Die Literatur ist am Ende, und mit der Liebe sieht es auch nicht besser aus, seit in Bulgarien die Demokratie „ausgebrochen“ ist. Wie eine verheerende Krankheit wütet die neue Zeit in Vladimir Zarevs Roman „Verfall“. Einst gefeierte Intellektuelle wühlen nachts heimlich in Mülltonnen nach Essbarem. Die Menschen verwahrlosen, drehen durch, dienen sich der neuen Macht an oder versuchen, durch kleine Betrügereien zu überleben. Martin Sestrimski wird nichts davon auslassen: Er schreibt Trauerreden, einen Schundroman und Werbetexte, tröstet als Telefonseelsorger, betrügt im Auftrag einer Agentur und stopft Gänse. Irgendwann setzt er verzweifelt alles auf eine Karte – und verliert. Schließlich betrügt er den einzigen Freund.
Opium für den Leser
Doch bevor Zarev seine Hauptfigur all diese Bankrotte durchwanken lässt, schenkt er ihm einen Gedankenblitz. Sestrimski fällt der Titel seines nächsten Romans ein: „Verfall“ tippt er am Ende des ersten Kapitels in den klapprigen Computer. Mit diesem Werk beginnt Vladimir Zarevs „Verfall“ im zweiten Kapitel noch einmal als Roman im Roman: Während Zarev vom Abstieg des Demokratieverlierers Sestrimski erzählt, malt sich dieser in grellen Farben den Aufstieg eines Profiteurs der neuen Zeit, dem Kriminellen Tilev, aus. Literatur als Realismus und als Opium.
Was Martin Sestrimski fehlt, bekommt Bojan Tilev im Überfluss. Der kleine Beamte im Sofioter Innenministerium wird 1989 von seinem Vorgesetzten, einem General, zum Schmuggel delegiert. Der General weiß, dass die Kommunisten die politische Macht abgeben müssen. Daher soll der unbelastete Tilev Geld horten und diese, so der weit blickende General, „beständigste Form der Macht“ zu gegebener Stunde einer Untergrundorganisation übergeben. Tilev tut wie ihm geheißen, anfangs hilflos staunend, bald gerissen raffend. Doch je mehr Reichtümer sich in den Händen des Mafialehrlings anhäufen, desto müheloser verdrängt er seinen Auftrag. Binnen kurzem hält sich der Emporkömmling für allmächtig. Er lebt in einer riesigen Villa voller Kunstschätze, an die Stelle seiner stotternden Frau Maria ist die atemberaubende Schönheit Magdalena getreten, sein wichtigster Geschäftspartner Krassi Dionov ist ein gefürchteter Verbrecher, und längst verdient Tilev sein Geld nicht mehr mit geschmuggelten Zigaretten, sondern mit der vornehm Privatisierung genannten Zerlegung ehemals volkseigener Firmen. Ein Fünftel des Landes gehört ihm, als plötzlich ein Abgesandter des vor Jahren gestorbenen Generals auftaucht und seinen Anteil fordert.
Vladimir Zarevs Rache
Sex, Crime und eine krude Verschwörungstheorie – in dem Tilev-Teil seines Romans hat Vladimir Zarev es den Kollegen mit ihren Krimis, Pornos und Liebesromanen, die den bulgarischen Buchmarkt nach der Wende überschwemmten und für Jahre ruinierten, mal so richtig gezeigt. Manche Szenen, vor allem jene mit den nicht allzu seltenen schwerbrüstigen Frauen, sind reine Kolportage. So sehe es eben aus, das organisierte Verbrechen, glaubten manche Kritiker. Doch bezeugen die Trivialitäten des Bösen mit Sicherheit nur eines: den erheblichen wirtschaftlichen Druck auf den Autor. Trotzdem konnte der 1947 geborene Zarev, in Bulgarien als Verfasser von insgesamt 15 Romanen, Erzählbänden und Sachbüchern sowie als Herausgeber der literarischen Vierteljahreszeitschrift „Sewremennik“ (Zeitgenosse) kein Unbekannter, seinen achten Roman 2003 nur mit Mühe und einer Kostenbeteiligung bei einem kleinen Verlag unterbringen. Dass „Verfall“, dessen Sestrimski autobiographische Züge trägt, mit 7000 verkauften Exemplaren der erfolgreichste bulgarische Roman seit der Wende werden würde, ahnte niemand.
Viele Begebenheiten im Roman ereignen sich leicht verwandelt zweimal und stoßen sowohl Sestrimski wie Tilev zu. Zarev frönt den Trivialitäten hemmungslos und distanziert sie zugleich: Die deftigsten schreibt er durch die Roman-im-Roman-Konstruktion dem Autor Sestrimski zu, und Sestrimski ist es auch, der sie mit Tilev als historisch kritisiert. Geld altere, es werde „weise und moralischer“, erfährt der Neureiche in einer großartigen Szene von einem bayerischen Millionär; auf Gier und Gewalt folgten endlich Genuss und Recht. So weit ist zu Tilevs Pech weder Bulgarien noch sein Gangsterpartner.
Der Herr und Meister, das Geld
Das deftige Bild der Nachwendezeit wollte Zarev offenbar möglichst vollständig ausmalen, weshalb er sich zuweilen in Geschichten verliert. Der Roman hat Längen und wäre durchaus durchtriebener denkbar. Aber die gefährliche osteuropäische Melange aus hilfloser Desorientierung und aggressiven Minderwertigkeitsgefühlen fängt er überzeugend ein. Bojan Tilev und Martin Sestrimski sind letztlich hilflose Schelme, die in diesem Roman mit pikaresken Zügen einem einzigen brutalen Herrn dienen: dem Geld.
Eine Rezension von Jörg Plath
Der Buchtipp am nächsten Donnerstag, den 24.5.2007, kommt von Ariane Thomalla. Sie stellt Vaclav Havels gerade erschienenes Buch „Fassen Sie sich bitte kurz“ vor:
Dramatiker und Präsident, Bürgerrechtler und Privatmann - dem ganzen Vaclav Havel begegnet man in diesem Buch, einer Collage verschiedener Zeiten und Ebenen. Sehr persönliche Tagebucheinträge von heute wechseln mit Einblicken in die Werkstatt eines Staatspräsidenten in den neunziger Jahren, durchmischt wiederum mit Antworten auf neue Fragen von Karel Hviz'dala. Herauskommt, dass Havel vielleicht der sympathischste Politiker des 20. Jahrhunderts war.








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