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Dürfen wir Tiere essen?

Der Themenabend klärt über die globalen Folgen des Fleischkonsums auf und diskutiert Lösungsansätze.

Dürfen wir Tiere essen?

Dienstag 27. März um 20.15 Uhr - 05/04/12

Ist das alles Wurst?

Über Akkordhühnersterben, Gewissensbisse und vegetarische Extrawürste. Ein provokantes Plädoyer für den Vegetarismus.


Es war einmal der blasse und ausgemergelte Körnerfresser. Doch dieser Sonderling mit dem Schrumpfhirn ist nicht mehr. Heute ist Deutschlands stärkster Mann Patrik Baboumian ein „Veggie“ und den Klugen schmeckt die Fleischvöllerei nicht: Je höher der IQ, desto weniger Fleischkonsum. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der britischen University of Southhampton. Fleisch droht gerade zum Unterschichtenprodukt zu werden, eine historische Wende – und sie ist nachzuvollziehen: Es gibt keine glücklichen Käfighühner. Hunde streicheln, aber Kühe essen ist schizophren. Und an der Wursttheke wäre ein Schild denkbar, auf dem in dicker schwarzer Rahmung steht: „Fleischessen ist tödlich. Es erhöht das Risiko von Herzinfarkten und Krebserkrankungen“. Vor 20 Jahren haben sich nur 0,6 Prozent der Deutschen als Vegetarier bezeichnet. Heute gibt es nach Schätzung des Vegetarierbundes zwischen sieben und zehn Prozent Fleisch-Abstinenzler, das sind etwa sechs Millionen Menschen.

Blindes Hühnersterben
Der durchschnittliche Deutsche isst in seinem Leben über 1000 Tiere, hinzu kommen Fische und andere Meerestiere - und die müssen alle im Akkord produziert werden. Die schrecklichen Bilder aus Zuchtanlagen und durchtechnisierten Schlachthöfen verderben vielen Menschen den Appetit: Eine Rinderkeule, die nie laufen konnte. In dunkle Verschläge eingepferchte Viecher, dreckig, krank und mit Antibiotika vollgestopft, um die Schlachtung noch zu erleben. Und das mit allen Sinnen. Eine halbe Million Schweine verenden jährlich ohne ordnungsgemäße Betäubung in siedendem Wasser. Der Kopfschuss aufs Rind geht nicht selten daneben, so dass die Tiere bei Bewusstsein zerlegt werden. Schwein, Rind oder Huhn bekommen tierische Angst. Was bleibt ist schweißnass schmeckendes Fleisch. Guten Appetit!

Klimakiller Kuh-Rülpser
Und es bleibt ein Umweltproblem. Die heutige Viehhaltung trägt bedeutend zum Klimawandel bei. 18 Prozent der Treibhausgase kommen aus der Landwirtschaft, davon wiederum 80 Prozent aus der Tierzucht. Täglich geben die Rindviecher beim Atmen große Mengen CO2 ab, täglich entweichen aus den Mäulern und Hintern der Wiederkäuer tonnenweise klimaschädliches Methan. Hinzu kommen Bodenerosion, Wassermangel und Trinkwasserverseuchung. Und das ökologische Desaster: Es werden 16 Kilogramm Getreide benötigt, um 1 Kilogramm Fleisch zu produzieren. D.h. im Klartext: Die Tiere werden durch Unmengen an Getreide dickgezüchtet, fressen also weg, was viele hungernde Menschen auf dieser Welt ernähren könnte. Und die Fleischindustrie schluckt Wasser in rauen Mengen: In einem Kilo Fleisch stecken rund 15.500 Liter Wasser - damit könnte man ein Jahr lang täglich duschen.

Der ungesunde Biss
Im Welt-Wurstland BRD wird mehr ungesund vollgestopft, als gedurstet oder gehungert. Wie die Tiere, so erleiden auch immer mehr Menschen durch „Fleischeslust“ einen Herzinfarkt. Oder sie erkranken an Krebs, bekommen Diabetes oder Kreislaufprobleme. Besonders ungesund ist rotes Fleisch, vor allem weiterverarbeitet zu salz- und nitrithaltiger Wurst. Der regelmäßige Verzehr von rotem Fleisch verdoppelt das Darmkrebsrisiko, das Lungenkrebsrisiko steigt um 20 Prozent. Fisch halbiert das Krebsrisiko - bringt aber die gleichnamigen Schalentiere in Gefahr und mit ihnen die Fische. Die Meere um Europa sind schon zu großen Teilen leergefischt, Thunfisch und Makrele schwinden überall rapide und der weltweite Sardinenbestand steht bereits kurz vor dem Zusammenbruch. Wenn schon Tiere essen, dann also nur noch das gesündere Biofleisch, ohne Tiermehl, Hormone und Antibiotika und mit dem doppelten Anteil an lebenswichtigen ungesättigten Fettsäuren? - Auch die werden nicht totgestreichelt. Und dürfen wir überhaupt Tiere töten, um sie zu essen?



Der Mensch ist, was er isst (Feuerbach)
Die Entscheidung, Tiere zu essen treffen die meisten Menschen mit den Zähnen und nicht mit dem ganzen Kopf. Kein Mensch würde heutzutage ohne Fleischverzehr hungern - es geht um Gier, trieb- und instinktgesteuertes Essen. Das Gesicht auf der Mortadella lacht uns unwiderstehlich an, Intelligenz und Gefühle der Tiere werden erfolgreich verdrängt. Darf ein Lebewesen ein anderes töten? - Nein, aber der Mensch kann sich für viel Geld sündenfrei kaufen, mit Pseudotieren aus Pflanzenfleisch, mit Tofu-Wiener und Hühnchen aus Sojaeiweiß. Die Tofu-Tiere werden mittlerweile sogar in Buddhismus und Hinduismus als Opfergaben anerkannt. Also, gesegnete Mahlzeit!

Die Besseresser
Trotzdem oder genau wegen dieses reinen Gewissens werden Vegetarier oft als Gutmenschen verschrien, die ihre moralische Überlegenheit ausspielen, nur, damit sich andere schlecht fühlen. Sie müssen nicht einmal ihren Mund aufmachen, um für eine ethisch korrekte Ernährung zu sprechen oder Andersgesinnte gar als Fleischfresser oder Massenmörder zu bezeichnen. Schon als stumme Mitesser sind sie die reine Provokation. Oder sie werden als Mode- oder Wochenend-Vegetarier verlacht, als Pseudo-Ethiker, die immer mal wieder am Hot Dog Stand rückfällig werden. - Und wenn schon: Alles ist besser, als so weiterzumachen.

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Nadja Röll (ARTE Deutschland, 2012)

Erstellt: 05-03-12
Letzte Änderung: 05-04-12