Obwohl die deutsche Bildergeschichte - Stichwort: Wilhelm Busch - im 19. Jahrhundert einmal weltweit führend war, qualitativ wie quantitativ, kann man von einer eigenständigen deutschen Comic-Tradition kaum sprechen. Erste Ansätze wie beispielsweise e.o. plauens "Vater und Sohn" hat der Nationalsozialismus erstickt, und nach dem Krieg fehlte es sowohl an Zeichnern wie an erfahrenen Verlegern. So wurde Deutschland weitgehend zu einem Importmarkt. Anstelle von eigenen Produktionen erschienen also überwiegend Werke und Serien, die auch in anderen Ländern erfolgreich waren, in Übersetzung. Zuerst kamen in den 50er Jahren die amerikanischen Comics wie "Micky Maus" oder "Tarzan", dann in den 70ern verstärkt frankobelgische Serien wie "Tim und Struppi", "Lucky Luke" oder "Asterix", und als die Comics schließlich in Frankreich erwachsen wurden, auch die Werke von Moebius oder Bilal.
1991 habe ich bei Carlsen mit "Akira" die erste Manga-Serie in Deutschland verlegt. "Akira" wurde zwar Kult und hat sich sehr anständig verkauft, weitere Comics aus Japan taten sich zunächst jedoch schwer und trafen bei den Lesern, im Handel und bei der Kulturkritik auf vehemente Ablehnung - genau wie einst "Superman", der schon 1950 einmal ein erfolgloses Debüt hatte, oder später die Ende der 60er Jahre zunächst völlig erfolglosen europäischen Serien "Tim und Struppi" oder "Asterix". Genau wie bei den amerikanischen oder später den frankobelgischen Serien seinerzeit brauchte es einige Jahre, bis sich die Leser an die neuen Stoffe und Erzähltechniken gewöhnt hatten. Der Durchbruch und große Boom kam dann 1998 mit "Dragon Ball". Da hatte Carlsen mich als Cheflektor wegen der vermeintlichen Erfolglosigkeit des Themas, an das außer mir im Verlag niemand glaubte, gerade gekündigt.
Mang'Arte: Im Rückblick auf die letzten Jahre gab es in Deutschland, und ganz Europa, einen regelrechten „Mangaboom“. Wie erklärt sich dieses neue Phänomen Manga im Hinblick auf die ganze Comicgeschichte? Auf welche Weise integrieren sich Mangas in die deutsche Comicwelt?
Nicht nur in Europa beobachten wir derzeit einen gewaltigen Manga-Boom, sondern auch in den USA, also in der gesamten westlichen Welt. Mangas kamen in Japan in den 50er Jahren etwa zeitgleich mit dem Fernsehen auf, viele Produzenten arbeiteten deshalb sowohl für die Comics wie auch für den Zeichentrickfilm. Somit gibt es starke Verbindungen, Mangas erzählen sehr viel filmischer und damit rasanter als etwa europäische Comics, die ihre Wurzeln in den bildungsbürgerlichen Jugendzeitschriften mit pädagogischem Touch haben und ihre Leser stärker über den Verstand als über die Sinne zu erreichen versuchen. Der Film hat sich in der industriellen Welt in den vergangenen 20 Jahren immer mehr zum Leitmedium entwickelt und mit MTV und den CGI-Technologien sein Tempo immer weiter beschleunigt. Mangas können bei dieser neuen Rasanz aufgrund ihrer engen Verzahnung mit den Animes sehr viel besser mithalten als die eher behäbigen europäischen oder auch die amerikanischen Comics. Das ist das Geheimnis ihres Erfolges, auch in Deutschland, denn natürlich ist heute auch die Unterhaltungsindustrie längst ein globales Business, das kaum noch von nationalen Moden und Trends geprägt wird.
Mang'Arte: Mangas waren in den letzten Jahren das wachstumsstärkste Segment des deutschen Buch – und Comichandels. Wie schätzen Sie die heutige Situation ein? Wird sich der Markt weiterentwickeln? Sind Manga nur ein Trend der wieder verschwinden wird ?
Mangas sind keine kurzlebige Mode, sondern ein durchaus nachhaltiger Trend, aber auch jeder Trend überlebt sich natürlich einmal. Meiner Einschätzung nach werden Computerspiele mittelfristig die gedruckten Comics und damit auch die Mangas immer mehr verdrängen: Die Themen und Figuren ähneln sich, doch die Konsolenspiele haben den Vorteil, interaktiv zu sein. Das einzig Interaktive am Comic und am Manga hingegen ist das Umblättern der Seiten. Natürlich werden Comics nicht ganz verschwinden, auch der Roman hat ja die Lyrik nicht vollständig verdrängt. Aber viele Comics, vor allem natürlich anspruchsvollere Werke, erscheinen heute bereits mit kaum höheren Auflagen als Gedichtbände. Die Zeiten des "Massenmediums Comic" sind jedenfalls längst vorbei, und die Gattung wird in den nächsten Jahren eine noch sehr viel stärkere Marginalisierung erleben. Auch wenn der Manga in Deutschland seinen Zenit mit Sicherheit noch nicht überschritten hat, hat er, in langfristigen Perspektiven gedacht, keine Zukunft.
Mang'Arte: Wie schätzen Sie die Lage des deutschen Manga im Vergleich mit anderen Ländern in Europa und der Welt ein?
In Deutschland ist der Comic immer ein sehr viel kleineres Thema gewesen, und diese Beobachtung trifft auch auf den Manga zu. Wo in Frankreich 500.000 Exemplare verkauft werden, sind es in Deutschland vielleicht 50.000. Das hat mit der Bilderfeindlichkeit der protestantischen Kultur zu tun. In Ländern mit überwiegend katholischer Bevölkerung sind visuelle Erzählformen traditionell immer sehr viel populärer gewesen als in Deutschland.
Mang'Arte: Momentan wird ja ein Großteil der Mangas, die in Deutschland erscheinen, importiert, es gibt aber auch immer mehr deutsche Mangaka. Meinen Sie, es könnte einmal einen Markt geben, auf dem es einen größeren Anteil an Eigenproduktionen gibt? Vielleicht sogar welche, die auch exportiert werden?
Ein mit den Mangas verbundenes Phänomen ist es, daß sich die Leser sehr viel stärker einbezogen fühlen als dies etwa bei europäischen Comics der Fall ist. Das hängt zum einem mit der Allgegenwart vieler Themen auch im Fernsehen, auf Sammelbildern, als Action-Figuren etc. zusammen. Zum anderen aber auch damit, daß Mangas eine echte Jugendkultur sind und Fluchtwelten bieten, zu denen Erwachsene keinen Zugang finden: Comics wie "Micky Maus" oder "Asterix" werden längst auch von den Eltern gelesen und vom Feuilleton anerkannt, sie haben den Charakter der Abgrenzungskultur, der ihnen bis in die 70er Jahre anhaftete, längst verloren. Der jugendkulturelle Kontext bewirkt ein Nachmachen, genau wie viele Kinder und Jugendliche in den 50er und 60er Jahren ihre eigenen Comics gezeichnet haben. Mit Sicherheit wird es auch außerhalb Japans und auch in Deutschland eine Handvoll von Talenten geben, die eigene Stoffe entwickeln, die vielleicht sogar mit Erfolg in andere Sprachen übersetzt werden, doch wird das ein marginaler Bereich bleiben.
Mang'Arte: Ist auf dem deutschen Comicmarkt überhaupt noch Platz für neue Produkte?
Das finanzielle und zeitliche Budget der Konsumenten hat immer Grenzen, aber da das Bessere stets der Feind des Guten ist, wird es für herausragende Themen und Stoffe immer Platz geben. Der Markt, der heute noch als Wachstumsmarkt gesehen werden kann, wird innerhalb der nächsten Jahre allerdings zum Verdrängungsmarkt werden. Das ist jetzt bereits absehbar.
Mang'Arte: Kann man Comics, und vor allem Mangas, heute als erwachsenes, anerkanntes Medium etablieren?
Derzeit sind Mangas in Deutschland ein reines Jugendthema, wie es einst auch die herkömmlichen Comics aus Europa oder den USA waren. In den 80er Jahren wurden plötzlich "Comics für Erwachsene" als neuer Trend entdeckt, doch das Thema währte gerade mal zehn Jahre, dann verloren die älteren Leser in Deutschland nahezu vollständig das Interesse an der Gattung. Ich bin mir allerdings gar nicht sicher, ob sich dieses Phänomen bei den Mangas so wiederholen wird: Es hat den Anschein, als würden Kids, die mit japanischen Comics aufwachsen, Mangas auch über die Pubertät hinaus treu bleiben, und nicht irgendwann wechseln wie einst von der "Micky Maus" zur "Bravo". Vielleicht, weil Mangas sehr vielmehr mit Lebensgefühl als mit reiner Lektüre zu tun haben und auch sehr viel stärker Themen wie etwa Fragen der Identität verhandeln. Das ist auf jeden Fall eine spannende Frage, die heute niemand mit Sicherheit beantworten kann.
Mang'Arte: Welches sind für Sie die unentbehrlichen Autoren der Mangawelt?
In Deutschland ist derzeit ja nur ein winzig kleiner Ausschnitt des Angebots verfügbar, die Klassiker wie etwa die Werke des Altmeisters Osamu Tezuka fehlen so gut wie vollständig. Unentbehrlich ist für mich Katsuhiro Otomo, der mit vielen spezifisch japanischen Eigenarten der Erzählweise gebrochen und europäische Techniken aufgegriffen und in sein Opus magnum "Akira" integriert hat. Damit hat er einen Meilenstein der Manga-Geschichte geschaffen, der ganz entscheidend für den Erfolg der japanischen Comics außerhalb Nippons verantwortlich ist.
Interview wurde von Julia Neugebauer geführt. Oktober 2004.
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