Freitag, den 17. Juli 2009
Diesen Sommer bringt „Tracks“ zwei Spezialausgaben mit Beiträgen aus den besten Themensendungen. Im ersten Remix: „Basic Provo“ mit Paul Verhoeven, Spezial „Totenfest" mit Guillermo Del Toro, Spezial „East Side Story" mit Johnnie To, Spezial „Testosteron“ mit Uwe Boll, Spezial-Sprechstunde bei Dr. Cronenberg, Spezial Dennis Hopper, Spezial „Der Lynch Code“ mit David Lynch, aber auch Spike Lee.
Paul Verhoeven
Paul Verhoeven, 1938 in Amsterdam geboren, wandte sich zunächst Gott zu. Mit 26 Jahren wollte der Pfingstler, der gerade in Mathematik und Physik promoviert hatte, sogar Missionar werden. Schließlich ging er zum Militär und fand dort zu seiner eigentlichen Berufung: Er drehte einen Dokumentarfilm über die niederländischen Marineinfanteristen („The Dutch Marines Corps“), der ein Vorläufer zu „Starship Troopers“ werden sollte. Zurück im zivilen Leben ging er zunächst zum Fernsehen, anschließend drehte er Kinofilme wie „Was sehe ich...!“, „Türkische Früchte“, „Spetters“ und „Der vierte Mann“. Seine Protagonisten, Prostituierte, Mörder, Homosexuelle und verwahrloste Kinder, scheinen gradewegs aus „A clockwork orange“ zu kommen. Auf diese Weise verdiente sich Verhoeven schnell einen Orden als „gewalttätiger Holländer“.
Nachdem er in seiner Heimat eine heftige Protestwellen gegen seine Filme ausgelöst hatte, ging Verhoeven 1984 nach Hollywood, um dort sein Unwesen zu treiben. Mit Blockbustern wie „Robocop“, „Total Recall“, „Basic Instinct“, „Showgirls“ und „Starship Troopers“ legte er den Finger auf die Wunden der Gesellschaft. Der Meister der Polemik genoss es, das Publikum zu manipulieren. Aus Enttäuschung über die Zurückhaltung der großen amerikanischen Studios kehrte er in sein Heimatland zurück. Sein jüngster Film „Black Book“ (2006) beschäftigt sich mit dem finsteren Kapitel der Besetzung Hollands im Zweiten Weltkrieg. In der Sonderausgabe von „Tracks“ spricht der Regisseur über seine vom Krieg geprägte Kindheit, über Schülerstreiche und seine Erfahrung mit dem Ungeheuer Hollywood.
Guillermo del Toro
Guillermo del Toro wurde in Guadalajara geboren, dem Land des „Dia de los muertos“, dem Tag der Toten. Seine erste Höllenfahrt erlebt er als Assistent von Dick Smith, der bei den Dreharbeiten zu dem Film „Der Exorzist“ als Maskenbildner arbeitet. Eine Offenbarung, die del Toro dazu veranlasst, seine eigene Special-Effect-Firma „Necropia“ zu gründen und 1993 seinen Film „Cronos“ zu drehen, der ihm nicht weniger als acht „Arieles“ (mexikanische Oscars) einbringt. Es folgen Angebote aus Hollywood für die Comicverfilmungen von „Blade II“, dem Vampir und Superhelden, sowie „Hellboy“, dem teuflischen Nazi-Jäger. Als Freund neurotischer Superhelden nimmt Guillermo, der sich für den subversiven Horrorfilme stark macht, die Herausforderung an. Das fade Popcorn-Kino würzt er mit Blut und schwarzem Humor zu einer Cayennepfeffer scharfen Mischung. Mit Peter Jackson („Herr der Ringe“) und Christophe Gans („Silent Hill“) führt Guillermo del Toro das Horrorfilm-Genre aus seinem Ghettodasein. Seine Blockbuster überzeugen sogar erfahrene Filmleute, zum Beispiel Pedro Almodóvar, den Produzenten von „The Devil’s Backbone“, einem Fantasyfilm, der im spanischen Bürgerkrieg spielt. 2008 kam „Hellboy 2“ („Hellboy – die goldene Armee“) heraus.
Dennis Hopper
„Ich erinnere mich ganz genau an meinen ersten LSD-Trip. Unter einem Klavier versteckt, habe ich den ganzen Weg zurück bis zu den Ursprüngen der Menschheit halluziniert. Ein super Trip!“ Das Leben von Dennis Hopper gleicht einem Hindernisrennen. 1936 im tiefsten Amerika geboren, spielte er mit 19 in seinem ersten Film, dem legendären James-Dean-Streifen „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Eine Karriere als jugendlicher Held schien sich anzubahnen, doch Hopper, der sich nicht anpassen wollte, kehrte Hollywood den Rücken und ging nach New York. Damit war er für die Majors erst einmal gestorben. Er wandte sich der zeitgenössischen Kunst und der Fotografie zu und freundete sich mit Miles Davis an, der ihm das Stück „So What“ widmete. 1967 kehrte er nach Los Angeles zurück, wo ihn B-Serien-Papst Roger Corman unter die Fittiche nahm. In dessen Film „The Trip“ entdeckte er seine beiden Leidenschaften: Kamera und Drogen. Zwei Jahre später rüttelten Dennis Hopper und seine Mitstreiter Jack Nicholson und Peter Fonda mit „Easy Rider“, heute ein Kultfilm, ganz Amerika auf. Der Erfolg kam gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn nun öffneten sich Hopper die Tore des neuen Hollywood. Doch die Begleiterscheinung dieser fulminanten Karriere war ein langer Abstieg in die Hölle: Hopper konsumierte täglich bis zu 30 Bier und drei Gramm Kokain! Ein Dreh mit dem Exzentriker war für Regisseure ein Alptraum, in „Apocalypse Now“ verzweifelte Coppola schier an dem Versuch, dem Schauspieler seinen Text zu entlocken. Am absoluten Nullpunkt angelangt, rappelte sich Hopper in den 80er Jahren mit David Lynchs Film „Blue Velvet“ wieder auf. Der Regisseur bezeichnete Hopper im Übrigen als „perfekten Psychopathen“. Nach einer Entziehungskur schlug sich der einstige Held der amerikanischen Gegenkultur auf die Seite der Republikaner und drehte in Blockbustern wie „Speed“ und der TV-Serie „24“. Treu blieb er dagegen seiner Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst. 2007 widmet ihm die Eremitage in Sankt Petersburg ihre erste Retrospektive eines lebenden Künstlers. Und im Herbst dieses Jahres waren bei der Vernissage seiner Ausstellung in der Pariser Cinémathèque unter anderen David Lynch, Wim Wenders, Antoine De Caunes und Julian Schnabel zu Gast. „Tracks“ war dabei!
Uwe Boll, der Mann, vor dem Hollywood zittert
Uwe Boll hat seit seiner Kindheit nur ein Ziel: Hollywood. Seine Masche: die Verfilmung von Computerspielen. Mit Filmen wie „House of the Dead“ (2003) oder „Alone in the Dark“ (2005) machte sich dieser Draufgänger ebenso viel Feinde bei den Herstellern von Videospielen wie bei den Filmkritikern. Uwe Boll handelte sich Beinamen wie „Master of Error“ oder „der neue Ed Wood" ein. Eine Petition trat sogar dafür ein, dass er das Filmemachen bleiben zu lassen sollte!
Uwe Boll, promovierter Literaturwissenschaftler, bezeichnet sich selbst als „unverstandenes Genie des Films“ und vergleicht sich gerne mit David Lynch oder Martin Scorsese. Mit seinem 13. Film, „Postal", in dem er unter anderem eine Taliban-Armee unter Führung von Osama Bin Laden in einem Vergnügungspark inszeniert, gelang ihm ein großer Wurf: Er erhielt den Preis für das beste Drehbuch beim Hoboken International Filmfestival in New Jersey, USA!
Johnnie To: (Self-)Made in HK
Johnnie To, der neue Meister des „schwarzen Films“, versteht sich auf Krimis, wie Hitchcock sich auf Spannung verstand. Er ist schlicht und einfach einer der Größten seiner Zeit! In einer Hommage an die legendären Plansequenzen von Sergio Leone gelang Johnnie To eine hervorragende Mischung aus Spaghetti-Western und Martial-Arts-Film (Stichwort: Shaw Brothers!).
Der 1955 in Hong Kong geborene Johnnie To startete seine Laufbahn beim Fernsehen. Mit 17 Jahren fing er als Regieassistent beim chinesischen Fernsehsender TVB an, einem der Hauptsender der ehemaligen britischen Kolonie. Er stieg rasch zum Regisseur von Fernsehserien auf. Mitte der 1980er-Jahre schaffte er den Sprung zum Spielfilm und drehte mehrere chinesische Box-Office-Erfolge für das Hongkonger Actionstudio „Cinema City". Durch seine Regiearbeit bei Filmen wie „Happy Ghost 3", „The Big Heat" und „All About Ah-Long" machte er sich einen Namen und zählte bald neben John Woo, Tsui Hark und dem legendären King Hu zu den „Filmemachern made in HK“. Aber im Gegensatz zu seinen berühmten Kollegen gab er den Lockrufen Hollywoods nicht nach: Ein Jahr vor der Rückgabe Hong Kongs an China gründete er seine eigene Produktionsfirma „Milkyway Image Ltd.“, mit der er seine größten Filmerfolge produzierte: „The Mission", „Breaking News", „Exiled", „The Sparrow" und „Mad Detective". 2008 kamen gleich drei Johnnie-To-Filme in die Kinos. In seinem jüngsten Film „Vengeance“ spielt der französische Altstar, Sänger und Songwriter Johnny Hallyday die wortkarge Hauptrolle.
David Cronenberg
Der visionäre kanadische Regisseur, der das Unheimliche erkundet, ist auch ehrenwertes Mitglied der Royal Society of Canada. Sein erster Film, „Transfer“, den er mit 23 machte, dreht sich um die Couch eines Psychoanalytikers.
Die 18 Spielfilme seiner 40-jährigen Karriere - sichtlich beeinflusst von Roger Corman und dem Genre-Film sowie von der New Yorker Avantgarde der 1960er Jahre (Kenneth Anger und die Kuchar-Brüder) - lehren immer wieder das Fürchten auf seinen sonderbaren Grenzgängen zwischen dem Physischen und Psychischen, dem Menschen und der Maschine, der Kunst und der Wissenschaft. Der Regisseur mutet den Protagonisten seiner Geschichten allerhand Mutationen zu: von der Fliege (Die Fliege) über die Videocassette bis zum Auto (Crash), weshalb seine Stilrichtung auch als „Körperhorror“ bezeichnet wird. Tracks traf Dr. Cronenberg (65) in Paris, wo sein Kultfilm „Die Fliege“ für die Oper adaptiert wurde. „Long Live the New Flesh“!
Lynch Land
Mit dem traumähnlich und dekonstruktivistisch erzählten Spielfilm „Eraserhead“ revolutionierte David Lynch 1976 das Genre. Seitdem hat sich der ehemalige Student der bildenden Künste in mehreren Ausdrucksformen versucht: Film, Malerei, Musik und sogar Comic. 2006 wurde er für sein Gesamtwerk in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt. „Tracks“ begibt sich in die außergewöhnliche Welt des Multitalents.
Spike Lee
20 Jahre nach seinem ersten abendfüllenden Film „She's gotta have it“ hat Spike Lee immer wieder bewiesen, dass er sich in keine Schublade einordnen lässt. Nach sozialkritischen Filmen wie dem kontrovers Streifen „Do the right thing“ (1989 Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch) und „Malcom X“ (1992 Oscar-Nominierung) wechselte Lee das Genre: „Inside Man“ schildert einen perfekten Bankraub. Der notorische Nonkonformist und Michael-Moore-Fan arbeitete für Hollywood und realisierte für HBO den investigativen Dokumentarfilm „When the Levee Breaks", der sich mit dem verheerende Katastrophenmanagement des Weißen Hauses nach dem Wirbelsturm Katrina befasst.
Lee taufte seine – überaus erfolgreiche - Produktionsfirma „40 Acres and a Mule“ in Anlehnung an das uneingelöste Versprechen des US-Staates, der den mittellosen Sklaven nach Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1863 40 Morgen Land und einen Maulesel zugesagt hatte. Er ist Schirmherr von Projekten wie „Confederate States of America“, das sich in fiktiver Form mit der Frage auseinandersetzt, wohin sich die USA entwickelt hätten, wenn die Südstaatler den Sezessionskrieg gewonnen hätten und die Sklaverei nicht abgeschafft worden wäre.
Erstellt: 29-08-08
Letzte Änderung: 02-07-09