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Hamburger Lektionen

Romuald Karmakar rekonstruiert mit vollständigem Wortlaut zwei Lektionen des islamistischen "Hasspredigers" Imam Mohammed Fazazi, die dieser im Januar 2000 in der Hamburger Al Quds-Moschee hielt. Diese Moschee besuchten auch drei der Selbstmordpiloten des 11. September 2001.

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Hamburger Lektionen - 29/09/08

Die Logik des Grauens

Der Filmemacher Romuald Karmakar zeigt Predigten des Imams Fazazi, den auch drei der Attentäter vom September 2001 kannten. Karmakar fügt nichts hinzu, der Text selbst ist zum Fürchten.

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Ein Mann liest, schwarz gekleidet, von einem Blatt ab. Der Raum, der ihn umgibt, hat etwas von einer Bühne. Der Lesende ist der Schauspieler Manfred Zapatka. Aber dies ist kein Theater, der Text keine Fiktion. Es ist eine Versuchs- anordnung, in der alles um den Text herum gruppiert ist. Nichts soll von ihm ablenken.

Predigen für die Weltherrschaft des Islams
In Romuald Karmakars Dokumentarfilm „Hamburger Lektionen“ sehen wir gut zwei Stunden lang Zapatka zu, wie er zwei Lektionen des militant-islamistischen Imams Mohammed Fazazi vorträgt. Beide Texte hatte Fazazi 2000 in der Al-Quds-Moschee, einer Hinterhof-Moschee in Hamburg, vorgetragen, unterbrochen von Fragen des Publikums. Verhandelt wird ein breites Spektrum – von theologi- schen Erwägungen, etwa wann genau der Ramadan beginnt, bis zu detaillierten Betrachtungen, etwa ob es Ausnahmesituationen gibt, in denen eine Muslima alleine reisen darf.

  • Romuald Karmakar
    geb. 1965 in Wiesbaden als Sohn einer Französin und eines Iraners; lebte von 1977-1982 in Athen; 1984 Abitur in München; seinen ersten Film dreht er 1985 auf Super-8; lebt heute in Berlin und arbeitet dort als Regisseur und Produzent.
  • Filmografie (Auswahl):
    Hamburger Lektionen (2006), 3sat-Filmpreis; Die Nacht singt ihre Lieder (2003); Das Himmler-Projekt (2000); Manila (1999) Der Totmacher (1995); Warheads (1989-92); Eine Freundschaft in Deutschland (1985)

Fazazi bekennt sich zum Salafismus, einer puristischen Bewegung im Islam, die einen fiktiven „Ur-Islam“ für sich reklamiert. Innerhalb dieser fundamentalisti- schen Richtung zählt er zu der Minderheit, die auf Gewalt setzt. Besonders interessant an seinen Lektionen ist, wie Fazazi seine äußerst konservative, wortgläubige theologische Koranexegese mit geistiger Brandstiftung verwebt. So diskutiert er lange die Frage, ob es erlaubt sei, Pässe zu fälschen oder Ungläubige zu bestehlen. Seine Conclusio ist – nach langwierigen Abwägungen – stets, dass gegen Ungläubige (und damit gegen fast alle, die seiner Koran- interpretation nicht Folge leisten) letztlich alles erlaubt ist. So rechtfertigt Mohammed Fazazi auch Attentate auf Kinder, die den Islam beschmutzt haben, und auf Zivilisten im Westen – die als Wähler in einer Demokratie islamfeindliche Regierungen mit Legitimität ausgestattet hätten.

Mohammed Fazazi buchstabiert damit einen totalitären Diskurs. Nach innen, an den einzelnen Gläubigen gerichtet, enthält der Koran Vorschriften, wie man zu leben hat. Nach außen ist er eine Kriegserklärung, wobei dieser Krieg ausschließlich nach eigenen, aus dem Koran abgeleiteten Kriterien geführt werden soll. Fazazis Utopie ist, so der Regisseur Karmakar, „die Errichtung eines globalen Kalifats, also die Weltherrschaft des Islams in der rigiden, salafistischen Deutung, die er vertritt.“ Damit transformiert er das Gefühl, vom Westen dominiert und unterdrückt zu werden, in eine künftige Machtperspektive. Karmakar: „Das ist eine sinnstiftende Idee. Es ist ein Projekt, das größer ist als das Leben der Individuen. Es ist ein wasserdichtes Utopie-Projekt, in dem außerdem definiert wird, wie man alltäglich zu leben hat. Ein All-inclusive-Angebot.“

Fazazi wurde inzwischen in Marokko wegen der Unterstützung von Terror- anschlägen zu langjähriger Haft verurteilt. Sein Hamburger Auftritt, der auf Video als Agitprop-Material verwendet wurde, ist besonders brisant, weil auch drei Attentäter vom 11. September 2001 Besucher der Hamburger Al-Quds-Moschee waren und Fazazi kannten. Vieles an dem Text wird dem deutschen Publikum fremd scheinen – aber er ist ein Dokument aus Deutschland. Zudem klingt seine innere Logik bei genauem Zuhören auch für westliche Ohren durchaus vertraut.

Ästhetische Reduktion auf den Text
Bereits in „Das Himmler-Projekt“ (2000) hat Karmakar so gearbeitet wie hier. Damals trug Manfred Zapatka Heinrich Himmlers berüchtigte Posener Rede vor, einer der wenigen Texte, in denen ein führender Nazi den Mord an den Juden selbst beschrieb. In „Das Himmler-Projekt“ legten Karmarkar und Zapatka die Tiefenschichten dieser Rede frei. So konnte man dort auf Augenhöhe erfahren, wie ein führender Nazi sich 1943 angesichts der drohenden Niederlage Deutschlands die Weltlage zurechtrückte, und dass es bei der SS manchmal auch nicht anders zuging als bei der Hauptversammlung einer Aktiengesell- schaft.

Karmakars entschiedene ästhetische Reduktion auf einen Text und seinen Vorleser öffnet hier wie dort den Blick – oder genauer gesagt: Ohr und Verstand. Die kühle Inszenierung und Zapatkas genaue Intonation der Texte fördern zutage, was sonst von im Vorübergehen erworbenen Meinungen und vorgefassten Urteilen verdeckt ist. So kann man in beiden Filmen in die innere Logik und Vorstellungswelt des Nationalsozialismus und des islamistischen Fundamentalismus eintauchen.
Karmakar meint zu der Wirkung seiner Arbeitsweise: „Alle tun so, als wüssten sie, was eine Hasspredigt ist – aber konkret wissen es eben die wenigsten. Es gibt das Klischeebild des Nazis, der schreit. Ein Nazi muss schreien. Wenn er nicht schreit, ist er kein richtiger Nazi. Es hat gedauert, ehe man begriffen hat, dass es auch freundliche, ruhige Nazis gab, die keineswegs weniger extremis- tisch waren. Ich will zeigen, dass sogenannte Hassprediger auch rational argumentieren.“

Die Rationalität des Fundamentalismus
„Hamburger Lektionen“ ist kein leicht zugänglicher Film. Doch er legt die Rationalität des Fundamentalismus offen. Denn das Irritierende an Fazazis Text ist nicht nur das, was uns bizarr, abstrus und abstoßend erscheint, wie die militante Frauenfeindlichkeit oder die aus Minderwertigkeitsgefühlen geborenen und notdürftig theologisch bemäntelten Rachefantasien gegen den Westen. All das ist, ebenso wie die Doktrin, dass man im Jahr 2007 so zu leben hat wie im 7. Jahrhundert und alle Neuerungen von Übel sind, reaktionärer Irrsinn. Aber einer, der mit beachtlicher innerer Plausibilität entwickelt wird.

So ist, trotz der fremden Anmutung dieser Ideologie, auch der Wiedererken- nungseffekt recht hoch. Denn die Grundstruktur ist bekannt: Ein Autor beruft sich auf einen Urtext, dessen Deutung ihm Autorität verleiht. Ausgerüstet mit dieser Deutungshoheit bestimmt er, was Recht und was Unrecht, wer Freund und wer Feind ist und welche Waffen gegen den Feind legitim sind.

Das rhetorische Skelett des islamistischen Fundamentalismus erinnert in seiner Struktur daran, wie auch in Marxismus- und Priesterseminaren gelehrt wurde. So rückt uns Romuald Karmakar mit den „Hamburger Lektionen“ vor Augen, dass der Islamismus vielleicht weniger das Gegenbild von Abendland, Zivilisation und Aufklärung ist, als dessen rachsüchtiger Verwandter – aller wilden Fortschritts- feindlichkeit zum Trotz ein Phänomen der Moderne.

Stefan Reinecke für das ARTE Magazin.
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Hamburger Lektionen
Dokumentarfilm, Deutschland 2006, ZDF, Erstausstrahlung, 16:9 / 133 Min.
Regie: Romuald Karmakar
Ausstrahlung: Donnerstag, 24. Januar 2008 um 21.00 Uhr
Mit: Manfred Zapatka

Erstellt: 21-01-08
Letzte Änderung: 29-09-08