Was unheimlich wirkt, ist oft vorhersehbar. Vieles, was jetzt beim Tod des Ex-FSB-Agenten Alexander Litwinow noch rätselhaft scheint, ist bereits einmal beschrieben worden: in Martin Cruz Smith’ Kriminalroman „Treue Genossen“.
Moskau, im Jahr 2003. Pascha Iwanow, Milliardär, „Neurusse“, Hasardeur und Kapitalist, ist aus dem Fenster seiner Prachtwohnung gesprungen. Chefinspektor Arkadi Renko wird vom Staatsanwalt und einem Geheimdienstoberst gerufen, um die bereits feststehende offizielle Version abzusegnen: Selbstmord. Doch Renko, mit allen Wassern der Skepsis gewaschen, irritiert ein winziges Detail. Warum hielt der Selbstmörder ein Salzfass in der Hand?
Martin Cruz Smith kennt die Moskauer Bürokratie. Er war seit seinem ersten Besuch dort, aus dem der Weltbestseller „Gorki Park“ entstand, persönlich viele Male in Russland, und ein Netzwerk von befreundeten Exilanten informiert den akribischen Rechercheur auch in den USA über die neuesten Errungenschaften von Putins „gelenkter Demokratie“.
Skepsis ist nicht nur im Umgang mit den Aussagen amerikanischer Geheimdienstleute geboten. In Russland kann die Realität die schlimmste denkbare Verschwörung übertreffen. Renko wird von allen Dienststellen behindert, geschubst, manipuliert. Nur eins soll er nicht: unabhängig ermitteln. Der die Untersuchung führende Generalstaatsanwalt ist Aktionär im Konzern des Toten – Unruhe gefährdet den Aktienkurs. Neureich sein, Neurusse, ist sein Ziel, seine Stellung als Staatsanwalt und die Justiz sind geeignete Mittel dazu. Ehemalige KGB-Offiziere haben als private Sicherheitschefs mehr Einfluss auf die Justiz als der Generalstaatsanwalt. Von Iwanow heißt es, er habe zu denen gehört, die mit einem Telefonanruf ein Gesetz ändern können.
Erst als Renko im Kleiderschrank des Toten ein Dosimeter findet, das beim Gang durch die Wohnung wie irrsinnig tickt, wird ihm klar, was es mit dem rätselhaften Salz auf sich hat, das im Salzstreuer und in der Wohnung war. Es handelt sich um das radioaktive Cäsiumchlorid. Bei erneuter Untersuchung erweist sich der Leichnam des toten Magnaten Pascha Iwanow als so verstrahlt, dass die Autopsie abgebrochen werden muss, um die Mediziner nicht zu gefährden; eine Woche später findet man seinen Kompagnon Timofejew in der Sperrzone von Tschernobyl mit aufgeschlitzter Kehle.
Wer dieser Tage rätselt, ob das wie Puder in Hamburger Vorstadthäusern, britischen Flugzeugen und Londoner Sushibars aufgetauchte Polonium vielleicht absichtlich verstreut war, kann in „Treue Genossen“ noch einmal dramatisch nachvollziehen, wie leichtfertig und Menschenleben opfernd die russischen Eliten mit spaltbarem Material umgehen.
Überschwänglich lobt der Attentäter, der in „Treue Genossen“ hinter den Anschlägen auf die beiden Neurussen steht, Cäsiumchlorid als Mordmittel. „Alle Leibwächter dieser Welt nützen nichts, wenn dein Hund von einem Ausflug im Park ein oder zwei Körner in seinem Fell mitbringt und dann im Haus verteilt.“ Und doch ist das alles nichts gegen die Gleichgültigkeit, mit der Millionen von Menschen mit und nach dem Brand des Reaktors von Tschernobyl lebensgefährdender Strahlung ausgesetzt wurden.
Dorthin, in die Atomstadt Pripjat, führt den unbeirrbaren Arkadi Renko seine Recherche. Zwischen den Ruinen der aufgegebenen Stadt und in den illegalen Siedlungen der Sperrzone herumirrend, am Horizont der glühende Reaktor, findet er heraus, warum Iwanow, Timofejew und andere sterben mussten. Es ging um Ehre und Machterhalt.
Auch wenn es sich letztlich um eine andere Geschichte handelt: Es ist schon verblüffend, wie genau Martin Cruz Smith in diesem hoch aktuellen Kriminalroman die Mechanismen charakterisiert, die auch zum Tod der russischen Journalistin Anna Politkowskaja und zur Poloniumvergiftung Alexander Litwinenkos geführt haben.
Von Tobias Gohlis