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Tabus der Geschichte - 26/02/07

Krieg gegen die eigene Bevölkerung

Flucht und Vertreibung 1945


Als die Rote Armee im Januar 1945 Ostpreußen überrollt, fliehen Hunderttausende Richtung Küste, doch die Wehrmacht behindert die Rettung von Flüchtlingen. Die Trecks werden oft von Wehrmachtkolonnen brutal in die Straßengräben gedrängt. Die Marine stellt für die Zivilbevölkerung zu wenige Schiffe zur Verfügung. Erst zwei Tage vor der Kapitulation am 8.5.1945 räumt Großadmiral Karl Dönitz der Rettung von Flüchtlingen erste Priorität ein. Nach dem 2. Weltkrieg beginnt das große Retuschieren, Militärs rechnen Zahlen von geretteten Flüchtlingen hoch und es entsteht sogar der Mythos von der Rettung über die Ostsee durch die Marine.


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Interview mit dem Historiker Heinrich Schwendemann zu Flucht und Vertreibung und wie daran nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert wurde.

Hunderttausende von Menschen hätten bei der Flucht gerettet werden können, wenn die Heeresleitung und Marine sich dafür eingesetzt hätten. Stattdessen wurde die Zivilbevölkerung durch die eigenen Truppen oft genug an der Flucht gehindert. Warum dieser Irrsinn?
Nach 1945 haben die Militärs behauptet, sie hätten im Osten den Krieg weitergeführt, um die Bevölkerung zu retten. Aber genau das traf nicht zu: Hitlers Befehl lautete, s die Front zu halten ohne Rücksicht auf Verluste bei Zivilbevölkerung und Soldaten. Seine Politik und Kriegsführung im Frühjahr 1945 lief darauf hinaus, den Sieg doch noch zu erzwingen oder unterzugehen, und die militärische Führung hat das konsequent durchgesetzt.

Nach 1945 haben zwar die Generäle behauptet, die Gauleiter seien schuld gewesen: sie hätten die Gauleiter regelrecht bekniet, Evakuierungsbefehle zu geben, aber ohne Erfolg. Das stimmt aber nicht : Als die Kämpfe ab Januar 1945 an der Front losgingen, hatten die Gauleiter nichts mehr zu sagen. Maßgebendend war die Wehrmachtsführung. Hätten die Generäle – wie sie nach 1945 behaupteten haben - die Front im Osten halten wollen, um die Bevölkerung zu evakuieren, hätte ihre Kriegsführung ganz anders aussehen müssen, hätten entsprechende Vorkehrungen getroffen werden müssen. Stattdessen gab es zahlreiche Befehle, die Trecks von den Straßen zu drängen, um sie für die Wehrmacht freizumachen. Bilder von im Straßengraben liegenden Trecks assoziieren wir gerne mit der Roten Armee, aber nicht wenige Male waren die eigenen Truppen schuld daran.

Natürlich klang das ganz anders in der Propaganda des Regimes. Während sich im Westen die Verbände beim Vormarsch der westalliierten Truppen überrollen ließen oder sich zurückzogen, haben im Osten viele Einheiten im Sinne der Führung bis zum letzten Mann gekämpft. Zum einen aus Angst, in russische Gefangenschaft zu geraten. Viele wussten, dass die Wehrmacht in den Jahren vorher im Osten einen Vernichtungskrieg geführt hatte. Zum anderen glaubten viele Soldaten aber auch der Propaganda und meinten, die Front halten zu müssen, um die Zivilbevölkerung zu schützen.

Die Kriegsmarine hatte überhaupt keine Vorbereitungen getroffen für Evakuierungsmaßnahmen über die Ostsee. Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz hatte Hitler Ende Januar 1945 versprochen, die Marine werde alles tun, um die in Ostpreußen, Lettland und Kurland eingeschlossenen Verbände mit Munition, Waffen, Sprit usw. zu versorgen. Und das war nur noch über die Ostsee möglich.

Die Versorgung der Truppen in Ostpreußen und in Kurland hat dann große Schiffskapazitäten in Anspruch genommen. Auf dem Rückweg nahmen diese Schiffe Waffen und Fahrzeuge mit, die man in den Kesseln nicht mehr brauchen konnte. Flüchtlinge kamen nur mit, wenn noch Platz war. Mit dem Ergebnis, dass sich in den Hafenstädten an der Ostsee, Danzig, Gdingen, Pillau Hunderttausende Menschen gestaut haben und nicht wegkamen. Weil im Danziger Raum diese großen Flüchtlingsstaus waren, hat man die Leute wieder per Trecks Richtung Pommern geschickt, obwohl man wusste dass eine Offensive der Roten Armee bevorstand. Da wurden 2 - 3 Millionen Menschen überrollt worden und erlebten Schreckliches.
Die Priorität lag eindeutig nicht auf dem Abtransport der Flüchtlingen!

Und wie viele Menschen fielen dieser Politik zum Opfer?
Bei dieser ungeordneten Flucht sind sicherlich mehrere 100 000 Menschen ums Leben gekommen. Die Wehrmacht hat die Eisenbahnenkapazitäten für sich beschlagnahmt, es gab einfach zu wenig Züge für die Flüchtlinge. Der Mehrzahl blieb nichts anderes übrig, als mit den Pferdetrecks zu fliehen, und da kamen viele nicht durch. Es gibt Bilder von alten Frauen, die sich mit ihren Enkeln und Handwagen auf die Flucht machen. Abertausende erfroren, denn es waren Witterungsbedingungen bis zu minus 20 Grad im Januar 1945 im Osten.

Nach dem Krieg begann also das große Vertuschen. Wie war es möglich, diese Verbrechen der Wehrmacht an den Flüchtlingen zu kaschieren und den Mythos der Rettung über die Ostsee zu stricken, obwohl es viele Zeitzeugen gab und auch die Vertriebenenverbände ein mächtiges Sprachrohr waren?
Vielen der Flüchtenden war es klar, dass zur Front rückende Wehrmachtseinheiten sie in die Straßengräben drängten. Aber man interpretierte es in der Erinnerung als Sachzwang für die vermeintliche Rettung der Zivilbevölkerung. Von den Vertriebenenverbänden wurde dieses Thema nie angesprochen. Wenn, dann wurde die Schuld der Partei zugeschoben, dem ostpreußischen Gauleiter Koch zum Beispiel. Und natürlich der Roten Armee: die Ausschreitungen der Roten Armee waren wirklich grauenhaft. Das Schlimmste daran ist, dass das von Goebbels propagierte Feindbild tatsächlich Realität geworden ist.

Wie lange blieben diese Verbrechen an den Flüchtlingen ein Tabu? In den 50er und auch noch in den 60er Jahren sahen sich die Deutschen als erste Opfer Hitlers. Aber daran wurde wohl doch nicht erinnert.
Eigentlich ist dieser Mythos der Rettung über die Ostsee erst jetzt mit meinen Nachforschungen in Frage gestellt worden. Dafür bekomme ich laufend Drohbriefe von Dönitzverehrern.

Aber wenn man das Kriegstagebuch der Seekriegsleitung genau anschaut, stellt man fest, dass dem Abtransport der Flüchtlinge über die Ostsee in keinster Weise die erste Priorität eingeräumt wurde, wie Dönitz das nach dem Krieg von sich so gerne behauptete. De facto räumte er der Rettung der Menschen erstmals am 6.5.1945 – also 2 Tage vor der Kapitulation – höchsten Vorrang ein und schickte Schiffe nach Hela und Kurland.

Nach dem Krieg wurde immer behauptet, dass zwischen 2 und 2,5 Millionen insgesamt hätten abtransportiert werden können, aber diese Zahlen sind gefälscht. Wirklich waren es 800 000 – 900 000 Flüchtlinge und 350 000 Verwundete. Letzteres zeigt die Brutalität dieser Kämpfe in den Kesseln an der Ostsee und dann später auch im Kessel von Danzig.

Warum hat es solange gedauert bis man diese Verbrechen der Truppen an der eigenen Bevölkerung gesehen hat?
Das hängt wahrscheinlich auch mit dem Mythos von der sauberen Kriegsführung der Wehrmacht im Osten zusammen, alle Verbrechen wurden ja der SS zugeschoben. Es dauerte lange genug bis diese Legende aufgebrochen werden konnte.

Heinrich Schwendemann lehrt an der Universität Freiburg. Zur Zeit arbeitet er an seiner Habilitation mit dem Thema „Zusammenbruch im Osten“

Das Interview führte Angelika Schindler für ARTE, April 2005.

Erstellt: 06-05-05
Letzte Änderung: 26-02-07