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22/11/07

Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin - Marseille - New York

So lautet der Titel einer Berliner Ausstellung, die historisch sozusagen überfällig ist. Auch der Katalog dokumentiert ausführlich die Geschichte dieses jungen Amerikaners, der im Sommer 1940 nach Frankreich eilte, um – ohne zu zögern und nicht ohne Gefahr für das eigene Leben - eine gigantische Rettungsaktion zu starten.


Sein Büro in Marseille half vielen Emigranten aus Deutschland, Nazigegnern und Juden, zu überleben und aus der Falle Südfrankreich vor dem Zugriff der französischen Polizei und der Gestapo - notfalls mit gefälschten Pässen und Ausreisevisen - zu führen: per Schiff und per Flugzeug über Lissabon, und illegal zu Fuß über die Pyrenäen. „Der Botschafter der Vereinigten Staaten für die Elenden in Europa“ wurde 13 Monate später selbst vom Vichy-Regime ausgewiesen.

Wer war überhaupt Varian Fry, sollen Touristen und Berliner immer wieder am Potsdamer Platz an der Haltestelle und der Straße fragen, die seinen Namen tragen. Die Antwort gab vor gut zehn Jahren bereits die „ZEIT“. Er sei der „Engel von Marseille“, dem „eine ganze vertriebene Kultur ihr Überleben“ verdanke. Als ersten Amerikaner ehrte ihn 1996 Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“: „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Da war Varian Fry schon dreißig Jahre tot. 1967 war er an einem Herzinfarkt gestorben. Das feine Lächeln, das ihn auszeichnete, hatte er, notierte der Schriftsteller Hans Sahl, bereits in Marseille, verloren. „Der Mann mit der Nelke im Knopfloch, der anderen Gutes tut“.

Diese Ausstellung war fällig. Das AKTIVE MUSEUM Faschismus und Widerstand, Berlin, hat sie mit und in den Räumen der Akademie der Künste ausgerichtet. „Ohne zu zögern“ nennen sich Ausstellung und Katalog, der aufwendig und reichbebildert gestaltet ist und nicht nur eine Fülle an Lebensgeschichten Geretteter und Retter ausbreitet, sondern vorzüglich auch die historischen Hintergründe ausleuchtet. Interessant, wie lange auf diesem Thema ein Tabu lag, auch in Frankreich und in den USA, kam doch die Exilforschung ohnehin überraschend spät in Gang. In der Adenauer-Ära konnte man in einem literarischen Lexikon noch nicht erfahren, dass Wolfgang Hildesheimer zum Beispiel Jude war und nach Palästina hatte fliehen müssen. Und dass Paul Celan mit seinem „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ vor der Gruppe 47 damals scheiterte, die spöttisch reagierte, wundert heute. Dazu passt, dass für weite Bevölkerungskreise – und war es nicht die Mehrheit? - der Emigrant Willy Brandt in den 50er Jahren seriös nicht wählbar war.

Vichys restriktive Asylantenpolitik

Ein Tabu, das ein anderes nach sich zog: die höfliche Scheu deutscher Historiker angesichts der faschistischen Sünden der französischen Geschichte. Angefangen von der menschenverachtenden Politik Vichys gegenüber den aus Deutschland emigrierten Nazigegnern und Juden. Gleich 1940 hob der „Etat français“ das Asylrecht auf und unterschrieb den Artikel 19.2 des deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommens, der ihn verpflichtete, „namhaft“ gemachte deutsche Flüchtlinge „auf Verlangen“ auszuliefern. Vichy verabschiedete seine eigenen Judengesetze und stellte freiwillig Transporte für die Vernichtungslager in Polen zusammen: 76.000 vor allem deutsche und österreichische Juden fuhren in den Tod. „Die spezifisch französische Beihilfe zum Völkermord“, nennt es die Historikerin Anne Klein im Katalog .

„Ohne zu zögern“: Varian Fry auf dem Weg nach Marseille

Der Harvard-Absolvent Varian Fry hatte 1935 in Berlin ein Judenpogrom auf dem Kurfürstendamm erlebt, ein für ihn einschneidendes Erlebnis. Als die deutsche Wehrmacht Juni 1940 Frankreich besetzte, alarmierte er die Hilfsorganisationen in New York, in welcher Gefahr die deutschen Emigranten, Hitlergegner und Juden schwebten, die jetzt im großen Exodus aus dem besetzten Norden ins unbesetzte Südfrankreich flüchteten. Hauptziel: Marseille, die Stadt, in der man gut untertauchen und „auf ein Schiff mit acht Segeln“ warten konnte. Warten in enervierender Unruhe und Angst auf Stempel in Pässen, auf französische Ausreise-, spanische und portugiesische Transit- und überseeische Einreise-Visa, auf Schiffsplätze, auf Bürgschaften, Affidavits, und überhaupt auf Geld, um zu überleben. Immer in Gefahr, von den Spitzeln des französischen Geheimdienstes oder der Gestapo verraten und von der französischen Polizei oder Miliz, aufgegriffen und interniert zu werden, und damit ausgeliefert zu sein.

„Ohne zu zögern“, fuhr Fry im Auftrag des „Emergency Rescue Comitee“ nach Marseille, „die Taschen voller Listen mit Namen von Männern und Frauen, die ich retten sollte“, darunter die berühmte „Liste“ von Thomas Mann. Der ideale Mann für diesen Posten, sprach er doch fließend Deutsch und Französisch und war der Gestapo nicht bekannt. Die entscheidende Unterstützung kam von Eleanor Roosevelt, der Präsidenten-Gattin. Sie ließ sich überzeugen, dass Amerika schlecht handelte, wenn es die Elite Europas in Frankreich zu Tode kommen ließ, und setzte sogenannte Notvisa aus, die Heinrich Mann, Franz Werfel, Max Ernst, Marc Chagall und viele andere sozusagen für die Menschheit retten sollten.

Die illegale Tätigkeit des „Centre Américain de Secours“ (CAS)

Offiziell war Frys „Centre Américain de Secours“ (CAS) eine Anlauf- und Beratungsstelle für alle Flüchtlinge. Zuerst hatte er zwei, dann fünf, zuletzt zwölf und fünfzehn Helfer, nicht mitgerechnet die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Unter ihnen die reiche Amerikanerin Mary Jayne Gold, die nicht nur Geld gab, sondern auch im persönlichen Einsatz Lion Feuchtwanger aus dem Internierungslager Les Milles rettete. Dann Fritz Heine, Miriam Davenport, Lisa und Hans Fittkow, die Bergführer über die Pyrenäen, Jean Gemähling und Danile Bénédite, die nach Varian Frys Ausweisung noch einige Monate CAS weiterführten.
Doch verbarg das „Centre Américain de Secours“ hinter der Fassade einer Hilfsorganisation, die in wenigen Monaten mehr als zwanzigtausend Menschen half, mehr: ein ausgeklügeltes illegales Fluchthilfenetz, für das der österreichisch-jüdische Emigrant und Karikaturist Bil Spira gefälschte Pässe und Papiere perfekt herzustellen wusste, was ihm fast das Leben kostete. Von Spitzeln verraten, von denen es in Marseille wimmelte, geriet er in die Fänge der Gestapo und überlebte bis 1945 nur knapp mehrere deutsche Konzentrationslager. Andere forschten Verstecke oder illegale Fluchtwege aus oder versteckten gefährdete Emigranten im eigenen Haus.

Wieviele Menschen wurden gerettet?

Wer alles gerettet wurde und wieviele Menschen, darüber gibt es keine Zahlen. Listen zu führen, war zu gefährlich. Rund 1800 Menschen, mit Kindern und Partnern etwa 4000 Personen, schätzt der Katalog, habe das Fry-Komitee legal und illegal aus Frankreich geschleust. Namen darunter wie Leonard Frank, Siegfried und Lili Krakauer, Max Ophüls, Alfred Polgar, Hans Sahl, Walter Mehring, Herbert und Elsbeth Weichmann. Der Selbstmord von Walter Benjamin in Port-Bou nach der Überquerung der Pyrenäen und die Ermordung der beiden SPD-Politiker Rudolf Hilferding und Rudolf Breitscheid in Gestapo-Haft in Paris belastete alle sehr.

Varian Frys Ausweisung aus Frankreich

Am 29. August 1941 wurde Varian Fry selbst von der französischen Polizei verhaftet. In Absprache mit der amerikanischen Botschaft in Vichy wies man ihn unter der Begründung aus, er habe „Juden und Nazigegner beschützt“, was den Tatsachen voll entsprach. Dem Amerika der kommenden Mc-Carthy-Ära war ein Linksintellektueller wie Fry verdächtig. Hatte er nicht auch Kommunisten beim Überleben geholfen? Der FBI legte eine Akte an, die Fry in seiner Karriere stolpern ließ. Er schlug sich mit Werbetexten für Coca-Cola und als College-Lehrer durch. Ein am Ende auch privat gescheitertes Leben. Viele Ehrungen wurden ihm posthum zuteil. Dreißig Jahre zu spät.

„Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin-Marseille-New York“
Ein Projekt des AKTIVEN MUSEUMS Faschismus und Widerstand in Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Eine Rezension von Ariane Thomalla


Am nächsten Donnerstag, dem 29.11.2007 bespricht Regina Keil-Sagawe "Geographie der Angst" von Hamid Skif.




Erstellt: 21-11-07
Letzte Änderung: 22-11-07


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