Das FORUM der Europäer - 30.10.04
Das Kioto-Protokoll
Analyse
Das Thema der Sendung:
Europa steht mit seinen im Rahmen des Klimaprotokolls von Kyoto (1997) eingegangenen Verpflichtungen praktisch allein da. Ist das Kyoto-Protokoll der richtige Weg? Oder ist Europa ein Opfer seines guten Gewissens bzw. einer falschen Strategie bei der Verfolgung wohlgemeinter Absichten?
Nach der Entscheidung Russlands, dem Kyoto-Protokoll ebenfalls beizutreten, ist nun das „Quorum“ für die Umsetzung der darin festgelegten Maßnahmen erreicht. In einem Gespräch mit einem Gast, dessen Meinung sehr umstrittenen ist, will das Forum der Europäer diesen Fragestellungen am Beispiel Europa nachgehen.
DAS PROTOKOLL VON KYOTO
Nach dem „Erdgipfel“ für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro bestand die einhellige Auffassung, dass die eingeleiteten Bemühungen fortgesetzt werden müssten. Es dauerte jedoch mehr als fünf Jahre, bis sich dieses Vorhaben mit dem Gipfel von Kyoto 1997 konkretisierte. Dort trafen sich 160 Länder, um ein gemeinsames Vorgehen angesichts des drohenden Klimawandels zu vereinbaren.
Die Teilnehmerstaaten kamen in Kyoto überein, die Emissionen des Treibhausgases CO2 im Zeitraum zwischen 2008 und 2012 um 5,2 % gegenüber dem Stand von 1990 zu reduzieren. Für die Europäische Union entsprach dies einer Senkung um 8%, für die USA –7% und für Japan –6%. Länder wie Russland oder Australien, in denen dieses Problem weniger groß ist, verpflichteten sich, den weiteren Anstieg ihrer Emissionsmengen zu begrenzen. China, obgleich weltweit zweitgrößter Luftverschmutzer, wurde – ebenso wie auch allen damals als Entwicklungsländern geltenden Nationen – eine Ausnahmeregelung zugestanden.
Damit das Protokoll in Kraft treten kann, bedarf es der Ratifizierung durch mindestens 55 Länder unter der Voraussetzung, dass diese 55% des gesamten Emissionsaufkommens der Industrieländer im Jahre 1990 repräsentieren.
Das Abkommen lässt jedoch eine gewisse Flexibilität bei den zur Erreichung der Ziele eingesetzten Maßnahmen zu, insbesondere in Form von Sonderregelungen, wie z.B. Emissionsguthaben als Ausgleich für die Finanzierung von emissionsreduzierenden Maßnahmen in Entwicklungsländern oder den Handel mit Emissionsrechten.
Bis zur Ankündigung Russlands, das Protokoll in Kürze ebenfalls ratifizieren zu wollen, umfasste der Unterzeichnerkreis 120 Länder. Diese repräsentieren 44,2% der CO2-Emissionen des Jahres 1990.
DAS IPCC
Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) wurde 1988 von der Meteorologischen Weltorganisation WMO (World Meteorological Organisation) und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP (United Nations Environmental Program) gegründet und besteht aus drei wissenschaftlichen Arbeitsgruppen, die sich mit verschiedenen Themenbereichen befassen. Ein zentrales Sekretariat in Genf koordiniert die Tätigkeit der Arbeitsgruppen.
Working Group I fasst das vorliegende Wissen über unser Klimasystem und den Klimawandel zusammen; Working Group II befasst sich mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels, und Working Group III ist zuständig für die Entwicklung von Maßnahmen zur Emmissionsreduzierung und Anpassung an die veränderten klimatischen Bedingungen. In jeder dieser Arbeitsgruppen sitzen Experten für den jeweiligen Fragenkomplex, die von einem Netzwerk weiterer Wissenschaftler in der ganzen Welt unterstützt werden.
Das IPCC betreibt selbst keine Forschung, sondern sammelt lediglich den in wissenschaftlichen Fachveröffentlichen publizierten aktuellen Kenntnisstand und wertet diesen aus. Sein nächster Bericht soll 2007 erscheinen. Das IPCC fasst die wichtigsten Aussagen seines Berichts jeweils in einer „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ zusammen, über dessen genauen Wortlaut es jedesmal harte Verhandlungen zwischen den Regierungsvertretern gibt.
DAS IPCC spielt eine Vermittlungsrolle zwischen Wissenschaft und Politik. Seine umfangreichen, nicht einfach zu lesenden Berichte haben bisher erheblichen Einfluss gehabt. In seinem ersten Bericht im Jahr 1990 vertrat das IPCC die Auffassung, die Menschheit führe durch ihre Treibhausgasemissionen einen Klimawandel herbei, der wahrscheinlich katastrophale Folgen haben würde. Diese Aussage gab den Anstoß für die UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel 1992 und die darin vereinbarte Zielsetzung einer Stabilisierung des Emissionsniveaus. Der zweite IPCC-Bericht 1995 bestätigte im wesentlichen die Schlussfolgerungen des ersten, woraufhin die internationale Staatengemeinschaft zwei Jahre darauf in Kyoto ein Protokoll verabschiedete, dass für 2010 eine Reduzierung der Emissionen der Industrieländer um 5% festschrieb.
Die Veröffentlichung des dritten Berichts 2001 fiel in eine Phase, in der die neue US-Regierung unter George W. Bush versuchte, das Kyoto-Protokoll zu Fall zu bringen; dieser Versuch scheiterte jedoch durch das Festhalten der internationalen Staatengemeinschaft an den Bestimmungen des Protokolls bei der Konferenz in Bonn im Juli desselben Jahres.
EUROPA UND DAS KYOTO-PROTOKOLL
Bericht der EEA (Europäische Umweltagentur): Die Klimaerwärmung wird sich in Europa stärker bemerkbar machen als in der übrigen Welt.
Demnach soll sich das Klima weltweit bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 1,4 bis 5,8 °C erwärmen, in Europa dagegen sogar um 2 – 6,3 Grad. In den vergangenen 100 Jahren ist der Temperaturanstieg in Europa bereits deutlich stärker ausgefallen als im Rest der Welt (+ 0,95° gegenüber +0,7°). Man rechnet mit häufigeren Trockenperioden, stärkeren Niederschlägen – auch in Form von Hagel – und infolgedessen u.a. mit einem Abschmelzen der Gletscher, erhöhten Sterblichkeitsraten, einem Rückgang der Zahl der Pflanzenarten und einem Anstieg des Meeresspiegels. Die extremen Klimaereignisse der jüngsten Vergangenheit haben bereits allein im Zeitraum der letzten 5 Jahre Kosten von 60 Mrd. Euro verursacht.
Zielsetzung der EU: Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 5,2 % bis zum Jahr 2012. Da Westeuropa 20% der weltweiten Emissionen erzeugt, ist der ökologische Effekt dieser Verpflichtung gemäß dem Protokoll von Kyoto nahezu gleich Null: (5,2% von 20%).
Die Kyoto-Gegner führen als Argument die hohen wirtschaftlichen Kosten ins Feld und sagen: Anstatt zu zahlen, werden die Unternehmen lieber ihre Produktion verlagern.
Ein ebenso kritisches wie kritikwürdiges Buch
Anfang August 2002 erschien in Deutschland Bjørn Lomborgs Buch „Apocalypse No!“ (das Vorwort zur französischen Ausgabe schrieb der ehemalige frz. Bildungs- und Forschungsminister Claude Allègre) mit dem Tenor: „Der Welt geht es zwar nicht gut, doch kein Grund zur Sorge: fast alles wird sich zum Besseren wenden“. Anhand statistischer Daten versucht er darin den Nachweis zu führen, dass die Umweltschützer mit ihren alarmierenden Warnungen falsch liegen. Lomborg vertritt die Auffassung, die mit enormen wirtschaftlichen Kosten verbundene Umsetzung des Protokolls von Kyoto würde nur das Unausweichliche hinauszögern und man könne dieses Geld sinnvoller in den Kampf gegen AIDS oder die Trinkwasserversorgung notleidender Regionen investieren.
Lomborgs Buch wurde bereits in 10 Sprachen übersetzt. Während er für seinen 570-Seiten-Wälzer harsche Kritik aus der Ecke der „politisch korrekten“ Umweltschützer einstecken musste, erhielt er dafür auch Applaus aus dem liberalen Lager. Im Zuge eines Regierungswechsels in Dänemark wurde er zum Leiter des dänischen Umweltevaluierungsinstituts ("Environmental Assessment Institute") ernannt, dessen Aufgabe es ist, das Kosten-Nutzen-Verhältnis staatlicher Umweltschutzmaßnahmen zu prüfen. Lomborg hat in dieser Funktion eine Konferenz unter dem Titel „Kopenhagen-Konsensus“ organisiert. Ziel der Veranstaltung: Zehn renommierte Wirtschaftswissenschaftler, darunter vier Nobelpreisträger, sollten sich unter Kosten-Nutzen-Aspekten Gedanken machen über die zehn größten Herausforderungen für die Menschheit – vom Kampf gegen den Hunger über AIDS bis hin zum Klimawandel.
In einem Interview mit der französischen Tageszeitung Libération erklärte Lomborg: "Natürlich können sich die Politiker auch weiterhin der Lösung von Problemen annehmen, die auf unserer Liste keinen Vorrang haben, aber sie werden erklären müssen, warum. ... Wer die Schlussfolgerungen des „Kopenhagen-Konsensus“ in Frage stellt, wird sich fragen lassen müssen, mit welcher Begründung er das tut.“. Allerdings erging es Lomborg wie dem sprichwörtlichen Propheten im eigenen Land: Seine Ankündigung des „Kopenhagen-Konsensus“ löste eine Kündigungswelle in dem von ihm geleiteten Institut aus.
Die Mitarbeiter, die das Institut verließen, warfen Lomborg vor, eigene politische Interessen zu verfolgen, die mit den Zielen des Instituts nicht in Einklang stünden. Lomborg legte daraufhin schließlich sein Amt als Institutsleiter nieder.
Laut „Times“ ist Lomborg indessen vielleicht sogar „der Martin Luther der Umwelt“ – zumindest jedoch eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), in dem 3000 Experten aus aller Welt mitwirken, hält ihn dagegen für einen Scharlatan: Laut einem Bericht des „Dänischen Komitees zur Überprüfung wissenschaftlicher Unredlichkeit“, an dem Klimatologen, Demografen und Biochemiker mitgearbeitet haben, „bezieht Lomborg seine Angaben mehrheitlich aus Quellen zweiter Hand und Veröffentlichungen der Medien. Er verwendet Artikel aus Fachzeitschriften nur dort, wo sie seiner Betrachtungsweise durch die „rosa Brille“ (rose colored) dienlich sind.“ Das Komitee gelangte zu dem Schluss: „Bei objektiver Betrachtung fällt das betreffende Werk unter den Begriff der wissenschaftlichen Unredlichkeit.“
Tatsächlich hat der Treibhauseffekt bereits heute katastrophale Auswirkungen auf unser Klima, die bereits vorhandene Probleme - Ausbreitung von Krankheiten (z.B. Malaria), Mangel an landwirtschaftlich nutzbaren Flächen - noch verschärfen und infolgedessen zu noch größerer Armut führen: Wenn sich global gesehen überhaupt etwas gebessert hat, dann ausschließlich in den Industrieländern des Nordens.
Kyoto selbst ist nur ein erster Schritt, die Vereinbarungen beziehen sich lediglich auf den Zeitraum 2008-2012. Danach sollen weitere Schritte folgen. Wobei alle Wissenschaftler immer betont haben, dass anstatt der in Kyoto beschlossenen 5%igen Senkung der CO2-Emissionen eigentliche eine Reduzierung um 50% notwendig wäre, um die Konzentration dieses Treibhausgases in der Atmosphäre nicht weiter ansteigen zu lassen (unter Berücksichtung der Entwicklungsunterschiede entspricht dies einer noch deutlich über diesen Prozentsatz hinaus gehenden Anstrengung der Industrieländer).
Extreme Hitzeperioden wie im Sommer 2003 könnten darüber hinaus laut Aussagen von Fachleuten ab dem Jahr 2050 zur Regel werden. Eine generelle Erwärmung des Erdklimas wäre ein ökologisches Desaster mit katastrophalen wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen in den bereits heute trockenen Regionen, wie etwa auch dem Mittelmeerraum.
Nach Analysen des IPCC belaufen sich die Kosten der Beschlüsse des Kyoto-Protokolls auf 23,2 bis 104,3 Milliarden [was? Euro, Dollar, Hosenknöpfe] bis 2012 (wobei diese Kalkulation vom schlimmsten Szenario ausgeht, ohne zu berücksichtigen, dass die Kosten der zu den größten Umweltverschmutzern gehörenden Länder wahrscheinlich durch den Handel mit Emissionsrechten deutlich geringer ausfallen dürften).
Lomborgs Berechnungen erweisen sich in sofern falsch, als sie von der irrigen Auffassung ausgehen, die im Protokoll von Kyoto beschlossenen Maßnahmen würden in gleicher Form über Jahrzehnte hinweg fortgesetzt. Das Protokoll gilt jedoch nur für einen Zeitraum von 4 Jahren. Die Kosten zukünftiger Maßnahmen lassen sich heute überhaupt noch nicht hochrechnen, weil sie einfach noch gar nicht beschlossen sind.
Hinzu kommt, dass sich Klimaphänomene äußerst langsam entwickeln: Selbst wenn wir den CO2-Ausstoß auf dem heutigen Niveau einfrieren könnten, würde es noch Jahrzehnte dauern, bis eine Abnahme der Konzentration dieses Treibhausgases in der Atmosphäre messbar würde, und Jahrhunderte würden vergehen, bis es zu einem Stillstand des Temperaturanstiegs käme. Es muss also so schnell wie möglich gehandelt werden.
Erstellt: 28-10-04
Letzte Änderung: 28-10-04