27/08/08
Kinderarmut in Europa
In den meisten reichen Nationen wächst der Anteil der Kinder, die in Armut leben: Eine UNICEF-Studie vom Juni 2005 zeigte, dass sich die Situation von Kindern in 17 von 24 O-ECD-Staaten verschlechtert hat.
Nach EU-Definition ist arm, wer weniger als die Hälfte des Durchschnitts-Einkommens verdient: In den 24 OECD-Staaten sind insgesamt über 45 Millionen Kinder von dieser Definition betroffen. Während die Kinderarmut in Dänemark und Finnland bei unter drei Prozent liegt, gelten in den USA über 20 % der Kinder als arm. In Deutschland ist die Kinderarmut seit 1990 stärker gestiegen als in den meisten anderen Industrienationen. Jedes zehnte Kind lebt hier in relativer Armut.
Die UNICEF-Studie zeigte zudem auf, dass die Höhe der Sozialausgaben nicht allein über das Ausmaß von Kinderarmut entscheidet. So geben 10 OECD-Länder, darunter auch Deutschland, einen ungefähr gleich hohen Teil ihres Bruttosozialprodukts - zwischen sieben und zehn Prozent - für die soziale Absicherung von Familien aus. Trotzdem gibt es zwischen diesen Ländern erhebliche Unterschiede bei der Armutsrate. Viel hängt von der Art und Weise der Zuwendungen und ihrer Verteilung ab.
Jedes zehnte Kind in Deutschland lebt in relativer Armut
Von Armut betroffen sind in Deutschland neben Kindern aus Zuwandererfamilien vor allem Kinder allein Erziehender Eltern - und ihre Chance, der Armut wieder zu entkommen, liegt deutlich niedriger als bei allen anderen Bevölkerungsgruppen. Gründe dafür sind ausbleibende Unterhaltszahlungen und die Tatsache, dass viele Mütter nicht voll arbeiten gehen können, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen. Nirgendwo in Europa gibt es so wenige Kita-Plätze für Unter-Dreijährige wie in Deutschland, im Westen lediglich für zwei 2 % der Kinder.
Weitere Gründe für die hohe Kinderarmut sind die steigende Arbeitslosigkeit und Kürzungen und Umstrukturierungen der Sozialleistungen. Zwar reduziert die Bundesregierung durch Kindergeld, Steuererleichterungen und andere sozialpolitische Maßnahmen die Kinderarmut erheblich. Doch sie tut damit sehr viel weniger als Schweden, Finnland oder Dänemark. Zudem lässt die Wirkung der Maßnahmen zugunsten von Familien mit Kindern nach: Anfang der neunziger Jahre verringerten staatliche Leistungen Kinderarmut noch um rund 52 Prozent, 2001 nur noch um knapp 44 Prozent.
Frankreich : mit dem Alter der Kinder sinken die staatlichen Hilfen
Frankreich liegt mit 7,5 % armen Kindern im europäischen Mittelfeld. Trotz aller Anstrengungen sank ihre Zahl nur wenig : eine Million Kinder leben hier unter der Armutsschwelle. Während vor 20 Jahren die Rentner die größte Gruppe unter den Armen waren, sind es heute die Familien mit Kindern.
Wie in Deutschland sind auch hier die Hauptbetroffenen Kinder aus Zuwandererfamilien, Kinder mit mehreren Geschwistern und Kinder allein Erziehender.
Besorgniserregend ist in Frankreich auch die steigende Rate an Teenager-Schwangerschaften, eines der Haupt-Armutsrisiken. Hilfreich bei der Bekämpfung der Kinderarmut und für spätere Integration in den Arbeitsmarkt sind die in Frankreich vergleichsweise gut ausgebaute Kinderbetreuung und das dichte Netz an Sozialhilfen vor allem für junge Familien. Allerdings sinken mit dem Alter der Kinder die staatlichen Hilfen - was zur Folge hat, dass das Armutsrisiko bei Familien mit älteren Kindern noch höher ist.
Nordfrankreich führt die Statistik an, zum einen weil hier die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist, zum anderen weil hier gleichzeitig auch die höchste Geburtenrate in Frankreich erreicht wird.
Dänemark: weniger Kinderarmut als anderswo in Europa
Das vergleichsweise generöse Sozialsystem in Dänemark sorgt dafür, dass es hier weniger Kinderarmut gibt als in jedem anderen Land Europas. Die Unterschiede zwischen Reich und arm sind hier weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. Nirgendwo sonst in Europa besuchen zudem so viele Kinder den Kindergarten, und nirgendwo sonst sind so viele alleinerziehende Mütter berufstätig.
Deutschland gibt zwar für die Familienförderung insgesamt etwa genauso viel aus wie Dänemark, z.B. in Form von höheren direkten Geld-Transfers wie Kindergeld oder Steuernachlässen – doch dieses Geld versickert schnell und hilft den Eltern nicht zurück auf den Arbeitsmarkt. In Dänemark ist deshalb auch der Elternurlaub kürzer – und besser bezahlt. Ein Jahr für jedes Kind bei vollem Gehalt, der Urlaub kann zwischen Vater und Mutter aufgeteilt werden. Die gut ausgebaute Kinderbetreuung macht es möglich, dass auch junge Eltern Vollzeit arbeiten, und das ist der Hauptgrund dafür, dass es in Dänemark weniger Kinderarmut gibt als im übrigen Europa.
England: Lage entschärft
In England waren die sozialen Kontraste immer schon größer als auf dem europäischen Kontinent. In dem reichen Küstenort Brighton zeigt sich dies ganz besonders. Am wenigsten haben auch hier Alleinerziehende wie Kelly Jones: Die arbeitslose Mutter hat drei Kinder von drei verschiedenen Vätern. Das Geld reicht gerade für Essen, Kleidung und offene Rechnungen, nicht aber für Freizeitaktivitäten oder Urlaub. Beim Essen sitzen die Kinder auf dem Boden oder stehen, weil das Wohnzimmer zu klein ist für einen Esstisch. Nicht selten läuft dauernd der Fernseher.
Der achtjährige Jack teilt sich mit seinem Bruder Michael das Schlafzimmer. Am wichtigsten für ihn sind der Fernseher und die Videos. Das ist eher ein Zuviel, und dennoch typisch für sozial schwache Familien, die ihre Armut durch Überfluss im Kinderzimmer kompensieren wollen. Nach EU-Definition ist arm, wer weniger als die Hälfte des Durchschnitts-Einkommens verdient. Wenn die Gesellschaft reicher wird, steigt auch die Armutsschwelle. Um zu verhindern, dass ihre Kinder die Armut spüren und sich benachteiligt fühlen, sparen ihre Eltern nicht selten am Wesentlichen.
Die konservative Regierung unter Margret Thatcher hatte amerikanische Verhältnisse hinterlassen: Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer. In den 90er Jahren hatte Großbritannien die höchste Rate an Kinderarmt in der EU. Unter ihrem Vorsitzenden Tony Blair beschloss die Labour Partei nach ihrem Wahlsieg 1997 eine tief greifende soziale Reform - und konnte mit Hilfe eines Milliardenprogramms bisher 600 000 Kinder aus der Armut herausholen; von dem gesetzten Ziel, die Kinderarmut bis 2010 zu halbieren, ist das Land noch weit entfernt.
---------
Arme Kinder
Themenabend, ZDF
10.01.2005, 20.40 Uhr
Erstellt: 03-01-06
Letzte Änderung: 27-08-08