- Herr Jansons: Sie wuchsen im sowjetischen Kommunismus auf. Wie kann ein Dirigent in so einem System, das weder reale noch symbolische Autoritäten duldete, hervortreten?
Vieles war schrecklich, aber alles auch nicht. Die starke Seite dieses Landes war die große Tradition, und eine hervorragende Ausbildung, die besser war als heute. Zudem gab es eine große Unterstützung von staatlicher Seite. Die Parteimenschen waren vielleicht nicht an Musik interessiert. Sie waren aber nicht dumm. Sie wollten zeigen, dass ihr System besser ist als der westliche Kapitalismus. Die ganze Welt sollte sehen: wir haben phantastische Künstler, wir haben phantastische Sportler. Deswegen wurde die Kultur unterstützt.
- Zu Beginn des 20. Jahrhundert plante man im Kommunismus sogar die Abschaffung des Dirigenten
Oh nein! Ich glaube nicht, dass dies jemand wirklich wollte. Dafür war die Unterstützung der musikalischen Institutionen seitens des Staates einfach zu groß. Natürlich wurde sie kontrolliert. Dennoch kann ich mich nicht beklagen, Ich hatte hervorragende Lehrer und Vorbilder, die im übrigen alle nicht sympathisiert haben mit dem System.
- Unter Ihren Vorbildern war Ihr Vater, der Dirigent Arvid Jansons, der im Gegensatz zu Erich Kleiber nicht den Fehler machte, seinen Sohn zu demotivieren, sondern Sie in Ihrer Neigung zum Dirigieren zu bestärken
Ja. Meine Eltern waren sehr gebildet und sehr intelligent. Bei uns gingen Schriftsteller und Poeten ein und aus, das war eine sehr interessante Gesellschaft. Ansonsten war ich den ganzen Tag im Opernhaus, meine Mutter war Sängerin, mein Vater Dirigent, sie brauchten gar keinen Babysitter. Ich habe alle Opern und Ballette auswendig gekannt und die Melodien auf dem Nachhauseweg gesummt. Mit Knöpfen und Nadeln habe ich mir eine Phantasiephilharmonie zurechtgelegt wie andere ihre Spielsoldaten. Und ich war der künstlerische Leiter. Ich wechselte sogar Hose und Hemd, um zwischen Probe und Konzert zu unterscheiden; legte Bücher vor mich hin und tat so, als seien sie die Partitur. Immer wenn ich krank und Fieber hatte, war meine erste Bitte, mir ‚mein‘ Orchester zu bringen.
- Sie verbrachten Ihre Kindheit in Riga, wo Sie 1943 geboren wurden...
Ja. Dort hat die deutsche Kultur eine sehr große Rolle gespielt. Richard Wagner war dort und sehr viele deutsche Dirigenten. Es gab deutsche Schulen, meine Mutter war auf einer solchen und spricht perfekt Deutsch. Ich aber war auf einer sehr strengen lettischen Schule. Ich habe angefangen Geige zu spielen mit meinem Vater, der selber Geige spielte und galt bereits mit sechs Jahren als einer der besten Geiger dieser Generation. Mit neun Jahren wollte ich plötzlich Fussball spielen. Es gab in Riga einen berühmten Trainer, der ging zu meinen Eltern und sagte ihnen, ich sei sehr talentiert und sollte auf eine Spezialsportschule. Meine Eltern waren entsetzt. Dann ist natürlich nichts daraus geworden (Lachen). Außerdem wäre ich viel zu faul dafür gewesen.
- Ihre Mutter ist Jüdin. Ihr Großvater mütterlicherseits und Ihr Onkel wurden im Ghetto ermordet
Ja, woher wissen Sie das?
- Aus dem Internet
Ach so. Ja, mein Großvater wurde erschossen, mein Onkel umgebracht, sie hatten diese Autos mit Gaskammern ... Sie wissen. Das war sehr schlimm.
- Haben Sie als Kind unter den Antisemitismus gelitten?
Ich habe nicht viel mitbekommen, ich war ja noch ein Kind. Meine Mutter hat nie etwas davon erzählt. Sie hatte sehr schwere Zeiten während des Krieges erlebt und auch im sowjetischen Teil war es nicht ratsam darüber zu sprechen. Ich erinnere mich... Ende der vierziger Jahre kam meine Tante von einer anderen Stadt zu uns nach Riga. An einem Tag, meine Eltern waren nicht da, hat es plötzlich geklingelt. Es waren drei Leute vom KGB. Die haben meine Tante aufgefordert mitzukommen. Ich habe gefragt, wohin sie denn gehen würden. Sie haben mir nur gesagt: „Siehst Du dieses Gebäude? Da bringen wir sie hin.“ Sie wurde nach Sibirien verschleppt. Das war eine Zeit, in der es sehr gefährlich war, das Falsche zu sagen oder Witze zu erzählen.
- Dann gab es eine Wende für Sie
Mein Vater bekam 1952 eine Einladung nach Leningrad als Dirigent. Meine Mutter und ich sind 1956 nachgekommen. Das war eine ziemlich dramatische Änderung in meinem Leben. Ich habe sehr schlecht Russisch gesprochen und auch die Mentalität war ganz anders. Ich habe oft geweint. Ich mußte sehr viel arbeiten, hatte eine private Lehrerin, die mich in allen Fächern auf Russisch unterrichtete.
- Was war so anders in Leningrad?
An sich war Leningrad bzw. St. Petersburg eine phantastische Stadt mit sehr viel Kultur. Ich bekam eine ausgezeichnete Musikausbildung an einer Spezialschule. An diesen Schulen fängt man mit sieben Jahren an und kommt nach zehn Jahren als professioneller Musiker heraus. Man hat zwar keine Kindheit, man lernt aber sehr viel. Manieren waren in Riga sehr wichtig gewesen, aufstehen, wenn eine Dame oder der Lehrer den Raum betritt und solche Dinge. In Leningrad gab es so etwas nicht. Meine Mutter aber sagte zu mir, ich sollte daran festhalten. Für mich war es schwierig, das hinzukriegen und gleichzeitig von anderen anerkannt zu werden.
- Als Teenager ist das wohl besonders schwierig?
Ich dachte immer, die werden mich hassen. Dennoch waren die Kinder sehr nett. Sie haben auch einen gewissen Respekt gehabt, weil der Baltikum für die Russen doch etwas sehr Westliches war. Nach drei Jahren hatte mich arrangiert. Die andere Schwierigkeit war, daß mein Vater ein berühmter Dirigent war, einen großen Namen hatte. Das war in der Sowjetunion schwierig. Wenn man aus einer Arbeiterfamilie kam, dann war alles sehr einfach. War man intelektuell sind, dann wurde es schwierig. Intelligenz war den Kommunisten suspekt. Der Sohn von Schostakowitsch hatte es auch sehr schwer.
- Steckte nur der sozialistische Gedanke der Gleichmacherei dahinter?
Nicht nur. Auch Neid. Mein Vater ist ja viel gereist, war im Fernen Osten, in Australien und auch oft in Deutschland. Er hat Geschenke gebracht, von denen andere noch nicht einmal träumen konnten. Aber ich war intuitiv und klug genug, diese nicht zu zeigen. Ich begriff, das andere das falsch einschätzen würden. Mein Vater war einer der ersten, der ein Auto hatte. Immer, wenn er mich in die Schule brachte, bat ich ihn, mich einen Kilometer vorher rauszulassen.
- Sie perfektionierten Ihre Kunst in Wien bei Hans Swarowsky und in Salzburg bei Herbert von Karajan
Von beiden lernte ich sehr viel, aber am meisten lernte ich von meinem Vater und von Jewgeni Mrawinski...
... dessen Assistent Sie 1973 bei den Leningrader, beziehungsweise Petersburger Philharmonikern, wurden.
Ja. Mrawinski war eine starke Persönlichkeit, der konnte fast alles machen, was er wollte. Er war kein Parteimitglied, er sympathisierte auch nicht mit dem System. Für ihn war Qualität wichtig und er hat keine Kompromisse gemacht. Es gab Festkonzerte zu den Jahrestagen der Oktoberrevolution. Er hat keines dieser Konzerte dirigiert. Er war eine Ausnahme, nicht jeder hat diese Kraft gehabt.
- Es heißt, dass Mrawinski es liebte, vor den Augen des Schülers eine Partitur aufzuschlagen und ihn, ohne jeden Kommentar, zwei Stunden lang eine einzige Stelle zu gründlicher Ausforschung anstarren zu lassen.
Er war ein Mann, der viel gedacht und analysiert hat. Auch ich habe eine solche Situation erlebt. Er saß auf der einen Seite des Tisches und ich am anderen Ende. Er konnte zwei Stunden schweigend dort sitzen, während man langsam unruhig wurde. So eine mentale Stärke hatte er.
- Vielleicht sah er im Unterdrücken von Gefühlen die einzige Möglichkeit musikalisch und persönlich zu überleben?
Ja und nein. Wenn man etwas kritisieren oder einen Witz machen wollte, mußte man aufpassen. Auch war es nicht ratsam, überall zu erzählen, daß man den deutschen oder amerikanischen Rundfunk hörte. Auf der anderen Seite ist die Mentalität der Menschen dort sehr offen, sehr herzlich, Freundschaft war sehr wichtig, die berühmte russische Seele. Wenn jemand krank war, dann wurde gleich gefragt, wie es einem geht. Heute ist alles anders, jeder will schnell zu Geld kommen. Die Menschen waren früher so gebildet und geistig auf einem so hohen Stand. Wir könnten heute alle Bücher kaufen, früher war das nicht möglich. Pop und Computer, das ist wichtig.
- Ihre Karriere im Westen fing 1979 bei den Osloer Philharmonikern an, in der musikalischen Provinz. War das von Vorteil?
Oh ja! Es war wunderbar etwas aufzubauen und ein junges Orchester auf ein hohes Niveau zu bringen, 23 großartige Jahre. Ich selbst bin ein Weltmensch, habe immer in Leningrad gelebt. Dies hat mir geholfen, die Mentalität in Oslo zu beeinflussen und sie zu motivieren aus diesem provinziellen Komplex herauszufinden.
- Wie hat denn Ihr Vater Ihre Dirigentenlaufbahn beurteilt?
„Mariss“, hat er immer zu mir gesagt: „Denke daran: Lieber ein gutes Konzert weniger als ein schlechtes mehr“. (Lachen) Er war ein wunderbarer Mensch, sehr lieb, sehr herzlich und wollte immer allen helfen. Ich glaube, er ist deshalb so früh gestorben, weil er sich zuviel zugemutet hat.
- Sind Sie ihm ähnlich?
Ein bisschen. Ich habe ihn beobachtet und dann bemerkt, wo seine Schwächen waren. Am Anfang war ich so wie er, es war sehr schwierig für mich, ‚Nein‘ zu sagen, nicht in musikalischen Dingen, da wußte ich immer was ich wollte, sondern in persönlichen. Jetzt mit den Jahren habe ich dazugelernt, vor allen Dingen haben mir meine Erfahrungen in Amerika geholfen.
- Etwa in Pittsburgh, wo Sie 1996 zum Chefdirigenten des Pittsburgh Symphony Orchestra als Nachfolger von Lorin Maazel ernannt wurden
Ja, schon vorher, ich hatte ja schon früh sehr viele Gastdirigate. In Amerika ist man einfach der Boss; man hat eine große Verantwortung und man muß bestimmen. Man kann nicht einen Weg gehen, der dazwischen liegt. Entweder: Ja oder Nein. Man muß lernen, den Mut zu haben, jemanden zu sagen: „Entschuldigen Sie. Sie sind nicht gut genug“. Ich habe dies gelernt. Es spricht zwar gegen meine Mentalität, aber ich habe es gelernt.
- Ihr Vater starb 1984, nach einem Konzert in Manchester an Herzversagen. Auch Sie erlitten einen Herzinfarkt auf offener Bühne
Zwei sogar. Mitten auf der Bühne, etwa sieben Minuten vor dem Ende von ‚La Boheme‘ in Oslo. Ich habe plötzlich Schmerzen bekommen links, furchtbare Schmerzen, ich hatte das Gefühl, dass eine Maschine mich zusammen pressen wollte von beiden Seiten. Ich habe nicht gewußt, was genau das ist, aber ich spürte, es ist ernst und gefährlich. Und ich habe mir nur gedacht: soll ich weitermachen bis zum Ende oder aufhören? Ich habe dann ganz kleine Bewegungen gemacht. Nach drei Minuten ging es mir noch schlechter und ich fiel zu Boden. Die Musiker sagten mir später, die rechte Hand habe noch weiter dirigiert, obwohl ich bereits bewußtlos war. Das war ein sehr dramatischer Moment. Gott sei Dank habe ich ihn überlebt. Guiseppe Sinopoli ist ja so gestorben. Nach fünf Wochen hatte ich wieder einen Infarkt. Dann habe ich ein halbes Jahr nicht dirigiert.
- Dem Tod ganz nah, was haben Sie gelernt?
Man lernt unglaublich sehr viel. Als ich im Krankenhaus lag, habe ich über das Leben nachgedacht. Nichts war mehr wichtig, außer meiner Gesundheit. Kein Orchester, kein Konzert, keine Musik. Ich nahm mir vor, anders zu leben, habe große Pläne gemacht, aber ab einem gewissen Zeitpunkt geht fast alles wieder in die gleiche Richtung von vorher (Lachen.) Aber unbewußt muß etwas geschehen sein. Erstens habe das Gefühl bekommen, dass ich als Mensch gereift bin. Ich kann es nicht erklären. Und zweitens: Heute kann ich auch ruhigere Musik mehr geniessen, langsamere Tempi besser ausfüllen. Das ist eine solche Überraschung für mich.
- Sie gelten als besessener Probenarbeiter, als Kontrollfreak. Es heißt, Sie rücken kurz vor Konzertbeginn die Stühle der Musiker noch hin. Ist das nicht ein bisschen viel Stress?
Ich weiß, dass ein Dirigent so etwas nicht machen sollte. Aber ich fühle mich verantwortlich für das Orchester. Ich habe immer die Sorge, daß nicht alles gut genug organisiert ist. Es ist Verantwortungsgefühl.
- Und es macht Sie unruhig, wenn der Saal nicht voll ist...
Wir spielen für das Publikum. Und deshalb es muß da sein. Es macht mich unglücklich und es ist nicht motivierend, wenn der Saal halbleer ist.
- Wie werden Sie hier in München ein gutbezahltes BR-Symphonieorchester motivieren, das nicht wie etwa in den USA oder anderswo finanziell um jede Saison kämpfen muß?
Ich glaube, den Musikern ist bewußt, dass die Zeiten nicht mehr so einfach sind. Die Qualität muß stimmen. Das Publikum wird immer kommen, wenn die Qualität stimmt. Heutzutage spielt natürlich Marketing eine große Rolle; wir können das nicht ignorieren. Sonst geht es nicht. Es gibt soviele Ablenkungsmöglichkeiten heute und deshalb muß man die Leute aufmerksam auf unser Programm machen.
- Inklusive sich mit Konzertbesuchern unterhalten, wie Sie das in Pittsburgh gemacht haben?
Ja, ich liebe das. Ich mag gerne mit Menschen sprechen besonders über Musik.
- Mit dem BR-Symphonieorchester sind es zwei Orchester, die Sie von Lorin Maazel sozusagen übernommen haben. Inwiefern kann ein Dirigent überhaupt Spuren hinterlassen?
Maazel hat phantastische Arbeit geleistet. Ich spüre immer, wo Maazel war. Er ist ein wunderbarer Dirigent. Er hat mir sozusagen einen Mercedes hinterlassen. Ich denke nicht darüber nach, was ich anders mache. Ich kann nur über mein Programm reden. Ich möchte ein möglichst breites Repertoire.
Ich hoffe auf eine langfristige künstlerische Leistung. Manche machen ja eine Arbeit einige Jahre und dann wollen sie ein neues, vielleicht besseres Orchester. Aber dieses Orchester in München ist bereits eine Höchststufe, ein Ziel, kein Karriereschritt. Das Orchester ist ein wunderbares Orchester, es ist musikalisch und technisch perfekt.
Nach 2004 werden Sie auch Chef des Amsterdamer Concertgebow-Orchesters werden. Wird Ihnen das nicht zuviel?
Ich habe immer zwei Orchester dirigiert, Pittsburgh und Oslo zum Beispiel.
Dann war ich oft Gastdirigent, ich bin das Reisen gewohnt. Jetzt möchte ich hauptsächlich in Europa arbeiten. Ich werde kaum mehr nach Amerika fliegen, denn das war der größte Stress, lange Flüge und die Zeitverschiebung. Es ist also weniger geworden.
©2004 Teresa Pieschacón Raphael
alle Fotos ©2004 Bayerischer Rundfunk






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