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Interview mit dem Pianisten Lang Lang in München

von Teresa Pieschacón Raphael


- Sie schienen es bei Ihrem Auftritt recht eilig zu haben. Sie warteten gar nicht erst ab, bis Ruhe im Saal war, sondern setzen gleich quasi attacca ein...

Bei Rachmaninoff (singt das Thema nach) kann ich das machen. Nur so kann ich die noch unruhigen Menschen im Saal zum Schweigen bringen. Bei Haydn lasse ich mir doch etwas Zeit - sagen wir zwei Minuten? (lacht). Das ist so eine intime Musik, die eigentlich dar nicht für den Konzertsaal geschaffen ist.

- Ihre Karriere begann wie die von so manchem berühmten Musiker-Kollegen mit einer Last-Minute-Vertretung. Sie sprangen 1999 beim Ravinia Festival von Chikago für den erkrankten André Watts ein.

Ich kann es immer noch nicht fassen. Bei einem Vorspiel fragte man mich, ob ich Lust hätte Tschaikowskys Erstes Klavierkonzert zu spielen und ich dachte: na ja, in ein paar Jahren oder Monaten vielleicht. Als dann ein Anruf kam, ob ich gleich am nächsten Morgen einspringen könnte, da packte mich schon die Nervosität. Ich habe mich dann mit vielen Menschen beraten und bin einfach ins kalte Wasser gesprungen.

- Sie wurden 1982 in Shen Yang geboren. Wie sind Sie aufgewachsen?

Ich bin Einzelkind. In China darf man ja nur ein Kind haben. 1967 war glaube ich das Jahr, indem dieses Gesetz herauskam.

- Dann waren Ihre Eltern ja besonders glücklich, dass sich ihr einziges Kind auch noch als ein besonders Begabtes herausstellte.

Ja (lächelt verlegen). Meine Eltern wollten selber klassische Musik studieren. Doch während der Kulturrevolution in unserem Lande durfte man nur ein Folkloreinstrument erlernen. Mein Vater erlernte Erhu, eine chinesische Violine, und mein Großvater war Lehrer für chinesische Volksmusik.

- Ging da für Ihre Eltern auch ein Wunsch in Erfüllung?

Ja, ich glaube ja. Aber auch ich wollte China verlassen. Es ist dort sehr eng, auch wenn es ein so großes Land ist. Wenn man nach Amerika oder Europa geht muss man ein Instrument beherrschen, dass international ist. Und das Klavier ist es. Heute studiere ich am Curtis Institute of Music in Philadelphia und lebe dort auch mit meinen Eltern.

- Können Sie die Unterschiede zwischen dem Konservatorium in China und der amerikanischen Ausbildungsstätte beschreiben?


Freiheit! In den USA hat man die Freiheit, es so zu machen wie man sich das selber vorstellt. In China ist alles vorgeschrieben: welche Komponisten man spielt, was man übt, wie man sich gibt. Es herrschen dort sehr strenge Regeln.

- Sind dort auch - wie einst in der DDR - bestimmte Komponisten verboten?

Nein, das eigentlich nicht. Nur, es gibt gar keine richtige Musikkritik. Man kann das nicht mit Europa vergleichen.

- An Selbstbewusstsein scheint es Ihnen nicht zu mangeln. Sie nehmen sehr schwierige Stücke in Angriff, etwa Balakirews „Islamey“; ein Stück, das sich der Komponist selbst nicht traute, aufzuführen und das angeblich Skrjabins rechte Hand verletzte...

Ich möchte ein möglichst weites Repertoire haben, alles spielen können was es gibt.

- Dabei sind Sie doch ein fulminanter Haydn-Spieler und das gibt es nicht sehr oft!

Ja, aber ich möchte sämtliche Stilarten kennen lernen und ich glaube, dass man mit einem weiten Repertoire weiter kommt, als wenn man sich spezialisiert.

- Ihr Programm mutet an wie ein Wettbewerbsprogramm.

Ja, da haben Sie recht. Natürlich möchte ich zeigen, was ich kann. Aber meine nächste Aufnahme wird fast ausschließlich Skrjabin-Werke haben.

- Müssen Sie bei der Repertoire Auswahl bestimmte Wünsche seitens der Agentur oder der Veranstalter berücksichtigen?

Nein, eigentlich nicht. Sicher, man spricht das Konzert mit den Veranstaltern ab.

- Sie bewegen sich fast ausschließlich in der Welt der Erwachsenen. Macht Ihnen das als so junger Mensch nichts aus?

Doch manchmal schon, aber die Jugendlichen meines Alters gehen trinken und hängen 'rum. Mit denen kann man nicht über Musik reden.

- Ihre Welt ist also die Welt der Musik.


Ja, das kann man schon so sagen. Das war schon immer so. Mit drei fing ich an Klavier zu spielen, mit fünf bin ich aufgetreten. Ich bin mit der Musik Beethovens, Mozarts, Bachs - der klassischen Musik Europas - aufgewachsen.

Wie finden Sie die Begleitumstände eines Musikers, die vielen Reisen, die vielen Hotels?

Bis jetzt ganz wunderbar, ich lerne sehr viele Städte kennen, aber natürlich auch viele Flughäfen.

- Allerorten bekommen Sie enthusiastische Kritiken. Man vergleicht Sie mit Julius Katchen und Wladimir Horowitz. Fühlen Sie sich nicht etwas unter Druck?

Ja, ein bisschen schon. Man denkt immer wieder daran, bevor man wieder auf die Bühne geht. Aber ich sehe das sehr pragmatisch. Ich kann auch mit schlechten Kritiken leben. Hauptsache man wird erwähnt.

- Den Namen Lang Lang dürfte wohl kaum einer falsch schreiben können.
Nein (lacht) das wirklich nicht!

Erstellt: 07-07-04
Letzte Änderung: 08-10-04