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Ursula Krechel - 12/01/09

Shanghai fern von wo

Eine Rezension von Ariane Thomalla


Ursula Krechel ist mit „Shanghai fern von wo“ ein großes Buch gelungen, hinter dem zehn Jahre Recherche und Schreiben liegen. Eine lange Zeit der „Unsicherheit“ und des „Ausprobierens“, gibt sie im Beiheft zum Roman zu, in dem sie die historischen Zusammenhänge und ihr ungewöhnliches poetisches Verfahren erläutert. Denn sie nimmt sich heraus, was sonst verpönt ist: die Geschichte einiger historisch überlieferter Personen fiktiv angereichert romanhaft zu erzählen, um das Schicksal der achtzehntausend deutschen Juden, die nach den Novemberprogromen 1938 in Shanghai ihre Zuflucht fanden, authentisch präsent zu machen. Ein Exil, das selbst die Exilforschung fast vergaß, um es dann als „Exil der kleinen Leute“, „Exil am Rande“ abzustempeln. Am Rande wovon?

Ihnen blieb keine andere Wahl. Die Hafenmetropole am Huang pu River war dank ihres internationalen Status der einzige Ort, der kein Visum verlangte. Wer mit einem Koffer und den zehn bei der Ausreise aus Deutschland erlaubten Reichsmark nach Shanghai geflohen war, nahm alles in Kauf: erbärmlichste Wohnungen, eher Verschläge, in den im chinesisch-japanischen Krieg zerbombten Häusern in den Elendsvierteln, in denen sich schon hunderttausend chinesische Flüchtlinge und Tausende russischer Emigranten drängten; das feuchtheiße Klima, Gestank, Lärm, Schmutz und Hunger, und die Ratten. Epidemien grassierten. Chinesische Bandenkriege tobten. Es gab unglaublich viel Diebstahl und Morde. Die städtische Abfuhr entsorgte die an den Strassenrändern abgelegte Leichen armer Chinesen. Max Rosenbaum, der die Hölle Shanghai nicht überleben wird, entdeckt eines Tages in den Armen seines kleinen Sohnes als überraschend große Puppe ein totes Kind.

Die Apfelstrudelbäckerin von Shanghai

Franziska Tausig dagegen, die Frau eines Rechtsanwalts aus Temeswar, gab ganz allein hinter dem kleinen Leichenwagen mit dem Judenstern ihrem Mann das Geleit zum Massengrab. Beide hatten l938 in Wien die Schiffspassage nur ergattert, weil sich ein anderes Paar am Tag zuvor ertränkt hatte. 1949 wird sie auf dem Wiener Bahnhof stehen und einen jungen Mann, den sie 1938 als Sechzehnjährigen allein nach England geschickt und ihm damit das Leben gerettet hatte, fragen hören: „Entschuldigung, gnädige Frau, sind Sie vielleicht meine Mama?“ Das entnahm die Autorin den Erinnerungen der Mutter des Schauspielers und Regisseurs Otto Tausig. Sie überlebte Shanghai, weil ein chinesischer Restaurantbesitzer sie zu seiner Apfelstrudelbäckerin erkor. Ursula Krechel legt die Quellen, mit denen sie frei umgeht, offen. Auch die Oral-History-Sammlung der Wiener Library in London habe ihr viel Material geliefert.


Shanghai fern von wo
Roman
von Ursula Krechel (Autor)
Gebundene Ausgabe: 500 Seiten
Verlag: Jung und Jung; Auflage: 1 (25. August 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3902497440
ISBN-13: 978-3902497444
„Panoramatisch“ schreiben

Ihr Ziel sei gewesen, „panoramatisch“ zu schreiben, Schicksale aus dem vorhandenen biographischen Material mit erfundenen Biographien zu verweben. Daß die Sache gelang, liegt an der besonderen Distanz der Erzählerin. Zu ihren historischen verbürgten Personen gehört der noch heute in Fachkreisen bekannte Berliner Kunsthistoriker Lothar Brieger, dem die Berliner Hochschule für Bildende Künste gleich 1947 einen Lehrstuhl anbot. Brieger reiste ab aus Shanghai, leider auf einem viel zu billigen Frachtschiff zwei Monate über die Meere. In Berlin angekommen, legte er sich ins Krankenhaus und starb. Seine Gegenwart in Shanghai verschafft dem Buch besondere Tiefe und Freundlichkeit. Leider ist nicht zu erfahren, ob Lothar Briegers Brief nach Paris an Walter Benjamin, mit dessen Frau er liiert gewesen war, authentisch ist oder zu den „Fiktionalien“ von Ursula Krechel gehört: „Lieber Herr Benjamin, das Wichtigste habe ich erreicht, ich bin aus Deutschland hinaus.“

Eine erfundene Figur hält alles zusammen und erlaubt Geschichte direkt zu referieren.

Der im Berliner Widerstand aktive Buchhändler und Widerständler Ludwig Lazarus, den die Gestapo nach schlimmen Zuchthaus- und KZ-Jahren zuletzt nach Shanghai entließ, bespricht zehn Jahre später nach der Rückkehr nach Deutschland ein Tonband. Auch darüber, dass ihn die starke Präsenz der Nationalsozialisten auf dem Außenposten Shanghai traumatisiert habe. Dessen Generalkonsul „registrierte“ die Juden in Shanghai . Um die Zahlen nach Berlin zu schicken?

Traumatisiert hätten ihn beim Hören seines mühsam eroberten kleinen Radios auch die nationalsozialistischen Parolen, die ein flotter junger Rundfunkattaché überehrgeizig in den fernöstlichen Äther geschickt habe. Solches soll der Betreffende nach dem Krieg heruntergespielt und dabei sogar geleugnet haben, daß die l943 auf deutschem Druck von den Japanern ins Ghetto eingepferchten Juden in Shanghai im tiefsten Elend gelebt hätten. Diesem ersten Botschafter der Bundesrepublik Deutschlands in China widmet Ursula Krechel als einer anderen authentischen Figur viel Raum, ohne den Namen zu nennen. Doch man erkennt den inzwischen verstorbenen Diplomaten und Schriftsteller Erwin W. Wieder ein Stück deutscher Geschichte.

Die meisten „Shanghailänder“, wie sie sich ironisch nannten, emigrierten danach in die USA, nach Australien und Israel. Lazarus entschied sich, überall heimatlos, für Nachkriegsdeutschland. Hier zerschellte er an der traurigen Wiedergutmachungsmaschinerie: an der Kumpanei von Behörden und Tätern und dem noch lange latent aktiven Antisemitismus. Ausgerechnet dem Zeugnis „der Herren vom Deutschen Generalkonsulat“, dass es zu jener Zeit kein wiedergutzumachendes Leid in Shanghai gegeben habe, wurde stattgegeben.

Eine Rezension von Ariane Thomalla

Erstellt: 21-11-08
Letzte Änderung: 12-01-09