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13/12/04

Interview mit dem Dirigenten Christian Thielemann

Von Teresa Pieschacón Raphael


- Was hat Sie nach München zu den Münchner Philharmonikern gelockt?

Ich habe immer einen Hang zum Süden gehabt, es muss ja nicht immer das Norddeutsche sein. Unbekannt war mir die Stadt ja nicht. Ich lernte sie als Kind kennen, wenn es ins Ferienlager nach Berchtesgaden ging. Und dann aus meiner Zeit in Nürnberg. Ich weiß, es ist ignorant, wenn man auf die leiblichen Genüsse kommt, aber ich freue mich auf die entspannte Art hier. Sie wissen ja, was sich in Berlin abspielt, da ist im Moment die Hölle los. Ich freue mich auf das Orchester, finde es wunderbar, dass wir uns so gut verstehen und freue mich natürlich auch sehr darüber, dass die mich unbedingt wollten. Es ist ja sehr wichtig, dass man mit einem Orchester kann. Und dann würde ich mir gerne München näher ansehen. Das Künstlerleben kann grausam sein, ich nenne es ein Hundeleben auf hohem Niveau .Man bekommt nur Flughäfen und Hotels zu sehen. Und ich hoffe jetzt, dass ich mir die Zeit nehmen kann, München kennen zu lernen. Und auch die Strauß, Wagner- Tradition kommt mir - wie Sie ja wissen - arg entgegen (Lachen)

- Deretwegen Sie ja ständig in eine konservative - und die ist hier in Deutschland gleichbedeutend mit der reaktionären - Ecke gestellt werden.
Was heißt denn konservativ? Conservare heißt bewahren. Das mache ich gerne. Ich bewahre sehr gern. In Zeiten, wo alles so kurzlebig ist, brauchen viele Leute eine Heimat. Und auch ich brauche sie. Das heißt doch nicht, dass man reaktionär ist. Das ist mir völlig fremd. Zudem habe ich ein großes Faible für französische Musik, für das russisch romantische Repertoire. Und sogar Operette habe ich dirigiert, übrigens mit das Allerschwerste für einen Dirigenten.

- Wir leben in sehr politisch korrekten Zeiten. Wie kontraproduktiv ist das für die Kunst?
Das ist kontraproduktiv, wenn Sie Angst haben anzuecken und davor, in eine Ecke gestellt zu werden. Ich habe aber das Gefühl, es ebbt ab. Es gibt manche, die einfach erkannt haben, wie dumm es ist, wenn man krampfhaft korrekt ist. Korrekt soll man schon sein, aber wenn man diese Verbissenheit hat, dann ist das schlimm. Wie sagt der Sachs? „Jede Regel verträgt auch mal eine Ausnahme“.

- Wie oft wird Ideologie mit Qualität gleichgesetzt?
(spöttisches Lachen) Wenn Sie wüssten! Oft. Viele Kritiker loben einen nur, wenn es für sie politisch stimmt; wenn dies nicht der Fall ist, dann gibt es einen Verriss. Denen kommt es nicht unbedingt darauf an, wie die Leistung war. Es gibt sehr viele politisch motivierte Kritiken. Ich möchte ein bisschen da einen Anstoß geben. Ich bin so unideologisch wie man nur sein kann. Ideologien interessieren mich nicht. Das ist ja so langweilig, wenn jemand immer nur eine Linie fährt. Es gibt nichts langweiligeres als linientreue Leute.

- Die political correctness kommt ja eigentlich aus dem USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Ja. Seltsam, nicht?

- Wie kommt es, dass man in Deutschland so anfällig dafür ist?
Ich weiß es nicht genau. Ich glaube, es sind die Spätfolgen der 68er. Die sind einst angetreten mit dem Anspruch auf Toleranz. Die wollten den Muff von tausend Jahren aus den Talaren entfernen. Jetzt haben die auch Muff angesetzt, aber nicht von tausend Jahren. Dafür reichten schon zwanzig Jahre. Das Schlimme ist: jeder der dagegen ist, wird verunglimpft, in die rechtsradikale Ecke gestellt. Diesen Schuh ziehe ich mir aber gar nicht an. Ich find es traurig, wenn Leute nicht wissen, wo es ein Ende hat mit dieser Verbissenheit. Man kann denen nur sagen: Macht mal wieder etwas mit Gefühl! Alles was ich dirigiere mache ich, weil es mir gefällt. Und nicht weil mich jemand dazu zwingt. Ich mache Dinge doch nicht aus Korrektheit, warum soll ich das denn tun?

- Eine emotionale Entscheidung war es auch, dass Sie Pfitzners „Palestrina“ in Nürnberg auf den Spielplan setzten; das Werk eines Mannes, der im Dritten Reich eine undurchschaubare Rolle gespielt hat.
In meiner Korrepetitoren-Zeit an der Berliner Oper lernte ich das Werk Pfitzners kennen. Und ich fand die Musik einfach schön. Es war eine reine Bauchentscheidung. Hätte ich geahnt, was da auf mich in Nürnberg zukommt! Kurz vor der Vorstellung kam ein Journalist zu mir ins Zimmer und sagte: „Dieses nationalistische Scheißstück“. Ich ahnte, die Kritik ist schon geschrieben. Und so war es dann auch. Was dann folgte war nicht mehr komisch: ein Menge von Unterstellungen und Beschimpfungen, da ja Pfitzner sich bei den Nazis angedient hatte. Das hatte mich alles gar nicht interessiert, weil ich das Stück einfach nur schön fand. Um etwas lustig das Thema abzuschließen: Zu Silvester fragte ich damals das Orchester, was sie denn spielen wollten. Walzer von Pfitzner, war die Antwort. Die gibt es natürlich nicht. (Lachen)

- Woher beziehen Sie die innere Kraft, um diesen Anfeindungen standzuhalten, abgesehen davon, dass Sie, wie Sie öfter betonen, vom Sternzeichen Widder sind.
Indem ich mich oft aus den Mechanismen ausklinke. Ich sage Ihnen ganz offen: ich gehe manchmal weg und sage mir dann: ‚Lass´ die doch machen‘. Man kann nicht nur mit missvergnügten Leuten zusammensein. Ein Kennzeichen vieler Menschen ist ja diese furchtbar schlechte Laune. Immer diese verkniffenen Münder und alles ist so problematisch und alles so schwierig. Das ist nicht meine Art. Da bin ich total entspannt.

- Welche ist Ihre größte Schwäche
Ich bin sehr ungeduldig.

- Das sagen alle, die es zu etwas gebracht haben...
( Lautes Lachen)
- Danke fürs Gespräch und viel Erfolg

2004 Interview von Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 07-12-04
Letzte Änderung: 13-12-04