Schriftgröße: + -
Home > Das ARTE Magazin

ARTE Magazin

Das monatliche Programm-Magazin von ARTE.

> FEBRUAR 2011 > KULT UM DEN BUSEN

TITELTHEMA - 07/02/11

KULT UM DEN BUSEN

Der Busen ist mehr als ein ganz normaler Körperteil – seit Jahrhunderten ist er Gegenstand von Projektionen und Fantasien. Warum eigentlich?

Previous imageNext image

Der weibliche Busen ist Hochkultur und Trash zugleich. Staatstragend und staatsfeindlich. Er wogt bei Festspieleröffnungen in Bayreuth genauso wie auf dem Oktoberfest in München, er darf bei der Eröffnung von Autohäusern nicht fehlen und nicht wenige Zeitschriften blieben im Regal liegen, bedienten sie sich nicht seinem verkaufsfördernden Charme. Zwar hat die Tradition der Hollywood-Busenwunder à la Mae West im früheren „Baywatch“-Star Pamela Anderson ein vorläufiges Ende gefunden. Dafür verhilft uns heute das kindische Jagdfieber der Internet-Paparazzi zu flüchtigen „Nipple-Gate“-Erfahrungen, den wackelig in Szene gesetzten „Ausrutschern“ weiblicher Prominenz, wenn sie mehr oder weniger zufällig ihre Brust entblößen. Der Busen der Frau versendet machtvolle biologische Signale, die Männer – und Frauen – faktisch wehrlos machen. Er ist dauerpräsent in einer universalen kulturellen Sublimierung, idealisiert in der Kunst und inszeniert in raffinierten Dekolletés und Wonderbras.



ARTE DOKUMENTATION

Kult um den Busen
DO • 10.2. • 21.55

www.arte.tv/busen

Der Busen in Wille und Vorstellung.

Die weibliche Brust gilt als paradiesisch, als „Airbag gegen harte Zeiten“, indem sie uns zur Flucht in die Regression ins Kleinkindalter einlädt – und wird oft genug selbst zur Hölle, wenn er der Vorstellung nicht entspricht. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als eine Million Schönheitsoperationen durchgeführt, die Brustvergrößerung ist darunter der häufigste Eingriff. Die erfolgsverwöhnte Branche macht sich um weiteres Wachstum keine Sorgen: „Der Wunsch nach Brustvergrößerung ist so alt wie die Menschheit selbst“, tönt die deutsche Gesellschaft für ästhetische und plastische Chirurgie.

 

Objekt der Begierde und häuslichen Fürsorge.

Mit dem Busen ist es wie mit der Kunst, er entsteht erst im Auge des Betrachters. Es lässt sich über ihn nicht objektiv berichten, Projektion und Realität lassen sich nicht trennen. Es walten – frei nach Schopenhauer – Wille und Vorstellung. Der französische Dichter Clément Marot etwa umschrieb die perfekte Brust im Winter 1535/1536 folgendermaßen: Ein Kügelchen von Elfenbein/Auf dessen Mitte, sanft gespitzt/Ein Kirschlein, eine Beere sitzt. Dieses Gedicht mit dem Titel „Le beau tétin“ (Das schöne Brüstchen) war im Wesentlichen dafür verantwortlich, dass fortan jedem Zentimeter des weiblichen Körpers in schriftlicher Form gehuldigt wurde: Augen, Augenbrauen, Nase, Ohren, Zunge, Haare, Bauch, Bauchnabel, Gesäß, Hand, Oberschenkel, Knie, Fuß und insbesondere der weiblichen Brust. Etwa zur selben Zeit hielten französische Künstler die entblößten Brüste holder Damen auf der Leinwand fest. Ein Gemälde zeigt Gabrielle d’Estrées, Mätresse von Henri IV., mit ihren straffen, von Kindern unberührten Brüsten im Bad, während im Hintergrund ein in Tücher gewickelter Säugling an den großen, runden Brüsten seiner Amme nuckelt. Vor der Revolution unterschied man in Frankreich zwei Arten von Brüsten: die straffen, kleinen Brüste von Frauen der Oberschicht zur Freude der Herren, und die üppigen, mit Milch gefüllten Brüste von bezahlten Ammen. Im 17. Jahrhundert änderte sich die Vorliebe der Franzosen für kleine bis mittelgroße Brüste, als niederländische Gemälde großbusige Frauen beim Stillen ihrer eigenen Kinder zeigten. Die weibliche Brust stand nicht mehr nur für Erotik, sondern symbolisierte vielmehr Mutterliebe und häusliche Fürsorge.

 

Die Republik ist oben ohne.

Niemand lenkte in Zeiten der Aufklärung erfolgreicher die Aufmerksamkeit auf die weibliche Brust als der Philosoph und Staatstheoretiker Jean-Jacques Rousseau. In seiner pädagogischen Abhandlung „Emile oder Über die Erziehung“ von 1762 argumentierte er, dass der Akt des Stillens zu einer engeren Bindung zwischen Mutter und Säugling sowie zwischen Mutter und Familie führe und damit die Grundlage für eine gesellschaftliche Erneuerung darstelle. Das Stillen wurde über Grenzen und sozialen Status hinaus sehr beliebt. In Deutschland und Frankreich wurde die Liebe einer Mutter zum Thema gefühlvoller Gedichte und Gemälde, in denen Familienmitglieder sich liebevoll um die mütterliche Brust versammelten. In gleicher Symbolik wurde selbst die neue französische Republik oftmals als barbusige Frau dargestellt. In einem Kupferstich von 1790 prangte als Symbol für die Gleichheit aller Bürger der Hobel eines Zimmerers zwischen ihren nackten Brüsten, die sie allen Franzosen darbot.

 

Auch nach der Französischen Revolution war die weibliche Brust Gegenstand der Politik. Sie erschien in Zeiten der Not, zum Beispiel auf Delacroix’ berühmtem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 oder im Deutschen Reich der 1930er Jahre auf Plakaten, die der Frau mit dem Symbol der stillenden Gottesmutter ihre Rolle als Garantin für einen stählernen Nachwuchs zuwiesen. Die Darstellung barbusiger Frauen diente auch im Zweiten Weltkrieg der Aufmunterung der Soldaten: Auf den Rumpfnasen amerikanischer Bomber zeigten sie das Victory-Zeichen. Die Ära des Pin-Up begann, als der Oberweite der Frau mehr Augenmerk geschenkt wurde als ihren Fähigkeiten, womit eine verengende Wahrnehmung des Busens als Lustobjekt einherging.

 

Der Busen wirkt nicht global.

Sigmund Freud hatte die weibliche Brust indessen zum Gegenstand der Psychologie gemacht. Aus seiner Sicht war sie der Ursprung der tiefsten Emotionen. Er postulierte, dass das Saugen an der Brust nicht nur die erste Handlung eines Säuglings sei, sondern zudem der Anfang von dessen Sexualität. Das erotische Lustgefühl, das sich beim Saugen an der Brust einstelle, soll auf unbewusster Ebene während des gesamten Lebens einer Person in diversen Formen bestehen bleiben. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass der Brustumfang der Frau bei der Partnerwahl eine viel geringere Rolle spielt als angenommen. Ein hübsches Gesicht oder eine ausgeprägte Taille fallen hier mehr ins Gewicht, wenn man den Umfragen glauben darf.

 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lenkte die Befreiungsbewegung der Frauen erneut das politische Augenmerk auf die Brust als Symbol weiblicher Macht. Zunächst verbrannten amerikanische Frauen öffentlich ihre Büstenhalter, um der exzessiven Erotisierung von Frauen, insbesondere ihrer Brüste, entgegenzuwirken. Zudem demonstrierten sie mit freiem Oberkörper gegen Phänomene wie Pornografie und Sexismus. In den 1980ern sorgte das italienische Pornosternchen Cicciolina für Schlagzeilen, als es barbusig den Wahlkampf der Grünen in Italien anführte und 1987 schließlich ins Parlament gewählt wurde.

 

Was macht den Busen so wirkmächtig, man könnte sagen, so erfolgreich? Was unterscheidet ihn von den anderen sekundären Geschlechtsmerkmalen? „Er ist wichtig für das Kind, für den Vater, für den Mann, für die Frau“, erklärt der französische Arzt und Senologe Dominique Gros, „er ist mütterlich, er ist erotisch, er dient der ganzen Welt.“ Der ganzen Welt?

 

Afrikanische und südpazifische Kulturkreise, in denen entblößte Brüste seit Urzeiten zum Alltag gehören, kennen diese sehr westliche Erotisierung der weiblichen Brust nicht. Nicht-abendländische Kulturen haben ihre eigenen Fetische: kleine Füße in China, der Nacken in Japan, das Gesäß in Afrika und in der Karibik. Es bleibt abzuwarten, ob es der westlichen Werbung gelingt, ihre überaus sexualisierte Sicht der weiblichen Brust in der übrigen Welt zu verbreiten. In Europa scheint sich das Schönheits-ideal von äußeren Merkmalen weg zu entwickeln – zumindest diagnostiziert dies ein Kolumnist einer bekannten deutschen Boulevardzeitung. „Wir leben in einer Zeit, wo Schminken, rote Lippen und Hintern zeigen keine Rolle mehr spielen“, schreibt er, „schön ist, wer in unserer Zeit das schönste Gehirn hat.“ Läuft dem Busen erstmals in der Geschichte das Publikum davon?



ARTE-Gastautorin: MARILYN YALOM, US-AMERIKANISCHE KULTURWISSENSCHAFTLERIN UND GENDERFORSCHERIN, AUTORIN DES BUCHES „GESCHICHTE DER BRUST“ FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS


LEXIKON

Brust,

lat. mamma,

besteht aus Fett- und
Bindegewebe und Brustdrüsen (Glandula mam-
maria). Wortherkunft: Eng verwandt mit briustern „aufschwellen“ und brustian „knospen“, „die Schwellende, Sprießende“.

 

Busen,

lat. sinus mammarum,

die zwischen den weiblichen Brüsten gelegene Vertiefung. Wortherkunft: buosen, buosem, buosam, „Schwellender, zu Beule, Bausch des Kleides, Aufgeblasener“.

Erstellt: 22-04-10
Letzte Änderung: 07-02-11