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Morricone in Concert

Sonntag, 15. Mai 2005, um 19.00 Uhr in MAESTRO


ARTE-Interview mit Ennio Morricone
von Teresa Pieschacón Raphael

-Herr Morricone: Sie wollten immer Schachweltmeister werden. Was fasziniert Sie an dem Sport?
Die Schönheit der Kombinationen, der verschiedenen Möglichkeiten, die Vielfalt. Der Krieg, die Stimmung unter den Kontrahenten, die Aufregung der zwei Spieler. Schach ist große Kunst.

- Sehen Sie eine Paralelle zwischen dem Komponieren und dem Bewegen der
Figuren auf einem Schachbrett?
Nein, ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Aber vielleicht gibt es
tatsächlich Paralellen, etwa in den kombinatorischen Möglichkeiten beim
Schachspielen und den Kombinationsmöglichkeiten des Kontrapunkts. Um das zu
verstehen, was ich gerade gesagt habe, muß man sich ein bisschen mit der
Musik auskennen. Spielen Sie Schach?

- Nein, aber Klavier.
Oh das reicht nicht! Sie müssen Schach spielen lernen. In Deutschland gab es
so viele gute Schachspieler.

- Sie sind 1928 in Rom geboren worden und wuchsen in einem totalitären
System auf. Inwiefern wurde Ihre Kindheit davon geprägt?
Überhaupt nicht. Als Mussolini starb, war ich vierzehn Jahre alt. Ich habe
mich damals nie mit Politik auseinandergesetzt und auch nie den Druck oder
die Repression des Faschismus gespürt. Heute weiß ich natürlich, was alles
geschehen ist.

- Welche Erinnerungen haben Sie an den Krieg?
In Rom haben wir nicht unter den Bomben gelitten, wir haben aber unter
Hunger gelitten, das ist meine schlimmste Erinnerung an den Krieg. Ich
erinnere mich aber auch an die deutsche Besetzung und später die
amerikanische. Aber nur weil ich so jung war, sah ich diese Tragödien ohne
Schmerzen. Heute verstehe ich die Schwere des Geschehens.

- Zusammen mit Ihrem Vater, der Trompeter war, haben Sie in Tanzorchestern
für die Soldaten gespielt.
Ich kam mit den Deutschen in Rom menschlich sehr gut klar. Später habe ich
mich dann auch mit den Amerikanern gut verstanden. Das beklemmende
zerstörerische Gefühl kam allein vom Krieg. Die Musik half. Plötzlich
fingen die Soldaten an zu tanzen. Das war wunderbar. Aber auch mir hat es
sehr geholfen: Das war die entscheidende Schule für mein späteres Leben. Und
musikalisch lernte ich viel dazu, es war der Anfang der Musik für mich. Die
Musik liegt bei uns in der Familie und ich wollte schon immer komponieren.

- Sie studierten in Rom Komposition am Konservatorium und komponierten bald
Kammermusik- und Orchesterwerke. Um die Ausbildung zu finanzieren, spielten Sie
Trompete in römischen Nacht-Clubs und arbeiteten als Arrangeur in der
Unterhaltungsmusikbranche....
... Ich wollte nicht, dass jemand das erfuhr. Doch irgendwann kam es ans
Tageslicht, dass ich für Festivals, für Festspiele, für das Fernsehen und
für Plattenfirmen wie "RCA" in Italien arbeitete. Ein bisschen hat mir das
wohl geschadet als Komponist von absoluter Musik, besonders dann, als ich
mich immer mehr der Filmmusik widmete.

- Auch hier in Deutschland kennt man Sie nur als Filmkomponisten...
... von Westernfilmen. Dabei macht dies nur 8, 5 Prozent meines ganzen
Werkes aus; ich habe über vierhundert Filmmusiken geschrieben. Ich habe
auch viel Konzertmusik geschrieben und Musik für Filme anderer Genres.
Trotzdem verbinden mich alle mit den Western. Dennoch bin ich sehr stolz auf
die Filme mit Sergio Leone.

- Etwa "Spiel mir das Lied vom Tod", der Ihnen den Durchbruch brachte.
Sergio Leone und ich sind schon zusammen in die Schule gegangen. Er war
hochsensibel und hat den fundamentalen Charakter der Musik in Filmen nicht
nur respektiert, er hat Musik als gleichwertige Sprache zu der Sprache der
Bilder gesehen. Er war der erste Regisseur, der Szenen drehte, in denen nur
die Musik eine Rolle spielte. Das war revolutionär. Und er hat mir vertraut,
wenn ich davon überzeugt war, dass man sich stellenweise ganz auf Geräusche
verlassen sollte.

- Sie reicherten die Bilder an wie Schreie, Pfeifen, Vokalisen,
Klavier-Staccati, fürs Kino damals ungewöhnliche Geräusche...
...Ich war am Anfang meiner Karriere Mitglied einer bekannten
avantgardistischen italienischen Musikergruppe. Ich wollte Elemente der
Avantgarde-Musik in eine konventionelle Schreibweise einbetten. In "Spiel
mir das Lied vom Tod" gibt es in den ersten 20 Minuten kein einziges Wort
und keine Musik, sondern ausschließlich von mir arrangierte Geräusche. Wenn
man solange nur Geräusche hört, werden die irgendwann immer weniger real und
geradezu abstrakt. Der Vorteil: Jeder Zuschauer kann sie selbst
interpretieren. Daher die ungeheure Wirkung am Anfang des Filmes.

-Ihre berühmteste Melodie, jene aus "Spiel mir das Lied vom Tod", besteht
gerade mal aus drei Tönen; Charles Bronson spielt sie auf der Mundharmonika.
...Das war nicht abfällig gemeint. Das Motiv besteht aus drei Noten, weil in
der entscheidenden Szene ein kleiner Junge gezwungen wird, auf einer
Mundharmonika das Lied vom Tod zu blasen, während er um sein Leben ringt, er
keine Luft mehr hat. Wenn man nicht mehr atmen kann, kann man nicht mehr
Töne schaffen.

- Oft schwelgen Sie auch in pompösen Wohlklang...
...Oft wollte ich mit solchen Effekten erreichen, dass die Musik ebenso
übertrieben klang wie die Figuren in den Filmen es waren.

- Sie arbeiteten mit Bertolucci zusammen und mit Pasolini...
...Pasolini mochte alles, was ich schrieb. Für besonders provokative Filme
wollte er immer ganz simple Melodien. Wenn er gesellschaftliche Abgründe
anprangerte, sagte er mir: "Schreib mir dafür einen Foxtrott."


- Sie lieferten aber auch Musik zu drittklassigen Mafiathrillern,
fragwürdigen Horrorstreifen und Softsexfilmchen. Kann man mit guter Musik
einen Film retten?
Mit guter Musik kann man keinen schlechten Film retten. Letztlich kann jeder
gute Film auch ohne Musik leben.

- Ist dieses prosaische Verhältnis zu Ihrem Werk mit ein Grund, weshalb Sie
Ihre Filmusik nicht veröffentlichen und sie unter Verschluss halten?
Filmmusik sollte im Zusammenhang mit dem Film veröffentlicht werden. Sie
sollte nicht gedruckt werden.

- Fünfmal wurden Sie für den "Oscar" nominiert, sind aber immer leer
ausgegangen. Sie sprechen kaum Englisch, konnte Hollywood Sie nicht
locken?
Italien war schon immer meine Heimat und ich bevorzuge es, dort zu wohnen.

- Wenn man soviele Jahre konditioniert ist, Musik, die im Dienste von
Bildern steht, zu schaffen, wie findet man dann wieder zur Freiheit zurück,
die man braucht, um absolute Musik zu schaffen?
Das war schwer. Ich habe einige Zeit gebraucht, um dieses „Gift“
loszuwerden. Denn im Vergleich zu der absoluten Musik war Filmmusik Gift.
Heute brauche ich keine Entgiftungsphasen mehr. In der letzten Zeit gibt es
zunehmend eine leichte Konvergenz zwischen der Film- und der Konzertmusik.

- Nun sind Sie in Deutschland und präsentieren hier erstmals als Dirigent
Ausschnitte aus Ihren Filmmusiken.
Ich halte nicht viele Konzerte, denn mein wirklicher Beruf ist es, Musik zu
schreiben. Deutschland ist eine außergewöhnlich musikalische Nation. Nicht
nur wegen der großen Komponisten, sondern auch weil in den Familien viel
musiziert wird. Das gibt es so in Italien nicht. Deshalb bin ich sehr
glücklich, hier zu sein. Ich hoffe, durch dieses Konzert den Ruf des
Filmkomponisten zu überwinden.

Erstellt: 11-05-05
Letzte Änderung: 11-05-05