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05/08/08

Interview mit der Sängerin Cecilia Bartoli

Von Teresa Pieschacón Raphael


Man nennt Sie das berühmteste „Dienstmädchen“ der Oper . Klingt nicht sehr glamourös ...
(Lachen). Das ist ein guter Witz und ist natürlich auch doppeldeutig gemeint. Ich habe zwar große Erfolge mit sogenannten „Dienstmädchen“-Rollen wie die Angelina aus Gioacchino Rossinis „Cenerentola“ ( Aschenbrödel), die Rosina aus dem „Barbiere di Siviglia“ oder die Despina aus Mozarts „Così fan tutte“ gehabt. Auf der anderen Seite respektiere ich den Komponisten über alles, ich stehe absolut in seinen Diensten.

- Dabei sind die „Dienstmädchen“ Figuren meist sehr differenziert angelegt; oft sind es auch anarchistische und revolutionäre Charaktere, die im Werk die treibende Kraft sind.
Oh ja, besonders bei Mozart. Die Susanna aus seiner „Hochzeit des Figaro“ ist die wichtigste Figur in der ganzen Oper, ein ungemein große Partie in der Operngeschichte; sie ist auf der Bühne von Anfang an bis zum Ende des Stückes, ohne sie ginge es einfach nicht.

- Rossinis Aschenbrödel Angelina, diese aus „Arm wird Reich“-Figur, scheint ein bisschen Ihren persönlichen und künstlerischen Werdegang zu spiegeln.
In gewisser Hinsicht stimmt das, aber natürlich eingeschränkt. Ich hatte zwar meinen ersten sehr großen Erfolg damit und bin dafür sehr dankbar. Aber ich strebe stets danach mich weiter zu entwickeln. Ich liebe es, das Repertoire zu erkunden und es immer wieder aus anderer Perspektive zu sehen. Noch wichtiger für mich ist, tiefer, zu den Wurzeln, zu dringen. Ich startete mit der Musik von Rossini und ging zurück zur Barock-Musik. Ich werde mich dort nie langweilen, denn es gibt dort so viel zu finden und zu entdecken.

- Etwa die Rolle der „Nina“ aus Giovanni Paisiellos gleichnamiger Oper, die Sie praktisch ausgegraben haben.
« Nina » war zu Paisiellos Zeit im 18. Jahrhundert ein immenser Erfolg. Heute ist dieser Komponist ganz vergessen. „Nina“ ist ein ganz besondere Oper um eine sehr vielschichtige, tiefgründige Frau, die mit ihrem Vater kämpft, der sie mit einem reichen Aristokraten verheiraten will. Sie aber liebt ihren Lindoro. Die beiden Rivalen duellieren sich, und Nina glaubt ihren Geliebten tot, was sie zum Wahnsinn treibt. Wenn man daran denkt, dass das parallel zu Mozart möglich war, scheint das fast unglaublich. Zum ersten Mal wurde der Wahnsinn auf der Bühne dargestellt, für mich eine unglaubliche Herausforderung als Sängerin aber auch als Schauspielerin.

- Sie sind ja selbst ein Kind des Theaters...
Ja. Als Kind zweier Opernsänger in Rom war ich gewohnt auf die Bühne zu gehen; ich wuchs praktisch hinter den Kulissen auf. Ich erinnere mich sehr stark an unglaublich lustige Dinge auf der Bühne. Etwa bei der Aufführung von Giuseppe Verdis „Aida“. Das war ungemein spannend für uns Kinder: diese tollen Requisiten - es war eine Großproduktion - besonders beim Wechsel zwischen erstem und zweitem Akt. Wir haben dann mit den Pyramiden und den Säulen gespielt. Wir hörten die Musik und spielten. Und dann gab es noch Papplöwen und Elephanten; die Elephanten waren sogar echt, es war einfach fantastisch! Man lernte die Musik kennen, konnte aber gleichzeitig spielen, das war wirklich eine großartige Kindheit!

- Ihr erste Leidenschaft galt eigentlich dem Flamencotanz und nicht dem Singen
Das Singen entdeckte ich erst mit 16, meine erste Passion aber war der Flamencotanz, den ich mit 14 Jahren regelrecht erlernen wollte. Unsere Flamenco-Lehrerin kam aus Andalusien. Ich war fasziniert von der Musik, dem Ausdruck, der Bewegung, der Sinnlichkeit. Und ich entschied, ein Mitglied dieser Gruppe zu werden. Das war eine unglaubliche Erfahrung! Sie hilft mir heute noch bei meiner Laufbahn. Beim Tanzen habe ich gelernt mich zu bewegen. Ich bekam die Kontrolle über meine Beine, meine Arme, denn das ist immer das erste Problem für einen Anfänger: wohin mit den Armen und den Händen? Ich erlernte dort die absolute Körperbalance und die beste Atemtechnik. Das braucht man als Tänzer und als Sänger. Nach wie vor ist Flamenco für mich eine große Passion; wenn ich unterwegs bin, besuche ich in Flamencovorstellungen.

- Ihre Eltern waren nicht ganz so begeistert, wie Sie....
Nein, nicht wirklich. Sie fanden dies keinen passenden Beruf für mich. Aber dann entdeckten meine Mutter und ich meine Stimme und ich stellte den Flamenco zur Seite. Wir fingen an, an meiner Stimme zu arbeiten.


- Ihr Mezzosopran hat eine ganz eigenes Timbre, ist sehr ausdrucksstark, kann sich bis ins Hässliche wandeln und weist einen Umfang von beeindruckenden zweieinhalb Oktaven auf. Wie wichtig ist eine „schöne“ Stimme?
Mit einem eigenem Timbre ist man nicht so schnell austauschbar. Aber ein großer Stimmumfang ist noch lange nicht das einzige Kriterium für gutes Singen. Entscheidend ist immer der Ausdruck, die Interpretation, die Fähigkeit, Gefühle und Affekte zu vermitteln und die Menschen zu bewegen. Ansonsten wird das Ganze zu einer sportlichen Veranstaltung. Eine perfekte Technik gehört dazu. Das habe ich damals von Daniel Barenboim gelernt, der mich praktisch entdeckte und dem ich sehr sehr viel zu verdanken habe. Er ist für mich so etwas wie ein Genie. Er sagte zu mir: ‚Cecilia du hast ein großes Talent; das ist ein sehr großes Geschenk‘. Er erklärte mir, dass ich für dieses Geschenk auch Verantwortung tragen müsse, dass ich meine Begabung durch eine solide Technik und viel Arbeit unterstützen müsse. Ansonsten würde ich die Gabe nach einer Weile verlieren. Und er hat Recht gehabt. Man braucht sehr viel Disziplin und sehr viel Fleiß in diesem Beruf und eine starke Persönlichkeit.

Wie gefährdet ist man in einem solchen Beruf?
Das wird jetzt wie ein Witz klingen. Meine Großmutter, eine Bäuerin, kochte sehr gerne Bohnen für mich und ich liebe Bohnen - ich glaube, seitdem ich ein Baby war (Lachen). Ich trank keine Milch mehr, ich aß nur noch Bohnen. Und auch heute noch liebe ich Bohnen. Das ist alles, so einfach wie wahr, und ich hoffe, ich habe Ihre Frage damit beantwortet. (Lautes Lachen)

- Kann man süchtig nach der Bühne werden?
Manche werden es. Das Künstlerleben darf nie zum Ersatz des eigenen Lebens werden. Ich selbst bin nur etwa sechs Monate pro Jahr auf Konzertreisen. Den Rest des Jahres arbeite ich an neuem Repertoire. Aber ich gebe zu, ich genieße es unglaublich auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen. Ich liebe es, eine Atmosphäre zu kreieren. Es ist ein großartiges Gefühl, die Musik vorzutragen, mit ihr zu spielen, und jeden miteinzubeziehen und anzusprechen. Das ist dann wie ein Ping-Pong-Spiel, denn das Publikum antwortet ja auch darauf.

- Vielleicht liegt hierin das Geheimnis Ihrer Beliebtheit und Ihrer großen Kunst. Wozu nutzen Sie Ihren Ruhm?
Nur für die Musik. Ich kann es mir erlauben, auch unbekanntes Repertoire aufs Programm zu setzen. Die Leute kommen trotzdem. Vielleicht gelingt es mir sogar, sie von unbekannten Barockkomponisten zu überzeugen. Die sind meine wahre Leidenschaft.


- Phantasie hat auch so mancher Regisseur oder Fotograf. Was war das Abwegigste, was Sie je für einen tun mussten?
(Lautes Lachen) Das kann aber eine lange Antwort werden. Ich erinnere einen Fotografen, der wollte, dass ich an einem Kristalllüster hänge! Ich fragte: ‚Wie soll ich das machen?!‘ ‚Gehen Sie einfach die Treppe hoch‘, meinte er. ‚Aber ich muss heute noch singen‘, sagte ich, ‚ich habe eine Premiere, ich bin ängstlich, ich breche mir die Arme‘. Aber ihm war das egal. Besonders beliebt bei Fotografen ist auch das Motiv der Diva à la Mae West zwischen zwei muskelbepackten Bodyguards. Sie hatten da einen, der war zwar ziemlich klein, er hatte aber einen sehr breiten Thorax und ziemlich kurze Beine. Und er wollte nur seinen Thorax abgebildet sehen. (Lachen)

- Das war doch nicht zufällig ein Tenor? Sie kennen ja die Witze über Tenöre...
(Langes lautes Lachen). Aber nein! Und die neue Generation von Tenören schaut doch ziemlich gut aus, finden Sie nicht auch? José Cura sieht doch gut aus oder Jonas Kauffmann. (Lachen)
Über Mezzosoprane gibt es nicht so viele Witze. Es sind mehr die Soprane, die kapriziös sind. Wir stehen in der Mitte, wie der Bariton.


- Bleiben wir bei den Tenören. Ihr Landsmann und Kollege, der blinde Tenor Andrea Bocelli begeistert in Fußballstadien mit puccineskem Opernpop. Könnten Sie sich das für sich vorstellen?
Nicht wirklich. Man kann nicht die Musik Georg Friedrich Händels oder Antonio Vivaldis in einem Saal mit 8000 Leuten oder einem Stadion, der das Zigfache fasst, singen. In dieser Musik haben Sie ein andere Ebene. Es ist eine Musik für das Herz, den Geist und die Seele. Durch diese Musik wird man in eine andere Dimension getragen, die abstrakt ist und gar nicht fassbar. Für diese Musik braucht man eine ganze intime Stimmung und die hat man nur in bestimmten Räumen ohne Mikrophone oder Verstärker anderer Art.

- Bocelli ist aber sehr erfolgreich
Ja und er macht das sehr gut. Ich aber brauche eine intime Stimmung, selbst berühmte Opernhäuser wie die Met in New York sind mir manchmal zu groß; auch für mein Repertoire. Ich kann die Met füllen, ich habe es bewiesen, auch wenn sich immer wieder Leute über meine "kleine Stimme" mokieren. Aber mein Repertoire, ob Mozart oder Rossini oder auch die barocken Werke wurden für andere, für kleinere Häuser geschrieben; hier kann ich die Zuschauer ansehen, und gleichzeitig mich spüren. Dieser Kontakt ist mir besonders wichtig.

- Fühlen Sie sich manchmal unter Druck seitens Ihrer Plattenfirma in Anbetracht der Tatsache, dass Bocelli so viele Aufnahmen verkauft?
Die Marketingleute wissen, dass Bocelli seinen großen Erfolg auf dem Popgebiet hat und nicht im klassischen Bereich. Ich sah ihn auf einer Preisverleihung in London, er ist einer der leidenschaftlichsten Menschen in Sachen klassischer Musik, die ich kenne. Wir sprachen mehr als eine halbe Stunde über mein Repertoire, er fragte mich aus, er war sehr neugierig; das habe ich ganz selten erlebt. Er hat mehr Passion für die Oper, als viele andere Kollegen. Doch um auf Ihre Frage zurückzukommen: einer meiner größten Erfolge war das Vivaldi-Album; das machte mich besonders in Italien bekannt, wir verkauften mehr als eine halbe Million...

-... Was für den Klassik-Bereich sehr sehr viel ist und etwa einer Pop Platinum-Platte entspricht
Ja, aber verglichen mit Andrea ist das natürlich ein Witz. Er hat fünf Millionen verkauft. Ich danke Bocelli; sein Erfolg ermöglicht mir Aufnahmen mit unbekanntem Repertoire, das sich vielleicht auf Anhieb nicht so gut verkauft aber wichtig für eine Plattenfirma ist. Bocellis Aufnahmen finanzieren letztendlich auch meine. Zudem glaube ich fest an das Potential dieser Produkte, auch mit eher unbekannten Werken von Vivaldi, Gluck oder Salieri. Menschen lieben es, etwas Neues zu entdecken. Man darf das nicht unterschätzen. Ich möchte etwas an mein Publikum weitergeben, denn ich glaube an die Mission der Musik. Man muss eine Balance finden zwischen interessanten Projekten und mehr kommerziell orientierten. Nach dem Erfolg von Vivaldi konnte ich Gluck aufnehmen. Der war zwar nicht so erfolgreich wie Vivaldi, aber jetzt kommt Salieri und ich werde weiter diesen Weg gehen.


Vielen galt der Wiener Kapellmeister Antonio Salieri (nicht zuletzt seit dem Film von Milos Forman „Amadeus“ von 1984) als der Mörder Mozarts. Sie haben Salieris musikalisches Schaffen entdeckt und präsentieren es auf Ihrer neuen CD.

Natürlich war er nicht der Mörder Mozarts, aber das war doch eine tolle Geschichte für einen Film! (Lautes Lachen) Ich denke, dass auch deshalb seine Musik so selten aufgeführt wird, selbst im Film gibt es kaum davon etwas zu hören. Ich habe einen großartigen Komponisten entdeckt, er war ein wichtiger Mensch im Musikleben Wiens und Paris. Er hat mit all den Großen seiner Zeit zusammengearbeitet, er war Lehrer von Schubert und Beethoven. Seine Musik ist für mich eine große Herausforderung, weil sie an der Schwelle vom Barock zu der Klassik liegt und zuweilen in die Romantik weist. Die ganze Palette hat er in sich, das ist für mich eine ganz neue faszinierende Dimension!

© 2004 Teresa Pieschacón Raphael




Erstellt: 13-12-04
Letzte Änderung: 05-08-08