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TITELTHEMA - 30/08/13

KRAFTWERK - MUSIC NON STOP

Sie sind die Urväter der elektronischen Musik und ihrer Zeit stets voraus. Die exklusive ARTE-Doku „Kraftwerk – Pop Art“ präsentiert das audiovisuelle Meisterwerk der Band und zeigt spektakuläre Ausschnitte ihrer aktuellen Konzertreihe.

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Boing, Boom und Tschak. Wenn sich große Kunst in ihrer Hinwendung zum Wesentlichen zeigt, dann liegt das komplette künstlerische Programm von Kraftwerk in diesen drei Worten. Mehr gibt es nicht zu sagen, außer vielleicht noch: „Peng!“ Was der schlichte Satz „Ceci n’est pas une pipe“ („Das ist keine Pfeife“) für den Surrealismus war, das ist „Boing, Boom, Tschak“ für den elektronischen Pop unserer Tage – ein Schlüssel zum Verständnis. Und so wie Magrittes berühmtes Bild von der Pfeife – das eben nur das Abbild einer Pfeife ist – längst im Museum hängt, so sind auch Kraftwerk inzwischen dort angekommen. Konzerte gab die Gruppe zuletzt vor allem in musealen Kontexten, wie etwa 2005 auf der Biennale in Venedig, 2012 im New Yorker Museum of Modern Art, dieses Jahr in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und zuletzt in der Turbinenhalle eines ehemaligen Kraftwerks, der Londoner Tate Modern.

ARTE Musikdoku

KRAFTWERK – POP ART
Sa • 14.9. • 21.55

Ihrer Zeit voraus. Kraftwerk im Kraftwerk, das ist nicht ohne Ironie. Normalerweise ist nichts so rührend gestrig wie eine Avantgarde, deren Zeit abgelaufen ist. Kraftwerk aber bieten Musik, die schon in der Vergangenheit so auf das Zukünftige gerichtet war, dass sie ihrer Gegenwart weit voraus ist. Diese Zeitlosigkeit spiegelt sich auch in den aktuellen Darbietungen, bei denen in chronologischer Reihenfolge alle Alben ab „Autobahn“ retrospektiv wieder aufgeführt werden: unter dem Namen „12345678 The Catalogue“. Technisch ist das so avanciert, dass ein konventionelles Medium wie das Fernsehen nur einen Bruchteil einfangen kann. Zwar sind die vier Männer hinter ihren Pulten, wie sie fast reglos in schillernden LED-Anzügen an Knöpfchen drehen, an sich schon ein ähnlich ikonischer Anblick wie Hendrix’ brennende E-Gitarre oder Michael Jackson beim Moonwalk. Mit dem Einsatz von 3D-Brillen allerdings öffnen Kraftwerk einen Raum, der nicht vollständig übertragen werden kann. Da regnet es Pillen, marschieren Zahlenkolonnen über die Köpfe und rauschen Noten durch eine Halle, in der die Musik von allen Seiten zu kommen scheint.

Die Urväter des modernen Pop. Tatsächlich sind Kraftwerk wie Pioniere eines Kontinents, den wir erst allmählich besiedeln. Kraftwerk stecken in der DNA fast jeder elektronischen Musik seit den späten 1970er Jahren. Direkt oder indirekt bedient haben sich über die Jahre so unterschiedliche Künstler wie Pink Floyd, David Bowie, Africa Bambaataa, Madonna, Depeche Mode, Rammstein, Jay-Z, Fatboy Slim, Daft Punk oder Coldplay. Mehr noch, die Entwicklung ganzer Stile wie Hip-Hop, Synthiepop, Industrial, Techno, House, Drum ’n’ Bass oder Dub-step wäre ohne die Arbeitsvorlage der Düsseldorfer überhaupt nicht denkbar. Wenn die Beatles einst das Pop-Universum aufgeschlossen haben, so haben es Kraftwerk an die Computer angeschlossen.

1968. Die späteren Kraftwerk trugen damals noch den sperrigen Namen Organisation zur Verwirklichung gemeinsamer Musikkonzepte, kurz: Organisation. Die Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider taten dasselbe wie andere junge deutsche Bands – sie rockten. Die frühen Alben enthalten wilde Jams, elektrische Gitarren, Querflöten, jazzige Keyboards und einen stoischen Beat. Und doch hört man schon, wie sich die Musik vereinfachte und von Platte zu Platte weniger herkömmliche Instrumente zu hören waren. Auch die Musiker selbst wirkten wie aus einer anderen Ära, kälter, unnahbarer als ihre Zeitgenossen. Sie trugen Anzüge, Krawatte und Seitenscheitel. Die öffentlichen Fotos waren sorgsam inszeniert, als wären sie schon in der Weimarer Republik entstanden. Kein Zufall, wie Hütter später in einem seiner seltenen Interviews betonte – durch den Krieg sei „die deutsche Unterhaltungsindustrie“ zerstört und anschließend den Menschen ein „amerikanischer Kopf“ aufgesetzt worden. Kraftwerk orientierten sich an der formalistischen Klarheit des Bauhauses ebenso wie an den elektronischen Experimenten der Neuen Musik, vor allem an Karlheinz Stockhausen. Mit dem Unterschied, dass Kraftwerk am unkomplizierten Ende der Skala operierten, dort, wo sich Minimalismus mit Pop versöhnte.

Klänge aus der Zukunft. 1974 endlich hatte die Gruppe einen Punkt erreicht, den die übrige Musikwelt erst Jahre später passieren sollte – und veröffentlichte mit „Autobahn“ das erste komplett elektronisch anmutende Album. Zu hören waren neben Instrumenten wie dem ersten analogen Kompakt-Synthesizer Minimoog auch selbstgebas-telte Instrumente, etwa das elektrische Schlagzeug als Drumcomputer. Violine, Flöte und Gitarre waren nur noch Beiwerk. Hinzu kam der Gesang, mal durch den zerhäckselnden Vocoder – ein stimmverschlüsselndes Effektgerät –, mal mit aufreizender Teilnahmslosigkeit: „Vor uns liegt ein weites Tal / Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl / Die Fahrbahn ist ein graues Band / Weiße Streifen, grüner Rand / Jetzt schalten wir das Radio an / Aus dem Lautsprecher klingt es dann / Wir fahr’n auf der Autobahn“.

Die Mensch-Maschine. Mit dieser und den folgenden vier Platten – „Radio-Aktivität“, „Trans Europa Express“, „Die Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ – hatten Kraftwerk ihre künstlerische Reiseflughöhe erreicht. Inhaltlich ging es ihnen um Computer, Kommunikation, Radioaktivität, Entfremdung und alles Transitorische, den Übergang, die Reise.

Die Konvergenz von Mensch und Maschine in der Spätmoderne gab nicht nur einem ihrer Alben den Titel – die Künstler selbst traten hinter Kraftwerk zurück, die Subjektivität zugunsten des Seriellen. 1978 ersetzten sich die Musiker erstmals auf der Bühne durch lebensechte Nachbildungen ihrer selbst, Roboter mit gerolltem R: „Wir laden uns’re Batterie / Jetzt sind wir voller Energie / Wir sind die Roboter“. Knapp 30 Jahre später fühlen wir uns wirklich wie Roboter, funktionierende „Mensch-Maschinen“, angeschlossen an die Computerwelt.

Und deshalb sind Kraftwerk im Museum auch so gut aufgehoben. Selbst ihre stilisierten Konzerte – mit den Robotern, die längst dreidimensionalen Avataren gewichen sind – sind pure Performance, audiovisuelle Aktionskunst im klassischen und zugleich modernen Sinne. Und wenn in ferner Zukunft ihre Musik einmal verklingen sollte, weil sie altmodisch geworden ist, dann wird uns im Bildgedächtnis immer noch der VW-Käfer auf der computergenerierten Autobahn bleiben. Ein Artefakt mit dem Nummernschild D-KR 70. Düsseldorf, Kraftwerk, gegründet 1970.

ARNO FRANK FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

KRAFTWERK DISKOGRAFIE
„Kraftwerk“ (1970), „Kraftwerk 2“ (1972), „Ralf und Florian“ (1973), „Autobahn“ (1974), „Radio-Aktivität“ (1975), „Trans Europa Express“ (1977), „Die Mensch-Maschine“ (1978), „Computerwelt“ (1981), „Techno Pop“ (1986), „The Mix“ (1991), „Tour de France“ (2003), „Minimum-Maximum“ (2005, Live-Album), „12345678 Der Katalog“ (2009)
(Auswahl)


Erstellt: 22-08-11
Letzte Änderung: 30-08-13