Gespräch mit Jean-Christophe Victor
Das Gespräch mit Jean-Christophe Victor erschien in Le Moniteur du Commerce International -MOCI-, Nr. 1701-1702, 5.-12. Mai 2005.
Seit 15 Jahren liest Jean-Christophe Victor „die politischen Kräfteverhältnisse in der ganzen Welt“ aus detaillierten geographischen Karten. Sein Kredo: „Die Karten zum Sprechen bringen.“ Und das beherrscht er wie kein anderer.
„Karten sind ein Werkzeug: Sie helfen verstehen und Entscheidungen zu treffen.“
MOCI
Sie haben an der Fakultät für Orientalistik Chinesisch studiert und in Anthropologie promoviert. Können Sie uns schildern, wie Sie zur Geopolitik gekommen sind und 1990 schließlich zur Gründung Ihres privaten Forschungsinstitut, des Lapec (Laboratoire d’études politiques et cartographiques)?
Jean-Christophe Victor
Nach meiner Universitätsausbildung habe ich im Außenministerium gearbeitet und war Kulturattaché der Französischen Botschaft in Kabul in Afghanistan. Dieser Aufenthalt war entscheidend für meine „geopolitische Berufung“: Ich hatte Gelegenheit, den sowjetisch-afghanischen Konflikt aus nächster Nähe zu beobachten, außerdem war ich im Rahmen meiner Anstellung beim „Centre d’Analyse et de Prévision“ (CAP) des Außenministeriums mit Pakistan, Afghanistan und später mit Polynesien und Australien befasst und bereiste diese Regionen mehrfach. Ich konnte mir also ein Bild über die Kräfteverhältnisse machen, die in diesen Ländern und geographischen Zonen des Erdballs wirksam sind. So entstand die Idee, qualitative geopolitische Analyse zu betreiben und zwar als Unabhängiger. Die Geopolitik ist ein wunderbares Instrument, um die Kräfteverhältnisse und ihre Auswirkungen zu analysieren und zu verstehen. Außerdem dient sie der Entscheidungsfindung. Deshalb habe ich vor ungefähr 15 Jahren zusammen mit anderen Gesellschaftern das „Lapec“ gegründet, dessen Leiter und Hauptaktionär ich bin.
MOCI
Womit genau beschäftigt sich dieses Forschungsinstitut?
Jean-Christophe Victor
Dieses private und gänzlich unabhängig arbeitende Institut betreibt interdisziplinäre angewandte Forschung in Politikwissenschaft, Geographie, Ökonomie, Ökologie und Kartographie. Das aus vier Wissenschaftlern und Autoren bestehende „Lepac“ unterstützt, wie gesagt, die Entscheidungsfindung und erhält Aufträge u.a. von öffentlichen Einrichtungen (z.B. zu Fragen der Raumordnung), aber auch von Unternehmen sowohl aus Frankreich als auch aus anderen Ländern. Zum Beispiel haben wir für Nordrhein-Westphalen gearbeitet. Und gegenwärtig verhandelt mein Institut mit der Großregion Picardie-Nord-Pas de Calais, und dabei geht es um die Vereinheitlichung der grenzüberschreitenden Infrastrukturen zwischen frankreich und dem Nachbarn Belgien. Das „Lepac“ soll Elemente liefern, die dazu dienen, das Problembewußtsein der lokalen Entscheidungsträger zu schärfen, damit sie anhand von Karten auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Größenordnungen argumentieren können. In unserer mehr und mehr vom Zeitdruck geprägten Kultur kommen die Kunden zu uns, weil sie „Langsamkeit“ suchen, das heißt wir liefern ihnen die Zeit, die ihnen zur Erbringung einer Dienstleistung fehlt. Sie schreiben uns ein genaues Pflichtenheft mit verbindlichen Untersuchungsfristen vor und verbinden es mit der Bitte, gemeinsam mit ihnen über ihr Projekt nachzudenken.
MOCI
Besteht zwischen den Aktivitäten des „Lepac“ und Ihrer wöchentlichen Sendung „Mit offenen Karten“, die Sie mittwochs auf ARTE moderieren, ein Zusammenhang?
Jean-Christophe Victor
Nicht unmittelbar. Die Verträge für Gutachten und Lehrgänge auf internationaler Ebene kommen unabhängig von ARTE zustande. Das gilt auch für die zahlreichen Aufträge, die ein anderer Forscher und ich im Ausland ausführen. Aber wenn der eine aus Angola zurückkommt und der andere aus dem Kosowo, dann ergibt sich letztendlich natürlich eine Synergie. Denn die Besonderheit des „Lepac“ besteht darin, dass wir Lehrgänge anbieten, und dieses pädagogische Feld steht in unmittelbarer Beziehung zu der Sendung „Mit offenen Karten“. Die Sendung ist ein mediales Fenster, das mir erlaubt, meinen Unterricht vor einem Riesenhörsaal voller Zuschauer zu halten. Das Fernsehen wird so zu einem Werkzeug. Diese große Verbreitung stellt ein Mittel dar, die politischen Kräfteverhältnisse und die damit einhergehenden ökonomischen Belange anhand von Karten darlegen zu können. Die Karten sind sehr viel mehr als nur eine Illustration. Sie tragen zum Verständnis bei und unterstützen die Entscheidungsfindung. Das Wechselspiel von mündlicher Erklärung und kartographischer Darstellung bringt die Karten zum Sprechen.
Die Wahl eines Landes oder eines Themas für die Sendung gründet auf der Einsicht in die politischen Kräfteverhältnisse, die sich übrigens nicht unbedingt in kriegerischen Konflikten äußern. Die Umweltproblematik zum Beispiel hat keinen militärischen Aspekt, aber die Verhandlungen über Umweltschutz finden oft unter Hochspannung statt. Die treibende Kraft in Konflikten sind nicht unbedingt territoriale Ansprüche.
Um welchen Gesellschaftstyp, welches Klima und welche Technologie es sich auch handeln mag, die Menschen haben sich stets aus vier Gründen bekriegt: Identität, Macht, Reichtum und Land. Beim Balkankonflikt beispielsweise stand für die einen die Identität auf dem Spiel und für die anderen Gebietsansprüche; beim irakisch-kuweitischen Konflikt ging es um Erdölvorkommen und bei dem letzten Bürgerkrieg in Algerien um die Macht. Im Allgemeinen geht es vor allem um die Macht. Diese politische Geographie erkläre ich auch in meiner Eigenschaft als Lepac-Forscher, wenn ich im Ausland eingeladen bin. Zum Außenministerium unterhalte ich nach wie vor gute Beziehungen, was mir erlaubt, Vorträge in Madrid oder Mexiko, im Kosovo, in Mazedonien, Mauretanien oder, wie kürzlich, im Libanon zu halten. Außerdem veranstalten wir Fortbildungen in Unternehmen. Was die Sendung „Mit offenen Karten“ betrifft, sie wird oft, via Unterrichtsministerium, in der Sekundarstufe 2 und in der Universität verwendet.
MOCI
Wie steht es mit Ihren Verhandlungen mit ARTE für eine Sendung zum 15-jährigen Bestehen des Programms?
Jean-Christophe Victor
Unsere Zusammenarbeit ist zugleich einfach und hochkomplex. „Mit offenen Karten“ ist eine der ältesten Sendungen von ARTE. Ihr liegt ein kommerzieller Rahmenvertrag zwischen ARTE und dem „Lepac“ zugrunde. ARTE hat mir immer vollkommene (Gedanken-)Freiheit gewährt. Für mich ist das eine Frage der politischen Verantwortung. Das bedeutet auch eine enorme pädagogische Anstrengung seitens des deutsch-französischen Senders. Für diese Sendung arbeite ich mit zwei Ko-autoren zusammen, mit Virginie Raisson und Frank Tétart, die Lepac-Mitarbeiter sind. Zweimal im Jahr geben das „Lepac“ und ARTE eine DVD mit etwa 15 Sendungen heraus. Außerdem haben wir für den Atlas „Mit offenen Karten“ zusammenbearbeitet, der anlässlich des 15-jährigen Bestehens der Sendung erscheint.
MOCI.
Lässt sich alles mit Karten erklären?
Jean - Christophe Victor
Nein. Sie sind immer nur ein Hilfsmittel, und auch als solches reichen sie nicht immer aus. Wir haben gerade eine Sendung über eine vergleichende Geschichte des Terrorismus, die sich über 3000 Jahre erstreckt, fertiggeschrieben. Nehmen Sie das Al Quaida-Netz, das sich über den ganzen Erdball erstreckt, ohne wirklich ein eigenes Territorium zu haben, wenn man mal von Afghanistan und Pakistan absieht, die die Heimstatt bildeten. In diesem Fall sind die Karten wenig lehrreich. Ein anderes Beispiel: Der Aufbau Europas und die Mitgliedschaft der Türkei. Die Gründungsverträge der Europäischen Union enthalten weder einen territorialen noch eine anthropologischen Bezug. Europa gründet allein auf einem zunächst wirtschaftlichen und dann politischen Projekt; der Aufbau Europas beruht auf der Erfindung eines geopolitischen Modells, bei dem der Staat ein Mittel und kein Zweck an sich ist.
Was die Türkei-Frage betrifft, muss sich die Debatte von den territorialen Überlegungen lösen. Genau genommen bescheinigt die Befragung der Karten der Türkei gerade 12 % territoriale Europazugehörigkeit. Aber das Osmanische Reich war im geschichtlichen Vergleich sehr europäisch (…)
MOCI
Berücksichtigen Sie in Ihren Sendungen und Ihren pädagogischen Aufträgen auch die geopolitischen Auswirkungen von Naturkatastrophen?
Jean-Christophe Victor
In zwei Folgen von „Mit offenen Karten“ haben wir uns bereits mit Umweltfragen beschäftigt und dafür einen Gletscherforscher aus Grenoble herangezogen. Andere Folgen waren der Pangäa, dem einheitlichen Urkontinent gewidmet, der in der Kontinentalverschiebungstheorie eine bedeutende Rolle spielt. Das sind natürlich wichtige Probleme mit weitreichenden Folgen für die Wirtschaft und die Menschen. Eine Sendung habe ich Japan und dem Erdbeben von Kobe gewidmet. Anstatt von Naturrisiken zu sprechen, ziehe ich die Bezeichnung Humanrisiken vor, denn die Menschen haben ja beschlossen, sich um des Tourismus oder der Fischerei willen an diesen geologisch instabilen Orten niederzulassen. Beispiel: Die Schmelze der Arktis wird vorraussichtlich 2015 die Nord-West-Passage und damit eine neue Meerenge vor Kanada öffnen. Das ist eine Revolution, die die Bedeutung des Suez- und des Panamakanals beträchtlich mindern wird.
MOCI.
Interessieen Sie sich für Umweltfragen? Wie hat Ihr Vater Paul-Émile Victor* Sie beeinflusst?
Jean-Christophe Victor.
Sehr stark.Umweltfragen liegen mir am Herzen. Die weltweite Verschmutzung und Zerstörung unseres Ökosystems in Folge der menschlichen Tätigkeit ist erwiesen! Und dennoch gibt es keine Möglichkeit, den materiellen Fortschritt zu stoppen, der die Beeinträchtigung des natürlichen Gleichgewichts immer mehr beschleunigt. Dazu bedarf es pädagogischer Maßnahmen. Diese ökologische Ader habe ich von meinem Vater. Aber auch die politische und die pädagogische Ader habe ich von ihm, denn er war ein phantastischer Erzähler! Ich habe ihn zwar nur zwei Mal bei einer Nord- und einer Südpolexpedition begleitet, aber mir kommt es vor, als wäre ich mit den Inuit aufgewachsen. Vor allem hat er mir seine Weltoffenheit und sein Verhältnis zu den anderen Menschen vermittelt, das die Vielfalt als Reichtum versteht und auf gar keinen Fall als Bedrohung! Der Rückzug auf sich selbst, die ethnische Selbstgenügsamkeit, das ist nicht nur eine Unmöglichkeit, sondern vor allem eine Gefahr! Wir, seine Kinder, wollten ihn und sein Werk würdigen, indem wir 2005 zu seinem 10. Todestag im Verlag Transboréal eine erste Kassette mit drei Bänden autobiographischer Schriften veröffentlicht haben. Eine zweite Kassette mit drei Bänden, die ethnographische Schriften vesammeln, wird 2007 zu seinem 100. Geburtstag folgen.
Das Gespräch führte Bruno Mouly.
*Paul-Émile Victor (Genf 1907 – Bora Bora 1995), Arktisforscher – A.d.Ü.
Erstellt: 16-08-05
Letzte Änderung: 15-09-05