in Düsseldorf? War bisher seine buchstäblich schwammige Kunst-am-Bau-Intervention im Musiktheater Gelsenkirchen außerhalb des Ruhrgebietes unbekannt?
Konnten wir nirgendwo nachlesen, dass Kleins schlitzohriger Idealismus, sein provokant weltfremder Pragmatismus und seine heiligmäßige Koketterie Joseph Beuys´ Publikumsprovokationen und Marcel Broodthaers frühe Institutionenkritik entscheidend anregten und Andy Warhols Enttäuschungsspiel mit gesellschaftlichen Erwartungen vorwegnahmen? Stellen Kleins keusch konzentrierte (und daher erst recht aufreizende) Malaktionen mit blau beschmierten wunderschönen Französinnen nicht viel dringlichere Fragen an das Körperselbstbewußtsein eines jeden Zuschauers als die heutige, penetrant nackte Hoffnungslosigkeit einer Vanessa Beecroft? Ahnten wir nicht, dass Kleins Frechheit, elf weitgehend identische blaue Monochrome 1957 zu unterschiedlichen Preisen zum Verkauf anzubieten, das Meiste der heute documenta-gängigen Kritikkunst altbacken aussehen läßt? Wurde in keiner der unzähligen (untertrieben) französischen Publikationen etwas über Kleins Bedeutung für den Rest der (Kunst-)Welt dargelegt? Konnten wir uns nirgendwo vorher darüber informieren, wie wichtig dem aus der narzißtischen Künstlerehe verstoßenen Kind Yves die liebevolle Tante und Ersatzmutter Rose zeitlebens war?
Antworten auf all diese Fragen können wir Oliver Berggruens und Ingrid Pfeiffers prachtvollem Katalog zur Retrospektive auf das Werk von Yves Klein in der Frankfurter Schirn Kunsthalle entnehmen. Zehn Beiträge französischer und deutscher Autoren, eine ausführliche bebilderte Biografie und nicht zuletzt viele großformatige Abbildungen lassen die Malaktionen, Feuerperformances, Film- und Buchprojekte des 1962 im Alter von nur 34 Jahren verstorbenen Künstlers lebendig werden. Wer nicht gänzlich Neues erwartet, sondern die Feier und Würdigung einer charismatisch widerspruchsvollen Künstlerpersönlichkeit nachvollziehen möchte, der findet hier Yves Kleins ironiefähigen Idealismus, seine aktionistische Poesie, seine triumphalistische Melancholie fundiert dargelegt und erläutert. Ergänzt wird der Hauptkatalog durch eine Publikation der Frau des Museumsdirektors, Nina Hollein. Das Buch zur Ausstellung für Kinder („Yves Klein macht blau“) erzählt Episoden und Selbststilisierungen aus dem Leben des Künstlers nach und stößt im Realtest bei meiner Tochter (4 Jahre ) auf Interesse. Also soll man so etwas durchaus begrüßen, auch wenn die Widmung („Für Hektor“) den innersten familiären
Kreis etwas eng zieht (die Buchautorin möchte eventuell ja auch andere Kinder ansprechen). Frankfurt (am Main) kann dankbar sein, einen so umtriebigen und kompetenten Museumschef wie Max Hollein in der Schirn zu haben. Dies sei hier ohne Ironie gesagt (Geldgeber für Kunstausstellungen zu finden ist eine nur von Nicht-Könnern belächelte Angelegenheit). Im Vor-Vorwort hat einer der Ausstellungssponsoren das erste Wort: „Anlässlich der Yves-Klein-Retrospektive in der Schirn Kunsthalle präsentiert Peugeot seine Vision eines völlig neuartigen Kompaktwagens ... konzeptionelle Raumwelt ... Freiheit des Experimentierens ... mit austauschbaren Elementen der Innenraumverkleidung...“. Einerseits können sich Kunstinstitutionen und Verlage bei prestigeträchtigen Projekten wie „Yves Klein“ fragen, ob sie statt Kunstbetrachtern, die für sich etwas erkennen möchten, nur Kunstkonsumenten erreichen, die hastig etwas wiedererkennen möchten. Andererseits können sich Skeptiker fragen, ob es nicht etwas vertrackt Tröstliches hat, dass ein ehemaliger Spinner und Außenseiter wie Yves Klein mit einer knappen Schaffenspanne von nur sieben Jahren über vier Jahrzehnte nach seinem Tod eine Anziehungskraft in der Mitte der besseren Gesellschaft entfaltet, die außer Peugeot BASF, Air France, Novotel, Mercure Hotel, Druckhaus Becker, die Frankfurter Allgemeine, Vogue, HR2 und die Hessische Kulturstiftung als Sponsoren anzieht. Von einem bestimmten Blickpunkt aus sind die Geldgeber unbedeutender als der Künstler, sonst würden sie, profitorientiert wie sie sind, nicht mitmachen. von Matthias Winzen, Leiter der Kunsthalle Baden-Baden
Yves Klein Yves Klein, Olivier Berggruen, Max Hollein, Ingrid Pfeiffer
Hatje Cantz Verlag, September 2004
ISBN: 3775714464
Yves Klein (1928-1962) machte mit seinen spektakulären Kunstaktionen Furore. Sein Ouevre beeinflusst die Kunst bis heute. Die Schirn in Frankfurt präsentiert mit 100 Arbeiten alle Phasen seines Werks vom 17.9.2004 - 9.1.2005
Yves Klein macht blauNina Hollein
Hatje Cantz Verlag, September 2004
ISBN: 3775714863









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