Français

Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Informationen über Literatursendungen auf ARTE, aktuelle Buchtipps, Neues aus der Welt des Krimis und Rätselhaftes: Kommen Sie mit auf Entdeckungsreise.

> Buchtipp der Woche > Claudia Ott: Tausendundeine Nacht

Buch- und KrimiWelt

Informationen über Literatursendungen auf ARTE, aktuelle Buchtipps, Neues aus der Welt des Krimis und Rätselhaftes: Kommen Sie mit auf Entdeckungsreise.

Buch- und KrimiWelt

Claudia Ott: Tausendundeine Nacht

Interview mit der Übersetzerin Claudia Ott


Hören Sie hier drei Geschichten aus Tausendundeine Nacht, gelesen von Claudia Ott:
Die 1. Nacht
Die 29. Nacht
Die 214. Nacht

Das Interview können Sie auch hören, wenn Sie hier klicken.



Frau Ott, Sie sind Orientalistin und haben vor kurzem Tausendundeine Nacht ins Deutsche übertragen. Warum haben Sie sich ausgerechnet für die Übersetzung dieses Werks entschieden?
Tausendundeine Nacht ist ja eines der zentralen Werke der Weltliteratur, und jeder Übersetzer, dem ein solches „Rosinenstückchen“ angeboten wird, kann gar nicht anders, als sich das zumindest ernsthaft zu überlegen. In unserem Fall war es so, dass der Verlag an mich herangetreten ist. Zum 300-jährigen Jubiläum der ersten Veröffentlichung einer Übersetzung von Tausendundeiner Nacht, die damals diesen riesengroßen Orient-Boom in der europäischen Literatur ausgelöst hatte – 1704 ist sie in französischer Sprache erschienen –, wollte der Verlag 2004 eine Neuübersetzung desselben Textes herausbringen und ich hatte das Glück, dass der Verlag mich als Übersetzerin ausgewählt hat.

Seit dem 18. Jahrhundert bis hinein ins 20. Jahrhundert ist Tausendundeine Nacht immer wieder ins Deutsche übertragen worden. Warum war es denn nötig, Tausendundeine Nacht noch einmal zu übersetzen?
Die meisten Übersetzungen des 18. und 19. Jahrhunderts basieren auf der französischen Übersetzung, die ich schon erwähnt habe, d. h. sie sind eine Weiterübersetzung der französischen Übersetzung ins Deutsche. Im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert entstanden dann mehrere Übersetzungen direkt aus dem Arabischen. Deren arabische Vorlagen sind aber andere als die, die wir jetzt übersetzt haben. Deswegen ist die Neuübersetzung auch ein neuer Text, denn sie basiert auf einem Text, der noch nie direkt ins Deutsche übertragen worden ist.

Und was ist das Besondere an diesem Text?
Er ist der älteste Text, den wir kennen. Es gibt zwar noch ältere Fragmente von Tausendundeiner Nacht, arabische Fragmente schon aus dem 8. und 9. Jahrhundert, aber es ist das älteste Fragment, das einen gewissen Umfang und Zusammenhang hat. Es stammt von etwa 1450. Die Versionen, die sonst ins Deutsche übersetzt wurden, sind im 18. und 19. Jahrhundert erst niedergeschrieben worden.

Im 18. Jahrhundert war Tausendundeine Nacht nach der Bibel die beliebteste Lektüre in Europa. Wie kam es dazu?
Ich bin nun keine Germanistin, aber ich denke mal, es gab eine gewisse Sehnsucht nach fernen und exotischen Welten. Die ist ja auch in der Kunst damals ganz stark gewesen, auch in der Musik mit den orientalisierenden Opern überall, und das bereits in der Barockzeit. Da hat Tausendundeine Nacht einfach den Nerv der Zeit ganz gut getroffen.

Die Übersetzungen damals waren ja auch romantisch-verklärt. Was ist bei Ihnen anders?
Bei mir ist zunächst einmal die allgemeine Sprache eine andere. Ich habe versucht, die Sprache des arabischen Originals möglichst getreu nachzuschreiben. Und das ist in den Erzählpassagen eine sehr einfache, klare und rasche, spannende Erzählsprache. Wir haben also hier nicht dieses Romantisch-Verklärte, sondern wirklich eine Art Krimi vor uns, den man auch schnell durchlesen kann. Diese schlichte Erzählsprache ist etwas, das frühere Übersetzer so nicht gewagt haben. Sie sind dann doch mehr in die literarisierende Richtung gegangen. Ich habe auch viele zeitgemäße Vokabeln in dem Text verwendet, also ich sage durchaus mal „Agent“ oder „Immobilien“, wo andere Übersetzer dann vielleicht – ja mit Sicherheit – andere Wörter verwendet haben. Das wird mir auch manchmal kritisch vorgehalten. Aber ich halte jedesmal dagegen: Tausendundeine Nacht war immer ein Werk, auch im Arabischen, das ganz nah an der Zeit war, in der es aufgeschrieben, gelesen und rezipiert wurde.

Die Rahmenhandlung von Tausendundeine Nacht spielt im „Inselreich von Indien und China.“ Schahrasad erzählt einem König tausendundeine Nächte lang Geschichten, damit er sie nicht umbringt. In der Übersetzung haben Sie die weniger übliche Namensform ‚Schahrasad’ für die Erzählerin gewählt. Warum?
Normalerweise wird eine Namensform verwendet – Scheherezade, mit „z“ geschrieben, das aber ein stimmhaftes s bezeichnet – , die in die persische Umwelt von Tausendundeiner Nacht verweist. Tausendundeine Nacht ist ja, bevor es arabisch war, als persisches Werk bekannt und auch schon schriftlich im Umlauf gewesen, vermutlich stammt die Rahmengeschichte sogar aus Indien. Der Name der Hauptfigur „Schahrasad“ ist an und für sich nicht arabisch, sondern persisch gebildet und verweist eben in diese, vom arabischen Orient aus gesehen, exotisch-orientalische Welt hinein. Ich habe mich entschlossen, jetzt die arabische Namensform einzuführen, weil wir es ja hier doch mit einer arabischen Quelle zu tun haben. Daher heißt es in meiner Übersetzung nicht mehr Scheherezade, sondern Schahrasad.

Schahrasad ist dem grausamen Herrscher durch ihre Intelligenz und Weisheit weit überlegen. Welche Rolle spielen denn die Frauen in den Geschichten, die sie erzählt?
Eine ganz interessante Frage. Über allem steht natürlich Schahrasad selbst, die Erzählerin, die mit den „Waffen des Geistes“ den König besiegt, also nicht mit den eigentlichen Waffen einer Frau, die sie ja hätte vielleicht auch irgendwie anwenden können. Stattdessen greift sie in die Welt, die sonst eher Männern vorbehalten war. Frauen in Tausendundeiner Nacht, also in den Geschichten, die Schahrasad erzählt, haben ganz unterschiedliche Rollen. Da gibt es stereotype Frauen, die, meist namenlos, als böse Hexen oder gute Feen auftreten. Es gibt aber auch Frauen, die sehr, sehr schön bildhaft vor uns stehen, wenn wir diese Geschichten lesen. Ich denke nur an die drei Damen in der Geschichte vom Träger und den drei Damen: sehr sinnliche, sinnenfrohe und kluge Frauen, die da ein raffiniertes Spiel mit den Männern spielen, die nach und nach dazu kommen. Schließlich gibt es auch sehr individuell ausgestaltete Frauencharaktere. Eine, die ich selbst sehr liebe, ist die Sklavin Anis Al-Dschalis, die erst als Sklavin verkauft wird, dann durch den Sohn des Wesirs, der sie gekauft hat, entjungfert wird. Dadurch ist sie nicht mehr als Sklavin vermittelbar. Das ist der große Skandal, mit dem diese Geschichte beginnt. Aber Anis al-Dschalis löst den Skandal ganz klug, indem sie mit diesem jungen Mann – in den sie sich dann auch verliebt hat – eine Art Untergrundexistenz führt, eine ganz wunderbare Partnerschaft, von der sich viele Partnerschaften unserer Tage eine Scheibe abschneiden können.

Das klingt gar nicht so nach Märchen. Frühere Übersetzungen machten ja aus diesen Geschichten oft artige Kindermärchen. Kann man diese Erzählungen überhaupt mit europäischen Märchen vergleichen?
Wir haben insofern den Vergleichspunkt, als Tausendundeine Nacht zum Vorbild so mancher europäischer Märchen geworden ist. Schriftsteller wie Christoph Martin Wieland oder Wilhelm Hauff zum Beispiel gehören zu den zahlreichen Märchenautoren, die aus Tausendundeiner Nacht Motive geschöpft haben. Aber Tausendundeine Nacht an sich ist keine Märchenliteratur. Ich nenne es immer gerne nur – wie im Arabischen - die „Geschichte von Tausendundeiner Nacht“, diese riesige Rahmengeschichte von Schahrasad und Schahriar, in die die Einzelerzählungen eingeschaltet sind. Diese Einzelerzählungen kommen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Es sind meistens Quellen der arabischen Literatur, aus denen sie geschöpft wurden, aber eben aus ganz heterogenen Quellen – verschiedene Zeiten, unterschiedliche Orte, unterschiedliche Literatursorten.

Und das war für Sie als Übersetzerin eine riesige Herausforderung. Wie konnten Sie das allein schaffen?
Ich hatte am Anfang das Gefühl, eigentlich dürfte so ein Riesenauftrag gar nicht an eine Einzelperson vergeben werden, sondern es sollte eine Kommission gebildet werden, die sich zusammensetzt und gemeinsam, beziehungsweise je nach Textsorte verteilt, die unterschiedlichen Geschichten, Gedichte und Textteile übersetzt. Aber wahrscheinlich wäre das Ergebnis einer solchen Kommissionsarbeit doch zu heterogen und kaum mehr lesbar geworden. Insofern ist eine Einzelperson vielleicht doch nicht ganz ungünstig für den Text. Die Übersetzung von Tausendundeiner Nacht ist natürlich eine ganz große Aufgabe für mich gewesen. Das ist vielleicht schon die größte Herausforderung, vor der überhaupt ein Übersetzer aus dem Arabischen stehen kann.

Welchen Stellenwert hatte und hat Tausendundeine Nacht denn in der arabischen Welt?
Tausendundeine Nacht war während der Blütezeit der klassischen arabischen Literatur eher verpönt. Es galt als Trivialliteratur, im Unterschied zur hocharabischen Bildungsliteratur, die aber viele der Geschichten, die in Tausendundeiner Nacht stehen, auch schon enthielt. Nur stand eben der falsche Titel darüber. Tausendundeine Nacht, das war der berühmt-berüchtigte „Geschichtenmagnet“, ein Sammelpunkt für spannende und aufregende Unterhaltung. Ein hocharabisch belesener Bildungsbürger hat sich das nicht so gerne in den Bücherschrank gestellt, zumindest nicht so, dass alle es sehen konnten, sondern vielleicht eher an einem verschämt-verborgenen Plätzchen. Tausendundeine Nacht wurde trotzdem gelesen, aber eine prominente Bedeutung für die arabische Literatur hat das Buch erst bekommen, als die moderne arabische Literatur in ihren Anfängen auf die europäische Literatur aufmerksam wurde und bemerkt hat, welchen außerordentlichen Stellenwert Tausendundeine Nacht in der europäischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts genoss. Erst da bemerkte man, welch einen unglaublichen Schatz die eigene Literatur beherbergte.

Das Interview führte Angelika Schindler, April 2004.


Tausendundeine Nacht
Claudia Ott
Beck, Februar 2004
ISBN: 3406516807


Weitere Informationen zur Neuübersetzung finden Sie auf der Website des Beck Verlags!

Erstellt: 05-05-04
Letzte Änderung: 06-05-04


+ aus Kultur entdecken