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Ritter von der traurigen Gestalt oder mit dem kläglichen Gesicht?

Cervantes & seine Übersetzer


Interview mit Susanne Lange, die für den Hanser Verlag den „Don Quijote“ übersetzt

Frau Lange, Sie sind dabei Don Quichote ins Deutsche zu übersetzen und rechnen mit einer Fertigstellung für das Jahr 2008. Welchen Namen wird bei Ihnen der Ritter von der traurigen Gestalt bekommen? In Anton M. Rothbauers Übersetzung von 1964 hieß er der Ritter mit dem kläglichen Gesicht.
Das ist eine sehr zentrale Frage. Der Ritter von der traurigen Gestalt hat sich bei uns schon so eingebürgert, dass man natürlich sehr gewichtige Gründe braucht, um das zu ändern. Rothbauers Übersetzung des Ritters mit dem kläglichen Gesicht hat schon eine gewisse Berechtigung, weil eben „Figura“ im spanischen auch „Gesicht“ heißen kann. In dem Moment, in dem Sancho seinen Herren als Ritter von der traurigen Gestalt oder mit dem kläglichen Gesicht tauft, ist tatsächlich zunächst das Gesicht gemeint. Denn er hat gerade ein paar Zähne verloren und schaut wirklich kläglich in die Welt. Aber im Grunde genommen ist natürlich der Begriff auf die ganze Gestalt von Don Quichote anzuwenden. Deshalb scheint mir dieses klägliche Gesicht doch als zu einengend. Ich weiß noch nicht genau, ob ich an dem Ritter mit der traurigen Gestalt noch etwas ändern werde, noch bin ich in der Experimentierphase.

Seit dem 18. Jahrhundert bis hinein ins 20. Jahrhundert ist Don Quichote mehrfach ins Deutsche übertragen worden. Warum ist es denn nötig, Cervantes Roman noch einmal zu übersetzen?
Abgesehen von Rothbauers Übertragung sind die anderen Übersetzungen natürlich zeitlich so weit entfernt von uns, dass wir da im Grunde keinen direkten sprachlichen Zugang mehr haben. Das Spannende an dem Don Quichote ist der Unterschied zwischen den verschiedenen Sprachebenen. Wenn Don Quichote z.B. redet wie im Stil der Ritterromane, die zur Zeit von Cervantes auch schon antiquiert waren, redet er natürlich in einem sehr geschwollenem und künstlichem Stil. Gleichzeitig fällt er immer wieder in den zeitgenössischen Tonfall von Cervantes zurück. Da gibt es einen Wechsel von sprachlichen Ebenen, die sich innerhalb eines Satzes ändern können. Das macht das Ganze sprachlich gesehen ungeheuer spannend. In älteren Übersetzungen, z.B. in der von Tieck, die 1800 erschien, oder auch später in der von Braunfels 1848. wirkt alles antiquiert; der Wechsel der Sprachebenen ist nicht erkennbar. In den bisherigen Übersetzungen ist vielleicht auch deshalb der Akzent nicht so sehr auf das Sprachliche gesetzt worden, weil es natürlich zwei Figuren sind, die an sich schon einen großen dramatischen und komischen Gehalt haben. Da hat man oft nicht so genau auf die kleinen feinen Nuancen des Sprachlichen geachtet, wobei gerade daraus für mich der Don Quichote seine ganze Komik und seine ganze Kraft bezieht.

Was ist inhaltlich für Sie besonders faszinierend an diesem Roman?
Die meisten kennen den Roman vor allem vom ersten Teil her mit den ganz komischen Episoden, wenn Don Quichote immer wieder Prügel bezieht und immer wieder scheitert oder gegen Windmühlen kämpft usw. Im Grunde sind das aber nur Episoden am Rande. Der Roman ist nämlich eigentlich ein langes Gespräch zwischen zwei Leuten, die die ganze Zeit nebeneinander herreiten. Wie sich diese beiden Figuren anhand dieser Gespräche entwickeln, das ist das Interessante und Spannende. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Sancho Panza ist zunächst der Bauer, der weder lesen noch schreiben kann und der am Anfang als nicht besonders hell bezeichnet wird. Im Gespräch mit Don Quichote entwickelt er sich vom ersten Moment an bis zum Ende des Romans immer weiter und Don Quichote übernimmt vieles von Sancho. Das ist eine ganz faszinierende Beziehung zwischen den beiden.
Ein weiteres Faszinosum des Romans ist die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Don Quichote erfindet sich seine ganze Wirklichkeit. Er muss sich nur sagen: „Ich bin Ritter“ und er ist Ritter. „Das, was ich da sehe sind Riesen“ und es sind Riesen für ihn. Wie dann seine ganze Umwelt darauf reagiert und wie er wiederum auf die Reaktion der Umwelt selbst reagiert, das ist ein faszinierendes Spiel von Reflektionen und Brechungen, von Wirklichkeit und Fiktion. Das ist so ungeheuer modern, wie es kaum Autoren nach ihm so raffiniert erreicht haben.

10 Jahre nach dem Erscheinen des Don Quichote war das Werk bereits ins Französische, Englische und Italienische übersetzt. Warum hatte es schon zu Lebzeiten des Cervantes solch einen Erfolg in Europa?
Am Anfang begeisterten die Zeitgenossen die komischen Stellen. Die ganze Sozialkritik in dem Werk wurde damals nicht besonders stark rezipiert. Vor allem die Engländer, die ja auch eine eigene Tradition hatten mit Smollet und dem pitaresken Roman, haben den Don Quichote dankbar aufgenommen und Cervantes Roman fast komischer übersetzt als er in Wirklichkeit ist. Das ist eine Gefahr, der man leicht verfallen kann, und ich möchte das natürlich vermeiden. Die Figuren in diesem Buch nehmen sich alle ungeheuer ernst. Wenn Don Quichote wie in den Ritterromanen spricht, spricht er ein sehr schönes wenn auch antiquiertes Spanisch. Gerade sprachlich muss man die Figuren alle ernst nehmen. Das war damals zu der Zeit eben nicht so. Da wurde meistens nur der komische Aspekt in den Vordergrund gestellt.

Sie haben bereits die Modernität des Don Quichotes angesprochen. Man bezeichnet ihn ja auch als ersten modernen Roman. Warum?
Er bricht immer wieder die Erzählebenen. Eigentlich ist der Don Quichote - was mir als Übersetzerin sehr spannend erscheint - eine fiktive Übersetzung aus dem Arabischen. Cervantes bezeichnet sich gar nicht als Autor, sondern nur als jemand, der etwas wiedergibt, was übersetzt wurde. Und der vermeintlich übersetzte Text ist wiederum auch nur eine Erzählung von jemand anderem. Dieses Spiel mit den Erzählebenen: Es wird einfach erzählt, dann wird wieder plötzlich der imaginäre, arabische Geschichtsschreiber hineingezogen und der Übersetzer für irgendwas verantwortlich gemacht, was er aus dem Arabischen nicht richtig übertragen hat. So wird immer irgendwie eine kleine Unsicherheit in die Erzählebene eingeschmuggelt. Man muss sich vorstellen, dass Cervantes im Grunde schon seine eigene Übersetzung kommentiert, was natürlich eigentlich vollkommen unmöglich ist. Es ist also ein ganz verrücktes Spiel von Erzählebenen und manchmal hat man als Übersetzer das Gefühl, dass man sich nicht wundern würde, wenn man in diesem Roman schon selbst als Figur existiert.

Sie leben in Barcelona und bekommen die Don Quichote Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag hautnah mit. Wie wird der Dichter in Spanien gefeiert?
Zum einen wird ein Kongress nach dem anderen veranstaltet. Dann wurde die neu überarbeitete Don Quichote - Ausgabe noch einmal aufgelegt und erscheint nun in sechs verschiedenen Verlagen. Der Roman ist also fast schon ein Bestseller geworden. Don Quichote erscheint häufig auf den Covers von Zeitschriften und Filme kommen wieder heraus.
Außerdem gibt es schon seit Jahrhunderten die Bestrebungen, diesen Ort in La Mancha, an den sich der Erzähler, wie man weiß, nicht erinnern wollte, und dessen Namen man ja nicht kennt, zu finden. Wissenschaftler meinen, den Ort ausfindig gemacht zu haben und nun wird er auch groß gefeiert, obwohl das für den Roman überhaupt nicht von Belang ist. Dann gibt es noch eine Route durch La Mancha, die den Fahrten der Figuren folgt.
Man hat wirklich das Gefühl, in diesem Jahr ist nichts ohne Don Quichote möglich: Er wird überall zitiert. Es gibt keine Zeitung, die nicht mindestens einmal pro Woche einen Artikel über Don Quichote bringt.

Was wird besonders an ihm gefeiert?
Ich hab den Eindruck, Spanien feiert sich selbst. Die Spanier denken, Don Quichote wäre eigentlich die Verkörperung Spaniens. Es wird immer von dem unsterblichen Cervantes und dem größten Roman der ganzen Weltliteratur geredet, und dass Don Quichote und der ganze Roman an sich Spanien darstellt. Aber im Grunde stimmt das gar nicht: In dem Roman kommt Spanien so gut wie gar nicht vor. Die beiden Protagonisten reiten durch eine dürre Landschaft, die überhaupt nicht beschrieben wird und unterhalten sich die ganze Zeit über die verschiedensten Dinge. Natürlich erfährt der Leser auch sehr viel aus der damaligen Zeit, durch die einzelnen Figuren, die auftreten. Aber dass man ein Bild von Spanien bekommt, das die spanische Seele oder etwas in der Art darstellen würde, das kann man überhaupt nicht sagen. Dazu ist der Roman viel zu universal.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Lange.


Das Interview führte Angelika Schindler, März 2005


Susanne Lange ist seit 1992 als freie Übersetzerin von literarischen Texten tätig. 2003 erhielt sie das Zuger Übersetzerstipendium für die Arbeit an der Neuübersetzung des "Don Quijote".

Bild 1: Stefan Matlik

Erstellt: 03-03-05
Letzte Änderung: 07-03-05