27/08/08
Außen vor - die "Unterschicht"
In Deutschland hat eine Studie Politik und Öffentlichkeit aufgeschreckt. Ihre Aussage: Acht Prozent der Bevölkerung gehören zum "abgehängten Prekariat". Das heißt: etwa fünf bis sechs Millionen Deutsche verharren im Stand sozialer Hilflosigkeit.
Nachdem der SPD Parteivorsitzende Kurt Beck diese Gruppe als "Unterschicht" bezeichnete, entbrennt in Deutschland eine heftige Debatte über die Merkmale dieser sozialen Randgruppe. Während eine ähnliche Debatte sich in Frankreich auf die vor allem örtlich ausgeschlossenen, arbeitslosen Immigranten in den Vorstädten und Obdachlosen bezieht, schließt sie in Deutschland einen Teil der Gesellschaft ein, der in der Öffentlichkeit gern als arbeitsunwillig und faul stigmatisiert wird. Doch was hat der offensichtliche Mangel an Arbeit eigentlich für eine Bedeutung für den Einzelnen in unserer Gesellschaft und sind wirklich nur die bildungsarmen Schichten betroffen? Ein berührendes Beispiel für die psychischen und sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit liefert die soziologische Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" - und obwohl diese Beobachtung bereits vor über 70 Jahren gemacht wurde, ist sie heute aktueller denn je.
Die Arbeitslosen von Marienthal
Über ein Jahr lang beobachten die Soziologen Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeise die katastrophalen Folgen für eine Ortschaft, in der auf einen Schlag beinahe alle Erwachsenen ihren Arbeitsplatz verlieren. "Was uns im weiteren Verlauf noch in den verschiedensten Belegen begegnen wird, das tritt uns von Anfang an in einem bewegungsarmen, gleichförmigen Bild entgegen: hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten, als bisher für die Existenz als notwendig angesehen angesehen worden ist" schildern die Autoren gleich zu Beginn ihre Beobachtungen aus dem Industriedorf Marienthal in Niederösterreich.
Nachdem 1929 der einzige Großbetrieb eine Baumwollspinnerei, infolge der Wirtschaftskrise schließt, leben 478 Familien - gut drei Viertel der Bevölkerung - von nun an von Arbeitslosenunterstützung. Zweieinhalb Jahre später finden die Forscher in dem einst so lebendigen Ort eine müde Gemeinschaft vor. Allein der Tag, an dem das Arbeitslosengeld ausgezahlt wird, besitzt noch eine Bedeutung: Besseres Essen kommt auf den Tisch, Schulden können teilweise abbezahlt werden. Indessen verwildert der Stadtpark, die Arbeiterbibliothek bleibt unbesucht, die Menschen lesen keine Zeitungen mehr. Nahezu alle Bedürfnisse und Ansprüche werden reduziert, die Dorfbewohner leben gleichmütig und erwartungslos vor sich hin. "Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt zur Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere", beobachten die Forscher.
Die Bewohner laufen langsamer, ihre Gespräche werden schleppender. Wenn ein Auto durchs Dorf fährt, bleiben fast alle stehen und drehen sich um. Während die aktiven und energischen Marienthaler abwandern bleiben diejenigen ohne Beziehung zur Zukunft zurück. Ihr Gesundheitszustand und der ihrer Kinder verschlechtert sich, Jugendliche beginnen sich herumzutreiben, anstatt in die Schule zu gehen. Als zusätzlich zur aussichtslosen Lage auch noch die staatliche Unterstützung verringert wird haben die Marienthaler alles verloren: Arbeit, Status, Tradition, Lebensstandard, Selbstwertgefühl. "Arbeitslossein" wird als eigener Stand empfunden. "Am Ende dieser Reihe steht Verzweiflung und Verfall" resümieren die Autoren.
Die Marienthalstudie belegt eindrucksvoll, dass mit der Erwerbsarbeit nicht nur Wohlstand, sondern vor allem Identität, Selbstachtung und Zugehörigkeitsgefühl verbunden sind. Im 21 Jahrhundert hat sich dieser Zusammenhang nicht verändert. Im Gegenteil: Er ist sogar noch stärker geworden. Denn heute ist es nicht mehr die dörfliche Struktur, die Familie oder die Religion, die unseren Alltag strukturiert, so der Soziologe Ralf Dahrendorf. Es ist meist der Arbeitsvertrag, der diese Aufgabe übernimmt. Das Paradoxe: Je weniger Arbeit vorhanden ist, desto wichtiger wird sie für uns, desto mehr klammern wir uns an sie, ihr soziales Prestige wird immer höher. Ein Umstand, der für immer größere Teile der europäischen Gesellschaft gilt.
Die Unterschichtsdebatte
Die EU Staaten, mit Ausnahme der skandinavischen Länder, haben bereits seit einigen Jahren mit dem Massenphänomen Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Um die Menschen wieder in Arbeit zu bringen, werden unterschiedliche Reformprozesse in Gang gesetzt. In Deutschland beschloss die Regierung Gerhard Schröders die Umsetzung der Agenda 2010. Aber wie tritt die heutige Gesellschaft der immer schwieriger werdenden Teilhabe an der Erwerbsgesellschaft gegenüber?
Die SPD nahe Friedrich Ebert Stiftung veröffentlichte im April 2006 ihre "Studie zum Reformprozess in Deutschland." Neben klassischen, sozialökonomischen Daten wie Einkommen und Arbeitsplatzsituation finden hier auch Werteinstellungen, Lebensbewältigungsmuster und Selbsteinschätzungen der Befragten Eingang. Politische Wertvorstellungen und Einstellungen der Bevölkerung sollen ausgemacht werden. Dies geschieht auf der Grundlage von neun verschiedenen, politischen Typen. Vier Gruppen (43%) stellen das obere Segment der Gesellschaft dar, gefolgt von teils stabilen „zufriedenen Aufsteigern“ und der teils wackligen Mittelschicht, der „Bedrohten Arbeitnehmermitte“ (29%). Die restlichen drei Gruppen bilden das untere Segment der Gesellschaft: Unter ihnen die „Selbstgenügsamen Traditionalisten“ (alt, mehrheitlich Frauen, niedriges Bildungsniveau, jedoch mit Orientierung) und die „Autoritätsorientierten Geringqualifizierten“ (alte Menschen, einfache Verhältnisse, charakterisiert durch Abstiegsfurcht und Vertrauensverlust). Der Typus des „Abgehängten Prekariats“ bildet mit acht Prozent den letzten Teil der Gruppe. Die ihm zugehörigen Menschen zeichnen sich, der Studie nach, dadurch aus, dass sie oftmals gesellschaftlichen Abstieg erleben, eher einfache und mittlere Tätigkeiten ausüben, ein hohes Arbeitslosenrisiko aufweisen und finanziell wenig gesichert sind. Kurz: Sie empfinden ihre gesamte Lebenssituation als ausgesprochen prekär - unsicher, misslich, und schwierig. Diese Gruppe entwickelt kaum Perspektiven, die eigene gesellschaftliche Position zu verbessern. In der Studie wird sie daher als vom gesellschaftlichen Entwicklungsprozess abgehängt bezeichnet.
Auf diese fehlende Aufstiegsorientierung trotz niedrigem Sozialstatus bezieht sich der SPD-Parteivorsitzende Kurt Beck, als er im April 2006 das „abgehängte Prekariat“ als „Unterschicht“ bezeichnet. Menschen, meist Arbeitslose bzw. Langzeitarbeitslose, die sich „materiell und kulturell mit ihrem niedrigen Status arrangiert haben“. Damit tritt er eine intensive Diskussion um die Struktur der deutschen Gesellschaft los.
Insbesondere in den Medien wird diese Gruppe der Gesellschaft stigmatisiert. Die Eigenschaft der "Unterschicht" wird nun vor allem an den Folgen ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung festgemacht: Die Menschen, die diesem Typus angehören seien faul, besäßen einen exzessiven Fernsehkonsum, zeichneten sich durch Gleichgültigkeit gegenüber ihrer prekären Lage aus, hätten einen nachlässigen Kleiderstil, einen gesteigerten Alkoholkonsum, und übertrügen diese Eigenschaften leider auch auf ihre Kinder.
Dass in dieser „Unterschicht“ meist bildungsfernere Schichten anzutreffen sind ist Fakt. Jedoch zeigt die Studie der Friedrich Ebert Stiftung, dass auch Bildung nicht unbedingt schützt, weder vor dem zumindest befürchteten gesellschaftlichen Abstieg, noch vor der folgenden Resignation : Auch Menschen aus der Mittelschicht der Gesellschaft arbeiten mittlerweile immer häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen, haben niedrige Verdienste, leiden an kurzfristiger Arbeitslosigkeit und haben bereits die Erfahrung des gesellschaftlichen Abstiegs gemacht. Auch sie sind von Abstiegsängsten geplagt, die sie im Fall einer länger andauernden Krise schnell in die Hoffnungslosigkeit treiben können. Der Weg in die sogenannte „Unterschicht“ ist also auch für bildungsreichere Schichten offen.
Gegen diesen Abdrängungsprozess in Deutschland wie in Frankreich kann nur eine angemessene Beschäftigungspolitik helfen. Wie diese jedoch aussehen soll, steht in den Sternen. Dass aber Modelle wie das „Grundeinkommen für Jedermann“ das Vakuum, dass durch fehlende Arbeit entsteht nicht kompensieren können, ist nachvollziehbar. Es sei denn es findet ein grundsätzliches Umdenken in unserer Arbeitsgesellschaft statt.
Sonja Fahrenhorst
Erstellt: 31-10-07
Letzte Änderung: 27-08-08