Ryszard Kapuściński
Notizen eines Weltbürgers
Ende Januar traf es alle wie ein Schock. Ryszard Kapuscinski war in Warschau an den Folgen einer Herzoperation verstorben. Dass der „Journalist und Reporter des Jahrhunderts“, als welcher er einmal in Warschau ausgezeichnet und seitdem immer wieder genannt wurde, bereits 74 Jahre alt war, war bei der Frische seines Denkens und Schreibens keinem bewußt. Am Tag zuvor trafen beim Verlag Eichborn die druckfrischen Exemplare der „Notizen eines Weltbürgers“ ein. Ein Buch, das jetzt eine Art Vermächtnis ist.
Gleich vorab gesagt – und ohne in falsche Pietät zu verfallen: Das Buch ist ein kleines Wunderwerk an Klarheit, Präzision, geistiger Freiheit, Wissen, Weisheit und Eleganz, das dem Leser literarische Glücksgefühle bescheren kann. Soviel Welthaltigkeit enthält es. Soviel Neu-Gedachtes, Anders- (gegen den mainstream) Gedachtes, auch heute noch gültiges Alt-Gedachtes. Ein Füllhorn an Einfällen, Reflexionen, Gedankensplittern, Fragmenten, Aphorismen, kleinen Reportagen, das auch die Erkenntnisse anderer aufnimmt und zitiert. Als Motto könnte eines seiner Notate darüber stehen: „Sei aristokratisch in Deinem Denken!“
Aus Gründen der Seelenhygiene
Ein Buch mit besonderer Geschichte. Kapuscinski, der nach seinem Studium der Geschichte l956 für PAP, die Polnische Nachrichtenagentur, in die Welt zog, um als Auslandskorrespondent aus Asien, China, der Sowjetunion und vor allem aus Afrika (l962- 67) und Lateinamerika (67-72) und von den Brennpunkten der Welt zu berichten, erlitt l980/81 beruflich einen Knick. Er hatte sich auf die Seite von Solidarnosc geschlagen, was ihm Publikationsverbot eintrug. Da begann er – aus Gründen der „Seelenhygiene“ - seine Einfälle und Funde in einer Art Arbeitsjournal zu notieren, das nach der Wende in Polen unter dem Titel „Lapidarium“ erschien und mit den Jahren auf fünf Bände anwuchs. Die beiden letzten sind in die „Notizen eines Weltbürgers“ eingegangen.
Die Migration verändert rapide das Antliz Europas
Alles interessierte ihn: Von der „Privatisierung des Krieges“ und den Söldnerfirmen heute über Samuel Becketts Umgang mit dem nicht-verbalen Teil des menschlichen Bewußtseins als Quelle künstlerischer Kreativität bis zur Angst der Menschen, die früher der Atombombe galt, heute „dem Menschen, der uns in einer dunklen Straße entgegenkommt.“ Eine Metapher für die Migration, die rapide „das Antlitz Europas“ verändere. Immer noch gäbe es im eurozentrierten europäischen Denken „keinen Platz für außereuropäische Wirklichkeit“. Der „Universalismus“ sei stets als eine Ausdehnung nur der europäischen Sache auf die ganze Welt verstanden worden. Auch die Globalisierung sei nicht wirklich global, da sie fast ausschließlich nur den Norden erfasse. Sowieso fände sie nur finanziell und wirtschaftlich statt.
Ausführlich und immer wieder kam Kapuscinski auf die Armut und den Hunger in der Dritten Welt zurück, die Rückschrittlichkeit, die Hoffnungslosigkeit, der die Menschen vor allem auf dem afrikanischen Kontinent ausgeliefert seien. „Die gigantische weltweite Ungleichheit wird heute allgemein als Teil der Realität akzeptiert.“ Diese Kluft habe längst monströse Ausmaße angenommen: „Die 368 reichsten Personen der Welt verfügen über ein Vermögen so groß wie das Einkommen knapp der Hälfte der Bevölkerung unseres Erdballs!“ Die Industrieländer hätten in ihrem Egoismus kein ernsthaftes Interesse an einer Änderung.
Geprägt vom ständigen Blick in den Rückspiegel
Amerika und Europa repräsentierten „zwei unterschiedliche Denkschulen und Arten der Weltsicht“, die immer weiter auseinanderdrifteten. Die Kultur Europas sei „nostalgisch“, „katastrophisch“, „geprägt vom ständigen Blick in den Rückspiegel.“ Eine Folge: „Wenn wir heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts durch Afrika, Asien oder Lateinamerika reisen, sehen wir, daß Europa zunehmend an Einfluß verliert. In den Ländern der Dritten Welt gibt es keine großen Ballungen von Europäern mehr.“ Mit ihnen verschwänden auch ihre Spuren: „Ihre Architektur, die Kirchen, Buchhandlungen, Läden.“
Dass mir alles eine Freude macht!
Im weiteren Themenspektrum des Autors nehmen die Intellektuellen einen breiten Platz ein mit ihrer Neigung, sich heute zu sehr „in den engen Rahmen eines Fernsehers pressen zu lassen“. Auch über die allgegenwärtig scheinenden Medien und den Journalismus dachte Kapuscinski nach – auch hier gegen den Strich und gegen gängige Klischees.
Und dann notierte er überraschende Lichtpunkte. Was für ein hoher kultureller Wert doch die Freundlichkeit sei! Oder wenn in einer seiner literarischen Reportagen, deren Meister er ist, eine alte Frau sagt: „Wissen Sie, was mich am Leben hält? Dass mir alles eine Freude macht. Und sei es nur, daß ich zu dem kleinen Platz gehe und mich dort auf die Bank setze. In was für einer schönen Stadt ich doch lebe, sage ich mir dann. Und ich freue mich, wissen Sie, das macht mir so viel Freude!“
„Je mehr Blickwinkel, desto näher kommen wir dem Wesen der Dinge“, heißt es an einer Stelle. Ryszard Kapuscinski stand auf der Liste der Kandidaten für den Nobelpreis. Schade, daß er ihn nicht bekommen hat.
Eine Rezension von Ariane Thomalla
Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 26-05-07