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ARTE Journal - 11/02/13

Großbritannien: Pferd im Rindfleisch

Es ist ein riesen Skandal: Pferde sind heilig und hoch geachtet und das Fleisch gilt als Arme-Leute-Essen. In Großbritannien ist Pferdefleisch auf dem Teller ein Tabu. Hier isst man Rindfleisch, und das in rauen Mengen. Pferdefleisch gilt als billiger Ersatz. Anders ist das etwa in Italien, Frankreich oder der Schweiz: Hier gehört Pferdefleisch ganz normal dazu. Vor allem in der Schweiz blühen Restaurants, die solche Gerichte anbieten. Liebhaber preisen das Fleisch als zarter, fettämer und reicher an Proteinen im Vergleich zu Rind. In ganz Europa wurde ab dem 19. Jahrhundert Pferd zu Essen verarbeitet, auch in Großbritannien. Die Arbeiterklasse aß Pferd, Rind war viel zu teuer.

Ausgerechnet in Großbritannien, dem Land der Pferde-Liebhaber und Rindfleisch-Esser, wurde nun in tiefgekühlten Rindfleisch-Lasagnen Pferdefleisch entdeckt. Bei einigen Proben fand die britische Lebensmittelaufsicht FSA (Food Standards Agency) bis zu 100%ige Anteile aus Pferd. Großbritannien nahm das Produkt aus dem Handel, auch Frankreich und Schweden sind inzwischen nachgezogen.

Undurchsichtige Lebensmittelkette

Auf dem Etikett der Tiefkühl-Lasagne des französischen Lebensmittelkonzerns Findus steht "Rindfleisch". Dass nicht drin ist, was drauf steht, wird nun der französischen Comigel-Gruppe mit Sitz in Metz zugeschrieben, die die fertigen Produkte an Großbritannien geliefert hat. Comigel verteidigt sich - das Fleisch komme vom fleischverarbeitenden Unternehmen Spanghero mit Sitz in Südfrankreich. Spanghero widerum will damit nichts zu tun haben - das Fleisch komme aus Rumänien. Man habe Rindfleisch mit der Herkunftsbezeichnung "Europa" gekauft und dann weiterverkauft. Offenbar wurden die geschlachteten Pferde in Rumänien als Rindfleisch ausgezeichnet. Benoît Hamon, beigeordneter Minister für soziale Ökonomie und Solidarität im französischen Ministerium für Wirtschaft, Finanzen und Außenhandel: "Wir haben die Herkunft dieser Fleischblöcke zurückverfolgt. Es war so, dass der französische Importeur einen Händler in Zypern bauftragt hat, das Fleisch zu kaufen. Der wiederum hat einen niederländischen Händler beauftragt - und dieser hat die Fleischblöcke dann bei einem rumänischen Schlachthaus gekauft."





Tesco und Aldi

Großbritannien ist schockiert. Zumal es sich nicht um irgendwelche Nischenprodukte handelt, sondern Tiefkühl-Massenprodukten von Aldi, Tesco und anderen Supermärkten. Und die sind Standard in britischen Haushalten. Ein Viertel der britischen Comigel-Produkte gehen an Schulen, Krankenhäuser, Altenheime und Firmenkantinen.

Legale Lieferungen

In Rumänien hingegen, offenbar Ursprungsland des Pferdefleischs in dieser undurchsichtigen Lebensmittelkette, regt sich niemand auf. Anders als in Großbritannien war der Skandal heute alles andere als die Seite Eins der rumänischen Tageszeitungen. Der Vorsitzende des rumänischen Lebensmittelhändler-Verbands Romalimenta, Sorin Minea, verteidigte sein Land: Es gebe drei Pferde-Schlachthöfe in Rumänien, die Fleisch nach Frankreich und Italien lieferten, das sei ganz legal. Außerdem sehe man den Unterschied zwischen Pferde- und Rindfleisch. Geschmack, Farbe und Beschaffenheit des Fleischs seien anders.

Comigel liefert auch nach Deutschland

Die britische Lebensmittelaufsicht FSA versucht nun, die Konsumenten zu beruhigen. Aber sie rät dennoch zum Verzicht. Man wolle die Produkte noch auf das Medikament Phenylbutazone testen, das Pferden häufig verabreicht wird. Es ist von der menschlichen Essenskette verbannt, weil es Blutkrankheiten auslösen kann. Comigel zählt auch in Deutschland zu den wichtigsten Lieferländern für Tiefkühl-Fertiggerichte. Nordrhein-Westfalen hat eine stärkere Kontrolle angekündigt. Für die Kontrolle von Lebensmitteln sind in Deutschland die Länder zuständig.


Carolyn Höfchen, ARTE Journal

Erstellt: 09-02-13
Letzte Änderung: 11-02-13