Februar 06
Interview mit Karoline Makosch - Journalistin
Karoline Makosch ist Freie Mitarbeiterin des Mitteldeutschen Rundfunks und dort als Autorin für Lexi-TV und Dabei ab Zwei tätig. Sobald jedoch das Wort Manga fällt, entpuppt sie sich zudem als begeisterte Manga-Leserin, wie Mang’Arte in einem Interview erfuhr.
Manga-Akteure in Deutschland
Mang'Arte: Kann Du Dich noch daran erinnern, wann und wo hast Du Dein erstes Manga gelesen hast?
Zum ersten Mal kam ich mit japanischen Comics in Kontakt, als ein Freund mir eine gebrannte Video-CD mitbrachte. „Ghost in the Shell“ stand drauf und ich sah einen unheimlich faszinierenden Anime-Film in einer Endzeitwelt mit eigentlich allen Lieblingsversatzstücken japanischer Comics: Cyborgs, Molochstädte, Endzeitstimmung und natürlich gut gebaute, auch nackte Körper. Dann habe ich mir „Ghost“ als Comic-Heft gekauft und mir auch gleich die anderen Klassiker „Akira“, „Battleangel Alita“ etc. angesehen. Und ich war beeindruckt. Das war bevor die Manga-Flut in deutsche Buchläden schwappte. Die nächsten Hefte oder besser gesagt, Bücher, die ich mir gekauft hatte, haben mich dann nicht mehr so überzeugt. Das war alles Massenware, sehr speziell für eine bestimmte Zielgruppe, wie Mangas in Japan traditionell verkauft werden, nicht so tiefsinnig und hintergründig wie „Ghost“.
Mang'Arte: Was hat Dich daran besonders fasziniert?
Vor allem war es diese gänzlich unbekannte Atmosphäre und auch die Themen und Orte der Mangas. In Europa und Amerika orientierte man sich eher an der Vergangenheit oder der Gegenwart. In Japan gibt es schon jetzt diese Riesenmetropolen und die Kultur ist eine ganz andere, das sieht man auch an den Comics. Ich glaube, viele Mangas spielen deshalb nach der „Apocalypse“, weil die Japaner die Zerstörungen durch die Atombombe erlebt haben. Sie wissen, wie eine völlig zerstörte Welt aussehen kann. Dann kommt noch die Technikverliebtheit der Japaner dazu: wie gesagt, Cyborgs, also die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist dort ein ganz großes Thema. Sowas konnte man hier kaum lesen und nur ansatzweise in den amerikanischen Superhelden-Comics, wo z.B.Ironman oder auch Dr. Oktopus mit maschinellen Hilfsmitteln bzw. Implantaten ausgestattet sind. Auch haben manche Mangas eine ganz spezielle, sehr verträumte Erzählweise, die einen sofort mitreißt, so dass man alles um sich herum nicht mehr wahrnimmt.
Mang'Arte: Worin liegt der außergewöhnliche Reiz der japanischen Comics?
Für mich ist neben der Story auch ein ansprechender, abwechslungsreicher Zeichenstil wichtig. Ich finde Comics spannend, die, wie „Lone Wolf and Cup“ an die traditionellen japanischen Kalligraphie angelehnt sind, oder auch „Tarot Cafe“, das Manga-Elemente mit einer unheimlich filigranen, verspielten Ornamentik mischt, jedes Detail ist sichtbar und ausgestaltet. Mangas pflegen einfach ein besondere Ästhetik: sie sind eher filmisch aufgebaut. Da nimmt man sich Zeit, Atmosphären aufzubauen. Über eine ganze Heft-Seite geht die Sonne auf, der Samurai zieht über vier Panels sein Schwert usw. Scott McCloud hat in seinem unbedingt empfehlenswerten Standardwerk „Comics richtig lesen“ die These aufgestellt, dass es in der Kultur des fernen Ostens eine Tradition labyrinthischer, zyklischer Kunstwerke gibt: das Ziel ist wichtiger als der Weg dorthin. Da braucht nicht jedes Detail der Handlung aufgemalt zu sein, da passiert viel unterschwellig. Diese Ruhe und den Mut zur Pause finde ich sehr ansprechend.
Mang'Arte: Was sind für Dich die „Klassiker“ unter den Mangas?
Klassiker sind eindeutig „Ghost in the Shell“, den es als Comic und jetzt auch als Anime auf Deutsch auf DVD gibt. Dann „Akira“ - ein Endzeit-Epos und eigentlich auch alle anderen tezuka Osamu Geschichten. Ganz groß auch „Lone Wolf and Cup“, das schon einige Jahrzehnte alt ist und wieder aufgelegt wurde, eine Samurai-Geschichte, aus der man viel über japanische Geschichte lernen kann.
Mang'Arte: Für welches Manga-Genre kannst Du Dich am meisten begeistern?
Ich mag Science-Fiction und die Historien-Mangas. Davon gibt es aber nicht so viele wie Mädchen-Mangas oder Yu-Gi-Oh-Geschichten, daher lasse ich glücklicherweise nicht allzu viel Geld für Mangas.
Mang'Arte: Bist Du auch Anime-Fan oder bleibst Du lieber beim Lesen?
Ich finde, das kann man kaum trennen, da es viele Comics auch als Animes gibt. Gerade „Ghost in the Shell“ mit den langsamen Einstellungen, vielen Nahaufnahmen und der tollen Musik ist so ein Beispiel – da muss man beides kennen. Ich würde auch solche Kino-Filme wie „Prinzessin Mononoke“ oder „Shihiros Welt“ zu den Animes zählen und ich mag sie. Vielleicht weil Mangas häufig auch einer filmischen Erzählstruktur folgen.
Mang'Arte: Was hälst Du von dem derzeitigen Manga-Boom in Deutschland? Ist das eine kurze Mode oder werden sich Mangas langfristig durchsetzen?
Ich denke, der Manga-Boom ist schon etwas Langfristiges geworden. Durch die Vielfalt an Genres und Geschichten bieten sie gerade für Mädchen mehr als amerikanische oder europäische Comics. Mittlerweile gibt es Manga-Malschulen, Manga-Clubs und Parties und viele „Teenie-Fans“ sind erwachsen geworden, ohne dass Mangas die Faszination für sie verloren haben. Wenn man bedenkt, dass Spider-Man auch schon sechzig ist, dann sehe ich für Mangas durchaus die Chance, sich ebenso zu platzieren wie die amerikanischen Comics.
Mang'Arte: Wie kommst Du an aktuelle Informationen über bestimmte Mangas? Besuchst Du auch Manga-Veranstaltungen?
Eigentlich lese ich viel im Internet, vor allem Rezensionen auf den splashpages.de oder in der Graphic Attack. Magazine kaufe ich mir weniger, da blättere ich mal eins durch beim Comic-Händler meines Vertrauens – übrigens eine der wichtigsten Quellen für neue Informationen. Direkt Manga-Veranstaltungen besuche ich nicht, ich pflege Comic-Lesen als Hobby, nicht als Lebensstil. Allerdings besuche ich manchmal Comic-Messen oder auch Comic-Veranstaltungen wie auf der Leipziger Buchmesse.
Mang'Arte: Was macht einen guten Manga aus und woran erkennst Du einen schlechten Mangaka?
Da ich Wert auf interessante Zeichnungen lege, mache ich das auf den ersten Blick ins Comic-Heft fest: spricht mich ein Zeichenstil an, entschädigt mich das für manche blöde Story. Dann wird diese Serie aber nicht weiter gekauft, denn nur in der Kombination gute Story/tolle Bilder gefällt mir ein Heft. Wichtig ist mir auch eine gute Druckqualität, da gibt es einige schlechte Beispiele. Man darf bei Mangas nicht unbedingt die gleichen Maßstäbe anlegen, wie bei westlichen Comics: da regt mich z.B. nichts mehr auf, als wenn die Geschichte an sich nicht weitergeht, sondern durch irgendein zusammenhangloses Abenteuer der Helden unterbrochen wird und man wieder einen Monat auf die Fortsetzung warten muss. Das gibt es bei Mangas nicht, da hat jedes Panel seine Funktion für den Fortgang der Geschichte, wenn das nicht so ist, mag ich es nicht. Gute Mangas sind spannend und überraschend. Obwohl ich schon einige Mangas gelesen habe, hat der Stil immer noch etwas Exotisches an sich und das möchte ich bestätigt sehen: also bitte keine „verwestlichten“ Gesichter!
Mang'Arte: Welche Neuerscheinung hat Dich in letzter Zeit besonders überzeugt?
Vielleicht ist es nicht mehr so neu, aber: „Barfuß durch Hiroshima“. An dieser Reihe bin ich wochenlang vorbei gelaufen und habe mich einfach nicht getraut, sie zu kaufen. Aus Angst vor dem Thema. Dann habe ich doch den ersten Band geholt und war zu Tränen gerührt über diese einfachen Bilder, die eine schreckliche, große Geschichte erzählen. Absolut empfehlenswert.
Interview wurde von Patricia Czarkowski durchgeführt. Februar 2006
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Mang'Arte
Das Online-Magazin für das „andere“ Manga
www.arte-tv.com/mangarte
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Erstellt: 27-02-06
Letzte Änderung: 28-02-06