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30/06/09

Wie Stalin die Erinnerung auslöschte

D wie „Damnatio memoriae“. Von Tarek Chafik





Am 5. Mai 1920 hält Lenin auf dem Swerdlow-Platz in Moskau eine Rede vor Einheiten der Roten Armee. Ein unbekannter Fotograf machte diese Aufnahme, auf der Trotzki und Kamenew auf der Treppe stehen, die zu dem Podest hinaufführt.









In späteren Versionen erscheint das Bild des unbekannten Fotografen nur noch als Fälschung. Trotzki und Kamenew sind durch fünf Holzstufen ersetzt.







Bereits in der Antike manifestierte sich politische Macht in Bildern. Münzen trugen das Porträt des Herrschers, Statuen dienten der Verherrlichung des Kaisers. Andererseits war schon im Römischen Reich die Zerstörung von Machtsignien Ausdruck einer feindseligen Haltung gegenüber der bestehenden politischen Ordnung. So begann eine Revolte oftmals mit der Niederreißung der Imagines principis, der kaiserlichen Bilder, wie Tacitus überliefert. Darüber hinaus gab es im römischen Rechtssystem einen Rechtsakt, der es dem Senat überließ, eine Herrscherfigur posthum zu „divinisieren“ oder aus dem kollektiven Gedächtnis zu streichen. Der juristische Fachbegriff für letzteres ist die Memoria damnata – die ausgelöschte Erinnerung an einen der Tyrannis bezichtigten Kaiser, von dem kein Zeugnis der Nachwelt erhalten bleiben soll.

Die Forschung zur römischen Geschichte legt nicht eindeutig fest, inwieweit auch lebende Personen mit einem solchen Bann belegt werden konnten. Die meisten Altertumswissenschaftler vertreten die Ansicht, nur der Name von Toten sei auf diese Weise getilgt worden. Einzelne Stimmen schließen jedoch nicht aus, dass eine Memoria damnata auch zu Lebzeiten über Verbannte verhängt werden konnte. Festzuhalten bleibt, dass der Begriff „Damnatio memoriae“ erst in der Neuzeit geprägt wurde. Ebenso sicher ist, dass eine „Auslöschung der Erinnerung“ an das politische Wirken andersdenkender oder inzwischen missliebiger Personen eine gängige Herrschaftspraxis in den totalitären Systemen unseres Jahrhunderts gewesen ist. So soll mit der Entstalinisierung nach dem Tod Stalins dessen Andenken ausgelöscht werden. Eines der bekanntesten Beispiele für eine „Damnatio memoriae“ bereits zu Lebzeiten ist das Schicksal Trotzkis.

Leo Dawidowitsch Bronstein – genannt Trotzki – verschwindet aus sämtlichen Bildern. Vor allem die Geschichte einer Fotografie verdeutlicht dies: Auf dem Swerdlow- Platz vor dem Bolschoi- Theater in Moskau versammeln sich am 5. Mai 1920 Einheiten der Roten Armee. In der Mitte des Platzes steht ein Holzpodium, auf dem Wladimir Iljitsch Lenin eine Rede hält, bevor die Truppen gegen die Verbände des polnischen Marschalls Jozef Klemens Pilsudski ins Feld ziehen. Das revolutionäre Russland befindet sich im Krieg, Pilsudskis Streitkräfte sind kurz zuvor in der Ukraine eingefallen. G.P. Goldstein fotografiert die Versammlung. Die Aufnahme zeigt Trotzki und Leo Borissowitsch Kamenew auf der Treppe zum Podium, während Lenin in der ihm typischen Rednerpose die bunt zusammengewürfelten Verbände mit seiner Ansprache zu mobilisieren versucht. Das Bild wird in den folgenden Jahren in der Sowjetunion zu einer wahren Ikone und findet als Fotoabzug und Postkarte weite Verbreitung.

Ein unbekannter Fotograf macht nur wenige Sekunden nach dem Goldstein- Bild eine nahezu identische Aufnahme. Sie zeigt Trotzki und Kamenew im Profil. Auch dieses Motiv wird in hohen Auflagen gedruckt und verbreitet. Die Originalversion erscheint das letzte Mal 1927 aus Anlass des zehnten Jahrestages der russischen Revolution, indem es als Vorlage für eine avantgardistische Postkarte dient. Später wird nur noch die Fälschung veröffentlicht. Ein Retuscheur sorgt dafür, dass fünf Holzstufen Trotzki und Kamenew ersetzen. In der Geschichte der Fotografie wird dieser Eingriff nicht nur wegen seiner für damalige Verhältnisse gelungenen Durchführung berühmt, sondern auch, weil die Entfernung Trotzkis aus dem Bild das spätere Schicksal des einstigen Weggefährten Lenins vorwegnimmt. Bereits im November 1927 schließt ihn die Führung der Kommunistischen Partei aus dem ZK aus. 1929 aus der UdSSR wegen angeblicher „konterrevolutionärer Betätigung“ ausgewiesen, führt er den Rest seines Lebens ein Emigrantendasein, bis ihn Stalin am 20. August 1940 in Mexiko durch einen Agenten ermorden lässt.

Für Stalins Herrschaftssicherung ist es essentiell, auch die Erinnerung an die politische Bedeutung Trotzkis zu tilgen. Trotzkis politische Zielsetzung, seine Theorie einer „permanenten Revolution“, die von Russland aus auf andere Länder übergreifen soll, widerspricht den Absichten des Georgiers. Stalin hingegen formuliert sein Programm als den „Aufbau des Sozialismus in einem Land“, das später in den Exzessen der Zwangskollektivierung der bäuerlichen Privatwirtschaft mündet. In den zwanziger Jahren gelingt es Stalin, als Generalsekretär der Kommunistischen Partei seine Machtbasis systematisch zu vergrößern und seinen Widersacher ins politische Abseits zu manövrieren. Trotzki bleibt jedoch im kollektiven Gedächtnis eine der Schlüsselfiguren der Oktoberrevolution. Er hat den Aufbau der Roten Armee organisiert und damit entscheidend zum Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg beigetragen. Zahlreiche Aufnahmen belegen die zentrale Rolle Trotzkis nach dem Sturz der Zarendynastie wie auch seine enge Verbundenheit zu Lenin. Beide Fotografien vom 5. Mai 1920 überhöhen das gemeinsame Vorgehen der alten bolschewistischen Garde zum revolutionären Mythos. Hier liegt der Grund für die Fälschung des Motivs: Die Aufnahme zu vernichten hätte bedeutet, auf eines der wirkungsvollsten Bilddokumente für die ersten Jahre nach der Oktoberrevolution zu verzichten. Stalin will jedoch nicht nur die Erinnerung an diese Phase wach halten, vielmehr will er Teil dieser Erinnerung werden – eine Rolle, die über seine eigentliche historische Bedeutung weit hinausgeht und die er nur besetzen kann, wenn in den Köpfen der Sowjetbürger die politisch- historische Existenz Trotzkis ausgelöscht ist.

von Tarek Chafik

Die Rechte an den Fotos liegen beim Staatlichen Historischen Museum Moskau


Text aus:
Bilder, die lügen
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.)
Bouvier Verlag, Bonn 1998
ISBN 3-416-09202-X, S. 22/23

Mehr über die Geschichte dieses und anderer historischer Fotos können Sie in der Ausstellung „Bilder, die lügen“ der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erfahren. Die Wanderausstellung fragt nach der Objektivität von Bildern und zeigt Grundmuster der Manipulation von und mit Bildern. Der Besucher taucht ein in ein „Lügen-ABC“. Rund 300 Objekte veranschaulichen die Bandbreite des Themas. Die Ausstellung "Bilder, die lügen" wurde von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland konzipiert und mit finanzieller Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung als Wanderausstellung neu überarbeitet und aktualisiert. Sie ist vom 14. Juli 2005 bis 15. Januar 2006 im Museum Industriekultur in Nürnberg zu sehen.

Erstellt: 31-10-05
Letzte Änderung: 30-06-09