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Reisefieber
Reisen waren wie für viele seiner Landsleute Turners Lebenselixier. Die Reisefreudigkeit der Briten hatte bereits im 18. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt - zu einer Zeit, in der das Reisen mit der Pferdekutsche noch eine recht beschwerliche Sache und stark abhängig vom politischen Geschehen war. 1802 konnte Turner nach dem Frieden von Amiens, der die Kolonialkonflikte zwischen Frankreich und Großbritannien regelte, seine erste große Reise auf das europäische Festland unternehmen: er ging nach Paris und in die Schweiz. Doch auf Grund der Napoleonischen Kriege musste er mit weiteren Kontinentalreisen bis 1815 warten. Stattdessen erkundete er seine englische Heimat, wo er die Südküste Englands, Yorkshire und Lancashire im Norden Englands sowie das Themsetal in zahlreichen topografischen Ansichten festhielt.
Dann endlich war die Napoleonische Ära zu Ende und Turner wieder unterwegs, denn in Europa konnte man sich nun frei bewegen und neue Verkehrsmittel und –wege erlaubten eine viel größere Mobilität. Diese Entwicklung ging im wesentlichen von England aus, aber auch Napoleon hatte im Verlauf seiner Feldzüge dazu beigetragen: regelmäßig verkehrende Postkutschen und Kutschenstraßen über die Alpen, Dampfschiffe statt der von Pferden gezogenen Boote erleichterten und beschleunigten das Reisen. Bald entstand eine erste Form von Massentourismus und parallel dazu wuchs die Nachfrage nach Reiseführern, derer sich auch Turner gerne zur Vorbereitung seiner Reisen bediente. Ebenfalls beliebt waren topographische Stichfolgen, die einen Eindruck vom Reiseziel vermittelten und gleichzeitig an die Erlebnisse unterwegs erinnerten. Viele von Turners Zeichnungen und Aquarellen dienten später als Vorlagen für die Stiche, die die frühen Tourismusführer des 19. Jahrhunderts illustrierten.
Ab 1817 bis 1845 überquerte Turner fast jeden Sommer den Ärmelkanal. In dieser Zeit entwickelte er sein Projekt „The Rivers in Europe“, eine Topographie bedeutender europäischer Flüsse. Er bereiste die Seine, die Loire, den Rhein, die Maas, die Rhône. Er aquarellierte Landschaften, Städte, Handwerk, frühe Industrieanlagen. Er tat dies mit System: ein optischer Zustandsbericht der Welt sollte es werden. Die Flüsse bezeichnete er als „Weg- und Lebenslinien“ der Menschheit. Sie hatten ihn immer fasziniert. Turner aquarellierte seine Eindrücke mit geradezu fotografischer Präzision. Das Aquarell war zu damaliger Zeit die gängige Technik, mit der er seine Eindrücke festhielt, und er hatte diese Technik bis zur Perfektion entwickelt. Er zeichnete und skizzierte meist auf blauem Karton in doppeltem Postkartenformat und kolorierte diese Zeichnungen. Zusätzlich führte er Tagebuch. Turner war ein manischer Arbeiter. Jede seiner Reisen ergab eine Vielzahl von reizvollen Motiven; bei seinen Fahrten die Seine aufwärts 1830-32 beispielsweise über 300 Aquarelle.
Turner malte nicht nur Landschaften, sondern thematisierte das Reisen an sich. Er schilderte die nicht immer bequemen Reisebedingungen und stellte die Transportmittel in den Mittelpunkt seiner Bilder: kleine Fischerboote oder die Gabares, die Loire-Segler, von Tieren oder Menschen gezogene Boote oder Dampfschiffe und das wichtigste Fortbewegungsmittel: die Kutsche oder das modernste: die Eisenbahn.
Das Projekt über die Flüsse Europas wurde letztlich nicht so umfangreich wie geplant: es entstanden lediglich drei Bände zu den französischen Flüssen Seine und Loire. Dafür aber erstellte Turner zahlreiche andere topografische Serien wie z.B. „Malerische Ansichten der englischen Südküste“ 1811-26, „Die Flüsse Englands“ 1822-27, „Die Häfen Englands“ 1826-28 und „Malerische Ansichten von England und Wales“ 1825-39.
Nähere Informationen zu dieser Thematik bei:
Erstellt: 10-06-05
Letzte Änderung: 20-03-02