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Genitalverstümmelung

Weltweit leiden 160 Millionen Mädchen und Frauen unter den Folgen grausamer Genitalverstümmelung, jährlich kommen nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation drei Millionen Mädchen hinzu.

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Mauer des Schweigens

Unbeschnittene Frauen sind unrein und hässlich, heißt es, ihr Giftstachel tötet die männlichen Nachkommen, so ein verbreiteter Mythos. Sie sind wilder, gehen nicht als Jungfrau in die Ehe und werden später untreu. In vielen afrikanischen Ländern tritt das Mädchen erst durch das Ritual der Beschneidung in den schützenden Schoß der Gemeinschaft ein, ein Reden über "die Sache" verhindern wirkungsvolle Tabus. Mit Logik und Mitleid ist solchen Argumenten nur schwer zu begegnen..

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Älteste Hinweise auf weibliche Genitalverstümmelung führen um 1900 vor Christus ins Alte Ägypten. Überlieferungen zufolge sollen die Menschen geglaubt haben, dass Mann und Frau doppelgeschlechtliche Wesen seien, solange nicht der zum anderen Geschlecht gehörende Teil entfernt werde – die Vorhaut des Mannes galt als Rest von Schamlippen, die Klitoris als Relikt eines Penis. Der am weitesten gehende Eingriff in den weiblichen Genitalbereich hat sich begrifflich als "pharaonische Beschneidung" erhalten. Im alten Testament wird den Juden in der Tora befohlen, die männlichen Nachkommen kurz nach der Geburt zu beschneiden, die Beschneidung der Mädchen wird aber verboten. Im römischen Imperium war die an Sklavenmädchen praktizierte Beschneidung ein Zeichen für Versklavung und Unterwerfung, die zugenähte "Jungfrau" erzielte deutlich höhere Marktpreise. Aber auch in der jüngeren Zeit Europas und den USA, vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts, war das Entfernen der Klitoris und der inneren Schamlippen in großem Stil üblich – unter anderem als Abhilfe gegen Masturbation, Hysterie oder weibliche Homosexualität.

Buchtipps
  • Karawane der Hoffnung
    Mit dem Islam gegen den Schmerz und das Schweigen
    Rüdiger Nehberg, Annette Weber
    Neuerscheinung
    ISBN13 978-3-89029-322-6
    ISBN10 3-89029-322-0
    Seit sechs Jahren kämpfen Annette Weber und Rüdiger Nehberg mit ihrer Pro-Islamischen Allianz gegen die Barbarei der Frauenbeschneidung. Jetzt kommt die beeindruckende Bilanz. Sie gipfelt in der Konferenz mit fünfzehn ranghöchsten muslimischen Gelehrten.
  • Schmerzenskinder
    von Waris Dirie, Corinna Milborn
    Ullstein Tb 2006
    ISBN-10: 3548368867
    Entgegen anders lautender Behauptungen nimmt weibliche Genitalverstümmelung weltweit stetig zu. Allein 500.000 betroffene Mädchen und Frauen leben in Europa! Wer sind diese Frauen?
  • Wüstenblume
    von Waris Dirie, Cathleen Miller, Bernhard Jendricke
    Ullstein Tb 2003
    ISBN-13: 978-3548365916
    Waris Dirie wurde im Alter von fünf Jahren Opfer des grausamen Rituals der Beschneidung. In "Wüstenblume" bricht sie erstmals ihr jahrelanges Schweigen.
Heute wird weibliche Genitalbeschneidung vor allem in 28 islamisch geprägten afrikanischen Ländern praktiziert, obwohl der Koran sie nicht als religiöse Pflicht festschreibt. In der Regel wird die Praxis unter Berufung auf verschiedene dem Propheten Mohammed zugesprochene "Hadithe" legitimiert. Einzig die unter anderem in Somalia geltende schafiitische Rechtsschule stuft sie als verpflichtend ein. Diese Tatsache brachte Rüdiger Nehberg auf die Idee, über die Religion etwas bewegen zu können. Mit seiner Menschenrechtsorganisation TARGET e.V. gelang es ihm, die geistlichen Führer Mauretaniens und die des Afar-Volkes in Djibuti davon zu  überzeugen, die weibliche Genitalverstümmelung als unvereinbar mit dem Islam zu erklären. Im November 2006 lud "Target" hohe Rechtsgelehrte und Religionsführer aus 20 islamischen Ländern in die Azhar-Universität nach Kairo ein. Unter der Schirmherrschaft des ägyptischen Großmufti Ali Goma'a wurde eine "Fatwa" verabschiedet, in dem die weibliche Genitalverstümmelung als "strafbare Aggression" gegenüber den Frauen zu sehen und die Gesetzgeber islamischer Länder zu entsprechenden Gesetzen aufgefordert werden.

Ob und wann sich diese Fatwas wirklich und auch in ländlichen Gebieten durchsetzen, ist jedoch zweifelhaft, denn die traditionellen Strukturen sind hartnäckig. In vielen Ländern hängt die Praxis der Beschneidung primär nicht mit der Religionsausübung zusammen. Neben schlechten ökonomischen Bedingungen ermöglichen tief verwurzelte gesellschaftliche Vorraussetzungen wie Geschlechterrollen, Denk- und Sozialstrukturen die Beibehaltung dieser Tradition, für die sich nicht selten sogar die Frauen selbst einsetzen. Sie verstehen sich in erster Linie als beschnittene Frauen, die Durchführung der Beschneidung ist für sie ein Bekenntnis zur Tradition und zu ihrer kulturellen Identität. Ihrem Kind das schmerzhafte Ritual zu ersparen, bedeutet in vielen Kulturen, es um seine Zukunft zu betrügen. Denn eine nicht beschnittene Frau wird dort schnell zur Außenseiterin abgestempelt. Es geht nicht nur darum, Jungfräulichkeit bis zur Ehe zu bewahren, auch ästhetische Überzeugungen spielen eine Rolle. Eine beschnittene Frau gilt als schöner, "sauberer". Afrikanische Gegnerinnen müssen sich nicht selten dem Vorwurf stellen, verwestlicht zu sein, werden als Verräter gebrandmarkt.

Dort, wo es um derart tiefverwurzelte Traditionen geht, müssen westliche Hilfsangebote sensibel vorgehen – denn sie können leicht ins Gegenteil umschlagen, wenn gutgemeintes Engagement als postkoloniales Einmischen interpretiert wird und Fundamentalisten  Beschneidung wieder zu einer urislamischen Tradition stilisieren. Bereits der von der WHO zu Recht geprägte Begriff der "Genitalverstümmelung" wird von vielen betroffenen Frauen als abwertend und verletzend empfunden. Sie erleben den ‘westlichen Blick’ nicht nur als Hilfe, sondern auch als aggressiven exotischen Voyeurismus, wehren sich gegen den Vorwurf der Barbarei und hartnäckige Klischees.
 
Auch wenn es für Europäerinnen unmöglich ist, Verständnis für diese grausame Folter aufzubringen - wenn Hilfe erfolgreich sein soll, muss der Dialog auf Augenhöhe erfolgen. Die meisten afrikanischen GegnerInnen und zahlreiche europäische Menschenrechtsorganisationen plädieren daher für lokale Ansätze, die auf der genauen Kenntnis soziokultureller Rahmenbedingungen basieren und dadurch langfristig wirksam sein können. Bereits seit 1940 haben im Sudan und in Ägypten Frauen aus dem Gesundheitswesen die Tradition der Infibulation als unnötig und gesundheitsgefährdend angeprangert, viele afrikanische Regierungen erließen daraufhin Anti-Beschneidungsgesetze. Dort, wo die Genitalverstümmelung Teil eines Initiationsrituals war, konnten vereinzelt erfolgreich Ersatzrituale eingeführt werden. Einige Ethnologen fordern, abgeschwächte Exzisionen in Krankenhäusern anzubieten oder den Beschneiderinnen weniger grausame Formen zu zeigen und ihnen steriles Material zur Verfügung zu stellen - Ansinnen, die etwa die WHO strikt zurückweist.
 
Auch wenn es mittlerweile zahlreiche Gesetze und großangelegte Medienkampagnen gegen die weibliche Verstümmelung gibt - auf sehr lange Sicht bleibt das wichtigste Instrument im Kampf gegen "die Sache" die Aufklärungsarbeit. Nach wie vor sind  Unwissenheit und unreflektierte Übernahme der wichtigste Grund für die Hartnäckigkeit dieser gefährlichen Tradition. Ihre Einbindung in Initiationsrituale und Geheimbünde und das starke und vielerorts ungebrochene Tabu verhindert sogar unter Frauen einen offenen Austausch. Die Mauer des Schweigens brechen – darauf setzt daher auch die Frauenrechtsorganisation "Terre des femmes". Sie bildet in verschiedenen afrikanischen Ländern Fraun und ehemalige Beschneiderinnen zu Gesundheitsberaterinnen aus, die über die gesundheitlichen Folgen informieren und in kleinsten Dorfverbänden stetigere Fortschritte erzielen als unbeachtete Gesetze.
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FGM - Die Verstümmelung der Töchter 
6.02.2007, ab 20.40 Uhr
Themenabend

Erstellt: 31-01-07
Letzte Änderung: 16-09-08


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