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Der Krimi des Monats - 09/07/08

Rex Miller: Fettsack

Eine Rezension von Tobias Gohlis


Chicago: Er stinkt. Er frisst Menschenherzen, haust in der Kloake und ahnt jede Gefahr. „Fettsack“ Bunkowski, 500 Pfund, ist der Überkannibale unter den Serienkillern. Neu übersetzt. Und für super befunden. 1987 erstgeschrieben: Die Horrorfresse der USA ist Fettsack, home made. Miller heavy

„Der Präkognat: Sein Verstand ist ein Hort von unvorstellbar Abscheulichem und Bösem. Eine Todeszone des Grauens, wo Der Exorzist und Der weiße Hai eine Verbindung eingehen. Er ist ein brutaler und soziopathischer Killer, so tödlich und unaufhaltbar, dass er das Herz deines schlimmsten Alptraums zu einem kreischenden, leeren, blutverschmierten Loch der Finsternis macht.“ Diese triumphalen Zeilen sind das erste, schrecklichste, allumfassende Kapitel, mit dem der Blut- und Horror-Rausch einsetzt. „Fettsack“ (KrimiWelt-Bestenliste Juli Platz 9) ist der Titel, unter dem Rex Millers Meisterwerk „Slob“ von 1987 wieder erscheint. 1991 gab es schon einmal eine Übersetzung. „Im Namen des Todes“ lautete der beiläufige Titel. Darin fehlten diese Zeilen, wie überhaupt alles Trashige, Bizarre, mit dem uns die neue Übersetzung Joachim Körbers entzückt. Das Cover sollte in der jährlichen Ausstellung „Das schöne Buch“ berücksichtigt werden: Inhalt, Gestalt und Aussage sind kongenial. Denn „Fettsack“ ist ein Meilenstein in der Literatur- und Kulturgeschichte des Serienkillerwesens.

Serienkiller: entfesselte Yuppies

Seit 1974 das FBI seine Abteilung für Verhaltensforschung gründete, um herauszufinden, wie Mörder ticken, die mehrmals hintereinander Personen umbringen, zu denen sie keine sozialen Beziehungen unterhalten, wächst der Mythos vom Serienkiller. Nicht, dass es ihn nur in den USA gegeben hätte. Schon die Märchen der Brüder Grimm und die antiken Sagen berichten von ihnen. Und statistisch ist das Serienkillertum in Deutschland, nicht den USA, am meisten verbreitet – behauptet jedenfalls Serienkillerforscher Stephan Harbort unwidersprochen.

Aber in den USA wurde der Mythos gigantisch, wuchs schneller als in Las Vegas die Hotels. Ein FBI auf Legitimationssuche, Hollywoods Gier auf neue Stoffe und eine Gesellschaft, die sich am Rande des Abgrunds wähnt, weil Aktien und Werte purzeln, das sind die Ingredienzen, die den Serienkiller als Spiegelphantom des entfesselten Yuppie entstehen ließen, als „Figur des radikalen Egoisten, der seine Wunschfantasien zugleich bewundernswert kunstvoll und atemberaubend frei von jeder ängstlichen Antizipation innerer oder äußerer Widerstände in Szene setzt“, wie es der Hamburger Kriminologe Sebastian Scheerer formuliert hat.

Traumatisierte Kindheit - Übermensch

Literarisch enstprechen diesem Typus des Serienmörders aus Überdruss am ehesten Patrick Bateman, der Protagonist von Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ und natürlich Hannibal Lecter. Doch vor der Vollentwicklung dieser Ästheten des Genussmords musste erst einmal literarisch verstanden und etabliert werden, dass es diese dämonischen Serienkiller und ihre begnadeten Verfolger überhaupt gab. Exemplarisch führte Thomas Harris in „Roter Drache“ (original „Red Dragon“, 1981) sowohl die Pathogenese des Serienmörders (Missbrauch in der Kindheit, Vaterverlust, Tierquälerei als Vorübung etc.) als auch die begnadeten Profiler der FBI-Verhaltensforschung vor. Und errichtete damit der Behavioral Science Unit des FBI einen Denkmalsockel, von der sie in der Fiktion nie wieder heruntergekommen ist.

Harris’ „Das Schweigen der Lämmer“ (original: „The Silence of the Lambs“ 1988) war dann schon die ergötzliche Parodie auf das Muster, in dem bis heute die meisten Serienkillerromane erzählerisch stecken geblieben sind. Statt wieder und wieder das unverstehbare Böse auszugrüfteln und angesichts des Unergründlichen die begnadeten Profiler umso herrlicher leuchten zu lassen, machte Harris in diesem Geniestreich den Ästheten und Menschenfleisch-Gourmet und Superserienkiller zum Ermittler und Herrn allen Geschehens. Denn ohne Hannibal Lecter, den Gott spielenden Superpsychologen, können Clarice Starling und Kollegen nämlich den eigentlich vom FBI gesuchten Serienkiller gar nicht finden, der sich nach dem realen Vorbild Ed Geins (1906 – 1984) aus der Haut von Leichen einen neuen Körper näht. Gerade sieben Jahre lagen bei Harris zwischen Hommage und Abgesang auf eine Polizeitruppe, die vorgibt, das Andere verstehen und kontrollieren zu können. (Harris ist übrigens im psychologischen Verständnis des Serienkillers nie über seine Anfänge hinausgekommen: in „Hannibal Rising“ liefert er die von den Nazis traumatisierte Kindheit Lecters nach und zerstört damit – Millionen Dollars winkten – seine eigene grandiose Figur.)

Fettsack

Rex Millers „Fettsack“ (original „Slob“) ist 1987 genau in die Mitte dieser Entwicklung geplatzt. Harris hatte in „Roter Drache“ die Kränkungen, die Francis Dolarhyde erleiden musste, so empathisch ausgemalt, dass man beinahe vor Mitleid mit dem Killer vergangen wäre. Miller hingegen teilt über das, was „Fettsack“ Daniel Edward Flowers Bunkowski-Zandt zu der Killermaschine mit dem Spitznamen „Chaingang“ gemacht hat, nur das nötigste mit. Vater verloren, Vergewaltigungen aller Art, im Hochsicherheitsgefängnis von der Army entdeckt, in Vietnam losgelassen als Ein-Mann-Killerkommando, das lernte, sich an den Herzen der von ihm ermordeten kleinen gelben Männer zu stärken. Miller rekapituliert bereits damals allgemein bekannte Serienkillertatsachen, um sich erzählerisch auf das eine große Thema zu konzentrieren zu können: Fettsack Bunkowski als Monster auszumalen. Gekonnt operiert er mit Andeutungen. Wenn Fettsack ein paar Dosen Würstchen verschlingt, liest sich das, als kaue er frisch aus den blutenden Opfern gerissene Herzen. Miller interessiert die pure Monstrosität, nicht ihre gesellschaftliche Genese. Fettsacks Kugelgestalt (er hat so viele Menschen auf den Gewissen wie er Pfunde auf die Waage bringt: 450) reflektiert alle Deutungen und Symbolisierungen und wirft sie als Geschwätz zurück. Er ist das Ende allen Geredes: Er ist „eine einzige fließende Bewegung des Ausweidens, die Fleisch und Gedärme und blutige Organe und Knochen zerfetzt…“

Ein nouveau Experte

In den Ermittlungen, die der brave Polizist Jack Eichord gegen den „Einsame-Herzen-Mörder“ in Chicago aufnimmt, beginnt Fettsacks Glanz erst richtig schaurig zu glimmen. Fettsacks mythische Existenz ähnelt der jener Alligatoren, von denen Thomas Pynchon erzählt. Sie wurden als Haustierchen angeschafft und nach Heranwachsen tausendfach durch die Toiletten gespült, jetzt beherrschen sie als blinde Mutanten die Kanalisation der großen amerikanischen Städte. Fettsack haust in der Kloake am Rande eines Abwasserspülbeckens und sprengt von dort ein Chicagoer Stadtviertel samt Fäkalien in die Luft, als ihm eine rachedurstige Bikergang auf die Schwarte rückt. Selbst die tödliche Waffe, mit der Jack Eichord, der einmal wunderbar ironisch als einer dieser „nouveau Experten für eine bestimmte Unterart von Mördern“ charakterisiert wird, das Monstrum besiegt, zeugt von einem so brillanten Humor, dass man Millers „Fettsack“ allein um dieser Idee willen lesen muss. Eine fröhlichere und komischere Parodie auf das Getue um das magische Einfühlungsvermögen der Profiler habe ich bisher nicht gefunden.

Wer den amerikanischen Serienkiller nackt in seiner ganzen Grauslichkeit erblicken will, muss „Fettsack“ lesen, und zwar in der neuen Übersetzung Joachim Körbers. Sie ist vollständig und gibt alle ekligen, bizarren und abartigen Ausschweifungen des Originals getreulich wider. Darüber hinaus aber ist sie (im Unterschied zur ersten deutschen Übersetzung Jürgen Martins, die eher auf einen Raue-Männer-Sound des Westerns getrimmt war) bis in die winzigen sprachlichen Details gesättigt vom Kettensägen-Kreischen der Horrorliteratur. Das liest sich so: „WWWWWWWUUUUUUUUUUUUUUUMMMMMMMMMMMMM! Und so haut man neunzehn Kakerlaken auf einmal in die Pfanne.“

Eine Rezension von Tobias Gohlis

Lesen Sie auch die Rezension von Thomas Wörtche:Fettsack ist ein krasser Roman, der über Geschmacksgrenzen hinwegmetzelt....
Fettsack ist ein ekelhaftes Buch, ein sehr gelungenes, radikales und aggressives auch.

Erstellt: 09-07-08
Letzte Änderung: 09-07-08


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